Vorgeblättert

Leseprobe zu Sergio Bizzio: Stille Wut. Teil 1

12.07.2010.
1

"Als du geboren wurdest, bin ich gerade gekommen."
     "Ich glaub dir kein Wort", sagte Rosa lachend, "daran kannst du dich unmöglich so genau erinnern."
     Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug fünf zehn Jahre. Rosa war fünfundzwanzig und Jose Maria vierzig. Er war so verliebt, dass er sich zu allem imstande glaubte, sogar, sich daran zu erinnern, was er an dem Tag gemacht hatte, als sie das Licht der Welt erblickte: War er wirklich gekommen? Damals war er mit einer dürren Bohnenstange liiert gewesen, die sich immer aufrichtete, wenn er ihre Taille umfasste, und dann noch größer und knochiger wirkte, als sie ohnehin schon war. Sie war einen Kopf größer als er, lispelte, trug Stretchkleidung und malträtierte ihr Haar mit einem Glätteisen, aber sie hatten Sex. Ein Jahr war Jose Maria mit dem Mädchen gegangen, und die Chancen standen achtundzwanzig zu eins, dass er tatsächlich am Tag von Rosas Geburt (im Februar) mit ihr geschlafen hatte. Außerdem wäre es einem Gottesbeweis gleichgekommen, sich so zeitgenau zu erinnern und dabei auch noch richtigzuliegen. Wie auch immer, es war sowieso nur ein Scherz, ein Spiel. Und Rosa gefiel es, zumindest die gute Absicht. Sie umarmte ihn.
     Sie bedeckte sein Gesicht mit Küssen, und er ließ sie gewähren. Als Rosas Ohr auf Höhe seines Mundes war, nutzte er die Gelegenheit und flüsterte:
     "Wie wär?s mal von hinten?"
     Rosa erstarrte.
     "Ähm ...", sagte sie.
     "Was ist? Keine Lust?"
     "Nein, es ist nur ..."
     Rosa sprach ihre Sätze oft nicht zu Ende. Auch wenn sie jetzt erregt war, so war es doch normal, dass sie mitten in der Rede abbrach: Sie dachte einfach so schnell, und dann prallten ihre Gedanken aufeinander und unterbrachen sich gegenseitig.
     "Es wird dir gefallen."
     "Ich weiß nicht ..."
     "Garantiert."
     Jose Maria sah sie einen Moment lang schweigend an, und weil Rosa nichts sagte, glitt er von ihr hinunter, legte sich neben sie und fasste an ihre Taille, um sie umzudrehen. Doch Rosa zuckte zusammen und rückte schnell von ihm ab, als hätte die Berührung seiner Hand einen Stromschlag ausgelöst.
     "Was ist?"
     Sie schüttelte den Kopf.
     "Komm schon, Rosa, ich kenn mich aus."
     Rosa stützte die Ellbogen auf, sah ihn an und fragte:
     "Liebst du mich?"
     "Das weißt du doch."
     "Warum willst du dann ...?"
     "Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun, mein Schatz? Wir sind jetzt schon fast zwei Monate zusammen. Liebst du mich denn?"
     "Und wie."
     "Ich dich auch. "
     "Ich habe gewusst, dass du irgendwann ..."
     "Ja, weil du es auch willst. Deshalb wusstest du es."
     "Aber, ich hab noch nie ..."
     "Ich auch nicht."
     "Echt?"
     "Warum sollte ich dich anlügen?"
     "Du hast es noch nie . . . Mit keinem?"
     Jose Maria küsste zum Schwur seine gekreuzten Finger. Sie lagen im Zimmer des kleinen Hotels im Bajo, in dem sie jeden Samstag abstiegen, und trugen nichts als ihre Armbanduhren. Letzte Woche hatte Jose Maria zwei falsche Rolex gekauft und Rosa eine davon geschenkt.
     Jose Maria konnte auf Rosas Uhr sehen, wie spät es war: Sie hatten noch zwanzig Minuten. Um zwölf mussten sie das Zimmer räumen.
     "Wirklich nicht?"
     "Was willst du? Soll ich schwören? Meinetwegen, ich schwöre es von hier bis China. Ich schwöre bei Gott."
     "Ist ja gut, ich glaub dir. Das heißt aber nicht, dass ich nachgebe!"
     "Schatz, jetzt sei doch mal still. Wir haben noch zwanzig Minuten."
     "Zwanzig Minuten, das reicht doch sowieso nicht für so was!"
"Rosa, ich liebe dich."
     "Ja, schon klar."
     "Was ist schon Zeit, wenn es um Liebe geht?"
     "Es ist nur ... Für mich ist das sehr ..."
     "Lass es uns doch einfach mal ausprobieren!"
     "Und wenn es wehtut?"
     "Ach was! Wenn es dir wehtut, höre ich auf."
     "Wirst du mich danach noch genauso lieb haben?"
     Jose Maria lächelte.
     "Küss mich", sagte er.

Im Grunde hätte Rosa Jose Maria alles gegeben. Hätte sie zwei Hinterteile gehabt, er hätte beide haben können. Sie liebte ihn. Sie hatte keine Angst davor, dass es wehtun könnte oder dass er den Respekt vor ihr verlor - wenn sie ehrlich war, konnte sie es eigentlich kaum erwarten, dass Jose Maria sie von hinten nahm.
     Sie hatten sich im Supermarkt an der Kasse kennengelernt. Rosa war Hausmädchen in der Villa der Blinders, und Jose Maria arbeitete auf einer Baustelle, einem Gebäudegerippe, zwei Querstraßen von der Villa entfernt. Von dort war er gekommen, um Fleisch und Brot für das Mittagessen zu kaufen, und dummerweise hatte er sich genau hinter Rosa an der Kasse angestellt, die einen Großeinkauf getätigt hatte: Ihr Wagen quoll über. Nach Jose Marias Schätzungen würde sie mindestens eine halbe Stunde an der Kasse brauchen. Er sah zu den Nachbarkassen, aber dort waren die Schlangen viel zu lang, und er stieß ein verdrossenes Zischen aus. Rosa hörte es; sie warf einen Blick in den roten Korb, den Jose Maria in der Hand hielt (eine Tüte mit Brot und eine mit Grillfleisch) und sagte:
     "Möchten Sie vorgehen?"
     Das Angebot brachte Jose Maria völlig aus dem Konzept. Er hob die Augenbrauen und machte eine knappe Bewegung mit dem Kopf, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte.
     "Nein, schon in Ordnung."
     Er war Freundlichkeit nicht gewöhnt. Während Rosa anfing, die Sachen auf das Band zu legen, wurde ihm klar, dass das Angebot eine Reaktion auf sein ungeduldiges Zischen gewesen war.
     "Ich wollte nicht ...", sagte er.
     Rosa drehte sich um und sah ihn an. Ernst, ohne ein Wort zu sagen.
     "Also, ich wollte nicht . . . ", wiederholte Jose Maria.
     Manchmal fiel es ihm schwer, sich verständlich auszudrücken.
     Rosa beugte sich wieder über den Wagen und lud weiter Sachen aus.
     "Trotzdem danke", sagte er noch.
     "Keine Ursache."
     Die Kassiererin lächelte, sah auf die Milchtüte in ihrer Hand und dachte, während sie den Strichcode eintippte, zwischen den beiden bahnt sich was an. Und sie lag richtig.
     Als Rosa fertig war und den Supermarkt verließ (es wurde alles angeliefert), ging sie nicht gleich nach Hause. Sie überquerte die Straße und tat so, als betrachtete sie eine Schaufensterauslage, um im Blickfeld von Jose Maria zu bleiben. Jose Maria verließ den Laden eine Minute später, die Einkaufstüte baumelte am Finger. Er überquerte die Straße und kam direkt auf sie zu.
     "Störe ich?", fragte er.
     Rosa hatte ihn im Spiegel des Fensterglases kommen sehen, tat aber, als wäre sie überrascht. Sie stieß sogar ein "Oh!" aus und legte die Hand aufs Herz. "Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt!"
     "?tschuldigung."
     "Halb so wild ..."
     "Wohnst du hier?"
     "Da drüben", sagte Rosa und zeigte auf die Villa an der Ecke.
     "Nette Hütte", bemerkte Jose Maria. "Ich arbeite in der Nähe ..."
     "Ach ja?"
     "Ja. Ich kaufe immer hier ein."
     "Und was machst du?"
     "Bau."
     "Aha, schön."
     "Ja, jetzt brummt es."
     "Was?"
     "Das Baugewerbe. Letztes Jahr war tote Hose. Jetzt geht wieder was. Und du?"
     "Ich? Hausmädchen. Da hat man seine Ruhe."
     Jose Maria lächelte, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen, und streckte ihr die Hand hin.
     "Jose Maria", sagte er.
     "Rosa", erwiderte sie und gab ihm die Hand.
     "Angenehm."
     "Ganz meinerseits."
     "Rosa also."
     "Ja."
     "Kaufst du auch immer hier ein?"
     "Gibt ja nichts anderes."
     "Aber Auswahl haben sie. Sogar CDs. Neulich war die von Shakira im Angebot. Magst du Shakira?"
     "Ja, schon. Ihre Stimme ..."
     "Und was hörst du sonst so?"
     "Na ja . . . Cristian Castro . . . Iglesias ..."
     "Vater oder Sohn?"
     "Sohn, immer schon. Die Señora hört den Vater, wenn sie allein ist. Nicht wenn Leute da sind, dann legt sie immer so klassische Musik auf, die ..." Sie lachte. "Alle sagen immer: 'Mach das doch aus, Rita', aber sie kümmert sich nicht darum . . . Keine Ahnung, warum sie es auflegt, wenn es ihr nicht mal selbst gefällt!"
     "Sie legt Musik auf, die ihr nicht gefällt? Leute gibt es . . . Enrique Iglesias also. Er heißt doch Enrique, oder?"
     "Enrique, ja. Aber Cristian Castro liegt mir mehr ..."
     "Und Cumbia?"
     "Früher. Jetzt hab ich es satt."
     "Ich auch. Dabei bin ich mit Cumbia-Musik aufgewachsen. Meine Mutter hat gesagt, als ich noch in ihrem Bauch war, hat sie immer das Radio draufgelegt, direkt auf den Nabel, stell dir mal vor. Aber stimmt schon, auf die Dauer wird man es leid."
     "Ich weiß nicht. Ich kenne Leute, die stehen drauf und werden immer drauf stehen. Aber mir hat Cumbia eigentlich nie wirklich gefallen."
     "Eben hast du doch gesagt, dass du sie früher gemocht hast!"
     "Nein, ehrlich gesagt . . . Ich wollte dir nur nicht auf den Schlips treten, ich dachte, du ..."
     "Ja, erwischt, ich bin ein echter Cumbia-Fan."
     "Nicht zu fassen, oder? Wir kennen uns kaum, und schon machen wir uns gegenseitig was vor."
     "Na ja", sagte Jose Maria. "Man redet halt über was, tastet sich vor, und aus Höflichkeit ..."
     "Rücksicht. Das ist gut so."
     "Bestens."
     "So muss es sein. Rücksicht ist für mich ... Also, wenn einem jemand die Wahrheit knallhart ins Gesicht sagt ..."
     "Dabei hast du so ein ehrliches Gesicht."
     "Danke."
     "Nein, nein, im Ernst! Ich habe dich angesehen und sofort gewusst, dass du ehrlich bist. Wie heißt du noch mal?"
     "Rosa."
     "Ein schöner Name, Rosa."
     "Danke. Na dann ..."
     "Musst du schon weg?"

Teil 2