Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Dzevad Karahasan: Der nächtliche Rat. Teil 2

06.02.2006.
Seiner Liebe zu Barbara war es zu verdanken, daß er seinen Patienten oder Arztkollegen gegenüber unzählige Male wiederholen konnte, der liebe Gott kenne weder Serien noch austauschbare Teile, "weil Er Schöpfer ist und nicht Produzent", ohne daß es ihm jemals peinlich gewesen wäre, eine solche Phrase von sich zu geben. Die Wahrheit ist gut und schön, egal, wie oft sie wiederholt wird, wenn man nur ihre Wahrhaftigkeit wirklich fühlt. Und er fühlte die Wahrhaftigkeit dieses Satzes dank Barbara, er glaubte daran, daß Liebe nichts anderes war als Erkennen, als die geliebte Person zu erkennen, in ihrer absoluten Einmaligkeit. Eine Frau zu lieben, so wie er Barbara liebte, bedeutete, alle Nuancen zu kennen, durch die sie sich von jedem anderen Menschen auf dieser Welt abhob, jenes Mehr zu erkennen, das sie von allen anderen schönen Frauen, Journalistinnen, Blondinen unterschied, von allen anderen nervösen Menschen mit Blutgruppe A, die gern Käse essen, von allen anderen Frauen, die Topfpflanzen verabscheuen (ohne schlecht über Leute zu denken, die welche ziehen), die Vögel und trockenes, windiges Wetter mögen, nicht gern spazierengehen, mit Karte bezahlen, selten über ihre Eltern reden, sich krankhaft vor Insekten fürchten, bei Lavendelduft in Schlaf sinken, sich gern mit Verkäufern unterhalten ...Wenn man eine Liste all ihrer Eigenschaften aufstellen würde, wenn man irgendwocall ihre genetischen und sonstigen Codes notieren, alles aufschreiben würde, was man überhaupt über sie sagen könnte, würde ungeschrieben und ungesagt bleiben, was man nicht sagen, aber durch die Liebe wissen konnte, das, was allein er über sie wußte, das, was sie zu seiner Barbara machte.
     Man hätte nicht sagen können, wann es ihnen verlorengegangen war. Es war in Wirklichkeit auch nicht verlorengegangen, sondern hatte sich abgenutzt, war in Gewohnheit, Sorge, Wissen, Mühsal übergegangen, in all das, woraus der Alltag anständiger Menschen besteht. Sie hatten nicht einmal bemerkt, daß ihnen etwas fehlte, ihr Wunder sich nicht mehr offenbarte. Bis nach Saschas Auszug die viele überschüssige Zeit aufgetreten war, die sie einander hätten widmen können, und damit auch die überschüssigen Gelegenheiten, das zu versäumen, was am Anfang zwischen ihnen geschehen war. Und erst Monate später fiel ihnen auf, daß in ihrer Berührung weit mehr Sanftheit als Notwendigkeit, mehr Absicht als Schicksal war, und sie mußten sich eingestehen, daß sie mit dem Überschuß an Zeit und Gefühlen nichts anzufangen wußten. Sie bemühten sich um sich selbst und um einander, wollten die alte Intensität wiederherstellen oder sich wenigstens auf den Weg besinnen, der zu ihr führt, völlig vergebens, denn selbst mit der größten menschlichen Anstrengung läßt sich nicht zurückgewinnen, was sie als Geschenk bekommen und jahrelang besessen hatten. Einem Gespräch darüber, was zwischen ihnen geschah Bzw. nicht geschah, wichen sie aus, wahrscheinlich aus Angst, alles unwiderruflich zu verderben, wenn sie aussprächen, daß etwas nicht stimmte, doch die nicht ausgesprochenen Sätze, unterbrochenen Bewegungen und andere unwillkürliche Gesten verrieten ihre Sorge.
     Etwa ein Jahr nach Saschas Weggang sprachen sie dann doch darüber. "Ich weiß, die Liebe hat heutzutage kein Schicksal, sondern ein Verfallsdatum, genau wie die Menschen", sagte Barbara, gekränkt durch sein verlegenes Schweigen, "aber ich war sicher, daß es bei uns nicht so sein würde, unsere Liebe gehört doch in eine andere Zeit."
     Damals begannen ihn Bilder aus seiner Kindheit zu bedrängen, Erinnerungen, die aus irgendwelchen Tiefen des Geistes oder des Körpers aufstiegen, Dinge, die er gar nicht wahrgenommen, aber offensichtlich gespeichert hatte. An dem Tag zum Beispiel, als Barbara das Gespräch über ihre Beziehung anfing, verfolgte ihn seit dem Morgen die Erinnerung an eine Linie mitten durch seine rechte Hand, die er ganz konkret und stark spürte, fast wie eine Schnittwunde. Als er losgehen wollte zur Arbeit, hatte er an der Tür mit der rechten Hand ausgeholt, als wollte er gegen den oberen Türrahmen schlagen, obwohl es offensichtlich war, daß er den oberen Türstock an den hohen Eingangstüren der Berliner Wohnungen gar nicht erreichen konnte. Er erreichte ihn auch nicht, aber von dem Moment an, als seine Hand gegen die Tür prallte, blieb ihm ein Gefühl, wie er es gehabt hätte, wenn er gegen den Türstock geschlagen und die obere Kante einen Abdruck in der Mitte seiner Hand hinterlassen hätte. Dieses Gefühl blieb ihm auf der Straße und im Bus, er untersuchte es, indem er seine Handfläche betrachtete und sie gegen die Tischkante preßte, aber es gelang ihm nicht zu enträtseln, woher er es hatte und was es bedeutete. Minuten bevor Barbara ihn ansprach, hatte er sich plötzlich an dieses Gefühl erinnert, Gott allein weiß, warum es ausgerechnet jetzt in ihm aufstieg. Er ging in die siebte Klasse, und schon im ersten Halbjahr merkte er, daß er mit der Hand den oberen Rahmen der Eingangstür erreichte, was er als Beweis seines Erwachsenseins nahm, und so hatte er jeden Tag, wenn er zur Schule ging, gegen die Wand über der Eingangstür geschlagen, und zwar immer so, daß der obere Teil der Handfläche und die Finger gegen die Wand, der untere Teil gegen den Rahmen knallten. Die Kante des Türstocks schnitt sich tiefer in die Hand ein als bei einer Schnittverletzung, sie drückte sich ihm ins Fleisch und in den Knochen wie ein Geheimzeichen, das sein Geburtshaus ihm in die Hand kerbte, oder wie ein Erkennungsmal, von dem er sich nie mehr würde befreien können, wie weit er auch immer ginge.
     An jenem Nachmittag mit Barbara hatte er in seine Handfläche gestarrt, als müßte das Geheimzeichen jeden Augenblick erscheinen und ihm offenbaren, was sein Geburtshaus ihm sagen wollte. Und es wollte ihm etwas sagen, Erinnerungen wie diese stellten sich nicht grundlos und nach jahrelangem Vergessen ein - wenn man hier überhaupt von Erinnerungen sprechen wollte. Dann fing Barbara, gekränkt, weil er schwieg und sie abwesend anstarrte, das Gespräch an, in dem sie sich schließlich eingestanden, daß es mehr Gewohnheit als Leidenschaft war, was sich zwischen ihnen noch abspielte.
     Doch nein, es gab auch hin und wieder Momente der Leidenschaft, schön und reif, nur daß sich auch hier etwas Fremdes einschlich, flüchtige Bilder, Fragmente aus seiner Kindheit, irgendwelche Einzelheiten, die der Körper sich gemerkt und in einer Tiefe aufbewahrt hatte, von der er, Simon, nichts ahnte. Einige Monate nach jenem Gespräch liebten sie sich, besser als in ihren besten Zeiten, mit einer Tiefe des Fühlens und Erlebens, zu der wir in der Jugend noch gar nicht fähig sind, und sie gaben einander das, was sie in der Jugend noch gar nicht haben konnten. Barbara schmiegte sich an ihn, wie immer nach der Liebe, legte ihren Kopf auf seine Schulter und versank in einen Zustand, der gleichzeitig Traum, Versonnenheit und Fortsetzung der zärtlichen Berührungen war, in jenen wundervollen Zustand, in dem sie sich austauschten wie beim Liebesakt, nur anders - ruhiger, stiller, vielleicht noch vollkommener und tiefer. Ohne diese Augenblicke des Versunkenseins, ihr feuchtes Gesicht an seiner Schulter, wäre die Liebe nicht vollendet gewesen, denn es hätte nicht ausströmen können, was durch die Liebe besiegt wird: vermutlich der Tod, das Grauen und die Kälte, die wir von Geburt an in uns tragen, weil wir sie beim Auf-die-Welt- Kommen kennengelernt haben. Als sich Barbara an ihn kuschelte und ihren Kopf auf seine Schulter legte, fühlte Simon, wie ihn das frische Wasser eines Flusses umspülte und überströmte. In einem schnellen Wirbel der Empfindungen tauchte ein heißer Spätsommertag in Foca empor, ein von der Sonne ermatteter, vom Schweiß feuchter Körper, ein kurzer Flug durch die warme Luft, die keine Erfrischung bringt, und dann das wohltuende Wasser der Cehotina, die ihn aufnimmt und umfängt und ihn tief innen mit einer Freude überflutet, wie sie einem Menschen nur das Gefühl geben kann, daß er ganz angenommen ist.
     Keine Stimmen von anderen Badenden, kein Cevapcici- Geruch, der an Sommernachmittagen von Pijesak herüberwehte, auch nicht das Gesicht von Enver Pilav, Simons bestem Freund, ohne den man einfach nicht zum Baden gehen konnte, nicht einmal das Platschen, wenn der Körper im Wasser aufkommt, nichts außer der Erinnerung seines Körpers an das Wasser der Cehotina, warm und frisch, das ihn aufnimmt, und der Freude, die dieses Annehmen in ihm auslöst. Keine Weiden, nicht einmal der Baumstumpf, von dem sie immer gesprungen waren - nur das, was sein Körper erlebt und behalten hat.
     "Unsinn, die Weiden haben sich ja gar nicht im Wasser gespiegelt", sagte Simon, woraufhin Barbara sich aufsetzte und mit dem Rücken an die Wand lehnte.
     "Wie bitte?" fragte sie. "Erklär mir das bitte."
     Er kam sich ziemlich dumm vor. Gerade hatten sie die vollkommenste Verschmelzung erlebt, die zwei Menschen erfahren können, ihre Seelen waren immer noch in enger Umarmung miteinander verflochten, obwohl sich ihre Körper voneinander gelöst hatten, und jetzt sollte er davon faseln, wie grün das Wasser in der Mündung war, so daß sich schon wegen der Farbe die Weiden gar nicht darin spiegeln konnten oder vielleicht auch, weil dauernd jemand schwamm und das Wasser zu unruhig war, um ein Spiegelbild zurückzuwerfen, denn wo Leben ist, gibt es keinen Spiegel. Wie sollte er all das in diesem Moment aussprechen? Aber der Unsinn mit den Weiden war ihm herausgerutscht, die Erinnerung an die Cehotina war emporgestiegen und floß irgendwo in ihm mit Barbara zusammen, er hatte die Außenwelt zwischen sie gestellt.
     "Komm, laß den Unsinn", wiegelte Simon ab und versuchte Barbara zurück auf seine Schulter zu ziehen.
     "Das ist kein Unsinn, kein Unsinn kann sich zwischen uns stellen, schon gar nicht, wenn wir nackt aneinandergeschmiegt im Bett liegen", sagte Barbara störrisch.
     Schließlich schlug sie ihm vor, doch in sein Foca zu gehen, weil sie "keine verdammte Stadt" zwischen ihnen dulde. Er solle so lange bleiben, wie es ihm nötig erscheine, er könne sie jederzeit rufen, wenn er sie brauche, er brauche sich bei ihr aber auch überhaupt nicht zu melden, wenn ihm das eher zusage, eine vorübergehende Trennung und Einsamkeit könnten ihnen beiden nur nützen. Und dann solle er sie abholen kommen, damit sie gemeinsam nach Foca gingen, wie sie es sich ja schon lange wünschten, denn am Ende werde natürlich die Liebe alle ihre Ermüdungserscheinungen und Gewohnheiten besiegen und sie beide aus dieser Krise erneuert und gestärkt herausführen. Sie werde ihm bei den Reisevorbereitungen helfen.
     Wie sich herausstellte, gab es keinen Grund zu befürchten, daß ihm bei der Einreise Unannehmlichkeiten entstünden, weil er sich seinerzeit dem Militärdienst entzogen hatte. Jugoslawien war im Zerfall begriffen, das halbe Land erkannte diese Armee schon nicht mehr als die eigene an. Wie sich herausstellte, war auch mit seinem Haus alles in Ordnung, obwohl seit dem Tod seiner Mutter vor drei Jahren niemand mehr darin wohnte. Ihr Nachbar Ibrahim Pleh kümmerte sich darum. Ibrahim war es auch, der ihn davon überzeugt hatte, daß er keinerlei negative Einstellung der Leute ihm gegenüber zu befürchten habe, denn die wenigen Menschen in Foca, die sich noch an ihn erinnerten, redeten nicht schlecht von ihm. Er ließ sich für einige Zeit im Krankenhaus beurlauben und bat um die Zusicherung, gegebenenfalls länger bleiben zu können. Am Montag, dem 26. August 1991, verstaute er seine Reisetasche im Kofferraum und fuhr los. Von Budapest aus meldete er sich bei Ibrahim Pleh, um sich über den Schlüssel zu verständigen, dann fiel er ein paar Stunden in einen unruhigen Schlaf, am Dienstag morgen setzte er seine Reise Richtung Foca fort. An der jugoslawischen Grenze sah ein Polizist abwechselnd ihn und seinen deutschen Paß an und fragte schließlich unsicher: "Sie sind ... Sie sprechen ...?"
     "Natürlich spreche ich, wieso denn auch nicht", unterbrach ihn Simon zuvorkommend, er konnte seine Vorfreude kaum verbergen.
     "Seltsame Touristen kommen auf einmal ins Land, gebe Gott, daß das gut ausgeht", bemerkte der Polizist und gab ihm den Paß zurück.

Teil 3