Vorgeblättert

Leseprobe zu Szilard Borbely: Die Mittellosen. Teil 3

02.10.2014.
Meine Mutter lässt die kleine Lampe an, damit ich keine Angst habe. Sie hat die Form einer Ente. Die Fassung der Glühbirne wächst aus dem Kopf der Ente heraus. ­Neuerdings kann ich nicht schlafen. Über der Lampe ist auf ein Drahtgestell ein Schirm aus Wolle genäht. Der Schirm ist rosafarben und die Ente regenbogenfarben. Nachts male ich neben der Lampe. Alle schlafen schon.
     »Du darfst neben der Lampe malen«, sagt sie. Ich bin gern nachts wach. Doch meine Mutter lässt mich nicht. Aufs Feuer darf ich nicht nachlegen, obwohl das Zimmer schnell auskühlt. Die Entenlampe brennt auf dem Tisch und ich male. Ich versuche, die Lampe zu malen. Ich habe einen sechsfarbigen Buntstift. Ich muss sehr auf ihn aufpassen, denn ich bekomme keinen neuen. Das Feuer darf ich nicht anrühren. Ich darf nicht nachlegen. Die Platte ist rasch kalt geworden. Ich beginne zu frieren. Ich male uns. Meinen Vater weiter weg und kleiner. Er ist nicht zu Hause. Meine Schwester steht auf der einen Seite neben meiner Mutter. Ich bin der Kleinste. Meine Mutter hat einen riesig großen Bauch, weil sie unseren kleinen Bruder erwartet. Die Bäume sind grün, im kleinen Garten sind schon die Tulpen herausgeschlüpft. Wir sitzen auf der Bank draußen vor dem Haus. Damals haben wir uns manchmal draußen hingesetzt, weil unserer Mutter die Beine wehtaten. Wir sind weniger gelaufen.
     Als meine Mutter meinen Bruder erwartete, ist meine Schwester nie mit uns gekommen. Gingen wir irgendwohin, lief sie nicht neben uns. Sie ging entweder vor uns oder hinter uns. Sie tat, als gehörte sie nicht zu uns. Wenn wir unter­wegs zu meinem Großvater sind, geht sie auf der anderen Straßenseite. Sie behält uns von weitem im Auge. Mutter fragt sie, warum sie das macht.
     »Jetzt sieht jeder, was ihr gemacht habt«, sagt sie.
     »Was haben wir denn gemacht ?«, fragt meine Mutter. Meine Schwester sagt nichts, zeigt nur mit dem Finger auf den Bauch meiner Mutter.
     »Ein Balg«, sagt sie.
     Mein Vater lacht, sagt aber nichts.
     Meine Mutter wird rot. Sie antwortet nicht. Meine Schwes­ter ist trotzig.
     »Sie ist wie der gefickte Fuchs«, sagt Máli.
     Zurzeit ist sie immer so. Ich kann das nicht malen.
     Meine Schwester presst die Lippen zusammen, antwortet nicht.
     »Dein Mund sieht aus wie ein Hühnerarsch«, spottet Máli. Der Mund meiner Schwester biegt sich nach unten.
     »Mach deinen Mund nicht krumm, ich mach dir gleich eine Krumme«, sagt Máli und wiehert. Diese Wendung mag sie sehr. Krumme bedeutet Scheiße.
     »Denn was aus dem Menschen rauskommt, ist nie ge­rade«, heißt es. Denn nichts auf der Welt ist vollkommen.
     Ich bin gern allein. Aber man lässt mich nie in Frieden. Deshalb male ich nachts, wenn alle schlafen.

Wohin gehst du denn ?«, fragt ein alter Mann.
     »Auf die andere Flussseite. Ich helfe, das abgemähte Heu einzusammeln«, sage ich. Ich weiß aber nicht, ob ich mit diesem Menschen reden darf. Meine Mutter hat es mir nicht gesagt.
     »Welcher Fluss ?«, bohrt der Alte weiter.
     »Der Kidron«, sage ich.
     »Kidron ? Woher nimmst du das ?«
     »Bei uns zu Hause heißt er Kidron«, antworte ich.
     »Lebst du hier, in diesem Dorf ?«
     »Ja. Ich bin hier geboren«, sage ich. Dabei bin ich im Krankenhaus geboren. Es war noch neu damals. Ich war der Siebzehnte. Die Siebzehn kann man nicht teilen. Meine Schwester hat mir das Zählen beigebracht. Ich kann schon multiplizieren und auch dividieren. Vater sagte, es gibt Zahlen, die man nicht teilen kann. Sie haben keinen anderen Teiler als die Eins und sich selbst. Seither versuche ich jede Zahl zu teilen. Ich mag die, die keinen Teiler haben. Die so sind wie in diesem Dorf wir. Aus den anderen herausragen. Wie die Fünf, die Sieben, die Elf. Bis hundert kenne ich sie schon. Das heißt, bis hunderteins.
     Ich bin darauf gekommen, dass Multiplizieren in Wirklichkeit Addieren ist. Beschleunigtes Addieren. Ich mag die Zahlen. Dividieren ist schwer, deshalb übe ich ständig. Ich gehe auf der Straße und sage das Einmaleins auf. ­Addiere Zahlen, um nicht denken zu müssen. Für mich teile ich immer die Zahlen. So ist es nicht so langweilig, zu hacken, Mais abzukörnen, den Mist hinauszutragen. Auch die langweiligen Arbeiten sind nicht langweilig, wenn ich dabei kopfrechne. Die Sechzehn mag ich, weil sie vier mal vier ist. Das lässt sich leicht merken. Wie fünf mal fünf. Die Achtzehn ist drei mal sechs oder zwei mal neun. Die Siebzehn hingegen kann man nicht teilen. Eine einsame Zahl. Unteilbar.
     »Das gibt es nicht. Ich habe dich noch nie gesehen«, sagt der alte Mann. Während er mit zusammengezogenen Brauen in meinem Gesicht forscht. Er ist misstrauisch, dass ich vielleicht nicht die Wahrheit sage. Kinder lügen immer, dabei verraten sie sich auch, weil sie noch nicht lügen können. Er sucht mich nach bekannten Zügen ab, wem ich ähnlich sehen könnte. Aber ich sehe ihm an, dass er keinen Anhaltspunkt findet.
     »Ich bin im Krankenhaus geboren«, sage ich. »Aber mein Vater ist hier geboren. Wir leben hier. Wir haben nie woanders gewohnt.«
     »Hast du mich schon mal gesehen ?«
     »Ja«, sage ich. »Aber die Erwachsenen sind alle gleich.« Vor allem die Alten. Doch das denke ich nur. Die beiden tragen schwarz und haben Falten. Und keine Zähne.
     »Wie meinst du das, dass sie alle gleich sind ?«
     »Sie schreien, streiten sich laut«, sage ich.
     »Wessen Sohn bist du denn ?«, will der andere wissen.
     Ich sage den Namen meines Vaters, aber das sagt ihm nichts.
     »Wer ist dein Großvater ?«, fragen sie.
     »Der lahme Bobonka«, sage ich, weil sie ihn so kennen.
     »Ich weiß schon. Dann weiß ich, wer dein Vater ist«, sagt der eine Alte.
     »Den der Jude gemacht hat, der Bobonka ?«, fragt der ­andere.
     »So ging das Gerücht. Weibergeschwätz …«, sagt er und winkt mit der Hand ab.
     »Welche Bobonkas ?«, fragt er.
     »Die Eulen-Bobonkas«, sagt er. Denn die Bobonkas hießen Eulen. Das war ihr Spottname. Doch keiner weiß mehr, warum.
     »Dein Vater wurde vom Juden gemacht für einen Topf Schnippelbohnen …«, sagt er und lacht.
     »Was sind Schnippelbohnen ?«, frage ich.
     »Das wirst du erfahren, wenn du groß bist«, sagt er, und sie lachen.
     »Darf ich es jetzt nicht erfahren ?«
     »Das wäre noch zu früh.«
     »Weshalb zu früh ?«
     »Stellst du nicht zu viele Fragen ?«
     »Meinen Sie ?«, sage ich.
     »Wirst du frech ?«
     »Ich ?«, frage ich. Er schwingt schon die Hand, um mich zu ohrfeigen. Doch ich renne los zum Fluss, den wir Kidron nennen.

Mutter sitzt am Tisch und enthülst Bohnen aus einem Sack. Währenddessen spricht sie. Meine Mutter erfindet für mich Erinnerungen. Sie will, dass ich mich so ­erinnere wie sie. Dass ich mich an das erinnere, was sie für wichtig hält. Sie erzählt alte Geschichten. Bei uns sind Märchen alte Dinge, die wir neu erzählen. Wir erinnern uns an das Schlechte, das vorbei ist. In den Erzählungen meiner Mutter gibt es Geschichten, die passiert sind, und solche, die nicht passiert sind.
     »Du warst noch klein. Wir hätten dringend eine Ente gebraucht, schon wegen der Federn. Und auch sonst. Damals aßen wir auch Enteneier, weil es nichts anderes gab. Ich klaubte die verlorenen Federn aus dem Schlamm und wusch sie, damit wir eine Daunendecke hatten.«
     An diese Geschichten erinnere ich mich, weil sie sie schon oft erzählt hat. Seither erinnere ich mich an die Geschichte ­ von den Enten. An die Geschichte von den elf Enten erinnert sich meine Mutter. Ich erinnere mich nur an das, wor­an sie sich erinnert. All meinen Erinnerungen fehlt etwas, wenn nicht meine Mutter sie erzählt. Weil diese Erinnerungen meine Mutter erfunden hat. Doch in all meinen Erin­nerungen fehlt meine Mutter. In Wahrheit waren es zwölf Enten, aber die Geschichte meiner Mutter handelt bloß von elf, nicht von der zwölften. Die elf kann man nur durch sich teilen. Durch sich selbst und durch eins.
     Mutter fegt die Bohnenschalen von ihrem Rock und erzählt weiter.
     »Die zwölf kleinen Enten schnatterten im Pappkarton«, so erzählt meine Mutter immer.
     Am Morgen hat sie sie gebracht. Gestern habe ich die Tränke gereinigt, die Mutter im vergangenen Jahr auf dem Markt gekauft hat. Sie ist noch ganz neu, wir haben sie noch nicht benutzt. Letztes Jahr hat der Iltis alle Enten im Stall getötet. Am Morgen waren sie von ihm erwürgt. An ihren Hälsen war eine kleine Wunde. Dort hatte er ihnen das Blut ausgesaugt. Mutter weinte bitterlich. Er hatte ihnen die ­Kehle durchgebissen und das Blut ausgesaugt. Sie waren schon zu groß, um sie wegzuschleppen. Der Iltis frisst nicht das Fleisch, er saugt nur das Blut.
     »Wenn er wenigstens ein, zwei fressen würde«, sagt Mutter. »Er vergeudet sie alle. Der Krebs soll seine Eingeweide fressen«, sagt sie und weint.
     Mutter nahm den Spaten und begrub die Kadaver hinten im Garten.
     »Ich werde den Zigeunern Bescheid sagen. Aber wegen dem Iltis brauchen auch die sie nicht«, sagt sie. Sie klopft ein paarmal auf den Haufen und spuckt aus. Im Herbst hatten wir kein Entenfleisch.
     Die Tränke hat sie gestern abgewaschen und in den Hof gestellt, damit die Sonne sie bescheint. Der Sonnenschein reinigt alles. Fünf Löcher sind rundherum daran, durch sie können die Enten trinken. Und eins oben, wo wir das Wasser hineinfüllen.
     »Die Sonne soll es ordentlich austrocknen, nicht dass sie irgendeine Krankheit kriegen«, sagt Mutter. Sie hat sie mit der Scheuerbürste geschrubbt, sosehr sie nur konnte.
     Die Finger meiner Mutter sind dick und rot wie rote Bete. Die Fingernägel sind brüchig. Heute ist sie frühmorgens aufgestanden. Als ich aufwachte, hatte sie alles schon vorbereitet. Die Tränke stand in der Sonne, umgedreht, damit das Wasser gut abtropfte. Sie hatte die Enten vom Geflügelhändler geholt, schon eine Woche zuvor hatte sie mit ihm ausgemacht, er solle für sie zwölf Enten bestellen.
     »Zwölf sind ein Dutzend. Früher wurde alles in Dutzend gerechnet«, sagte Vater. Mutter hatte die Kiste auf den Gepäckträger gestellt, der Händler hatte ihr beim Festbinden geholfen.
     »Der Händler ist ein Garda. Bei ihm werden die einen Tag alten Küken angeliefert. Man muss sich auf die Liste setzen lassen, wie viele man haben will. Man muss zahlen. Früher brütete die Glucke die kleinen Hühner und Enten aus. Nur die kleinen Gänse nicht. Doch neuerdings muss man alle kaufen. Der Bauch der Glucke wird kahl, damit ihre Haut das Ei berührt. Die Federn würden die Wärme ab­fangen. Die Hitze macht die Glucken verrückt. Furchtlos beschützen sie das Nest. Zwicken, schlagen mit den Flügeln. Solange es kalt ist, halten wir sie drinnen im Haus. Abgedeckt mit einem großen Rost.
     Ich möchte die Entenküken streicheln. Winzige Flaumbüschel. Sie sind in einem viereckigen Pappkarton mit forintstückgroßen Löchern an der Seite. In der Fabrik sind nicht alle Scheibchen aus der braunen Wellpappe herausgefallen. Drücke ich mit der Fingerspitze dagegen, kann ich sie herausnehmen. Ich spiele damit, nehme sie alle heraus. Ich stelle mir vor, es sind Geldstücke. Ich sammele Geld. Ich will es meiner Mutter geben, damit sie nicht traurig ist.
     »Rühre die Enten nicht an«, zischt sie mir zu.
     »Ich rühre sie nicht an, sie gehen immer zur Seite. Ich nehme nur das Geld heraus«, sage ich.
     Die braune Kiste ist gut zusammengesteckt. Es ist schwer, den Deckel abzunehmen. Nur die Erwachsenen können das. Ich stecke meinen Finger durch das Loch, die Enten watscheln ein Stück beiseite. Wenn ich lang genug warte, trauen sich die Mutigeren näher und kauen an meiner Fingerspitze. Ihre Schnäbel sind weich, mit einem winzigen Rand rundherum. Geriffelt.
     »Nicht anrühren, hab ich gesagt«, wiederholt meine Mutter böse. Wegen irgendetwas ist sie böse. Vielleicht waren die Enten teurer als zuvor ausgemacht. Oder man hat sie übers Ohr gehauen. Immer wird sie übers Ohr gehauen. Vergeblich beschwert sie sich hinterher, sie wird nur ausgelacht. Vielleicht ist sie böse, weil sie eine kranke Ente dazugegeben haben, eine, die schon krepiert war, als sie zu Hause ankam. Oder sie bekam weniger, als sie mit dem Händler als Preis vereinbart hatte. Oder der Geflügelhändler rechnete falsch ab.
     Die Männer haben immer recht, sie brüllen die Frauen nieder. Und meine Mutter ist ohnehin zugereist.
     »Du bist zugereist, schweig !«, fährt man sie an.
     »Sollen sie es sich doch in den Arsch schieben«, sagt meine Mutter dann zu Hause.

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

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