Vorgeblättert

Leseprobe zu Richard Cobb: Tod in Paris. Teil 3

17.03.2011.
Wenn die repondants erscheinen, um einen verstorbenen Insassen von Bîcetre oder einer ähnlichen Wegsperranstalt für alle Arten von Verzweifelten zu identifizieren, dann spüren sie, dass von ihnen keine großen Erklärungen verlangt werden, allenfalls die Information, dass der Verstorbene dann und dann von dort entlaufen und ihnen dies von der Leitung mitgeteilt worden sei, wahrscheinlich bei einem ihrer (zweifellos seltenen) Sonntagsbesuche in der Anstalt. Wer einen Verwandten zu den incurables, den hoffnungslosen Fällen, oder als Armen nach Bicêtre geschickt hatte, war jegliche Verantwortung los. Da solche Zwangsunterbringungen stets auf Initiative oder zumindest mit Duldung der nächsten Verwandten erfolgten, die sie loswerden wollten, weil sie zu alt für die Arbeit geworden waren oder einfach Platz beanspruchten, den man anders nutzen wollte, wäre es reine Heuchelei gewesen, wenn ein solches Ende Bestürzung oder Kummer hervorgerufen hätte.
Religiöse Vorbehalte umgaben die Selbsttötung mit einer Aura von Verlegenheit und Scham, und sie sind sicher dafür verantwortlich, dass Selbsttötungen von Frauen so selten sind, wenn man von den Hungerjahren absieht. In den Jahren II, III und IV soll es häufig vorgekommen sein, dass Mütter ihre Kinder mit in den Tod nahmen. In den Protokollen findet sich jedoch nur ein einziger Fall, der einer Frau, die mit ihrer neunjährigen Tochter in die Seine sprang.?

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? "? Marie-Genevieve Sueur, Ehefrau von Philippe Hudde, Wäscherin, geboren in Alfort-Charenton, 47 Jahre alt, Rue de Sevres ( Division de l?Ouest), vermisst seit dem 19. Germinal, am 21. in Neuilly aus dem Wasser geborgen ? besagter Leichnam bekleidet mit einem alten, blaugestreiften Rock, mehrfach geflickt ? einem alten paar Strümpfe aus grauem Garn, einem blauen Korsett mit rotem Einsatz und einem alten Leinenhemd. ? Catherine Hudde, 9 Jahre, Tochter von Marie Sueur, zwei Röcke, blau und weiß, geflickt ? eine große Schürze ?" ( Protokoll vom 24. Germinal VI ).
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Für das Jahr VI sind nur zehn Selbsttötungen von Frauen verzeichnet, für das Jahr VII acht, für das Jahr VIII zwölf und in den elf Monaten des Jahres IX neunzehn. Die Einstellung zum Suizid, insbesondere unter jungen Männern und Soldaten, mag mitbeeinflusst sein von dem militärischen Ehrenkodex, der unhinterfragt auch von Teilen der arbeitenden Bevölkerung übernommen wurde. In der Gegenwelt der Räuber und Banditen wiederum, der Volkshelden vom Schlage eines Cartouche, Mandrin und Poulaillier, war der Suizid höchstens akzeptabel, um dem bourreau, dem Henker, ein Schnippchen zu schlagen. Mit einer gewissen Nachsicht konnte ein unglücklich verliebtes Mädchen rechen, oder eines, dem sein einziger Besitz, seine Ehre, geraubt worden war. Und dann war da noch der Aberglaube: Sich zu töten, nachdem man im Tarot die Karte Tod gezogen hatte, war zumindest nachvollziehbar, da es doch nur ein entschlossener Schritt in eine Richtung war, in die zu gehen man ohnehin gezwungen war; niemand kam gegen eine Karte an, hier war der Freitod nur eine Art und Weise, ein unvermeidliches Schicksal anzunehmen. Und auch für einen unglücklichen Spieler, der im Palais Royal, nur einen Steinwurf von der Seine entfernt, alles verloren hatte, brachte man womöglich noch einen Rest von Mitleid auf.
Man sollte jedoch in die zurückhaltende Reaktion der repondants nicht zuviel hineinlesen. Manchmal vergingen Wochen oder gar Monate, wenn nicht ein Jahr, ehe ein Vermisster tot aufgefunden wurde. Für die Angehörigen war die Unsicherheit über sein Schicksal nicht bloß eine Quelle der Sorge, sondern auch handfester persönlicher und finanzieller Probleme. Eine Frau, deren Ehemann sich spurlos aus dem Staub gemacht hatte, konnte nicht einmal die Scheidung beantragen, und weder ihre Familie noch die des vermissten Mannes konnten einen conseil de tutelle bilden, um über die Einsetzung eines Vormunds für noch minderjährige Kinder zu entscheiden. Die zurückgebliebene Ehefrau konnte sich auch nicht an einen Wohltätigkeitsausschuss wenden, um sich offiziell Bedürftigkeit bescheinigen zu lassen. Selbst wenn sie Hunger litt - solange es irgendwo einen Ehemann gab, mit dem sie offiziell noch verheiratet war und der vielleicht wieder auftauchen konnte, erhielt sie keine öffentliche Unterstützung. Die Identifizierung einer Leiche, ob nun durch Familie oder Freunde, besiegelte das Ende eines Lebens jedoch unwiderruflich. Und damit konnte man denjenigen, der sich vorsätzlich aus dem Kreis von Familie und Nachbarn verabschiedet hatte, endlich vergessen. Die Sache war geklärt, auch wenn, wie wir noch sehen werden, die Trennlinie zwischen Suizid und Mord gelegentlich sehr dünn sein konnte.
Was auch immer hinter solchen verhaltenen Reaktionen und fast verlegenen Unschuldsbeteuerungen gesteckt, welches Leid der Selbstmörder zu Lebzeiten auch empfunden haben mag, Einsamkeit und Isolation kann schwerlich der Grund gewesen sein, sieht man einmal von den wenigen Fällen ab, in denen es sich um sehr alte Menschen handelte. Und auch sie waren, sofern arm, in den elenden Kasernen der öffentlichen Wohlfahrtspflege eingepfercht, wohnten an irgendeinem der endlosen Flure des Hôtel des Invalides, die Corridor de Belleville oder so ähnlich hießen,?

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? "? vermisst seit dem 17., aus dem Wasser gezogen von einem Kohlenschiff im Hafen in der Nähe des Pont de Grammont an der Spitze der Îsle Louviers der Citoyen François Daube, ehemaliger Soldat, Invalide, geboren in Belleville ( Seine), ungefähr 72 Jahre alt, wohnhaft im Hôtel national des Invalides, Corridor de Belleville, Nr. 32" ( Protokoll vom 23. Floreal IX ).
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oder waren eine Nummer in einem der riesigen Schlafsäle von Anstalten wie Bicêtre oder Petites-Maisons - letztere trug ihren Namen sehr zu Unrecht, handelte es sich doch keineswegs um "kleine Häuser", sondern um ein einziges großes. Uns so brachten die Scharen von repondants auch eine Spur von Geselligkeit in das Haus des Todes. Es waren nicht immer nur die nächsten Verwandten, die einen der concierges aufforderten, die Leiche umzudrehen, weil sie ein Muttermal an der linken Hüfte, eine Eiterstelle am rechten Schienbein oder eine Verbrennung oder sonstige Wunde an einer anderen gewöhnlich bedeckten Stelle des Körpers suchten. Zeugen mit derselben Wohnadresse wie der Tote werden gewusst haben, wo er einen Verband hatte und wie lange er ihn schon trug, Dinge, die man eben weiß, wenn man mit jemandem im selben Zimmer oder auf der gleichen Etage lebt und dieselbe Toilette gleich an der offenen und lärmenden Bühne des Treppenhauses benutzt, wo man den Verschwundenen mit herabgelassene Hosen hatte beobachten können. Und so wird ihnen auch sein auffälliger, ausgreifender Gang nicht entgangen sein.
All diese Beobachter des 18. Jahrhunderts, ob nun rentiers und rentieres, concierges, marchands de vin oder limonadiers, an denen die Welt vorbeizog wie an einem unbeweglichen Leuchtturm, oder ob sie ständig mit Besorgungen unterwegs waren, ob sie im Erdgeschoss in ihrer Werkstatt arbeiteten und gelegentlich den Blick über die Straßenszene schweifen ließen, sie alle konnten ziemlich viel aus einem Gang herauslesen: welcher Tätigkeit jemand nachging, einen Hinweis auf eine kriminelle Vergangenheit, wenn er ein Bein nachzog, ob er fröhlich und unbekümmert, übersprudelnd, engstirnig und arrogant, lange Zeit bei der Armee gewesen oder zur See gefahren war (der ausgreifende Gang), oder ob er ein Leben in unterwürfiger Haltung verbracht hatte, ständig den Rücken krumm machen musste, courber l?echine, oder ob er im Gegenteil durch seine aufrechte Haltung anzeigte, dass er keinen Widerspruch duldete, jeden anrempelte, niemandem aus dem Weg ging, eine Haltung, die noch durch das Mitführen eines langen Stocks unterstrichen wurde, der nicht bloß zur Zierde diente, sondern gerne auch gegen les importuns, die Unverschämten, geschwungen wurde. Auch der stets aufmerksame, alles beobachtende, plappernde coiffeur (der ununterbrochen redet, um andere zum Reden zu bringen), der seine Kunden stets von oben anschaut, hat jeden Tag Gelegenheit, zu verfolgen, wie Kleider den Besitzer wechseln oder wie sich ein Kleidungsstück an seinem Besitzerim Laufe der Zeit verändert.
Man muss diese dauernde Wachsamkeit weder krankhaftem Verdacht oder Feindseligkeit noch Misstrauen zuschreiben - diese Menschen lebten nicht ständig wie im Kriegszustand, waren nicht dauernd offen oder versteckt aggressiv oder auf der Hut vor Taschendieben. Sie verdankt sich auch nicht dem Gegenteil, etwa offenherziger Freundlichkeit, Offenheit gegenüber den Mitmenschen. Brüderlichkeit ist ein Wort für öffentliche Denkmäler und ein hehres Ziel für Leute, die dans le secret des cabinets Pläne zur Erneuerung der Menschheit schmieden. Für das Leben auf der Straße war sie eine viel zu abstrakte Angelegenheit. Nein, es handelte sich bloß um aufgeweckte Neugier gegenüber allem und jedem, eine Neugier, die im Auge des Kaminkehrers, des kleinen Blumenmädchens, der Brennholzverkäuferin, der fröhlich springenden Tochter eines Metallscheiders glänzte. Diese Neugier zeigten schon die Kinder, kaum dass sie laufen konnten; und Kinder sind bekanntlich die besten Beobachter, weil sie ein scharfes Auge haben und oft gar nicht bemerkt werden. Darum wurden sie oft geschickt, wenn es nicht bloß etwas zu holen oder zu bringen galt, sondern auch etwas zu beobachten und herauszufinden. Ein kleines Kerlchen hat eben oft einen besseren Überblick als ein langer Lulatsch, und ein besserer Horchposten war es allemal. Diese Neugier erhielt sich natürlich bei den Erwachsenen, wurde bei den Alten dann zur Obsession, besonders bei den älteren Frauen, die ihren Stuhl auf die Straße stellten. Die Straße bot das beste Schauspiel, das zu haben war; den ganzen Tag seine Nachbarn zu beobachten und mit der Zeit all ihre Wege und Verrichtungen zu kennen, unter der Arbeitswoche wie am Wochenende, so dass man auf einen Blick erkannte, wenn etwas nicht in Ordnung war - worauf man eher mit einer gewissen Spannung als mit Sorge wartete -, war jedenfalls interessanter als die gekünstelten Szenen der saltimbanques, der Straßenkünstler und ihrer dressierten Tiere. Und die Neugier, die sich so wachsam den Lebenden zuwandte, erstreckte sich nur zu leicht auch auf die Toten.

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Mit freundlicher Genehmigung von Klett-Cotta
(Copyright Verlag Klett-Cotta)


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