Vorgeblättert

Leseprobe zu Yu Hua: Brüder. Teil 2

30.07.2009.
Glatzkopf-Li bekam damals fünf Ärsche zu sehen, einen kleinen, einen fetten, zwei dünne und einen genau richtigen, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht wie fünf Stücke Schweinefleisch beim Schlachter. Der fette Hintern sah wie frisches Fleisch aus, die beiden dünnen Ärsche wirkten eher gepökelt, der kleine Popo war nicht der Rede wert, aber der fünfte, nicht zu dick und nicht zu dünn und direkt vor seinen Augen - der gefiel Glatzkopf-Li ausnehmend gut, denn er war prall und rund und so fest, dass unter der straff gespannten Haut das Steißbein zu erahnen war. Heftig erregt versuchte er, einen Blick auf das Schamhaar und den Ort, wo es entspross, zu erhaschen. Zu diesem Zweck ließ er sich noch tiefer hinunter, doch als er fast am Ziel war, wurde er an seinem eigenen Hinterteil gepackt und mir nichts, dir nichts herausgezogen.
     Just in diesem Moment war nämlich jemand in das Toilettenhaus gekommen, ein gewisser Zhao, dem seine Eltern den schönen Vornamen Shengli ("Sieg") gegeben hatten, einer der beiden Geistesfürsten in unserer kleinen Stadt Liuzhen. Als er sah, dass da jemand kopfunter in der Abortöffnung hing, war er sofort im Bilde, packte den Übeltäter am Hosenboden und riss ihn mit einem Ruck heraus wie eine Rübe aus dem Acker.
     Obwohl zu jener Zeit erst zwanzig Jahre alt, hatte Zhao bereits ein Gedicht in der hektographierten Zeitschrift unseres Kreiskulturhauses veröffentlicht. Dieser Vierzeiler hatte ihm den respektvollen Spitznamen "Dichter Zhao" eingetragen. Während der Dichter in der Toilette Glatzkopf-Li dingfest machte und ihn auf die Straße bugsierte, vor freudiger Erregung ganz rot im Gesicht, begann er schon mit seiner Moralpredigt (auch diese natürlich bilderreich und poetisch): "Die goldgelbe Pracht des blühenden Rapsfelds, die siehst du nicht! Die Fische, die sich im Bach tummeln, sie lassen dich kalt! Die weißen Wolken am azurblauen Himmel, für all diese Schönheit hast du überhaupt keine Augen! Aber ein stinkiges Klo, da kriechst du kopfüber hinein ..."
     So ging es bestimmt zehn Minuten lang. Dichter Zhaos Tirade, so lautstark er sie auch vortrug, verfehlte allerdings ihre Wirkung auf die Frauen im Toilettenhaus, die eigentlichen Adressatinnen. Schließlich wurde er ungeduldig, stellte sich an die Tür der Damenabteilung und forderte die fünf Ärsche mit lauter Stimme auf, endlich herauszukommen. Ohne zu bedenken, dass er eigentlich ein kultivierter Dichter war, rief er, plötzlich recht vulgär: "Nun hört doch mal auf zu schiffen und zu scheißen! Jemand hat eure Ärsche angeguckt, und ihr wisst von nichts! Kommt endlich raus!"
     Das wirkte. Wutschnaubend, rachedürstend, kreischend oder schluchzend - je nachdem - stürmten die Besitzerinnen jener fünf Gesäße aus dem Toilettenhaus.
     Die Schluchzende war ein elf oder zwölf Jahre altes Mädchen. Ihr gehörte der kleine Hintern, der nach Glatzkopf-Lis Meinung nicht der Rede wert war. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte so bitterlich, dass es sie schüttelte. Man hätte annehmen können, sie sei soeben nicht belauscht, sondern vergewaltigt worden. Von Dichter Zhao mit eisernem Griff umklammert, stand Glatzkopf-Li vor dem schluchzenden Ärschlein und dachte: Was heulst du denn bloß? Wegen so eines winzigen, unterentwickelten Popos braucht man doch nicht zu flennen! Auf den hätte ich keinen Blick verschwendet, wenn er mir nicht zufällig mit untergekommen wäre!
     Als Letzte kam ein vielleicht siebzehnjähriges hübsches Mädchen heraus, das Gesicht schamrot. Nach einem flüchtigen Blick auf Glatzkopf-Li wandte sie sich ab und eilte davon. Dichter Zhao rief ihr nach, sie solle zurückkommen und ohne falsche Scham für Recht und Gerechtigkeit kämpfen. Das Mädchen jedoch drehte sich nicht einmal um und beschleunigte den Schritt. Beim Anblick ihrer schwingenden Pobacken war sich Glatzkopf-Li sicher, wem der pralle Hintern gehörte, den er eben bewundert hatte.
     Nachdem der Knackarsch fort war, verzog sich auch der schluchzende Kinderpopo, während die Besitzerin eines der beiden dünnen Hinterteile eine Schimpfkanonade losließ und Glatzkopf-Li ins Gesicht spuckte. Dann wischte sie sich den Mund ab und verließ ebenfalls den Ort des Geschehens. In Hosen hat sie überhaupt keinen Arsch mehr, konstatierte Glatzkopf-Li im Stillen.
     Die drei Verbliebenen - der triumphierende Dichter, der an frisches Fleisch erinnernde Fettarsch und der zweite Pökelarsch - eskortierten Glatzkopf-Li durch die Straßen unseres 50000-Seelen-Städtchens zum Polizeirevier. Unterwegs stieß der zweite Geistesfürst aus unserer kleinen Stadt Liuzhen zu ihnen, ein gewisser Liu Chenggong.
     Liu Chenggong war wie Dichter Zhao über zwanzig Jahre alt. Auch er hatte seinem Vornamen (Chenggong bedeutet "Erfolg") alle Ehre gemacht, indem er ein eigenes Werk in der hektographierten Zeitschrift unseres Kreiskulturhauses veröffentlichte, eine Erzählung, die zwei eng bedruckte Seiten umfasste - ganz etwas anderes als der irgendwie in eine Lücke zwischen zwei andere Beiträge gequetschte Vierzeiler von Dichter Zhao! -, und auch ihm hatten die Leute schon einen Spitznamen verpasst: Schriftsteller Liu. In dieser Hinsicht stand er Dichter Zhao also nicht nach, und natürlich durfte er ihm auch in keiner anderen nachstehen! Als er jetzt mit einem leeren Sack in der Hand - er war gerade auf dem Weg in den Reisladen - auf den Dichter traf, der einen Frauenpo-Beschauer lebend gefangen hatte und jetzt im Triumphzug durch die Stadt führte, stand deshalb für ihn fest, dass er ihn auf keinen Fall allein im Rampenlicht stehen lassen dürfe. Nein, auch er, Schriftsteller Liu, wollte teilhaben an dieser Ruhmestat!
     Wie ein Helfer in höchster Not eilte er auf Dichter Zhao zu und rief schon von Weitem: "Ich komme schon! Ich helfe dir!"
     Zhao und Liu waren enge Dichterfreunde, seit Liu den kleinen Vierzeiler des Dichters in den höchsten Tönen gelobt und jener sich mit noch überschwänglicheren Lobeshymnen auf Lius Zwei-Seiten-Erzählung revanchiert hatte. Als der lautstark seine Hilfe anbietende Schriftsteller auf der Bildfläche erschien, überließ daher der Dichter, der bis dahin Glatzkopf-Li allein vor sich hergetrieben hatte, Liu die rechte Flanke und begnügte sich damit, Glatzkopf-Li von links am Schlafittchen zu packen.
     Seite an Seite paradierten jetzt die beiden Geistesfürsten mit ihrem Gefangenen durch die Straßen unserer kleinen Stadt Liuzhen. Zwar verkündeten sie jedem, der es hören wollte oder nicht, sie würden ihn der Polizei übergeben, doch um das nahe gelegene Revier machten sie wohlweislich einen Bogen. Stattdessen schlugen sie den Weg zu einem weiter entfernten Polizeirevier ein und vermieden zudem die Abkürzung durch kleine Gassen. Denn beim Gang durch die Hauptgeschäftsstraßen, so ihre Überlegung, würden auch sie etwas von der öffentlichen Aufmerksamkeit abbekommen, um die sie Glatzkopf-Li glühend beneideten.
     Schriftsteller Liu sagte zu ihm: "Du kannst von Glück sagen - so ein kleiner Ganove, und wirst gleich von zwei Geistesgrößen abgeführt!"
     Woraufhin Dichter Zhao vielsagend ergänzte: "Sozusagen von Li Bo und Du Fu."
     Schriftsteller Liu empfand diesen Vergleich als ziemlich verfehlt, waren das doch beides Lyriker, er aber schrieb schließlich Prosa! Daher korrigierte er: "Vielmehr von Li Bo und Cao Xueqin."
     Glatzkopf-Li hatte während des Marsches durch die Straßen mit unbeteiligter Miene den Blick schweifen lassen. Doch als er hörte, wie sich die beiden Geistesfürsten unserer kleinen Stadt Liuzhen mit dem berühmten Lyriker Li Bo und dem nicht minder berühmten Autor des Romans "Der Traum der Roten Kammer" Cao Xueqin verglichen, prustete er plötzlich los: "Das weiß ja sogar ich, Li Bo lebte in der Tang-Zeit, Cao Xueqin aber tausend Jahre später in der Qing-Zeit. Wie sollten die beiden zusammenkommen?"
     Großes Gelächter unter den Schaulustigen am Straßenrand. Glatzkopf-Li habe ganz recht, lautete das einhellige Urteil. Die beiden Geistesfürsten mochten als Literaten ein hohes Niveau haben, aber ihre Geschichtskenntnisse reichten nicht einmal an die eines kleinen Spanners heran, der Frauenärsche ausspionierte.

Teil 3