Vorgeblättert

Leseprobe zu Ulrike Ackermann (Hg.): Welche Freiheit. Teil 2

26.02.2007.
Und nun, nach der angekündigten Pause von 25 Jahren, schalten wir den Fernseher wieder ein.

Zweiter TV-Akt. Handlungsort: die Ukraine. Zeit: Frühling 2003. Über den Bildschirm flimmert die Talkshow "Dokument " von Jurij Makarov. Das Gespräch dreht sich um den Beginn des 2. Weltkriegs, seine - es kommt nur schwer über die Lippen - ukrainische Dimension (da haben wir sie, denkst du erfreut, die Früchte der Rede- und Meinungsfreiheit, sie haben nicht lange auf sich warten lassen. Es sind kaum 62 Jahre seit damals vergangen und die Akteure und Zeugen der einstigen Geschehnisse leben zum Teil noch, doch wir, sieh einer an, räuspern uns leise und schicken uns an, lauthals die unerbittliche historische Wahrheit zu verkünden!). Der Moderator bemüht sich eindringlich, fast wie auf einer spiritistischen Sitzung und augenscheinlich entflammt von den Geistern Sartres, Camus und der Zeitung "Combat", von den Anwesenden eine Antwort auf die einstige "leidige Frage" der Pariser Intelligenz zu bekommen, die Schicksalsfrage, die für unsere "dänischen " Verhältnisse lautet (und wie eine mechanische Übersetzung aus dem Französischen klingt): hatten die Ukrainier im Jahr 1941 die Freiheit der Wahl?
     Da in dem Fernsehstudio allerdings nicht die Erben der "surrealen Rebellen" des Quartier Latin sitzen, die so fruchtbar über die moralische Freiheit unter den Bedingungen der Okkupation zu philosophieren pflegten, sondern Kinder und Enkel jener Ukrainer des Jahres 1941, bleibt die Frage auch ohne Antwort. Die eingeladenen Intellektuellen, unabhängig von ihrer politischen Präferenz und ideologischen Orientierung verfallen anscheinend in kollektiven Stumpfsinn, als ob ihnen die Verbindung der Worte unfaßbar sei: Freiheit? Wahl? Für die Ukrainer? Das ist so wie zwischen Hammer und Amboß zu sein? wie vom Regen in die Traufe?? Das eine totalitäre Regime oder das andere? Zwischen drei Varianten des Todesschreis wählen: Für Vaterland und Stalin! Heil Hitler! Hoch lebe die Ukraine! Am Ende sieht doch alles gleich aus. Die Anwesenden ahnen wohl dunkel, daß diese "Wahl" fragwürdig ist und nicht das Existenzielle trifft. Der Geigerzähler der europäischen Ethik scheppert, rasselt und schlägt aus, als wäre er dem Atomkraftwerk Tschernobyl zu nahe gekommen, und selbst der Philosoph aus der Akademie der Wissenschaften sitzt ratlos da, wie ein Tölpel und Erstkläßler,? also gut, auf geht?s Jungs, die Show ist vorbei.
     Doch da ergreift ein "Junge" und "Erstkläßler" aus dem Publikum das Wort und erklärt der versammelten akademischen Elite im Studio ruhig und wie selbstverständlich, "was?n bei allen dem die nationaln Idee und Interessen solln" wenn "die Leut schließlich doch nur in Ruh leben wolln, ordentlich zu eßn ham und die Kinder großziehn, und wasn fürn Staat das dann is, is doch gleich? (die Wiedergabe ist nicht ganz korrekt, doch sehr nahe dem Text). Mit dieser lebensbejahenden "Stimme des Volkes" endet dann auch die Diskussion - punkt, Schluß, Ende gut, alles gut. Tatsächlich seufzen alle erleichtert auf, jene im Studio und jene vor dem Fernsehschirm. Sie können sich beruhigt in ihre Wohnungen verkriechen und weiter am Programm arbeiten: "ordentlich eßn" und "Kinder großziehn". Ist ja alles richtig, und Hauptsache, es bricht kein Krieg aus?
     (Wie sagte doch der Helene in Lesja Ukrajinkas Variation auf den "Kassandra-Stoff"? "Freu dich Kassandra, du hast gesiegt!" Doch Kassandra entgegnete, entschlossen den Kopf schüttelnd: "Nein, es ist dein Sieg. Du hast mich mit diesen Worten erschlagen."
     Die kulturphilosophische Diagnose von Lesja Ukrajinkas Kassandra erwies sich auch für das 20. Jahrhundert mit all seinen Bränden und historischen Katastrophen als zutreffend, denn in Wirklichkeit geht der "Helene", der Opportunist als "Sieger" hervor, und zwar einfach deshalb, weil er "ordentlich zu leben" versteht, entsprechend soziobiologischer Gesetze, er ist flexibel und paßt sich mit der perfekten Mimikry der Parteilinie an, bis sich die Umstände wieder ändern, er sichert sich während aller lebensbedrohlicher Katastrophen eine ökologische Nische, die ihm ein Minimum an Komfort und Status gewährt, "und wasn fürn Staat das dann is, is doch gleich!"
     Der Helene erweist sich überlebensfähig gerade dank einer reduzierten Werteskala: er verteidigt nichts anderes als das eigene Wohlergehen, es liegt ihm nichts daran, die ihn umgebende Welt auch nur im geringsten zu ändern, sondern er möchte sich im Status quo so angenehm wie möglich einrichten. So ist er auch bei allen sozialen Erdrutschen quasi leicht und unbeschwert, im Gegensatz zu Kassandra, deren Seele massiv in einem energiereichen System idealistischer Motivation verankert ist: Während sie verkündet, "hier stehe ich, ich kann nicht anders", schlüpft er immer durchs Netz. In der Todesstunde sind wohl tatsächlich die im Geiste Armen selig, jene, die keinerlei geistigen Reichtum erworben haben?
     Aber ist es nicht ein erbärmlicher Staat, in dem nur Helenen amtieren?)
     Dieser Mensch im Fernsehen hatte völlig unbeabsichtigt - ohne daß der leiseste Zweifel an seiner naiven Unvoreingenommenheit aufgekommen wäre - laut und deutlich, entsprechend der Kolonialismustheorie Fanons den Sieg der typischen Sklavenmentalität verkündet. Ich weiß nicht, wie sich die Intellektuellen im Fernsehstudio fühlten, mich hatte er mit seinen Worten "erschlagen" - auch deshalb weil diese Worte als Resümee fungierten und keiner der versammelten Intellektuellen ihm widersprach, darauf hinwies, daß die Schlußfolgerung, gelinde gesagt, nicht korrekt sei.
     Dieses "is doch ganz gleich" und das Streben, unter allen Umständen gut zu leben, die Nachkommen großzuziehen, ist doch letztlich keine besondere menschliche Eigenschaft, sondern eher eine tierische. Diese Entdeckung machte bereits Darwin. Akzeptiert man diese Haltung und überträgt sie konsequent auf die menschliche Gesellschaft, kommt summa summarum nicht einfach eine Herde von Haustieren dabei heraus, sondern ein makabres Szenario, das mit der Tierwelt nichts mehr gemeinsam hat und das jene Sentenz aus dem Gulag "Stirb du heute und ich morgen " hervorbringt.
     Es ist genau die Haltung, die jene Ukrainer einnahmen, die als erste zum NKVD gingen und ihre Landleute terrorisierten, oder in den Reihen der Gestapo oder SS Verbrechen begingen, aber auch jener Juden, die als Handlanger und Helfershelfer ihre eigenen Schwestern und Brüder terrorisierten und in die Gaskammern jagten sowie auch der Deutschen, die zuerst Frauen und Kinder erschossen hatten und dann offen und ehrlich dem internationalen Tribunal erklärten, sie hätten Befehle ausführen müssen wie in der Armee üblich (hätten sie sich vielleicht auflehnen und selbst eine Kugel einfangen sollen? Die Menschen streben immer danach "gut zu lebn und?"). Tatsächlich gab es immer solche, andererseits existierten auch in der finstersten Hölle andere, die es ablehnten, sich den Gesetzen des biologischen Überlebens und Vermehrens zu unterwerfen, aufgrund völlig immaterieller, ganz und gar unpraktischer, ja der Logik des Überlebens geradezu widerstrebender Abstraktionen wie Gott, Gewissen, Achtung und Würde ? Gerade dank dieser Menschen, die einen eigenen Willen hatten und die innere Freiheit, nach etwas Höherem zu streben als dem friedvollen Vegetieren ("und wasn fürn Staat das is, is doch gleich") garantieren einzig Wert und Würde der Geschichte. Ihnen ist es zu verdanken, daß sich die Welt nicht in einen globalen Gulag verwandelte. Eigentlich ist alles, was wir heute in Anspruch nehmen (einschließlich der Möglichkeit, in einem Fernsehstudio zu sitzen, das Mikrophon zu nehmen und seine, sei es auch ungeordneten, Gedanken zu äußern, dazu auf ukrainisch, einer Sprache, die die letzten 150 Jahre staatlich verfolgt und verstümmelt wurde), das wir gedankenlos als gegeben annehmen, ähnlich dem Wetter oder der Landschaft, all dies ist ausnahmslos "menschgemacht", das Resultat einer sehr langen, sich durch die Geschichte ziehenden Summe von Einzelleistungen, die Idealisten aller Art und verschiedener Zeiten entgegen dem Widerstand der biologischen Trägheit des Seins erbrachten und mit ihren Opfern bezahlten.
     Gütiger Gott! Es ist doch so einfach und offensichtlich! Ganz elementar, nicht wahr, Watson? Lernt man doch schon in der Schule? ?


Drittes Intermezzo, historisch
: Unter den verschiedenen Strömungen der Geistesgeschichte zeichnet den Marxismus das simpelste Verständnis dessen aus, was der Mensch sei. Er ist demnach ein Herdentier, ein Lebewesen im Kollektiv. Entsprechend dieser Vorstellung soll die Gesellschaft organisiert sein, damit die sogenannten gesellschaftlichen Werte gerecht verteilt werden. Die "lichte Zukunft der Menschheit", der Kommunismus wird stets und konstant als eine Gesellschaft, die in einem Meer materiellen Wohlstands schwimme, beschworen. Etwas Konkreteres konnte man nicht ersinnen - so sehr sich auch eine ganze Kaste "geistiger Würdenträger", Philosophen, Literaten, Künstler, mit einem Wort all "die Kämpfer der ideologischen Front" ihre Hirne zermarterten. Auch der Urvater der neuen "Religion für die Armen", Karl Marx wußte über den Menschen nichts Klügeres zu sagen als, "bevor man herumphilosophiert, muß man ordentlich essen, trinken und sich anziehen können"; man hält für selbstverständlich, daß der Satte, ordentlich Gekleidete und Getränkte damit bereits "befreit" sei und sich voller Freude in kulturelle, kreative Tätigkeit stürzt (so wie in einer Heiligenlegende "ich weiß nicht, wie mir geschieht, aber es ist wunderbar"?).
     Halten wir fest: zuerst materieller Wohlstand (die Basis) und dann das Geistige und Kulturelle (der Überbau), das heißt dann wohl, Musik, Tanz, Holzschnitzereien, Portraits schöner Frauen und was man sonst noch so alles auf der Halde findet ? damit, in der Kürze liegt die Würze, ist die materialistische Anthropologie auch am Ende ihrer Weisheit. Die Möglichkeit, daß beim "Herdentier" in seiner einfältigen Unschuld außer den "Basismotivationen " noch stärkere innere Antriebskräfte vorhanden sein könnten, wird nicht einmal in Betracht gezogen und so von vornherein ausgeschlossen. Eine Ausnahme wurde allerdings für ein einziges, relativ immaterialistisches Ideal zugelassen, Streben nach Wohlstand für alle (für das Kollektiv, die Herde), der in letzter Konsequenz auch die primäre Voraussetzung für den Wohlstand des Einzelnen darstellt. Hierin wurzelt das erstaunliche Paradoxon des an dieser Stelle bereits nicht mehr theoretischen, sondern schon praktischen Kommunismus: die Gesellschaft des "kämpferischen Materialismus" (sic!) erklärt die materielle Askese zu seinem obersten humanistischen Ideal, wobei individueller Komfort als "spießbürgerlich" verworfen wird, und die Gesellschaft mobilisiert ihren gesamten Überbau für die Propaganda des Postulats, daß die Bestimmung des einzelnen das Opfer (einschließlich des eigenen Lebens) für das Kollektiv sei, und alles im Namen eines künftigen "gemeinsamen Wohlstands".
     In einer solchen Gesellschaft lebten wir 70 Jahre. Wir wußten, daß uns die Propaganda frech ins Gesicht lügt, alle verstanden mehr oder weniger (der eine mehr, der andere weniger), daß dort, wo der einzelne aus Prinzip nichts bedeutet, es auch kein "Glück für alle" geben kann. Wir dachten, man brauche diese Maxime nur umkehren, sie zu dezentrieren, weg von "der Herde" hin zum "Einzelnen ", das arme, verachtete Individuum aus diesem System zu befreien, einen freien Produzenten aus ihm zu machen, dann wäre Schluß mit dem Kommunismus. Demokratie, Marktwirtschaft, Aufschwung, gesellschaftlicher Wohlstand ergießt sich in einem gewaltigen Strom ? au weh? da bekommt man ja einen Knoten in die Zunge?. Klarer Fall.
     Klarer Fall, wir hatten uns geirrt.
     70 Jahre lang hatten wir unter einem Regime gelebt, daß alle Mittel (einschließlich Polizei und Geheimpolizei) für die Entwicklung "der marxistischen Konzeption des Menschen", des Herdentieres, das gleichsam noch grob vom sogenannten Sozialdeterminismus vorprogrammiert ist, einsetzte. So erzog man uns in einer Atmosphäre tiefsten Mißtrauens gegenüber der Annahme, der Mensch besitze den Willen, sein Leben nach anderen Beweggründen zu organisieren als den "Basisgründen" (Wohlstand für sich und seine Familie). Da "alles andere Lüge" sein sollte, gewöhnten wir uns daran, hellhörig zu sein. Die Regierung war genauso hellhörig, nur schwieg sie. Auch die damaligen, auf den ersten Blick bereits idiotischen Losungen wie "das Volk und die Partei sind eins" liefen der Wahrheit gar nicht so sehr zuwider: sie waren tatsächlich "eins", wenn z.B. in einem Büro die Mitarbeiter (das "Volk") sich großherzig über einen Kollegen wunderten, der nach Israel auswanderte: er besaß doch ein Auto, eine Wohnung, eine Datscha, warum also geht er? "Was paßtn ihm nich?" - und aus der Partei, die in dieser Zeit wütende Attacken gegen Andrej Sacharov führte, war ähnliches zu hören, "er hat doch alles", was will er denn noch, der Querulant. Man bot noch mehr an, noch mehr zu essen, noch schmackhafter, noch mehr zu trinken, noch mehr Komfort?

Leseprobe Teil 3

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