Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch: Berlin, meine Liebe. Schließen Sie die Augen. Teil 3

25.09.2006.
Aus dem Blick des slawisch aussehenden, ganz und gar nicht sympathischen Mannes brach maßlose Boshaftigkeit hervor. Wortlos schenkte er den Wodka aus, zapfte er das Bier. Legte mit einer einzigen Bewegung den Tropfenfänger um das Glas. Starrte dann Sziv mit einem unangenehmen, siegesgewissen Grinsen ins Gesicht. Sziv stand verloren da. Er nickte wortlos, ja, ja, und seine Hand, ach, seine Hand begann sich zu heben, löste sich von seinem Körper, und seine Finger streckten sich nach den Gläsern aus. Sein Zeigefinger war nur noch wenige Zentimeter vom Wodkagläschen entfernt uns könnte Michelangelos Fresko in den Sinn kommen, auf dem sich Gott und der Mensch berühren. Doch mit einem Mal kam Sziv zu sich. Zum Teufel mit der Berührung. Wenn er sich hier und jetzt dem Willen des anderen beugte, war es aus mit ihm. Erno Sziv wäre dann nicht mehr Erno Sziv, sondern eine Fälschung, eine Kreatur, eine Puppe. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, zog seine Hand zurück, lächelte unschuldig und verlangte einen Apfelkorn. Ein unerwarteter Schachzug, ein Geniestreich. Buh, Apfellikör statt Bier und Wodka. Das Gesicht des Schwarzhaarigen wurde lang, einfältiges Staunen machte sich darauf breit. Seine Kinnlade klappte auf, die Nasenlöcher weiteten sich. Er glotzte eine Weile vor sich hin. Schüttelte dann den Kopf.
     Wie bitte, sagte er. Ich möchte, wenn möglich, einen Apfelkorn, sagte Sziv sehr ruhig und zeigte, daß er einen großen meinte.
     Am nächsten Tag konnte er nicht aufstehen. Er warf sich den ganzen Vormittag im Bett herum, wälzte sich von links nach rechts, setzte sich manchmal hin, würgte und krächzte und dachte nur an den kleinen Wodka und das kleine Bier, hatte vielleicht auch Fieber, jedenfalls schwitzte, wimmerte und jammerte er, und falls jemand einwenden möchte, man brauche eben nicht fünf - vielleicht waren's auch sechs - große Apfelkorn zu trinken, so irrt er sich, denn Sziv hatte gar keinen Kater, sondern er hatte am Vortag um die Freiheit gekämpft, und dieser erbarmungslose Kampf hatte ihn erschöpft. Hätten die Zweifler gesehen, wie der Schwarzhaarige beim zweiten Apfelkorn die Augen aufriß, hätten sie gehört, mit welchem wahnsinnigen Gelächter er den fünften hinstellte, dann müßten sie zugeben, daß es in der Tat ein mächtiges Ringen war, ein Ringen ums Ganze, ein Ringen unter Männern, bei dem einer unterliegen muß. Und dieses Kräftemessen war vielleicht noch gar nicht zu Ende, sondern nur unterbrochen. Die Nacht hatte sich auf die Welt gesenkt, und Sziv - der mit apfellikörgetränktem Herzen nach Hause torkelte - war sich nicht sicher, ob er wirklich gesiegt hatte, denn der Sieg will nicht nur empfunden, sondern auch gesehen sein. Den Besiegten muß man sehen, seine Demütigung, sein unterwürfiges Lächeln. Nach fünf - oder sechs - großen Korn sieht man jedoch nicht mehr viel. Und jetzt fürchtete Sziv, daß der Sieg vielleicht doch nicht sein war. Er würde wieder in die Parkklause gehen was blieb ihm anderes übrig , aber er hätte die Kraft nicht, etwas anderes als einen kleinen Wodka mit einem kleinen Bier zu bestellen, das wußte er.
     Am Nachmittag rappelte er sich hoch.
     Und jetzt, wie weiter.
     Oben der Himmel, unten die Erde, dazwischen hängt der Mensch.
     Wo ist die Freiheit.
     Er machte die Tür zur Parkklause auf. In den bedrohlich tief hängenden Rauchwolken des nachmittäglichen Hochbetriebs erblickte er sogleich das sympathische Gesicht des Schwarzhaarigen. Ein unterwürfiges Gesicht war das, mit dem traurigen Blick des Besiegten. Sziv trat näher, aber da er sich seines Erfolgs noch immer nicht ganz sicher war, sagte er nichts, wartete ab, bis der Mann die Augen niederschlug, vielleicht sogar auch den Kopf ein wenig neigte und leise fragte, was der Herr zu trinken wünsche. Sziv lächelte nicht, denn er konnte die hochmütige Überlegenheit der Sieger nicht ausstehen. Er machte ein ernstes Gesicht und verlangte einen kleinen Wodka mit einem kleinen Bier. So war das. Diesem Freiheitskampf bliebe vielleicht noch soviel nachzutragen, daß Sziv in dem Monat, den er noch in Berlin verbrachte, nie etwas anderes in der Parkklause trank als einen kleinen Wodka und ein kleines Bier.

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Matthes & Seitz

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