Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von György Dalos: Balaton-Brigade. Teil 3

09.03.2006.
Ich konnte mir ausrechnen, daß diese Veränderung mit dem schokobraunen Kerl zu tun hatte. Und ich sage dir eines, Hugo - darauf gebe ich dir mein Ehrenwort: Wenn sie auf meine in ruhigem Ton gestellte erste Frage "Wo warst du?" vernünftig geantwortet hätte, dann wäre alles anders gekommen. Wenn sie zum Beispiel gesagt hätte: "Komm, Papa, wir setzen uns und besprechen alles in Ruhe", dann hätte ich mich mit ihr im großen Zimmer an den Tisch gesetzt und rein sachlich weitergeredet. Ich hätte gefragt, was für ein Landsmann der junge Mann ist, mit dem sie so eng umschlungen an der Bushaltestelle stand, vielleicht auch, welche Gefühle sie miteinander verbinden. Ich hätte sie auf gewisse Risiken aufmerksam gemacht und selbstverständlich auch auf bestimmte spezielle Gesichtspunkte. Tamara wußte genau, daß ich unserem Staat an einer Arbeitsstelle diente, von der außerhalb des engsten Familienkreises niemals die Rede sein durfte. Wir hätten über alles sprechen können, ich hätte ihre Gefühle zur Kenntnis genommen, sie wäre sich über meine Lage wieder besser im klaren gewesen - wenn sie schon den Fehler begangen hatte, mich über diesen Typ nicht rechtzeitig informiert zu haben.
     Aber ich hatte überhaupt keine Chance, Hugo, das mußt du mir glauben. Tamara beantwortete schon meine erste Frage nicht und zeigte durch ihre zusammengepreßten Lippen, daß sie das auch nicht vorhatte. Als ich die Frage etwas schärfer stellte, warf sie ihren Kopf nach hinten und sagte trotzig: "Das geht dich nichts an!" Und nun passierte das, was Felix Edmundowitsch auf keinen Fall gutgeheißen hätte. Ganz plötzlich verließ mich die kalte Vernunft, und mit einer raschen Bewegung verpaßte ich meiner Tochter eine Ohrfeige. Mit dem Handrücken meiner Rechten, eine Rückhand wie beim Tennis.
     Im selben Augenblick bereute ich das Ereignis. Es war keine besonders kräftige Ohrfeige gewesen, aber in unserer Familie war so etwas noch nie vorgekommen. Wir haben unser Kind zu keiner Zeit besonders verwöhnt, aber wir haben Tamara auch niemals geschlagen. Es kann höchstens mal vorgekommen sein, als sie drei oder vier Jahre alt war, daß wir sie am Arm zurückzerrten, wenn sie bei roter Ampel zu schwungvoll vom Bürgersteig auf die Straße rennen wollte, so wie ich dich auch manchmal zerre, Hugo. Auch Brüllerei gehörte bei uns nicht zum Alltag, das hast du selbst erlebt, bei uns ging es still und harmonisch zu. Abgesehen davon, daß meine Arbeit immer sehr speziell war und wir über den Inhalt der Tätigkeit nicht viel reden konnten, waren wir eine ganz typische Familie, eine der zahllosen kleinen Keimzellen der Republik. Natürlich war Tamara manchmal dickköpfig, aber das kommt bei Kindern schon mal vor.
     Die Ohrfeige konnte kaum wehgetan haben, aber vom Schwung des Schlages verlor Tamara das Gleich gewicht und prallte mit dem Rücken gegen die Wohnungstür. Erst dachte ich, sie fängt nun an zu heulen, aber sie schleuderte nur einen Blick auf mich, in dem Verachtung und Haß zugleich lagen. Roswitha, die schon fast geschlafen hatte, kam auf den Lärm hin aus dem Schlafzimmer, starrte mich an und fragte: "Was geht hier vor? Seid ihr verrückt geworden?"
     Erst jetzt begriff ich, daß diese Ohrfeige ein riesengroßer Fehler gewesen war, denn es ging bei dem zu klärenden Sachverhalt um viel Wichtigeres als um die Unverschämtheiten einer Pubertierenden. Ich beruhigte mich ein wenig und sagte zu meiner Frau: "Es tut mir leid, aber mir ist die Hand ausgerutscht." Wir drängten uns in dem kleinen Vorraum wie in einer Gefängniszelle. Jemand in der zehnten Etage zog die Klospülung, aus der Wohnung gegenüber kam Tanzmusik. "Roswitha", sagte ich, "ich möchte jetzt unter vier Augen mit unserer Tochter reden." Meine Frau spürte, daß es sich um etwas Außergewöhnliches handelte, denn sie ging wortlos ins Schlafzimmer zurück und schloß leise die Tür. Ich bat Tamara mit einer Handbewegung in mein kleines Arbeitszimmer und bot ihr so freundlich wie möglich an, Platz zu nehmen. Sie setzte sich auf die Sofakante, und ich nahm den Stuhl ihr gegenüber.
     "Verzeih mir, was vorhin passiert ist", sagte ich mit trockener Stimme, "aber glaube bloß nicht, daß du die Backpfeife wegen deiner Frechheit bekommen hast." Ich atmete tief durch und wußte bereits, wie ich das Gespräch eröffnen konnte: "Du hast uns betrogen. Du hast den Samstagnachmittag nicht bei Tina verbracht. Das war eine Lüge. Und nun erzähl die Wahrheit. Aber die ganze Wahrheit, bitte."
     Hugo, ich kann dir sagen, das hat gewirkt - gelernt ist gelernt. Tamara krümmte sich im Sitzen und begann zu weinen. Sie flennte leise mit dicken Krokodilstränen. Ich konnte es noch nie leiden, wenn Frauen heulen, und wollte die Sache möglichst schnell zu Ende bringen - außerdem schlug die Wanduhr gerade Mitternacht. Ich setzte mich neben sie und begann ihren Rücken zu streicheln. Zuerst zuckte sie trotzig zurück, dann legte sie ihren Kopf an meine Schulter und heulte weiter, nun weniger verkrampft. Meinem Blick wich sie jedoch aus. Ich zog sie sanft an mich und fragte mit komplizenhaftem Lächeln: "Na, wie heißt der Junge? Raus damit!"
     Tamara sah ein, daß Leugnen keinen Sinn hatte. "Juan", winselte sie und fragte zurück: "Woher weißt du von ihm?" Ich hätte ihr die Wahrheit sagen können, aber statt dessen zeigte ich einen Augenblick lang noch Strenge und fragte weiter: "Einen Familiennamen hat er nicht?" - "Guitterez", stöhnte meine Tochter und ich gab mich, als ob auch diese Information für mich nicht neu wäre. "Jetzt sehe ich, daß du die Wahrheit sagst. Jetzt erkenne ich meine Tochter wieder." Tamara schluchzte wieder auf. "Hör auf zu heulen", versuchte ich sie zu beruhigen, "und hör vor allem auf mit der Geheimniskrämerei. Sei ehrlich zu mir, ich will das Beste für dich. Wo habt ihr euch kennengelernt?" - "Im Klub der Völkerfreundschaft", antwortete sie. "Er ist Chilene. Seine Eltern sind Genossen im Exil. Sie leben in Westberlin, auch Juan ist Kommunist."
     Fast hätte ich losgelacht, als ich diese Versicherung hörte. Es war doch völlig egal, wie anständig die Genossen Eltern des Jungen waren. Entscheidend war einzig und allein, daß sie drüben lebten und nicht bei uns. Dabei waren wir nach dem Putsch wirklich großzügig mit den Chilenen gewesen und hatten alle aufgenommen, die zu uns wollten. Natürlich konnten sie einen persönlichen Grund haben, weshalb sie ausgerechnet in Westberlin leben wollten. Gleichwohl waren sie somit objektiv ein Sicherheitsrisiko. Ich wollte darüber nachdenken, und um Zeit zu gewinnen, fragte ich mit sachlicher Neugier: "Und was macht er, dieser Junge?"
     "Er studiert", sagte Tamara, und ihr Gesicht hellte sich wieder ein bißchen auf. "Er will Agrarökonom werden."
     "Großartig, wirklich ganz großartig", sagte ich. "Aber weißt du, wo ich arbeite?"
     "Natürlich, Papa."
     "Bitte sag es mir."
     Tamara seufzte und sagte dann: "Lieber Papa, soweit ich im Bilde bin, arbeitest du für das Ministerium für Staatssicherheit, auch MfS genannt."
     "Und das hast du ihm erzählt?"
     "Was denkst du bloß von mir!" Tamara sah mich mit runden Augen an. "Hältst du mich für so geschwätzig? Ich weiß, daß du Geheimnisträger bist. Ich habe ihm nur erzählt, was wir abgesprochen haben: Du bist Offizier der Nationalen Volksarmee."
     Das beruhigte mich ein wenig.
     "Du bist doch ein gescheites Mädchen", versuchte ich das Gespräch auf ein diplomatisches Gleis zu bringen. "Daran habe ich noch nie gezweifelt. Deshalb bitte ich dich, ein wenig in dich zu gehen. Und beileibe nicht nur wegen deiner Mutter und mir. Die Liebe ist eine große Sache", fuhr ich fort, "aber die Entscheidung darüber, mit wem wir unser Leben verbinden, darf man nicht überhasten. Es gibt zahllose intelligente, hübsche und fortschrittliche junge Menschen auf der Welt, selbst in unserer kleinen DDR. Nicht zufällig sind wir auf unsere Jugend so stolz. Und denke bitte daran: Bei einem Menschen, der im feindlichen Ausland lebt, kann man nie genau wissen, wie stark seine Gefühle sind - ob er dir treu bleibt und dich ganz für sich haben will, oder nur ..."
     An dieser Stelle geriet ich ins Stocken. Es interessierte mich brennend, wie weit sie miteinander gekommen waren, aber dafür fehlten mir die Worte. Am besten ist es wohl, dachte ich, wenn sie diesen schwierigen Gegenstand sowie die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen mit Roswitha bespricht. Frauen untereinander können leichter über so etwas reden. Außerdem interessierte mich die Frage der Schwangerschaftsverhütung noch am allerwenigsten. "Um zwei Sachen bitte ich dich, Tamara ", sagte ich. "Die eine: Sei zu mir weiterhin offen und vertrauensvoll." - "Kein Problem", sagte sie und warf mir einen schnellen, giftigen Blick zu, der wenig Offenheit verhieß. "Und die andere Bitte?"

Mit feundlicher Genehmigung des Rotbuch Verlages

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