Vorgeblättert

Leseprobe zu Zora del Buono: Big Sue. Teil 1

12.08.2010.
(S. 28 ff)

Die Friedhöfe Savannahs gehörten zum Anziehendsten der Stadt, zwei davon waren Touristenattraktionen, ein schlichter, miniaturhafter Soldatenfriedhof im Zentrum und der vor floraler und bildhauerischer Üppigkeit strotzende Bonaventure Cemetery am östlichen Stadtrand. Ich kannte mich auf beiden bald gut aus, wenig verwunderlich, Friedhöfe hatten mich schon immer beruhigt, was daran liegen mochte, dass mir meine eigene Grabstätte seit Kindertagen vertraut war, ein Familiengrab, das auf mich nur wartete, darin Gebeine und Asche von Menschen, die ich vor langer Zeit kannte, die Großeltern, eine unverheiratete Tante, die außer Jesus keinen Mann geliebt hatte, der Vater. Auch drei Samtbeutel mit Hundeasche lagen darin, beim Begräbnis der Erbtante verschämt hinterhergeworfen, unter den Augen der Kirchenchorfreunde der Verstorbenen; Hunde, deren Urnen jahrelang auf diversen Bücherregalen gestanden hatten, auch die von Moses, dem Zwergpudel mit dem rasierten Hinterteil, der Hygiene wegen. Im Allgemeinen fühlte ich mich leicht auf Friedhöfen, geradezu beschwingt, ich machte Zahlenspiele, bildete Quersummen von Geburtstagen und Todesjahren, suchte optisch gefällige oder historisch bedeutungsvolle Daten, Gräber alleinstehender Frauen, wenig beflügelte mich so wie der Gedanke an alleinstehende Frauen, diese trotzige Autonomie, versinnbildlicht im Grabstein mit nur einer Inschrift, doppelnamenfrei. Ein einziges Mal hatte mich ein Friedhof entsetzt, auf einer Arbeitsreise nach Namibia, im Wüstensand weit außerhalb der Hafenstadt Lüderitz, keine Stadt im eigentlichen Sinne, sondern eine Ansammlung hoffnungsvoll bunter Häuser in staubiger Umgebung. Begleitet wurde ich von einem Fotografen, einem langsam arbeitenden Menschen, der seine Kamera mit Bedacht und eher selten bediente. Er gehörte zu jenen analytischen Fotojournalisten, die erst nachdachten, bevor sie ein Bild aufnahmen, anders als die meisten, mit denen ich sonst reiste, die Stimmungen spürten, unzählige Male hintereinander auslösten, weitereilten und erst später am Bildschirm oder im Labor entdeckten, was sie eigentlich abgelichtet hatten. Seine Arbeitsweise kam mir sehr entgegen, wir konnten über das Erlebte sprechen, das er schließlich gesehen und nicht nur gefühlt hatte. Im hinteren Teil des Friedhofs von Lüderitz fand sich ein historischer Abschnitt mit ordentlichen Grabsteinen und deutschen Namen; Gefallene oder Gestrandete, dem Kaiser dienende Gesellen, die aus Lust am Abenteuer oder aus staatsverbundenem Pflichtgefühl in diese öde Weltengegend gekommen waren, mittellose Frauen, aus Bremen oder Ingolstadt stammende, kräftig gebaute Waisenmädchen, nach Afrika verschickt, um den Männern als Gattinnen zu dienen beim Aufbau von Deutsch-Südwest, Gehilfinnen bei der Unterwerfung der Nama, Damara und Herero. Im vorderen Teil frische Gräber im Sand, grobe Steine zu plumpen Haufen gestapelt, Holzkreuze, jung verstorbene Menschen allesamt. Es dauerte eine Weile, bis ich den Gestank verorten konnte, der über dem Friedhof schwelte. Ein scheußlich schwerer Gestank, der mir zuvor erst ein einziges Mal ins Bewusstsein gedrungen war. Es war in der großelterlichen Küche gewesen, ich war dem Geruch nachgegangen, hatte Schränke verschoben und hinter dem Kühlschrank eine tote Maus gefunden, mit verstörend offenen Augen, die Vorderpfötchen noch um das Kabel geschlungen, die winzigen Zähne hineingehauen in den Draht, der sie das Leben gekostet hatte. Ein Mäuseleichnam konnte solch penetranten Gestank verströmen, im Wüstenfriedhof waren es ein halbes Dutzend Menschenkörper, zu wenig tief vergraben, zu schnell hatte man sich ihrer von der Krankheit versehrten Leiber entledigt. Armengräber, der Verwesungsgeruch drang zwischen den Steinen hervor. Eine verrottende Hand zwischen den Brocken zu sehen, schien im Bereich des Möglichen und hätte weder den Fotografen noch mich verwundert, nur verschreckt. Sogar vorgegraben hatte man, den Tod antizipierend, fünf offene Löcher klafften bereits im Sand. Wir waren bald weitergefahren, schweigsam, die Autofenster weit geöffnet.
     Hier stank nichts. Im Gegenteil, es roch lieblich, die Kameliensträucher blühten in unterschiedlichen Rottönen, der Wind trieb eine zart abgeschwächte Meeresluft durch die kleinblättrigen Eichen, würzig-feuchter Moosgeruch stieg aus Ritzen und Fugen. Plastikblumen versprühten eine kindliche, bunt gescheckte Freude in ihren schief stehenden Vasen, Luftballonherzen knisterten im Wind, darauf in silbrigen Lettern You and I forever oder, absurder noch, Happy Birthday. Auf dem Bonaventure-Friedhof konnte man den Eindruck gewinnen, Sterben sei eine freundliche Angelegenheit, wenn man nur klug genug gewesen war, sie richtig in Angriff zu nehmen, der Tod eine nicht ganz ernst zu nehmende Spielart von herrlicher Ruhe, ein ewig flirrendes, energetisch geisterhaftes Lustwandeln unter schwingenden Ästen und zwitschernden Vögeln.
     Ich hatte mein Auto beim Eingangstor stehen lassen und ging zu Fuß über die Sandwege, die wenigen Besucher fuhren mit ihren Wagen unter weitläufigen Alleen entlang der äußeren Grabreihen, Touristen die meisten, manchmal Angehörige auf der Suche nach ihren Vorfahren, alle waren weiß. Schwarze sah man nur als Gärtner.
     Johnny Mercers Grab lag weit hinten, man konnte auf dem Weg dahin schon den Fluss erkennen, die Schilflandschaft, bräunlich noch zu der Jahreszeit, manchmal eine Jacht. Ich spähte nach dem roten Impala, vermutete ihn irgendwo abgestellt zwischen Gräbern, aber Fenner schien noch nicht hier zu sein. Auf Mercers Grabplatte stand eine geschwungene Bank aus hellem Marmor, sein gezeichnetes Profil zierte die Fläche, darunter eingraviert: BUDDY, I’M A KIND OF POET AND I’VE GOTTA LOTTA THINGS TO SAY. Ich setzte mich hin, nicht auf das Porträt direkt, doch breitbeinig, ein Hauch von Obszönität, Johnny Mercers Knochen zwei Meter unter mir, ganz wie er es gewünscht hatte, einzig der Schnaps fehlte, denn saufen sollte man auf seinem Grab, ausgiebig und am besten nachts.
     Als Fenner endlich vor mir stand, war ich beinahe eingeschlafen, ich hatte mich auf der Bank ausgestreckt, von der Sonne gewärmt. Er umfasste meine Fesseln, hob meine Füße zur Seite und setzte sich. Diese Vertraulichkeit befremdete mich einigermaßen, ich war höchst empfindlich, was Berührungen anderer Menschen anbelangte. Dieser mich seit meiner Kindheit begleitende, in den ungünstigsten Momenten aufwallende Ekel vor körperlicher Nähe hatte letztlich auch dazu geführt, dass ich vor nicht allzu langer Zeit einer Eheschließung entkommen war.
     Fenner plauderte munter drauflos, während ich mich aufrichtete. Du siehst gut aus, sagte er, man entspannt hier ungemein, nicht wahr?
     Wenn er eine Frage stellte - Na, Leute kennengelernt? … Kommst du mit der Arbeit voran? … Hast du das Casinoschiff gesehen, erinnert doch sehr an einen schwimmenden Bunker, nicht wahr? -, wartete er anstandshalber einen Halbsatz von mir ab, bevor er wieder über sich und seine Erlebnisse in der rosa Villa zu sprechen anfing, die ihn sehr zu beschäftigen schienen.
     Außer Hendrik und Rup sei ihm eine weitere Person begegnet, ein dunkelhäutiges Mädchen, vielleicht siebzehn Jahre alt. Würde Teresa in Europa leben, wäre sie wohl ein Punk, meinte Fenner, in den Südstaaten schien sie aber ein wenig deplatziert zu sein, solche Frauen gab es hier kaum; stramme Beine in groben Wollsocken und klobigen Schuhen unter einem knapp die Scham bedeckenden, grün karierten Schottenhöschen, ein ungeschickt umgearbeiteter Uniformrock der katholischen Mädchenschule wahrscheinlich, schwarzer Lidstrich, zu dick aufgetragen, dazu das Haar im Military-Look, über den Schläfen so kurz, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Teresa stapfte über das Gelände, als er sie zum ersten Mal sah, Tüten auf dem Arm, Rup hinter ihr her, bepackt wie sie. Beide verschwanden im Erdgeschoss der Villa in der Küche, Fenner hörte sie herumalbern, Schranktüren klappten auf und zu, im Radio spielte Musik. Irgendwann verstummten die Stimmen, und es herrschte Stille im Haus. In Fenners eigener Küche im ersten Stock habe bei seiner Ankunft ein Obstkorb auf dem Tisch gestanden, im Kühlschrank hatte er weiches Brot vorgefunden, Mayonnaise, Ketchup, Senf und Erdnussbutter, mehrere Joghurts, eingelegte grüne Tomaten, Ziegenkäse, getrocknete Feigen und verschiedene Sorten Nüsse, im Tiefkühler eine Pizza, Eis mit Marshmallow-Geschmack und eine Kaffeepackung. Offenbar hatte man ihm den Einstand erleichtern wollen, danach ließ man ihn in Ruhe, es wurde weder gemeinsam gekocht noch gegessen, Fenner musste sich um alles selber kümmern. Wenn er sich nicht auf die Veranda setzte mit seinem vollen Teller, aß er an dem ovalen Tisch im blauen Esszimmer, fünf Stühle unbesetzt, er selbst am Kopfende, den Blick aus dem Fenster über die Veranda hinweg auf eine Wildnis gerichtet, die einst ein gepflegt angelegter Park gewesen war. Einmal habe er sich in die untere Etage getraut, als er sich alleine wähnte, er wollte gerade in die Küche gehen, sich ein wenig umschauen, einfach so, da trat Rup aus einer der vielen Türen in der Eingangshalle, stellte sich neben ihn und gab ihm freundlich, ohne Worte, zu verstehen, dass Alleingänge im Haus nicht gern gesehen waren. Fenner hatte sich verwirrt und peinlich berührt schnell wieder in die mittlere Etage verzogen, die er offenbar alleine bewohnte. Teresas lautstarke und jugendlich fröhliche Auftritte konnte er regelmäßig beobachten. Als er sie wieder einmal schwer bepackt vom Ufer her hatte kommen sehen, war er die Treppe hinuntergeeilt, um sie in der Eingangshalle abzupassen. Sie warf ihm einen liebenswürdigen Blick zu, begrüßte ihn mit seinem Namen, nannte ihren und ging in die Küche, die Tür zog sie hinter sich zu. Fenner hörte das obligate Schrankgeklapper, Rups Kichern, das ihm schon mehrmals aufgefallen war, ein melodisches, von der Tiefe in die Höhe und wieder in die Tiefe schnellendes Gezwitscher, dazwischen Teresa, die offenbar scherzte ohne Unterlass. Bei seinem heimlichen Ausflug ins Erdgeschoss hatte Fenner einen Blick in die Küche erhaschen können, so sei es ihm jetzt ein Leichtes, sich vorzustellen, wie Rup auf einem der zahlreichen Stühle an dem monumentalen, nahezu schwarzen Holztisch in der Mitte des Raumes saß, Teresa auf der Arbeitsfläche neben dem Fenster hockte, die bloßen Beine baumelnd, während das einfallende Sonnenlicht die Küche mit ihren ornamental gemusterten gold-weißen Wandfliesen in einen warmen Glanz tauchte. Seine eigene Küche sei übrigens genauso dekorativ, sagte Fenner, nur kleiner und in Grau-Weiß gehalten, kühler in der Ausstrahlung also, was ihm entgegenkomme, da er, wie ich ja wisse, der klassischen Moderne verpflichtet sei.
     Ich hatte ihm die ganze Zeit aufmerksam zugehört, er hatte bildhaft und ungezwungen erzählt, erst bei dieser letzten Bemerkung schimmerte wieder der kontrollierte, elitäre Fenner durch.
     Lass uns ein wenig herumfahren, schlug er vor und stand auf.

Teil 2