Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Hasan Ali Toptas: Die Schattenlosen. Teil 2

13.07.2006.
3

Der Frisör stand am Fenster und sah mit den Henkersäuglein in seinem Blick noch immer auf den Dorfplatz hinaus.
     Seit er hier war, hatte er außer dem Allernotwendigsten praktisch nichts gesagt. Selbst wenn er hätte reden wollen, wäre ihm nichts eingefallen, denn die Vergangenheit war aus seinem Gedächtnis gelöscht. Er wusste lediglich noch, dass er in weite Ferne gezogen und aus noch weiterer Ferne hierher gekommen war. Wo jedoch diese Ferne lag und ob er von dort aus freien Stücken in dieses Dorf gekommen war und zu welchem Zweck er sich überhaupt auf den Weg gemacht hatte, all das vermochte er nicht zu sagen. Er hatte sich dazu schon hunderte von Gedanken gemacht und sie alle wieder getötet. "Vielleicht habe ich ja vorher in einer Stadt gewohnt", sagte er eines Tages, "in einem Haus mit Balkon auf den Garten hinaus, mit einer traumhaften Frau und Kindern. Und einem Laden natürlich, falls ich dort auch Frisör war. An einer belebten Straßenecke. Und mit Kunden: jungen, alten, geschwätzigen, stillen & Und Sorgen. Und den Sorgen meiner Kunden im Kopf. Konnte nicht und wollte nicht und durfte nicht und hatte nicht ..."
     "Vielleicht ist mir das auf die Nerven gegangen", dachte er. Hatte er sich in die Berge aufgemacht, um den Klauen der Stadt zu entgehen? Hatte er eines Abends in der Dämmerung einfach seine Scheren und Spiegel und all die Rasiermesser in einen Koffer gepackt und war mutterseelenalleine aufgebrochen? War er wie in Trance durch die Nächte gezogen, durch die Berge und die Ebenen, ohne ein Ziel vor Augen zu haben? Und hatte er geahnt, dass Cµngµl Nuri, der einzige Frisör dieses Dorfes, seinen Beruf aufgeben würde, und war daraufhin von den Bergen herunter bis vor das Bürgermeisteramt gekommen?
     Von alledem wusste er rein gar nichts.
     Vielleicht lebte er ja auch noch immer in einer Stadt und war hier in seinem Laden und hatte den Seifen und Cremegerüchen den Rücken gekehrt und sah auf die Straße hinaus. Oder in weite, weite Fernen, die der Ziegenbärtige von seinem Frisörstuhl aus nicht sehen konnte.

4

Als der Bürgermeister am nächsten Morgen die Augen öffnete, beugte sich seine Frau über das Bett und sagte: "Steh auf, los, Re·it will mit dir reden."
     Es war noch wie ein Traum. Um die Beine seiner Frau strich eine langschwänzige, braune Katze. Ihre Augen waren zwei Feuerbrunnen.
     "Er soll warten. Ich komme gleich."
     Solch glutsprühende Katzenaugen hatte er doch irgendwo schon mal gesehen. "Wann war das bloß?", fragte er sich. Er fasste sich an die Stirn und richtete sich auf. Es fiel ihm nicht ein. Als seine Frau und die Katze das Zimmer verließen, schaute er ihnen lange nach. Dabei strich er sich fortwährend über den Schnurrbart, als ließe sich damit der Anisgeruch vertreiben, der ihm aus der Nase strömte.
     Plötzlich erstarrte er. Jetzt wusste er wieder, wann er solche Katzenglut gesehen hatte. Als er vor sechzehn Jahren zum ersten Mal Bürgermeister geworden war, stand am folgenden Morgen beim Aufwachen ebenfalls seine Frau vor ihm. Das heißt, als seine Frau hatte er sie nicht sofort erkannt, eigentlich hatte sich nur ein verschwommener Schatten über sein Bett gebeugt und genau wie jetzt gesagt: "Steh auf, los, die Frau von Cµngµl Nuri will mit dir reden."
     Damals hatte er nicht gesagt, sie solle warten, sondern war, ganz aufgeregt über seine erste Amtshandlung, schnell aufgestanden und hatte sich angezogen. Draußen im Hof hatte die Frau von Cµngµl Nuri ihn sogleich flehend an den Händen gefasst, und ihre drei Kinder hatten furchtsam zu ihm emporgeblickt.
     Zuerst war der Bürgermeister verdutzt gewesen und hatte aus lauter Verlegenheit nicht recht gewusst, wohin mit seinen Händen. Dann aber hatte er sich gesagt, dass es ihm als Bürgermeister am allerwenigsten anstand, sich über irgendetwas in diesem Dorf zu wundern, und hatte sein Erstaunen hinter Zigarettenqualm verborgen und den Kindern aufmunternd zugelächelt.
     Die Frau hatte in ihrem Kummer ihre Knie geradezu platt geschlagen. Nun stand sie mit zerrauftem Haar und verheulten Augen vor dem Bürgermeister und berichtete, ihr Mann sei am Abend zuvor mit den Worten "Mir schnürt sich die Seele zusammen " aus dem Haus gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt. Die Kinder hatten sich indes zu beiden Seiten der Mutter aufgestellt, und für den Bürgermeister sah das Ganze aus wie eine Gebetskette mit vier Perlen, der nur noch die große Abschlussperle fehlte.
     Dann hatte die Frau erzählt, was ihr Mann gestern gegessen und was er geredet habe, wie er beim Heimkommen aus dem Laden zu den Vögeln am Himmel hinaufgesehen habe, wie und warum er gleich an der Haustür seine Tochter geohrfeigt habe und was er für ein Hemd getragen habe, als er vor sich hin seufzte und sich ihm die Seele zusammenschnürte. Dann hatte sie gefragt, wo ihr Mann denn jetzt sein könne, ob ihn nicht jemand umgebracht und in den Bach geworfen habe oder ob er jetzt den Geiern zum Fraß diene oder einen Felsen hinabgestürzt sei oder irgendwo draußen hilflos herumirre.
     Der Bürgermeister hatte sich das alles geduldig und abwägend angehört, als hätte er sein Lebtag noch nichts anderes gemacht, als Bürgermeister zu sein. Er steckte sich dabei eine Zigarette nach der anderen an und war in dichten Rauch gehüllt. Dass von den Leuten aus diesem Dorf, die nirgendwo anders zu verschwinden pflegten als in ihrem Grab, jemand sich so einfach aus dem Staub gemacht haben sollte, mochte er nicht so recht glauben. Bestimmt war Cµngµl Nuri lediglich irgendwo hängen geblieben, bei einem Saufgelage etwa, dort war er dann eingeschlafen, und in Bälde, spätestens gegen Mittag, würde er wieder auftauchen, sein Geschäft aufsperren und den Leuten aus dem Dorf wieder die Haare schneiden wie eh und je. Dennoch war der Bürgermeister an jenem Tag auf das Dach geklettert und zwischen den Kuhfladen, die dort zum Trocknen lagen, herumgestiegen, als könne er Nuri von dort oben erspähen, hinter von Adlergeschrei widerhallenden Felsen oder jenseits einer sich unter schauerlichen Klagetönen erstreckenden, gelben Ebene. Unten dann hatte er höchst überflüssigerweise einem Kalb die Stirn gestreichelt. Als er wieder zu Cµngµl Nuris Frau ging, hatte er darüber nachgedacht, wohin er an Nuris Stelle - wenn sich ihm die Seele auf Nadelöhrgröße zusammengeschnürt hätte - unter Zurücklassung dieser Frau und der drei Kinder wohl gegangen wäre. Der bloße Gedanke hatte ihm Angst eingeflößt und in ihm eine große Leere hinterlassen. Da war ihm klar geworden, dass er sich in den zweiundvierzig Jahren, die er nun schon hier lebte, derartig an jeden Stein und jeden Klumpen Erde dieses Dorfes gewöhnt hatte, an das Hundegebell und den Mistgeruch und sogar an das Pfeifen des Windes und das Knistern des Heus, dass er mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele hierher gehörte und selbst dann nicht von hier fortgehen könnte, wenn er es tatsächlich wollte. Daraufhin hatte er es aufgegeben, sich in Nuri zu versetzen, und war in seine eigene Haut zurückgeschlüpft, hatte wieder seine eigene Miene voller Sorgenfalten, seine eigenen Augen und müden Gesichtszüge aufgesetzt und die Frau gefragt: "Was meinst du denn, wo er sein könnte?"
     Die Frau hatte lange zum Himmel hinaufgeschaut und die Frage des Bürgermeisters gleichsam an Gott weitergegeben, aber keine Antwort erhalten, oder nur eine, die sie nicht gehört hatte. Da hatte der Bürgermeister im Blick der Frau eine tiefe Leere wahrgenommen und in späteren Jahren oft an diesen Blick gedacht und sich gar eingebildet, er könne aus den Augen einer jeden Frau diese durch das Verschwinden eines Mannes hervorgerufene Leere herauslesen. Er begann sogar jungen Mädchen, deren Brüste gerade mal die Fülle einer Apfelhälfte erreicht hatten, aufmerksam in die Augen zu schauen, um herauszufinden, ob diese Leere nicht etwa schon von Geburt an vorhanden war.
     Allüberall wurde Nuri an diesem Tag gesucht und jeder nach ihm gefragt, doch fand sich nicht der geringste Anhaltspunkt. Nuri war weg, als hätte hier noch nie so einer gelebt, als hätte niemand dieses Namens im Dorf jahrelang ein Frisörgeschäft betrieben. Sogar sein Gesicht war plötzlich vergessen. Wie war seine Nase gewesen, hatte er Augen gehabt und damit gesehen und einen Mund, mit dem er aß und trank? Keiner wusste es mehr zu sagen. Der einzige Beweis für seine Existenz war daher sein Laden, der jedoch zusehends verstaubte und verfiel. Wenn man zum Fenster hineinsah, war kaum noch etwas zu erkennen; die Scheren, Rasiermesser, Handtücher, die Spiegel und der Geruch nach Seife und Kölnischwasser, all das war nicht mehr in dem Laden, sondern nur noch im Gedächtnis jener, die sich daran erinnern konnten.
     Die dicklippigen Zigeunerinnen, die damals ins Dorf kamen und von Tür zu Tür gingen, hatten das Verschwinden Nuris mit in ihre Bündel geschnürt und in die Nachbardörfer getragen. Und dann hatte es plötzlich geheißen, wenn überhaupt jemand Nuri finde, dann die Zigeuner. Ob das nun jemand aus dem Dorf oder einer der Zigeuner selbst gesagt hatte, ließ sich nicht mehr feststellen. Vielleicht war es auch jemand, den niemand gesehen hatte und niemand kannte. Mal wurde behauptet, es sei ein Mann gewesen, mit einem behaarten Leberfleck auf der Wange, und er habe geistesabwesend in die Ferne geblickt. Die Frauen aber erzählten, es sei eine Frau gewesen, und von wegen in die Ferne blicken! Direkt auf den Boden habe sie gestarrt und dabei gesagt, wenn überhaupt jemand Nuri finde, dann die Zigeunerinnen.

Teil 3