Vorgeblättert

Leseprobe zu Romualdas Granauskas: Das Strudelloch. Teil 2

29.07.2010.
In der Schulbibliothek gab es bald keine Bücher mehr, die er nicht gelesen hatte, weder litauische noch russische. Als er mit herunterhängenden Armen traurig vor den Regalen stand, sagte die grauhaarige Frau der Bibliothek nichts, sondern sie wählte eine Telefonnummer und telefonierte mit jemandem.
     "Maryte, willst du vielleicht einen guten Leser haben? ? Ja? ? nein, er ist noch nicht achtzehn Jahre alt, aber du solltest ihn sehen, so ein Leser! Du hast wirklich noch nie einen Besseren gehabt. Gaucys ist sein Nachname, Jouzapas ? Ja? ? in der elften Klasse. Kann er kommen? Ich danke."
     So wurde Gaucys Leser der Stadtbibliothek. Wie viele noch nicht gelesene und nie gesehene Bücher gab es dort!
     Damals war gerade Februar mit seinem ersten Tauwetter, mit den kalten Tauwettertropfen, die von allen Dächern herabrannen. Wie immer bog Gaucys nach dem Unterricht nicht in Richtung seines Hauses ab, sondern in die entgegengesetzte Richtung: zur Stadtbibliothek. An diesem Tag freute ihn alles, der Sonnenschein, der für die Augen nach dem langen und schneereichen Januar ungewohnt war, die herabfallenden Tropfen und der Gedanke, der nur jetzt so klar und fröhlich, wer weiß warum, in seinem Kopf aufblitzte: Jetzt kommt der Frühling, der letzte Frühling in der Schule! noch einige Monate, und dann ist Schluss, geh mit Gott! ? Was dann wird, darüber hatte Gaucys noch nie nachgedacht.
     Dort, in dem schmalen Gang zwischen den Bücherregalen, stieß er mit einem ihm bekannten Schüler aus der Parallelklasse zusammen, aber sie begrüßten sich nur mit einem Kopfnicken, und als Gaucys die Hand nach dem dicken dunkelblauen Bücherband "Port Arthur" ausstreckte, berührten sich unbeabsichtigt ihre Hände.
     "Nimm", Gaucys zog die Hand zurück. "Ich werde es später lesen."
     "Nein, nein, nimm du! Wenn du es durchgelesen hast, sag es mir, dann können wir zusammen hierher gehen und ich trage es in meine Liste ein. Liest du schnell? Reicht eine Woche aus?"
     "So lange brauche ich nicht."
     Sie gingen zusammen auf die Straße in den Sonnenschein. Als sie so zusammen gingen, entwickelte sich ungefähr folgendes Gespräch: "Hast du 'Cusima' gelesen? Gut, oder nicht?!"
     "Und du den Meerwolf?"
     "Und die Schatzinsel?"
     "Und die Kinder des Kapitän Grant?"
     "Hör mal!" Plötzlich wurde Gaucys alles klar. "Das ist doch alles über das Meer?!"
     "Natürlich," der neue Freund nickte sehr ernst mit dem Kopf. "Über was sollte es sonst sein?"
     So zeigte sich, dass eine sehr tiefe Freundschaft mit einem Gespräch über Bücher beginnen kann.
     Hat derjenige nicht recht, der einmal klug sagte, dass die Jugend in der Freundschaft das Ähnliche sucht, das Alter jedoch das Unterschiedliche? Der neue Freund wohnte auch in einem Dorf, nur auf der anderen Seite der Stadt, auch er verschlang Buch um Buch, und Gaucys dachte während dieses ersten Gesprächs darüber nach, ob er vielleicht nicht jener wäre, der die grauhaarige Frau aus der Bibliothek angelogen hatte, das russische Buch gleich beim ersten Mal bewältigt zu haben, jedoch er sagte das nicht laut. Gaucys besaß keinen Vater mehr, der Freund keine Mutter, aber er hatte eine Stiefmutter und noch zwei kleine Stiefbrüder, irgendwie merkte Gaucys, dass der neue Freund auch einsam war.
     Als die zwei sich schließlich trennten, war der Februartag schon zum Abend geworden, auf dem Bahnübergang lag rußiger Schnee, die abgefahrenen Gleise glänzten bläulich, die leichte Kälte wurde mit der herannahenden Nacht langsam schneidender. Als Gaucys das letzte Stück allein nach Hause ging, nahmen ihm die Gedanken, die sich in seinem Kopf wie die Strudel eines Flusses drehten, fast den Atem. Und dieses erhabene, irgendwie himmlische Gefühl, das er bisher nicht gekannt hatte, war, dass er einen Freund hatte! Er hatte einen echten Freund. Viel hatte Gaucys darüber gelesen, was eine echte Männerfreundschaft bedeutet, welch tiefe Spuren sie in den Seelen und Schicksalen hinterlässt. Sogar Schicksale kann sie zerstören, in Stücke brechen, manchmal kann eine solche Freundschaft groß und stark sein! ? aber dieses Gefühl einer zukünftigen Freundschaft beängstigte Gaucys zugleich ein wenig: Wird er fähig sein, eine Freundschaft zu pflegen? Jedoch spürte er, dass er sich dieser Freundschaft unmöglich entziehen konnte, und dass sie sich unausweichlich näherte, welche Bedeutung sollten aber dann die leisen Zweifel haben, die Gaucys verspürte gegenüber dieser ihn überströmenden Freude, dem Rauschen des Blutes in seinem Ohr und diesem Glücksgefühl, das ihn vom Erdboden abhob und das er noch nie empfunden hatte?
     Nach dem Essen schlug er kein Buch auf, seine Mutter schaute ihn sogar verwunderte an. Gaucys wollte, dass sie sich nur möglichst schnell hinlegte und das Licht löschte. Er wollte sich auf den Rücken legen, die Hände unter den Kopf stecken und die ganze Nacht von seiner zukünftigen Freundschaft vor sich hin träumen. Aber er schlief schneller ein, als er gedacht hatte, ermüdet von den neuen Gefühlen dieses Tages, mitten in seinen Träumereien. Am Morgen weckte die Mutter ihn nicht, denn es war Sonntag, er hörte nicht einmal mit halbem Ohr, wie sie in der Küche mit den beiden Kannen schepperte. Als er in den Hof hinausging, war es am Waldrand noch bläulicher als am Tag zuvor, die jungfräuliche Sonne war schon aufgegangen und es würde Tauwetter geben. Es wird von der südlichen Dachseite tropfen, und so wird es gut sein, sich hinter den Tisch mit dem Gesicht zum Fenster zu setzen und zu beobachten, wie die herunterhängenden dicken Eiszapfen glitzern, wie die Tropfen an ihnen herunter gleiten und herabfallen, plötzlich aufblitzen, und jedes Aufblitzen findet einen Widerhall im Herzen, in dem dann irgendetwas erbebt, schmachtend zusammenzuckt und im ganzen Körper sich eine angenehme, träge Ergriffenheit verbreitet.
     Jetzt traf er sich mit Vidas, so war der Name seines Freundes, in jeder Pause, und sie gingen nicht wie früher sofort nach Hause zu ihren Büchern, sondern Vidas begleitete Gaucys bis zu dem Bahnübergang, danach Gaucys ihn zurück bis zur Schule, und so einige Male hin und her, und immerzu redeten sie, redeten sie, redeten sie, so als ob sie die ganze Zeit, die jeder schweigend hinter den Büchern verbracht hatte, mit Reden aufholen wollten.
     Wenn Gaucys bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ernsthaft überlegt hatte, auf welche Hochschule er gehen und wo er lernen sollte, so stand das für Vidas schon lange fest, er würde in Klaipeda auf die Marineakademie gehen und Steuermann werden, danach in Leningrad lernen, die Hochschule beenden, und zum Schluss auf jeden Fall Überseekapitän werden. Er versäumte nicht, Gaucys mit seinen Träumereien anzustecken, und dieser entflammte sogar noch heißer dafür, weil er sich schon gar nichts anderes mehr vorstellen konnte als nur mit Vidas zusammen zu lernen, sogar in einem Zimmer mit ihm zu wohnen.
     Das Sonderbarste war, dass beide dieses Meer nicht einmal aus der Ferne gesehen hatten. Nur in den Büchern waren sie viele Male zusammen gefahren mit Dampfbooten, mit Segelbooten, oder sie trieben auf einem eilig zusammengebundenen Floß im Ozean. Aber das hatte keine Bedeutung für ihre Entscheidung. Denn es konnte doch niemand erklären, woher, wie, warum in Dorfkindern, die in kleinen, begrenzten Räumen zwischen den Hütten, Äckern, Weiden und Gräben aufgewachsen waren, die niemals einen Horizont gesehen hatten, in dem der Himmel mit Erde oder Wasser in gerader Linie zusammentrifft, wieso in den Ohren dieser Kinder eines Tages die tönende Stimme dieser großen Weite erschallt, warum sie später dann nicht mehr verstummt, warum sie den empfänglichen Herzen und dem schnell erregbaren Verstand keine Ruhe mehr lässt?
     Wahrhaftig, für ein paar Nächte schlief Gaucys nicht, er dachte über seine Zukunft nach, aber es war weniger ein Nachdenken, sondern eine lange Reihe von klareren und nicht sehr klaren Bildern, hier steht er mit Vidas am Meeresstrand, gekleidet in die neuen Uniformen der Offiziersanwärter, da beide auf dem Schiff, auf dem Heck des Schiffs, und die stürmischen Wellen spritzen ihnen salzige Gischt in die Gesichter, dort fährt Gaucys schon allein auf seinem Schiff, Vidas ist längst nicht mehr an seiner Seite, und hier erkundet Gaucys durch das Fernglas die unermesslichen Weite der Wasser, so lange, bis er fern am Horizont die gut bekannten Umrisse von Vidas? Schiffes erspäht und er irgend jemandem befiehlt, drei Mal lang und anhaltend ein lautes Signal zu geben, um das Schiff von Kapitän Vidas zu grüßen, und von drüben ertönt dann ebenfalls ein lang anhaltendes Signal. So grüßt Vidas seinen besten Freund Kapitän Gaucys ?
     Und so wurde während dieser paar Nächte alles beschlossen.

Teil 3