Vorgeblättert

Leseprobe zu Romualdas Granauskas: Das Strudelloch. Teil 1

29.07.2010.
Kapitel 2

Als Gaucys in die Dorfschule ging, war er tatsächlich das einzige Kind aus dem kleinen Teil des Dorfes, das nur aus fünf Häuschen bestand, die eingezwängt zwischen Wald und Bahnlinie standen. Dort gab es keine weiteren Kinder seines Alters, und dort gab es auch keine Bücher, nur "Ausrele" und "Sakalelis". Diese Bücher gab es jedoch nicht in der Schule, denn die Lehrerin Blaziuniene hat keine Bücher aus Kaunas mitgebracht, nur zwei Koffer mit den nötigsten Kleidungsstücken.
     Bevor die Mutter mit ihrem Schulterjoch in die Stadt ging, holte sie Gaucys aus dem Bett, und er musste sich sofort an den Tisch setzen und anfangen zu essen. Sie glaubte, dass er nicht mehr einschlafen und sich verspäten würde, wenn er isst. In die Schüssel am Ofen wurde für ihn Wasser zum Waschen gefüllt, aber er wusch sich wie eine Katze erst nach dem essen, wenn die Mutter schon weit entfernt an den Bahngleisen entlang wankte, deshalb konnte sie die Sauberkeit der Ohren und des Halses nicht mehr überprüfen. In der ersten Klasse kannte Gaucys die Uhrzeit noch nicht, deswegen klebte die Mutter einen schmalen Papierstreifen auf das Uhrglas: Wenn der große Zeiger dort angekommen ist, musste er seine Jäckchen anziehen und gehen. Er war ein gehorsames und stilles Kind, kletterte nicht auf Zäune und Bäume, nur verging die Zeit seiner Kindheit, da er niemanden zum Spielen und nichts zu lesen hatte, unendlich langsam, besonders im Herbst und Winter, wenn es früh dunkel wird, regnet, schneit, wenn der Wald mit tausend Stimmen rauscht und stöhnt, und wenn die langen Züge in der einen Hälfte des Häuschens bis zum Erschrecken laut rattern. Dann ging er zur Kuh in den Stall, nahm sich aus dem Holzhaufen Holzscheite und Späne mit, dachte sich irgendein Spiel aus, dieses warme, kräftige und ruhige Tier war sein bester Freund. Die Kuh begann sogar zu muhen, wenn sie ihn längere Zeit nicht gesehen hatte. Er pflegte ihr Märchen zu erzählen, jene, die in "Ausrele" und "Sakelelis" standen über das Brüderchen Joniukas und das Schwesterchen Elenyte, über die drei Stellmacher, die ihre Bäuche an den Baum hängten und in die Welt gingen, über den Kampf des Kestutis mit den Kreuzrittern und über Birute. Aber mit einem Ohr lauschte er immer, ob der Zug durch das Land rattert und rasselt, dann ging er aus dem Stall hinaus und schaute so lange, bis die letzten Waggons verschwunden waren. Im Winter, wenn er in der Stube war und den Zug wieder herandonnern hörte, zog er die Gardinen zur Seite, presste die Nase an die kalte Fensterscheibe und beobachtete, wie das starke Scheinwerferlicht der Lokomotive die dichte Dunkelheit durchschnitt und eine Lichtschneise durch die Regentropfen und das Schneetreiben schlug. Unheimlich und geheimnisvoll waren diese Züge für das einsame und traurige Kind der Dorfwitwe, und so hat er vielleicht noch von diesen Tagen her für sein ganzes Leben eine Angewohnheit bewahrt: er konnte sich mit einem Menschen unterhalten, er konnte ihm gerade in die Augen schauen, genau zuhören, aber man konnte spüren, dass er die ganze Zeit über bereits mit einem Ohr irgendetwas wahrzunehmen schien, das dann etwas später erst für andere zu hören war. Man hörte es von irgendwoher, von vorne, von der Seite, vielleicht von hinten, und es war nicht klar, von welcher Art dieser unerwartet tönende laut sein würde. Knallend wie ein Schuss oder leise wie ein Geflüster. Die Klassenkameraden, besonders die Mädchen drehten sich sogar manchmal um, als ob sie auf einmal das Gefühl hätten, dass sich von hinten irgendjemand näherte.
     Die Stadt nahm Gaucys sofort fordernd in Besitz, und ließ ihn nicht mehr los. Genauer gesagt, ließ sie ihn täglich nur für eine kurze Zeit los: um nach Hause zu gehen und dort zu übernachten, aber nur bis zum nächsten Morgen, denn dann musste er wieder zur festgesetzten Zeit mit Büchern und Heften zurückkehren. Die Schule war für ihn jetzt alles, die Lehrer, der Unterricht, die Pausen, Basketball, der Tischtennistisch im Flur, hier gab es viele Kinder wie ihn, was war dagegen das Dorf, die erschöpfte Mutter, die Kuh und das Ferkel! Tatsächlich muhte die Kuh schon nicht mehr, wenn sie umsonst auf ihn gewartet hatte, und als sie alt wurde, zog die Mutter eine andere auf, und die kraulte er nicht ein einziges Mal zwischen den Hörnern.
     Gaucys wurde größer, aus einem Säugling war ein Kind geworden, aus einem Kind, ein Halbwüchsiger, seine Wege wurden länger, die Welt wurde weiter; hielt mehr Wissen, Erfahrungen und Raum bereit: am Anfang gab es nur den Weg an den Bahngleisen bis zur Schule, nur diesen einen, später ging er auf anderen Wegen, auch bis zu der großen Mühle am Fluss Venta jenseits der Stadt und bis hin zu dem anderen Teil, wo das Torfbruchgebiet beginnt, aber er ging immer alleine, nahm alles zur Kenntnis und überlegte sich irgendetwas. Es war merkwürdig, aber er war in der ganzen Schulzeit in kein Mädchen verliebt, wenigstens nicht in dem Sinne, dass er nachts allein nur sie denken und sich schlaflos hin und her wälzen musste. Er ging während seiner Schulzeit auch nicht zum Tanz, vielleicht war er ein- oder auch zweimal dort gewesen, aber es interessierte ihn nicht. Er hatte auch nicht das Gefühl, aus irgendeinem Grund schlechter zu sein, weil er etwa zum Zeichnen, Singen, Theaterspielen oder zum Organisieren irgendwelcher Klassenveranstaltungen unbegabt war, kurz gesagt, er zeigte nie irgendeine Initiative und war ein durchschnittlicher Schüler, selbst die Klassenlehrerin hätte nicht sagen können, wofür er sich in Wirklichkeit interessierte. "Für alles" - dieses Wort passte nicht. "Für nichts" auch nicht. Es wird gesagt, in der Jugend solle man leben, im Alter verstehen. Bei Gaucys war es wahrscheinlich umgekehrt, noch in der fünften Klasse, es war im Frühling, entdeckte er plötzlich und unerwartet das große Vergnügen des Lesens! Seine ganze Welt kam ins Wanken, vielleicht stürzte sie sogar ein. Diese plötzliche Offenbarung und Erweiterung der Welt nahm Gaucys den Atem, er fühlte sich darin verloren, er war erstaunt, aber glücklich. Jetzt war er nicht mehr einsam.
     Er stürzte sich gierig auf das Lesen, er verschlang die Bücher, fast jeden dritten Tag nahm er aus der Schulbibliothek einen neuen Bücherstapel mit nach Hause, aber davon gab es leider nicht Tausende, sondern nur einige Hundert, denn die alten Bücher, die vielleicht in zwanzig Jahren gesammelt worden waren, hatte man aussortiert, weggebracht, vielleicht auch verbrannt. Russische Bücher gab es viele, aber Russisch konnte er noch nicht so gut, und jedes Mal, wenn er ein dickes russisches Buch in die Hand nahm, zitterte er vor Ungeduld, es zu lesen und zu verstehen, jedes Mal erfasste ihn Angst und Machtlosigkeit: ich werde es nicht bewältigen, ich werde es nicht verstehen; und wie würde es dann sein, wenn die Unfähigkeit zu verstehen alles vor seinen Augen verschlösse wie ein hohes, unüberwindbares Tor. Die grauhaarige Frau, die dort arbeitete, hatte von Gaucys schon vor langer Zeit wahrgenommen, sie empfing ihn immer mit einem warmen Lächeln. Sie erlaubte niemandem, auf einmal mehr als drei Bücher mitzunehmen, so war die Regel, aber Gaucys durfte sich so viele Bücher aussuchen, wie er unter dem Arm tragen konnte, die folgende Woche aber hatte er alle schon gelesen und zurückgegeben. Nicht nur einmal sah sie Gaucys mit kraftlos herunterhängenden Armen vor dem Regal mit den russischen Büchern stehen.
     "Sei nicht traurig, Kindchen. Ich werde dir für den Anfang ein dünnes Buch und ein Wörterbuch dazu geben. Lies das Buch nicht auf einmal durch, sondern nur dann, wenn dich die litauischen Büchern ermüden. Das Wörterbuch kannst du bis zum Frühling zu Hause behalten. Lies eine Seite oder auch zwei Seiten, pauke nicht die neuen Wörter auswendig wie im Unterricht, jedes Wort wird den Weg von selbst in dein Gedächtnis finden und sich im Satz von selbst einprägen, jedoch nicht, wenn man es wie ein Papagei wiederholt. Die Mühe lohnt sich, Kindchen, es gibt gute russische Bücher, sogar sehr gute. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger gute litauische Bücher wird es geben, du musst russische Bücher lesen, es gibt keinen anderen Weg."
     Obwohl ihre Stimme traurig war, fühlte Gaucys sich sehr ermutigt, tapfer verbiss er sich in sein erstes russisches Buch, zu tapfer vielleicht, denn am dritten und vierten Abend weinte er fast vor Kraftlosigkeit, er hatte auch noch nicht gelernt, das Wörterbuch richtig zu benutzen, dasselbe Wort hatte viele Bedeutungen und man muss klug die einzig richtige Bedeutung auswählen. Nach ungefähr zehn Tagen brachte er alle litauischen Bücher zurück und legte sie auf den Tisch, sie nahm jedes Buch einzeln in die Hand und machte daraus einen neuen Bücherstapel.
     "Und wo ist das russische Buch? Ist nichts daraus geworden?"
     Gaucys wusste selber nicht, warum er es in eine Zeitung eingewickelt und in die Mappe zu den Lehrbüchern gelegt, jetzt wickelte er es aus.
     "Du hast es bewältigt! ?" Die Frau strahlte. "Du hast bewältigt, Kindchen! ?"
     Gaucys stand vor dem Tisch, er war ganz rot geworden und atmete heftig, als ob er es erst jetzt bewältigt hätte.
     "Ich habe jetzt zwei Leser von russischen Büchern, dich und die Lehrerin der russischen Sprache. Und es gibt noch einen, er lernt mit dir, aber in der Parallelklasse, er hat mich jedoch angeschwindelt, ich habe sofort gesehen, dass er es nicht bewältigt hat ? aber du schon!"
     Gaucys fragte sie nicht, wer das ist? Erst Jahre später erfuhr er seinen Vor- und Nachnamen, als sie beide unzertrennliche Freunde geworden waren, aber da hatte auch der Freund das Buch schon bewältigt, nicht beim ersten Mal, wie Gaucys, aber er hatte es bewältigt.
     Bald bekam er für die russische Sprache nur noch die beste Note, es waren die einzigen Fünfen, die im Klassenbuch neben seinem Namen standen, da jetzt für Schulbücher sehr wenig Zeit übrig blieb.
     Die Mutter verstand nichts von dem, was Gaucys während des Schuljahres machte, sie hatte auch keine Zeit, sich darum zu kümmern, ihr war es nur wichtig, dass das Kind nicht sitzenblieb. Schon seit langem war ihr Dorf in eine Kolchose eingegliedert worden, abgesehen von den anderen Arbeiten wurde allen die Norm auferlegt, die riesigen Rübenfelder zu jäten, aber bevor die Mutter in die Kolchose arbeiten ging, hatte sie schon die Milch in der Stadt verteilt. Wenn sie abends nach Haus kam, musste sie noch eine dritte Arbeit erledigen: die Kuh, die Hühner, das Ferkelchen. Dann ging sie ins Bett und schlug die schmerzenden Hände auf die Decke, obwohl sie noch eine junge und starke Frau war. Sie fragte fast nie, wie es ihm in der Schule ging, zu keiner der Elternversammlungen im Laufe so vieler Jahre war sie gegangen, aber auch Gaucys, so sehr in die Bücher vertieft, erkundigte sich nie, was sie den ganzen Tag über in der Brigade gedroschen, gesät und geschnitten hatten. Alles was jenseits der Eisenbahnlinie auf der Seite des Flusses geschah, interessierte ihn nicht. Er hatte sein eigenes Leben, und in diesem Leben seine eigenen Freuden und eigenen Sorgen. Jetzt wollte er nichts anderes als von morgens bis abends lesen, wenn möglich auch von abends bis morgens, die ganze Woche, den ganzen Monat, sein ganzes Leben lang. Nicht das Wissen zog ihn an, überhaupt nicht, er las keine Lehrbücher, nur schöne Literatur oder Romane. Irgendetwas anderes zog ihn an, vielleicht war es, dass ?wenn er nur ein Buch aufschlug ? dann verschwand plötzlich nicht nur die Welt um ihn herum, sondern auch Gaucys selbst war nicht mehr da. Hier an den Bahngleisen, am Wald, in seiner Hütte, an seinem Tisch. Seine Ohren hörten nicht mehr die heranfahrenden Züge, die Augen sahen nicht mehr, ob im Hof die Sonne schien und ob sich die Krone des alten Kirschbaumes nach allen Seiten hin und her bewegte. Wo er dann war, wusste niemand, nur er selber.
     Vom letzten Frühjahr abgesehen, hatte er in der Mittelschule nicht einen einzigen guten Freund. Aber er suchte auch keinen. Und er schloss mit keinem Mädchen eine Freundschaft - als ob die erste unvergessliche Liebe an ihm vorbeigegangen wäre. Trotzdem war er kein unfreundlicher, mürrischer Halbwüchsiger, es hätte ihn nur jemand freundlich anreden müssen und er wäre sofort von Herzen darauf eingegangen, aber so jemanden gab es nicht. Die anderen hatten Kontakt miteinander, befreundeten sich, stritten sich, schlossen wieder Frieden, schrieben Liebesbriefchen und Gedichte, warteten ungeduldig auf den Samstag, um dann in der Schule zu tanzen. Gaucys jedoch war kein Stadtkind, nach der letzten Stunde nahm er seine Bücher und lief an den Bahngleisen entlang nach Hause. Aber er war auch kein Dorfkind mehr. Er gehörte sich jetzt selber, richtiger: den Büchern. Ein Kind der Bücher, das niemanden an irgendetwas hinderte und um das sich niemand kümmern musste.

Teil 2