Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Juri Andruchowytsch: Moscoviada. Teil 2

31.07.2006.
Von Freitag auf Samstag habe ich geträumt, ich würde mit dem König der Ukraine Olelko II. (Dolgoruki-Rurikowytsch) zu Abend speisen. Wir sitzen in einer barocken Loggia aus hellblauem Stein am prachtvoll gedeckten Tisch, von Zeit zu Zeit erscheinen würdige und gesetzte Diener, meist Inder oder Chinesen, einen vergoldeten Dreizack am Frackrevers, und wechseln unauffällig Schüsseln und Teller, Gerichte, Messer, Gabeln, Zangen zum Öffnen der Krebspanzer, Pinzetten zum Herauspulen der Schnecken, Skalpelle zum Zerlegen der Frösche, und genauso unauffällig, ohne übermäßig laut zu klappern, verschwinden sie wieder. Von der Loggia eröffnet sich ein atemberaubender Blick: Die Sonne versinkt in den Wassern des klaren Sees zu unseren Füßen, zum letzten Mal leuchten die unberührten Gipfel der Alpen, vielleicht sogar der Pyrenäen, im Glanz ihrer untergehenden Strahlen. Der König und ich trinken raffi nierte Weine, Cognacs, Liköre und Schnäpse und schwatzen über dies und das.
     "Eure Königliche Hoheit", spreche ich ihn voller Ehrfurcht an, "Herr und Herrscher über die Rus -Ukraine, Großfürst von Kiew und Tschernihiw, König von Galizien und Wolhynien, Gebieter von Pskow, Peremysl und Kosjatyn, Herzog von Dniprodserschynsk, Perwomajsk und Illitschiwsk, Großkhan der Krim und von Ismajil, Baron von Berdytschiw, der beiden Bukowinen und Bessarabien sowie Oberhaupt von Nowa Askanija und Kachowka, Archisenior des Wilden Feldes und des Schwarzen Waldes, Hetman und Beschützer der Don-, Berdjansk- und Krywyj-Rih-Kosaken, Rastloser Hirte der Huzulen und Bojken, Patron des gesamten ukrainischen Volkes inklusive Tataren, Mongolen und Kleinchocholen, Speckfressern, Moldawiern und Molwaniern, die leibhaftig sind in diesem unserem Lande, Herr und Hirte der Großen und Kleinen Sloboschanschtschyna sowie des Inneren und Äußeren Tmutorakan, Sproß eines ruhmreichen tausendjährigen Geschlechts, mit einem Wort, unser stolzer und würdiger Monarch, Euer Gnaden, möchtet Ihr nicht vielleicht auf ewig ins goldene Buch der ökumenischen Welterinnerung eingehen?"
     "Des möcht ich wahrlich", antwortet Olelko II., "sag an, gebaut auf welche Thaten?"
     "Gebaut auf Thaten", antworte ich, "dank deren ein König schon immer ewigen ehrbaren Ruhm erlangte."
     "Soll sein gebaut auf Krieg?" fragt Olelko, hebt seine tausendjährigen Brauen und legt die edle Stirn in Falten.
     "Gebaut auf Krieg kann das ein jeder, mein Herr, sogar ein Präsident."
     "Darob gebaut auf Gesetze, gerechte, allweise Anordnungen, Chartas, Privilegien", rät Olelko.
     "Geschenkt, Euer Gnaden, dafür sind Spinner und Parlamentarier da", locke ich ihn weiter.
     "Denn wohl gebaut auf Eheweiber und Sklavinnen von skandalöser Zahl, auf mächtige Saufereien, Raufereien, prächtige Prügeleien, üppige und ruppige Völlereien und was mehr ist an zwielichtigen Nichtigkeiten?"
     "Auch das ist nicht neu, Großer Fürst, den Sowjetbonzen könnt Ihr das Wasser ohnehin nicht reichen", fordere ich ihn heraus.
     "Dann tu mir endlich kund, gebaut auf welche Thaten? " Halb bittet Olelko II., halb befiehlt er.
     Ein malayischer Diener räumt die letzten Teller ab, die Schüssel mit den nicht aufgegessenen lebenden, fiepsenden Austern, die leeren Malvasier-, Imiglikos- und Kellergeister-Flaschen. Ein äthiopischer Diener bringt Kerzen in schweren Bronzekandelabern und ein schwarzes Ebenholzkästchen, gefüllt mit den erlesensten Zigarren. Es dämmert. Von den Alpenhöhen wehen Wohlgerüche. Unterhalb der Loggia plätschert ein Brunnen, vielleicht auch ein Bächlein. Ein Mohrenpärchen führt einen alten, blinden Banduraspieler herein. Der König und ich zünden uns Zigarren an, der Banduraspieler setzt sich auf den Steinsitz neben das Relief mit dem tanzenden Satyr und stimmt sanft die Saiten. Am Himmel leuchten die ersten Sterne.
     "Sag schon, liederlicher Kerl, was du beabsichtigst mir zu raten?!" erhitzt sich der König, ihn ärgert mein vielsagendes Zigarreschmauchen.
     "Seid, Euer All-Einigkeit, nachsichtig und geduldig", sage ich darauf. "Tuet nichts zuleide auch dem unwürdigsten Wurm. Besuchet sonntags den Gottesdienst, aber vergesset auch nicht eure täglichen Gebete. Lasset die Armen teilhaben an Eurem Vermögen, schenket den Witwen und Waisen ein Lächeln, erschlaget keine herrenlosen Hundchen. Denkt an das Große und Schöne, zum Beispiel an meine Poesie. Lest meine Poesie, eßt meinen Leib, trinkt mein Blut. Gebt mir ein Stipendium, gern in D-Mark, und schickt mich auf eine Reise rund um die Welt. Nach einem halben Jahr präsentiere ich Euch, Helleuchtender, eine Lobeshymne, die Euch über alle anderen Monarchen erheben wird. Ein halbes Jahr später wird das ukrainische Volk Eure Rückkehr fordern, und nach erfolgreich durchgeführtem Referendum zieht Ihr in einem weißen Cadillac in Kiew ein. Denn wahr ist s, ich sage euch: gebt mir ein Stipendium!"
     Der blinde Bandurist spielt, was das Zeug hält. Das Wasser unten, zwischen den immergrünen Myrthengewächsen, erzählt murmelnd und lockend von der weiten Welt. Die Sterne am Himmel werden größer, kommen nä her, schon kann man die Städte auf ihrer Oberfläche erkennen, märchenhafte, von Alexander Grin erfundene Mancenillier-Wälder, wunderbare Paläste, Säulen, Türme. Ihr Licht leuchtet so verführerisch, daß man sich kopfüber aus der Loggia stürzen möchte, um, wie der Dichter sagt, wenigstens ein kleines bißchen zu sterben.
     "Denn nichts auf dieser Welt ist so eitel, sinnlos und lächerlich wie gute Poesie, gleichzeitig aber ist nichts auf der Welt so notwendig, bedeutsam und unabdingbar wie sie, Euer Allukrainischheit. Studieret die Geschichte der großen Völker, und Ihr werdet Euch davon überzeugen, daß es sich um die Geschichte ihrer Poesie handelt. Studieret auch die Geschichte der kleinen Völker. Die schon morgen verschwunden sein werden. Studieret und saget mir: braucht der König den Dichter oder der Dichter den König? Was ist ein König ohne Dichter? Die Könige existieren von Gottes Gnaden doch nur, um die gottbegnadeten Dichter zu erhalten!"
     In der Dämmerung rascheln die Platanen, die Kerzen flackern, Klosterglocken läuten, Mädchen ziehen singend vorüber. Unbekannte Abendvögel, vielleicht auch Fledermäuse, umfl attern die Loggia. Von den fernen Gipfeln strömen süße erregende Düfte.
     Der König trinkt eisgekühlten Champagner aus einem langstieligen Freimaurerkelch und spricht langsam, weise, nachdrücklich:
     "Weißt du, was Schwanz auf spanisch heißt?"
     "Was denn, Euer Gnaden?" frage ich aufs äußerste gespannt.
     "Pinga!" ruft der König und klatscht in die Hände.
     Zwei schlaksige Senegalesen packen mich an Schultern und Armen und schleudern mich über die Brüstung in die Tiefe. Während ich fliege, fällt mir plötzlich ein, daß sein eigentlicher Nachname "von Anjou" lautet. Das immergrüne Gebüsch zerkratzt mir das Gesicht, und ich höre, wie der grauhaarige blinde Banduraspieler schmerzvoll aufstöhnt und zu weinen beginnt.
     Während du am Boden deine Kraftübungen herunterreißt, dich windest und ausspuckst, denkst du voll unbezähmbaren Selbsthasses über diesen Traum nach. Pure Prostitution! Dreist, zynisch, unverzeihlich: "Gebt mir ein Stipendium, Euer Souveränität, gebt mir ein Sti..." Welch niederträchtiges und armseliges Lakaientum, welch seelische Korruptheit!
     Schließlich ist das mit den Muskeln erledigt. Zeit, den notwendigen Duschkram zusammenzusuchen und mit dem Lift triumphal in die Unterwelt des Wohnheims abzufahren, wo die blaue Putzbrigade (Sascha, Serjoscha, Arutjun) ihr Kabuff hat, weniger um zu arbeiten, als um sich zu "erholen". Aber das tut hier nun wirklich nichts zur Sache.
     Im Flur winkst du von weitem einem Unbekannten zu (vielmehr Bekannten, aber nicht Identifi zierten, denn er befi ndet sich am anderen Ende des Flurs, mindestens zweihundert Meter entfernt), der Unbekannte antwortet mit dem gleichen Winken, auch er hat dich wohl kaum erkannt, und deine Stimmung hebt sich. Auch auf den Lift mußt du fast gar nicht warten, nicht mehr als fünf Minuten. Beim Hinunterfahren studierst du, was da vor langer Zeit oder erst kürzlich an Wände und Decke geschrieben, gemalt, gekratzt worden ist dazu das Blut des Sportorg Jascha, dem die Tschetschenen hier gestern die Fresse poliert haben, weil er "echt großen Arsch" hat oder so ähnlich.
     Der Lift gibt der Wohnheimbevölkerung immer wieder Gelegenheit, ein originelles Ding zu drehen. Daß die Tschetschenen hier ihre Feinde fertigmachen, ist kein Geheimnis, auch nicht für die Bullen vom Revier. Daß drei Rückfalltäter einer davon Student der Poesie, ein zweiter der Theologie im Lift eine begabte, angehende Dramatikerin aus Nowokusnezk hergenommen haben, wissen auch alle, außer den Bullen vom Revier. Aber was sich der jakutische Schriftsteller Wasja Motschalkin geleistet hat, ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Vollgesoffen bestieg Wasja Motschalkin, der Gründer der jakutischen Sowjetliteratur, Student im 8. Semester und Rentier-Ehrenhirt, im Erdgeschoß den Lift. Nachdem er den Knopf der gewünschten Etage gedrückt hatte (die Etage war Wasja Motschalkin, um ehrlich zu sein, schnurz, denn er war überall willkommen und wurde wie ein Bruder geliebt), hob es ihn, bildlich gesprochen, in die Lüfte. Unter der Einwirkung unvermeidlicher kinetischer Veränderungen konnte er sich allerdings nicht nur nicht auf den Beinen halten, sondern schlug lang hin, oder - wie es der Dichter Jeschewikin ausdrücken würde - kackte ab.
     Das geschah um neun Uhr abends, und um neun Uhr morgens befand sich Wasja immer noch im selben Lift, denn nach dem Abkacken um neun Uhr abends war er in einen friedlichen Schlummer gefallen und fuhr die ganze lange Nacht auf und ab. Zwar hatte um halb eins der um keinen Deut nüchternere weißrussische Novellist Jermolajtschyk den Versuch unternommen, seinen Freund aus dem Lift zu ziehen und irgendwo normal und menschlich abzulegen, aber der Versuch endete damit, daß Wasja Jermolajtschyk den Kragen vollkotzte, so daß der seine guten Absichten in den Wind schrieb und sich zu Alka mit der amputierten rechten Brust trollte, um bei ihr die Nacht zu verbringen. Erst am nächsten Morgen, gegen halb zehn, gelang es, Wasja Motschalkin wachzurütteln. Das geschah im Erdgeschoß, wo er am Vorabend seine märchenhafte Reise in der Vertikalen begonnen hatte. Er erwachte aus einem schweren Rentierhirtentraum, kroch aus dem Lift und zog los, um auch den neuen Tag in der Fonwisin-Bierbar zu beginnen.
     Auch du, Otto von F., bist jetzt im Erdgeschoß angekommen. Schnell links die Treppe hinunter, vielleicht haben die versifften Duschräume, in denen der Putz von den Wänden bröckelt, ja wirklich noch ein bißchen heißes Wasser für dich übrig.

Teil 3