Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml. Teil 3

07.09.2006.
Der Alptraum von Stockholm

Wenn jemand in meiner Gegenwart das Wort "Stockholm" ausspricht, überlaufen mich bis heute kalte Schauer. Und nicht nur mich, sondern auch mehr als ein Dutzend anderer Politikjournalisten, die Anfang Dezember 1997 zusammen mit dem russischen Präsidenten durch Schweden reisten.
     Es begann damit, daß Jelzin seinen ersten Vizepremier Boris Nemzow um ein Haar mit der schwedischen Kronprinzessin Victoria vermählt hätte. Beim offiziellen Empfang des Königs hob der russische Präsident plötzlich sein Champagnerglas, rief seinen Schützling, den jungen Reformpolitiker, zu sich, wies auf die schwedische Monarchentochter und forderte: "Schau, was für ein nettes Mädchen! Du mußt sie heiraten. Geh hin und sprich sie an!"
     "Boris Nikolajewitsch, wir sind in Schweden! Hier herrscht eine strenge Etikette! Sie ist eine unantastbare Person, man kann sie nicht so einfach ansprechen!" versuchte Nemzow ihn von diesem Heiratsabenteuer abzubringen.
     Doch dem russischen "Zaren" war das schwedische Protokoll ziemlich einerlei. Jelzin zog Victoria, die vor Schreck erstarrte, an sich und gab ihr einen Schmatz.
     "So! Und jetzt bist du dran!" forderte Jelzin seinen Liebling Nemzow auf. Um die Ehre der schwedischen Prinzessin und zugleich die seines Landes zu retten, brachte der Vizepremier die letzte geheime Waffe zum Einsatz: "Boris Nikolajewitsch, ich kann nicht, ich bin schon verheiratet. Und hier gibt es ein Gesetz: Wenn jemand eine unverheiratete Prinzessin anrührt, muß er sie auf der Stelle heiraten!"
     "Ach, du!" knurrte Jelzin unzufrieden.
     Doch schon bald erschien allen die Gefahr, die Kronprinzessin könnte entehrt werden, wie eine Lappalie. Auf der Pressekonferenz im Rathaus von Stockholm drehte der "Großvater" vollends durch. Jelzins Bewußtseinsstrom setzte bei seinem Lieblingsthema ein: "Die Atomsprengköpfe".
     "Ich habe den Vereinigten Staaten vorgeschlagen, die Kernwaffen zu halbieren! Und inzwischen habe ich die Entscheidung getroffen, daß Rußland im Alleingang, ohne die anderen, die Sprengköpfe um ein Drittel abbaut ... Und dann müssen wir die Sache nach und nach zu Ende führen, bis zu einer völligen Vernichtung der Kernwaffen!" tönte Jelzin, und die vielen Reporter fingen schon an, diese sensationellen Neuigkeiten hastig an ihre Agenturen weiterzugeben. Es schien, als könnten sich die westlichen Diplomaten bereits über den beispiellosen Pazifismus des russischen Regierungschefs freuen. Doch nein, Jelzins Friedensinitiative geriet auf der Stelle ins Schlingern, denn unerwartet rechnete er auch Länder wie Japan und Deutschland zu den Atommächten. Dann kam auch Schweden an die Reihe. Jelzin verwechselte es mit Finnland und erklärte, das Land habe sich im 20. Jahrhundert mit Rußland einige Zeit im Krieg befunden.
     "Aber das alles gehört jetzt der Vergangenheit an ...", schloß das russische Staatsoberhaupt versöhnlich.
     Kaum hatte er sich dazu durchgerungen, den Schweden diesen mythischen, nicht existierenden Krieg zu verzeihen,
ging Jelzin daran, der Regierung vor Ort eine Lektion zu erteilen.
     "Ihre Bevölkerung, die Arbeiterschaft hier in Schweden, tut ganz recht daran, ihre Unzufriedenheit mit der Regierung zum Ausdruck zu bringen!" verblüffte der werte Gast die Schweden. "Denn ihr nehmt immer Kohle statt Gas! Ihr solltet Gas nehmen! Und Rußland kann es euch verkaufen!"
     Aus welchen Volksmärchen Jelzin diese Kenntnisse über die schwedische Energieversorgung zog, wird für immer ein großes Geheimnis der russischen Diplomatie bleiben. Dafür wurde nun die russische Delegation in Angst und Schrecken versetzt.
     "Ich habe ihnen eine Anweisung gegeben!" Jelzin nickte in Richtung seines Gefolges. "Der Vertrag über die Gaspipeline muß nicht irgendwann im Jahr 1999 fertig sein, sondern morgen früh um acht!"
     Als ich in diesem Moment zu Jelzins Team blickte, stellte ich fest, das die Gesichter von Vizepremier Nemzow und Präsidentensprecher Jastrschembski, die dem schwedischen Protokoll gemäß neben dem Präsidenten strammstehen mußten, nicht mehr nur blaß waren, sondern schon eine ungute, grüne Farbe angenommen hatten. Besonders die zartbesaiteten russischen Journalistinnen neben mir fingen bereits an zu schluchzen. Eine nach der anderen sprang auf, bedeckte mit den Händen ihr Gesicht und rannte aus dem Saal in den Korridor. Vor Schreck konnte ich mich kaum bewegen, ich starrte wie gebannt auf den Präsidenten. Da schien es, als würde in Jelzin der Aufziehmechanismus langsam zum Stillstand kommen. Er geriet ins Stocken, beantwortete die Fragen falsch, seine Mimik verschwamm zusehends, und schließlich stolperte er über die Mikrophonschnur, kam ins Schwanken, kippte langsam zur Seite und drohte direkt auf der Bühne wie eine vom Blitz gefällte riesige Eiche umzustürzen. Ich hatte das Gefühl, daß dieser schier endlose Schrecken in wenigen Minuten ein jähes Ende finden und mein Präsident gleich hier vor meinen Augen sterben würde.
     Im Gefolge war mittlerweile Hysterie ausgebrochen. Jastrschembski stürzte zum Präsidenten, um ihn zu retten, wobei er so tat, als wolle er Jelzin irgendwelche wichtigen Papiere geben. Doch in Wirklichkeit stützte der Pressesprecher den Präsidenten möglichst unauffällig wie eine besorgte Kinderfrau. Dann schob er Jelzin geistesgegenwärtig einen Stuhl unter und setzte ihn an den Tisch.
     Nemzow dagegen erwies sich als noch empfindlicher als seine schwedische "Braut": Der erste Vizepremier fing ebenfalls an zu schwanken, griff sich an den Kopf und stürzte Hals über Kopf von der Bühne - zum linken Korridor, wo sich mehr als die Hälfte der russischen Delegation und die Presse vor den Augen der schwedischen Diplomaten verbarg. Als ich keine Kraft mehr hatte, dieses herzzerreißende Schauspiel anzusehen, emigrierte auch ich dorthin.
     "Ich hatte das Gefühl, als würde ich selbst gleich in Ohnmacht fallen", gestand mir der totenbleiche Boris Nemzow, der sich mit dem Ablaufplan des Präsidentenbesuches wie mit einem Fächer Luft zuwedelte. Neben ihm zerrte eine Journalistenkollegin die Präsidententochter Tatjana am Ärmel und schrie ihr laut ins Gesicht, als wäre sie irre: "Aber das ist doch Scheiße! Tanja! Was für eine Scheiße!!! Was sollen wir jetzt bloß machen?!"
     Die absolut kaltblütig wirkende Präsidententochter Tatjana zog es vor, diese originelle Frage nicht zu beantworten.
     Als ich anschließend wie auf Wattebeinen zum Stockholmer Pressezentrum rannte, entdeckte ich Jelzins Pressesprecher Sergei Jastrschembski, als er kurz allein dastand, bevor er den bereits mit empörten Journalisten überfüllten Konferenzsaal betreten wollte. Wie ein Schauspieler vor seinem Auftritt legte sich Jastrschembski, der mich nicht bemerkt hatte, seine Mimik zurecht und lockerte seine Lippen, um seinem Gesicht den gewohnten vieldeutigen, lebensfrohen Ausdruck zu verleihen. Sein Gesicht zuckte nervös, aber seine Hände, mit denen er mechanisch vom Tisch am Eingang einen Plastikbecher mit Kaffee gegriffen hatte, waren erschreckend ruhig. Er hielt einfach diesen armseligen Plastikbecher Kaffee und nippte nicht einmal daran. Es schien so, als müsse er sich daran festhalten.
     "Sergei, was ist los? Können Sie mir das erklären?" fragte ich ihn leise.
     "Wenn ich nur selbst verstehen würde, was los ist, Lena ... Sie werden es nicht glauben: Jedesmal, wenn mit dem Präsidenten so etwas passiert, empfinde ich einen geradezu physischen Schmerz ...", gestand mir der überraschte Jastrschembski, der nach dem Schock noch nicht seine gewohnte Unzugänglichkeit wiederhergestellt hatte. Doch sogleich riß sich der "Falke" zusammen, richtete sich auf und lächelte sein eigentümliches, gummiartiges Lächeln: "Was los ist? Die Pressekonferenz fängt an!"
     Galant riß der Pressesprecher die Saaltür vor mir auf, hinter der meine Kollegen bereits ungeduldig lärmten, und zog in den Kampf. Von dem nachdenklichen Jastrschembski, den ich auf dem Flur gesehen hatte, war nichts mehr zu sehen. Wie im Tennisspiel, das Jelzin so sehr liebte, schlug er alle Bälle der Journalisten gnadenlos und präzise zurück und erfand aus dem Stegreif geniale Formulierungen, die Jelzins Wunderlichkeiten erklärten: "Journalisten haben normalerweise keinen Einblick, was hinter verschlossenen Türen bei Verhandlungen vor sich geht. Die geheimen Kammern der Diplomatie befinden sich außerhalb ihres Gesichtsfeldes. Doch der russische Präsident hat seinen eigenen Stil. Und heute hat er vor Ihren Augen das getan, was Diplomaten sonst nicht tun: Der Präsident hat das Fensterchen für die Journalisten einen Spaltbreit geöffnet, damit sie in den Raum hineinschauen können, in dem die geheimen diplomatischen Gespräche geführt werden. Insbesondere, und hier verrate ich Ihnen ein Geheimnis, hat er auf Gespräche angespielt, die künftig mit den USA über das Abrüstungsproblem zu führen sind."
     Einen um Jelzins Gesundheit besorgten Japaner, der nicht müde wurde zu fragen, wie man mit Jelzin umgehen solle, welcher Japan immerhin zu den Atommächten gezählt habe, stellte Jastrschembski vollends als Dummkopf hin: "Japan? Ja? Er hat Japan genannt? Nun, dann hat er sich versprochen, verstehen Sie das etwa nicht? Setzen Sie an Japans Stelle ... Mir fällt es gerade nicht ein: Welche Atommächte gibt es noch? Ja? Aha! Na also! Sie können sich selbst nicht erinnern! Also setzen Sie Großbritannien ein! Und Deutschland können Sie ganz übergehen."
     Der "Kremlfalke" vernebelte im Laufe einer halben Stunde allen dermaßen professionell das Hirn, daß selbst ich nach dem Briefing drauf und dran war, mich zu fragen: "Habe ich wirklich vor einer Stunde den Schwachsinn eines dem Tode nahen Jelzin gehört, oder waren es vielleicht doch 'diplomatische Geheimnisse durch ein spaltweit geöffnetes Fensterchen'?"

Am nächsten Tag, als Jelzin im schwedischen Parlament eine lange Rede vom Blatt verlas, klang er verdächtig heiser, wußte dafür aber genau, was er sagte, und verhaspelte sich kaum. Seine Tochter Tatjana und Jastrschembski, die in der Gästeloge saßen, hatten sich wieder beruhigt und kicherten fröhlich über kleine Versprecher des Präsidenten. Der weitaus emotionalere Nemzow gestand mir später, daß er jenes Glas Champagner, von dem Jelzin beim Empfang beim schwedischen König genippt hatte, für die Ursache des Stockholmer Skandals hielt.
     "Verstehst du, wenn Jelzin Probleme mit der Gesundheit hat, dann geben sie ihm, um ihn in einem normalen, handlungsfähigen Zustand zu halten, offenbar irgendwelche starken Medikamente, zu denen Alkohol strengstens verboten ist, da kann es einen umhauen. Und bei ihm reicht in einem solchen Zustand ein kleiner Schluck vom leichtesten Wein oder Champagner, und schon geht der Alptraum los ..."
     Einige Jahre später erhielt ich einen unerwarteten Gruß aus Stockholm, der Stadt, deren Namen ich am liebsten für immer vergessen würde. Am 24. Mai rief mich Nemzow ausgerechnet aus der schwedischen Hauptstadt an, um mir zum Geburtstag zu gratulieren: "Ich habe mich gerade daran erinnert, wie der 'Großvater' uns hier fast gestorben wäre ... Ich fliege jetzt nach Moskau. Soll ich dir aus Schweden etwas zum Geburtstag mitbringen?"
     Ich bat um "irgendwas Schwedisches, nur keine Kötbullar und keine Schrankwand". Letzten Endes brachte mir Boris, der direkt vom Flughafen zu meiner Geburtstagsfeier kam, zur Begeisterung aller Gäste (darunter auch Journalisten, die mit Jelzin den Stockholmer Alptraum erlebt hatten) eine kostbare schwedische Nationaltracht mit. Und das half mir schließlich, mich doch irgendwie mit dieser unseligen Stadt zu versöhnen, wo die Arbeiter sich wahrscheinlich bis heute "über ihre Regierung empören, weil sie mit Kohle heizt und nicht mit russischem Gas".


Mit freundlicher Genehmigung des Tropen Verlages

Informationen zum Buch und zur Autorin hier