Vorgeblättert

Leseprobe zu Sebnem Isigüzel: Am Rand, Teil 3

Leyla schlief vierzig Tage und vierzig Nächte in den Armen von denen, die sie gefunden hatten. Als sie aufwachte, hatte man ihr die Haare geschoren. Das waren Straßenkinder gewesen, sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht. Es gab keinen Spiegel, in dem sie sich hätte betrachten können.
     Einer, der seine Pupillen nicht fixieren konnte, meinte: "Jetzt stößt dir weniger zu, weil du wie ein Kerl aussiehst." Leyla aber war nicht traurig, weder darüber, dass man ihr die Haare abgeschnitten hatte, noch darüber, auf der Straße gelandet zu sein. Der Imam der Moschee, der denen, die im Park biwakierten, trocken Brot hinwarf, fragte sie: "Bist du eine neue?"
     Er zeigte auf ihren Kopf und fragte: "Hat die da oben alle beieinander? "
     Ihre Hände und ihr Gesicht waren noch nicht wie Erde aufgesprungen, ihre Farbe noch nicht dunkel geworden. Sie war ein neu auf der Straße gelandetes Spielzeug, ein sauberes Paar Socken, das auf den Müll geworfen worden war, ein Terminkalender, gebraucht vielleicht, aber mit Seiten, die noch nicht fettig und von Abwasser besudelt waren, eine Uhr, deren Zifferblatt noch immer glänzte.
     Auf das Zeichen des Imams hin hatte Leyla ihren Kopf festgehalten und sich daran erinnert, woher sie kam und wie sie hieß. Ob man sie wohl suchte? Wenn man sie suchte, war es merkwürdig, dass man sie nicht fand - mitten in der Stadt?
     An jenem Tag begann sie auch, den Müll zu durchwühlen. "Frei Tisch und frei Schank gibt?s nicht, Kleines", hatte sie der Erste, der sie vergewaltigt hatte (jedenfalls der Erste, an den sie sich erinnerte), verspottet.
     Er hatte seinen protzigen Gürtel fest angezogen und nach einem geeigneten Loch für seinen stählernen Stab gesucht.
     "Bloß weil wir dich gefickt haben, werden wir dir nicht auch noch den Bauch füllen! Dein Essen suchst du dir selbst." "Wo finde ich was zu essen?", fragte Leyla. Doch da lachte der Mann nur, der sich mit dem Gesetz der Straße so gut auskannte, und ging weg. Danach sah sie, wie ein paar Gestalten an den Müllcontainern standen und den Abfall durchwühlten. Sie ging auf sie zu und bezog die ersten schlimmen Prügel ihres Lebens - "Das ist unser Müll, du Nutte!".
     Leyla war ein törichtes Mädchen, das jahrelang vor einem Schachbrett gedöst hatte. Sie brach unter den Ohrfeigen, Faustschlägen und Tritten der Müllflöhe sofort zusammen. Als sie wieder zu sich kam, stand keiner mehr beim Abfall. Sie schaute sich nach rechts und links um, vielleicht hatten sie sich ja versteckt. Sie wartete so besonnen wie möglich ab, denn eventuell würden sie erneut auf sie losgehen, sobald sie die Hand ausstreckte. Dann langte sie mit ihrer ängstlichen, zitternden Hand hin und wühlte, mit nur einem Auge - sie konnte das andere wegen des angerissenen Lids nicht öffnen -, zum ersten Mal in ihrem Leben im Müll. Gerne hätte sie Haluk auf dem Müll gefunden. Wenn sie genau geschaut hätte, wäre ihr sicher diese einspaltige Zeitungsmeldung aufgefallen:
     fahir buluts sohn bei autounfall ums leben gekommen!
     Aber Leyla hatte ihn doch auf dem Ehebett liegend zurückgelassen! Sie hat uns ja daran erinnert, dass es im Leben nichts Gefährlicheres gibt als ein Wesen, das nur für einen Glauben gelebt hat. Fahir Bulut mochte seine Macht verloren haben, aber er war immer noch ein Faschist und dachte, er könne wie in den alten Tagen umbringen, wen er wolle. Sicher würde ihm zustoßen, was allen Faschisten zustößt: Von dem Augenblick an, in dem ihn das Glück bei der seine Taten stets rechtfertigenden Gemeinschaft verlässt, würde sich der leiseste Anflug von Terror gegen ihn wenden. Leider werden weder Leyla noch Sie Zeuge von Fahir Buluts Ende werden. Was Sie aber wissen sollten, ist, dass das Leben härtere Strafen bereithält, als obdachlos zu werden und auf der Straße zu landen.
     Leyla hatte sich nicht wie Fahir Bulut unter erträglicher Qual von der Welt versklaven lassen, sondern sie hatte sich unter großer und unstillbarer Qual von der Welt losgerissen. Für sie gab es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr; die Zeit hatte sich aufgelöst, ihre Seele hatte aufgegeben; sie war endlich an dem Punkt angekommen, den gewöhnliche Menschen vielleicht als das "Erlöschen" bezeichnen.
     Leben und Tod erschienen ihr lächerlich. Dabei war sie so weit bei sich, dass sie denken konnte, sie sei verrückt oder wahnsinnig geworden.
     Wie wir alle hatte sie ihre Angelegenheiten mit Gott noch nicht abgeschlossen.
     Hatte sich in jenen Tagen, an denen sie geglaubt hatte, der Himmel schlösse sich über ihr wie ein verfluchter Sargdeckel, irgendjemand darum bemüht, die Lüge ihres Schwiegervaters, Leyla erhole sich bei einem Verwandten, aufzudecken? Ein oder zwei Mitglieder der Delegation, die nach Reykjavik gefahren war. Der eine war der damalige Präsident des türkischen Schachverbandes. Er hatte, als er die Familie Bulut anrief, um zu fragen, wie es um Leyla stand, eine ziemlich deutliche Ermahnung erhalten. Der andere war der Schachjournalist von der Cumhuriyet, der sie auf dem Flughafen gefragt hatte: "Werden Sie zum Gehen gezwungen, Leyla?" Mehr als alle anderen interessierte er sich im Rahmen des Möglichen für Leylas Verschwinden.
     Als Erstes fand er heraus, dass Leylas Schaukampf 1987 in Montreal gegen Großmeister Timman und später im selben Jahr gegen Spasski von der türkischen Presse und dem Schachverband auf Druck Fahir Buluts verheimlicht worden waren. Er schrieb darüber, wie ihre glänzende Schachkarriere in ihrem eigenen Land von ihrer eigenen Familie behindert worden war, wie sie jahrelang mit Kasparow Briefpartien gespielt hatte, und er gab die Notationen dieser Partien wieder.
     Er befragte berühmte Figuren aus der Welt des Schachs nach ihr und schrieb daraufhin die folgenden Zeilen:
     "? der legendäre Schachweltmeister Michail Botwinnik sagt über Leyla, die eine Zeit lang an der von ihm gegründeten Schachschule studierte: 'Sie ist die schönste Spielerin, die die Könige, Damen, Läufer, Türme und Bauern je gesehen haben. Gott schütze sie! Gott stehe ihr bei!' Karpow, der seinen Titel 1984 verloren hat, dagegen beschränkt sich darauf, auf die Frage 'Was sagen Sie zu Leylas Verschwinden?' mit einem 'da ' ('ja') zu antworten. Der sich in Amerika auf seinen Wettkampf vorbereitende Kasparow sagt nur: 'Ich erwarte Leyla in Amerika.' Großmeister, denen sie in geheimen Schaukämpfen den Schneid abgekauft hat, haben ihre Spieltechnik so kommentiert: 'Leyla hatte eine hoch entwickelte Technik und einen Kampfgeist wie Aljechin. Ab und an spielte sie sogar das Königsgambit. Ihr Stil kann als universal und harmonisch bezeichnet werden.'"
     Leyla hatte nicht das Glück oder Unglück, dass sie hören konnte, was man über sie sagte. Das Foto, das in der Schachecke der Cumhuriyet veröffentlicht wurde, stammte von der sowjetischen Schachmeisterschaft 1978, bei der sie hinter Kasparow Zehnte geworden war und ihre Teilnahme einen Skandal ausgelöst hatte. Wie auf der Aufnahme aus ihrer Partie gegen Kasparow zu sehen, war Leylas typische Denkerhaltung, die Stirn hinter ihrer rechten Hand zu verstecken. "So kannst du nicht alle Steine sehen, vor allem nicht die des Gegners", hatten ihre Trainer sie gewarnt. Trotzdem grübelte sie weiter in dieser Haltung.
     Denn Leyla spielte nicht auf dem Schachbrett, das sie vor sich sah, sondern auf dem Schachbrett in ihrer Vorstellung. Leylas Trainer Pinkoschow erinnerte sie an das, was Nabokov über Tolstois Anna Karenina gesagt hatte: "Es ist so, dass wir manchmal das Gefühl haben, Tolstois Romane hätten sich selbst geschrieben, als seien sie von ihrem Material, ihrem Sujet verfasst worden." Diese Definition passte zu Leyla: In dem Spiel, das sie spielte, suchten sich Läufer, Dame, Bauern, Turm und Springer selbst ihren Weg. So wie es keinen Autor gab, der Anna Karenina verfasste und sich dabei ab und zu durch den Bart strich, so gab es auch keine Spielerin, die das Vorrücken der Figuren berechnete.
     Nun gab es auch keine Schachspielerin namens Leyla mehr.
     Als sie in ihr von Qualen und Trauer geschaffenes neues Universum fiel, hatten ihr Kameraden, die mit ihr das gleiche Schicksal teilten, die Haare geschoren und neue Kleidung angezogen. Sie hatten ihr einen Zeitungsausschnitt, der bei ihr gefunden worden war, als Ersatz für ihre Vergangenheit in eine Tasche gesteckt. Aber Sie haben überhaupt nicht gefragt, was das denn für ein Zeitungsausschnitt war! Es war der Artikel, den ihr der Schachreporter der Zeitung Cumhuriyet beim Aufbruch nach Reykjavik während der Wartezeit auf dem Flughafen mit den Worten "Heute habe ich über Sie geschrieben" überreicht hatte. Das Foto, das ich erwähnt habe, hat sie zum ersten Mal in der Zeitung gesehen.
     Sie hatte sich bemüht, sich vorzustellen, wie Fahir Bulut auf ein Bild von ihr reagieren würde, auf dem sie einem Kommunisten gegenübersaß.
     Bevor die Männer kamen, die sie am Arm fassten und zurückschickten, ging sie auf die Damentoilette, schnitt jenen Teil des Artikels sorgsam aus und steckte ihn in die Tasche.
     In den Tagen, in denen Leyla erfuhr, was es bedeutet, auf der Straße zu leben, erinnerte sie sich durch diesen Zeitungsausschnitt daran, wer sie war. Dann steckte sie eine Hand in die Tasche der mit einem dicken Strick zusammengerafften Hose. So wie das Glas Kaviar, das ihr in ihrer Manteltasche in die Hand fiel und Anlass war, den Mann, den sie auf dem Müll gefunden hatte, als Geburtstagsgeschenk anzunehmen. Sie hatte ihren Hunger vergessen und aufgehört, im Abfall zu wühlen. Sie lief schleppenden Schrittes und kratzte sich kräftig am Kopf, ohne zu ahnen, dass sie Läuse hatte. Am ganzen Körper kratzte sie sich - die Flöhe hatten überall ihre Nester gebaut. Bis zu diesem Tag hatte ihr Mann ihr Blut gesaugt, ihr Mann und die Menschen in seiner Umgebung.
     Nun tranken Flöhe das Blut der Spielerin, die schöner war als alle anderen Spieler, die die Könige, Damen, Läufer, Türme und Bauern je gesehen hatten; doch Flöhe trinken, wie sie Lust haben. Leyla war ein kleines Land, das die Freiheit gewählt und sich von der Hand der Tyrannen gelöst hatte. Dafür nahm sie den Verlust seines Bluts, seines Zusammenhalts und sein Verderben in Kauf. Eine Gesellschaft und ein Land sind zugleich wie ein einzelner Mensch. Um es ganz direkt zu sagen: Wenn Sie genau lesen, werden Sie sehen, das Leylas Leben das ihres Landes spiegelt.

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