Vorgeblättert

Leseprobe zu Sergio Bizzio: Stille Wut. Teil 3

12.07.2010.
Je intensiver die Beziehung zu Rosa wurde, desto mehr Feinde machte er sich im Viertel, allen voran den Portier, dem sich Israel, der Sohn des Genossenschaftsvorsitzenden, angeschlossen hatte. Israel war ein siebenundzwanzigjähriger Klotz, in dessen zwischen den Schultern eingesunkenem Kopf sich Augen und Mund wie Schlitze ausnahmen. Er schwitzte stark und hüllte sich in eine Wolke sündhaft teuren Parfüms, was in der Kombination mit dem Körpergeruch eine einzigartige, unerträgliche Ausdünstung erzeugte, bei der einem die Luft wegblieb. Obwohl er es selbst noch nie gespielt hatte - geschweige denn, dass er die Regeln kannte -, hatte er ein Faible für Rugby und kleidete sich stets in Trikots von Mannschaften aus aller Herren Länder. Dazu trug er Jeans und Wildledermokassins, und er war, um es gleich zu sagen, ein Nazi. Der Portier hatte ihn nach seiner Auseinandersetzung mit Maria angerufen, weil er wusste, dass Israel Ausländer hasste, erst recht, wenn sie arm waren, und noch mehr, wenn sie sich im Viertel aufspielten. Gespräche beendete er gerne mit dem Satz: "Warte nur, wenn ich einen von denen in die Finger kriege." Schön, jetzt hatte er Gelegenheit, in Aktion zu treten. Israel stand mit dem Portier im Eingang und wartete auf Maria.
Er ließ die Gelenke der Finger, der Handgelenke, der Knöchel und des Halses knacken, während der Portier eine Zigarette nach der anderen rauchte.
     Maria kam um Punkt halb sieben, wie am Abend zuvor. Der Portier sah ihn, stieß Israel mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kinn auf ihn.
     "Der da."
     "Zurück", sagte Israel leise.
Der Portier machte einen Schritt nach hinten.
     Wieder lag ein Gewitter in der Luft. Maria, dem es gleich war, ob er nass wurde, pfiff eine Melodie, die wie Vogelgezwitscher klang; über der Schulter trug er die Tasche mit seiner Arbeitskleidung. Als er auf ihrer Höhe war, stellte Israel sich ihm breitbeinig in den Weg.
     "Wohin willst du?", fragte er.
     "Wieso?"
     "Was heißt hier wieso? Ich hab dich was gefragt, du dreckiges Judenschwein."
     Maria sah zu dem Portier hinüber, der sich mit einem Schlüssel die Fingernägel säuberte, und ihm war klar, wem er das hier zu verdanken hatte. Er beschloss, etwas Unerwartetes zu tun: Er nahm die Tasche von der Schulter und rannte zur nächsten Ecke. Er war bereits verschwunden, noch bevor Israel sich umgedreht hatte.
     "Hast du das gesehen?", sagte Israel zu dem Portier.
     "Ich hab dir ja gesagt, er ist schnell."
     "Feiges Judenschwein. Diese Bolivianer sind doch alle gleich."
     "Das ist kein Bolivianer. Zu groß."
     "Dann eben Chilene."
     "Peruaner vielleicht."
     "Die Peruaner sind auch miese kleine Judenschweine. Aber der ist bestimmt Chilene. Wenn nicht Bolivianer, dann Chilene. Umso besser. Den kauf ich mir. Ich sorg dafür, dass dieses dreckige chilenische Judenschwein die Falklandinseln frisst", sagte er, bekreuzigte sich und küsste schmatzend seinen Daumen. Und da er ihn schon mal am Mund hatte, fing er an, am Nagel zu kauen.
     Israel konnte es nicht glauben. Der Portier auch nicht. So etwas hatten sie noch nie erlebt; sie wussten nicht, worüber sie sich mehr wundern sollten: über Marias Schnelligkeit oder über seine Feigheit.
     Da tauchte Maria wieder auf. Israel sah ihn als Erster um die Ecke biegen und auf sie zukommen. Er war jetzt in Begleitung von Rosa.
     "Ist er das, oder habe ich eine Sehstörung?", fragte Israel.
     "Feiges Arschloch!" rief der Portier. "Der traut sich was, hier wieder aufzukreuzen . . . und dann noch mit der Kleinen im Schlepptau!"
     "Zurück."
     "Besser, wir verschieben das auf morgen, Israel. Die Kleine wird schreien und Theater machen . . . Und ich fliege raus."
     "Niemand wird dich rauswerfen. Mein Alter ist Vorsitzender der Genossenschaft. Geh zurück, ich kümmere mich um ihn."
     "Macht es dir was aus, wenn ich reingehe?"
     Israel gab ihm keine Antwort, er hatte den Blick starr auf Maria gerichtet, der bis auf zwanzig Meter herangekommen war. Der Portier wartete einen Moment lang, er wollte bleiben und zusehen, wie Israel ihn plattmachte; aber am Ende entschied er sich doch für seinen Arbeitsplatz und ging ins Haus.
     Israel baute sich mitten auf dem Bürgersteig auf.
     Rosa merkte, dass etwas nicht stimmte, und wurde unruhig. Sie sagte nichts, aber Maria spürte, wie sie seinen Arm drückte.
     "Ruhig", sagte er, "das ist ein Flachwichser, dem gerade langweilig ist. Geh einfach weiter."
     Israel stellte sich ihnen in den Weg.
     "Huch . . . ", murmelte Rosa. Es war mehr Erstaunen als Schreck.
     Israel sprach zuerst mit ihr: "Du bist das Hausmädchen der Blinders, nicht wahr?"
     Rosa nickte.
     Israel sah zu Maria hinüber. Er wollte gerade etwas zu ihm sagen, als er spürte, wie eine Faust ihm die Nase einschlug. Er wich zurück und legte die Hand aufs Gesicht. Blut verteilte sich darauf. Maria machte einen Satz nach vorn, verpasste ihm einen Stoß mit dem Kopf mitten auf die Stirn und einen weiteren Faustschlag, diesmal in die Magengrube. Israel stieß einen Schmerzensschrei aus, er knickte ein, taumelte von einer Seite zur anderen, bis es ihm schließlich gelang, einen Arm auszustrecken und sich an der Wand abzustützen. Maria und Rosa gingen weiter.
     "Komm, Schatz."
     Israel sank in der Tür zu Boden. Seine Hand hinterließ eine blutige Spur an der Wand.
     Der Portier, der alles beobachtet hatte, kam mit weit aufgerissenen Augen aus dem Gebäude.
     "Polizei! Polizei!", schrie er.
     Doch mit letzter Energie und unversehrtem Stolz packte Israel ihn am Bein und sagte: "Jetzt mach keinen Aufstand, du Idiot, siehst du nicht, was mit mir los ist? Bring mich rein ..."
     Der Portier packte Israel am Arm und half ihm, sich aufzurichten, dann schleppte er ihn in das Gebäude und schloss die Tür.
     An den darauffolgenden Tagen wechselte Rosa stets die Straßenseite, wenn sie die Villa verließ, um zum Supermarkt zu gehen. Sie hatte Angst, einem der beiden Kerle zu begegnen. Israel sah sie nicht wieder, aber den Portier traf sie dafür gleich mehrfach. Er verfolgte sie mit einem Blick, als wollte er sagen "Dich krieg ich schon noch". Sie erzählte Maria davon.
     "Mach dir keine Sorgen, er meint nicht dich, sondern mich."
     Jedes Mal wenn Rosa zum Supermarkt ging, machte sie einen kleinen Umweg an der Baustelle vorbei, um sich kurz mit Maria zu treffen; dann wurde der Maschinenlärm, das Hämmern der Stößel, das Geräusch der Schaufeln in den Eimern immer langsamer und langsamer, als hätte sich die Filmspule der Wirklichkeit aufgehängt. Rosa war nicht hübsch, aber sie erstrahlte im Licht tausend wohlmeinender Absichten; ihre Liebe zu Maria war so offenkundig, dass, wenn sie die Baustelle verließ, die Maschinen, die Stößel und Schaufeln fast wütend ihren gewohnten Rhythmus wieder aufnahmen. Einen Moment lang wurde der Lärm ohrenbetäubend.

Gegen Ende des Winters fuhr das Ehepaar Blinder nach Costa Rica in den Urlaub und ließ Rosa zurück, um das Haus zu hüten. Die Abreise der Blinders bedeutete, dass es (vorläufig) ein Ende hatte mit dem Einfluss der Finanzen auf ihr Liebesleben: Rosa ließ Maria ins Haus - oder zumindest in die Küche. Jetzt schliefen sie nicht nur jeden Tag miteinander, anstatt nur samstags, sondern sogar zweimal täglich, morgens und abends. Rosa bereitete Maria eine Mahlzeit zu, die er früh am Morgen in der Villa abholte, und am Abend wartete sie mit dem Essen und einer Flasche Wein auf ihn. Zusammen vertilgten sie bergeweiseSchnitzel und Kartoffeln, frittiert, gratiniert oder aus dem Ofen. Erst spätabends verließ Maria das Haus.
     Es war strengstens verboten, Fremde ins Haus zu lassen. Rosa wusste das natürlich (man hatte es ihr zweimal gesagt und ihr dabei fest in die Augen gesehen), aber sie war so verliebt in Maria, dass sie es als einen unbedeutenden Verstoß ansah, ihn in die Küche zu lassen. Sie war jedoch vorsichtig und inszenierte regelrechte Tarnmanöver für die Nachbarn: Manchmal unterhielt sie sich eine Weile am Gitter des Dienstboteneingangs mit Maria und bat ihn erst herein, wenn sie sicher war, dass niemand sie gesehen hatte; manchmal kam sie auch mit einem Rechen auf ihn zu, als wäre er der Gärtner. Hatten sie es ins Haus geschafft, dann aßen sie zusammen, schliefen miteinander (immer in der Küche) und sahen fern, mit einem kleinen Apparat, den Rosa aus ihrem Zimmer geholt und auf die Anrichte gestellt hatte.
     Als Maria die Villa zum ersten Mal betrat, war er überrascht von der Größe der Räume. "Das gehört alles zur Küche?", fragte er verwundert. "Die ist ja größer als meine Wohnung!"
     Beim zweiten Mal wollte er sich weiter umschauen, doch Rosa bat ihn, sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen, und er drängte nicht weiter. Er ließ drei oder vier Tage verstreichen. Dann willigte Rosa ein, ihn mit in ihr Schlafzimmer zu nehmen.
     Er folgte ihr über einen dunklen Flur bis zu einem kleinen stickigen Zimmer mit einem durchgelegenen Bett und einer schirmlosen Lampe auf dem Nachttisch. Maria staunte, er konnte nicht glauben, dass es in diesem grandiosen Haus so eng und so dunkel sein konnte. Während sie miteinander schliefen, erklärte ihm Rosa, um das Thema so schnell wie möglich abzuhaken, dass dies der Dienstbotentrakt seisa, den er noch nicht zur Gänze gesehen habe, der Rest der Villa sehe völlig anders aus. Dann bat sie ihn, kurz zu warten, und ging ins Bad. Als sie eine Minute später zurückkam, war Maria nicht mehr im Zimmer. Rosa trat auf den Flur hinaus und rief nach ihm, leise, als könnten die Blinders sie hören. Sie ging bis zum Ende des Flurs und wieder zurück und eilte in die Küche, aber dort war Maria auch nicht. Rosa erschrak und war ganz außer
Atem, als hätte sie bereits den ganzen Weg abgelaufen, der ihr noch bevorstand. Verzweifelt rannte sie hin und her und suchte, bis sie zu dem Flur kam, der zum Wohnzimmer führte - einem großen Raum, dessen Fenster alle geschlossen waren. Da hörte sie ihn rufen.


Mit freundlicher Genehmigung von DVA

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