Vorgeblättert

Leseprobe zu Richard Cobb: Tod in Paris. Teil 2

17.03.2011.
Wir sind bereits auf die auffällige soziale Immobilität zu sprechen gekommen, die sich aus der Auflistung der Selbstmörder ergibt. Eine vergleichbare Beständigkeit zeigt sich bei ihren Wohnsitzen. Beinahe die Hälfte der etwa 270 Menschen, von denen wir hier erfahren, wohnten zum Zeitpunkt ihres Todes in einem Logierhaus; oft finden sich Hinweise, dass sie schon etliche Jahre wenn nicht immer im selben garni, so doch in derselben Straße gewohnt hatten. So ist beispielsweise für einen Mann festgehalten, dass er seit 17 Jahren im Viertel rund um die Rue Saint-Denis gewohnt hatte. Ein garni war nicht unbedingt eine vorübergehende Bleibe für Neuankömmlinge, manch einer verbrachte dort samt Familie seine ganze arbeits- und entbehrungsreiche Existenz. Das Leben eines habitant de garni war oft kaum weniger beständig als das eines etablierten Hausbesitzers. Eine Wäscherin ist aus einer Straße zum Fluss aufgebrochen, in der alle ihre Verwandten das Bügeleisen schwingen. Der ehemalige französische Generalkonsul in Philadelphia kann eine besonders erlauchte Gruppe von repondants aufbieten, unter ihnen François Chappe aus der Familie des Erfinders des Flügeltelegraphen; sie haben nicht nur einen ähnlichen gesellschaftlichen Status, sondern leben auch alle am Quai Voltaire oder dort in der Nähe.
Dass man Bekannte in der Nachbarschaft hatte, bedeutete nicht zwangläufig, dass man sich seit langem in einem Viertel eingelebt hatte. Bekannte in der Nachbarschaft, zumindest Grußbekanntschaften, wenn schon nicht richtige Freundschaften, fand man bei der ungezwungenen bonhomie und dem engen Zusammenleben rasch, ja beinahezwangsläufig. Die Protokolle erwecken jedenfalls nicht den Eindruck von entwurzelten, verunsicherten, marginalisierten Menschen inmitten der anonymen Masse einer fremden und unwirtlichen Großstadt. Worin auch immer die von den einfältigen Physiokraten so oft beschworenen dangers de ville, die Gefahren der Stadt, bestanden haben mögen, ein von niemandem beachteter Tod gehörte jedenfalls nicht dazu. Die zahlreichen Zeugnisse lassen keinen Zweifel, dass beinahe alle, die sich das Leben nahmen, jemanden hatten, an den sie sich in der höchsten Not hätten wenden können. So war ein dänischer Juwelier aus Odense mit einer Pariserin verheiratet und hatte Kollegen am Pont-Neuf und auf der Ile de la Cite, während ein Deutscher, der sich das Leben nahm, Kinder in der Stadt hatte. Ein Mann mit italienischem Namen, geboren in London, hatte eine Tochter und einen Schwiegersohn im selben Viertel.
Viele der Selbstmörder, die zumeist völlig unbedeutend gewesen waren oder sich zumindest während ihres unscheinbaren Lebens unbedeutend gefühlt hatten, stehen mit ihrem Tod schlagartig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit einer Gruppe, die sich eifrig bemüht, Familienverpflichtungen und Grundsätze des Wirtschaftslebens zu erfüllen: Ein Schneider betrügt eben keinen Schneider, ein perruquier hilft dem anderen, kein marchand de vin schenkt seinen sauren Wein einem anderen ein, jeder Vermieter, der seine Bücher vor den Augen der police des garnis zu verbergen weiß, öffnet sie bereitwillig für einen Kollegen. Und keine Prostituierte bestiehlt eine andere - auch in diesem Metier, in dem jede ganz auf sich selbst gestellt ist, herrscht Solidarität angesichts der Feindseligkeit der Außenwelt. Gerade die armen Mädchen, die ihre Ehre in den Augen der anderen noch bewahrt haben, aber nicht davor gefeit sind, in die Schande abzugleiten, begegnen den Prostituierten mit besonderem Hass - der Moral des 18. Jahrhunderts ist in diesem Punkt christliche Nachsicht fremd. Es waren Mikrogesellschaften, die sich mit Umgänglichkeit und Freundlichkeit gegen Ausbrüche von Gewalt und Ärger schützten. Niemand überschritt die Grenze zum Unerlaubten - was natürlich voraussetzt, dass es diese Grenze tatsächlich gab und sie tatsächlich klar zu definieren war. Man unterwarf sich einem komplizierten, wenn auch unausgesprochenen Kodex von Geboten und Verboten, ähnlich dem ausgeklügelten, traditionellen Regelwerk, das die Bewohner des westlichen Languedoc im Interesse einer stets fragilen Harmonie beachteten, welches Yves Castan so brillant beschrieben hat.
Wer sich jedoch gegen die Gebote der Höflichkeit und des Anstands versündigte, wer die Grenzen überschritt, die Familie, Konvention, Beruf, Gewohnheit und die derbe Kameraderie der gemeinsamen Erfahrungen und geteilten Vergnügungen ziehen, das waren jene, die sich das Leben nahmen. Sie brachten durch diese furchtbare Tat, die letzte ihres Lebens, die Gewalt oder zumindest die Erinnerung an sie mitten in ihren großen, friedlichen Kreis. Die meisten repondants, die zur Identifizierung der Leichen erschienen, reagierten mit Unverständnis auf die unumstößliche Tatsache einer Selbsttötung: Der Betreffende habe doch um so und soviel Uhr das Haus verlassen, ohne ein Wort, am Morgen, so als ginge er zur Arbeit, es habe keinen Hinweis darauf gegeben, dass etwas nicht stimmte, weder der Zeitpunkt seines Aufbruchs, noch seine Kleidung seien auffällig gewesen.
In solche Aussagen vor dem Friedensrichter kommt zum Ausdruck, dass die Angehörigen den Vermissten und tot Wiedergefundenen als eine Art Verräter empfinden, der sie auch in den Augen der Nachbarn herabsetzt, indem er sich so beiläufig davongemacht und damit nicht nur dem Tod die ihm gebührende Feierlichkeit verweigert, sondern der Familie die Möglichkeit angemessener Trauer genommen hat. Gerade weil das Leben so hart war, durfte man es nicht einfach achtlos wegwerfen, wie ein reicher Mann sich aus einer Laune heraus eines abgetragenen Mantels entledigt. Deshalb greifen die repondants oft zu den üblichen Phrasen: "er hat sich in den letzten zwei Wochen sehr seltsam benommen", "sie war schon seit einigen Monaten so merkwürdig; sie hatte es schon vorher einige Male versucht; aber wir wohnen schon seit geraumer Zeit nicht mehr zusammen" (der Mann, der dies über seine erhängte Frau zu Protokoll gibt, war in Begleitung einer anderen, über die nicht näher Auskunft gegeben wird, nach Hause gekommen und hatte dort seine Ehefrau tot aufgefunden)77, "er hat oft über schreckliche Schmerzen in der Brust geklagt", "er ist unleidlich geworden, hat sich zurückgezogen, mied selbst seine engsten Freunde, hat auf der Straße nicht mehr gegrüßt, ist seit dem Frühjahr nicht mehr zum Dominospielen erschienen", "er war so hochmütig, wurde verschlossen und griesgrämig, hat sich auch in der Familie niemandem mehr anvertraut", "er ist am Morgen weggegangen, zur üblichen Zeit, ohne ein Wort zu sagen, wir dachten, er geht zur Arbeit, und nach drei Tagen haben wir ihn beim commissaire de police als vermisst gemeldet". Natürlich haben die repondants stets das letzte Wort; und es ist nur natürlich, dass es dem Zweck dient, sich selbst ins beste Licht zu rücken; man kann wohl auch nicht erwarten, dass sie mit dem Geständnis herausrücken, das Leben zu Hause sei schon lange kaum zu ertragen gewesen.
In dieser immer gleichen Chronik können die Lebenden für die Toten sprechen. Es gibt nur einen Fall - vielleicht in seiner Schlichtheit der traurigste von allen -, in dem eine Sterbende das letzte Wort hat: Eine arme Frau, über 60 Jahre alt, die man im Januar 1796 entkräftet vor den Toren von Paris, unweit der Barriere de Fontainebleau, im Schnee aufliest, erklärt in der warmen Wachstube mit letzter Kraft, dass sie ihren Mann im Bicêtre besucht und sich auf dem Heimweg irgendwohin in der Nähe der Porte Saint-Denis befunden habe - das war jedenfalls das, was man verstand -, bevor sie der Kälte, der Armut und dem Elend erliegt.
Es kommt nur selten vor, dass ein repondant angibt, eine Vorahnung gehabt zu haben, was nicht weiter überraschend ist - würde es doch bedeuten, dass der oder die Überlebende elementare soziale Pflichten gegenüber einem nahen Verwandten vernachlässigt hat. Ein Nachbar kann sich an die Worte erinnern, die ein Familienvater zu ihm sagte, als er, wie jeden Tag, bei ihm vorbeikam: "Gib deiner Mutter einen Kuss von mir". Da es sich um die Patentante des Mannes handelte, hatte der Nachbar der Bemerkung keine große Bedeutung zugemessen, sondern bloß gedacht, dass er vielleicht für ein paar Tage verreisen wolle. Ob er den Gruß überhaupt ausgerichtet hat? Erst nach dem Verschwinden seines Freundes wurde ihm klar, dass es sich um eine Abschiedsbotschaft gehandelt hatte.?

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? "... Leichnam bei der Pont de Sevres aus der Seine geborgen, lag etwa 10 Tage im Wasser, Karte mit dem Namen Du Bost, Rue de la Tonnellerie 230, Leichnam identifiziert von seiner Ehefrau Claude Leclere und Guerin, Schneider, wohnhaft in der Nummer 260 ? welcher zudem erklärte, besagter Verstorbener habe zu ihm beim Abschied gesagt: Gib deiner Mutter einen Kuss von mir, was andeutete, dass er die Absicht hatte, sich das Leben zu nehmen ?" ( Protokoll vom 25. Germinal VI ). In ähnlicher Weise kündigte der Stammgast einer Gastwirtschaft an, er werde in Zukunft nicht mehr dort essen: "? welche uns erklärte, dass besagter Loiseau bei ihr gegessen habe, dass er am Tag zuvor [ Montag ] um 10 Uhr vormittags zu ihr gesagt habe, er werde nicht mehr bei ihr essen, dass er weggehe und sie binnen zwei Tagen von ihm hören werde ?" (A. D. Seine D 10 U 1 7, vor dem juge de paix der Section de la Fontaine de Grenelle, 2. Messidor VI, Dienstag, 20. Juni 1798 ).
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Ein Schweizer Weinhändler aus dem Kanton Fribourg hingegen reagiert mit bemerkenswerter Gelassenheit, als er mit dem Leichnam seines ertrunkenen Bruders konfrontiert wird, jedenfalls zeigt er keinerlei Überraschung. Man wundert sich, wie er überhaupt Nachricht von dessen Verschwinden erhalten hat, da er in einem Logierhaus am anderen Ende von Paris lebte. Doch solche Fragen stellte der Friedensrichter nicht, und so ging der Fribourger wieder, nachdem er erklärt hatte, er könne nicht für die Beerdigung seines Bruders aufkommen. Soviel zur Unverbrüchlichkeit von Familienbanden.

zu Teil 3