Vorgeblättert

Leseprobe zu Patrick Modiano: Der Horizont. Teil 3

01.07.2013.
Sie hatte etwa vierzehn Tage in einer Außenstelle von Richelieu Interim gearbeitet, nicht weit weg, in der Nähe von Notre-Dame-des-Victoires. Er wartete auch hier auf sie, abends um sieben, an der Ecke der Rue Radziwill. Sie war allein, wenn sie aus dem ersten Gebäude auf der rechten Seite trat, und sobald er sie kommen sah, dachte Bosmans, dass Margaret Le Coz nicht mehr Gefahr lief, in der Menge zu verschwinden - eine Furcht, die ihn zuweilen erfüllte, seit ihrer ersten Begegnung.
An jenem Abend hatten sich, auf der großen Fläche der Place de l'Opéra, Demonstranten vor einer Reihe von CRS-Männern versammelt, die entlang des ganzen Boulevards eine Kette bildeten, offenbar, um eine offizielle Fahrzeugkolonne zu schützen. Bosmans war es gelungen, durch diese Menschenmenge hindurch bis zum Metroeingang zu schlüpfen, bevor die CRS-Männer zum Angriff stürmten. Er war gerade erst ein paar Stufen hinuntergegangen, als hinter ihm Demonstranten nachdrängten und die Menschen auf der Treppe weiterstießen. Er hatte das Gleichgewicht verloren und ein Mädchen im Regenmantel, unmittelbar vor ihm, mitgerissen, und alle beide waren sie vom Druck der anderen gegen die Wand gepresst worden. Man hörte Polizeisirenen. Als sie schon fast zu ersticken drohten, hatte der Druck nachgelassen. Der Strom floss weiter, die Treppe hinunter. Stoßzeit. Sie waren miteinander in einen Metrowagen gestiegen. Vorhin hatte sie sich an der Wand verletzt, und sie blutete an der Augenbraue. Zwei Stationen weiter waren sie ausgestiegen, und er hatte sie zu einer Apotheke gebracht. Nach der Apotheke gingen sie nebeneinander her. Sie trug ein Pflaster über der Augenbraue, und auf dem Kragen ihres Regenmantels war ein Blutfleck. Eine ruhige Straße. Sie waren die einzigen Passanten. Es wurde langsam Nacht. Rue Bleue. Blaue Straße. Dieser Name war Bosmans völlig unwirklich erschienen. Er fragte sich, ob er nicht träumte. Viele Jahre später war er zufällig wieder in diese Rue Bleue gekommen, und ein Gedanke hatte ihn wie angewurzelt stehenbleiben lassen: Kann man wirklich sicher sein, dass Worte, die zwei Menschen bei ihrer ersten Begegnung gewechselt haben, sich in Nichts auflösen, als wären sie niemals gesagt worden? Und dieses Stimmengewirr, dieses Telefongeraune seit etwa hundert Jahren? Diese tausend und abertausend ins Ohr geflüsterten Worte? All diese Satzfetzen von so geringer Bedeutung, dass sie dem Vergessen anheimfallen?
"Margaret Le Coz. Le Coz in zwei Worten."
"Wohnen Sie hier im Viertel?"
"Nein. Drüben in Auteuil."
Und wenn all diese Sätze weiter in der Luft schwebten bis ans Ende der Zeiten und ein bisschen Stille und Aufmerksamkeit genügte, um ihre Echos einzufangen?
"Dann arbeiten Sie hier im Viertel?"
"Ja. In einem Büro. Und Sie?"
Bosmans hatte ihre ruhige Stimme überrascht, die friedliche und langsame Art zu gehen, wie bei einem Spaziergang, diese äußerliche Gefasstheit, die im Widerspruch stand zu dem Pflaster über der Augenbraue und dem Blutfleck auf dem Regenmantel.
"Oh, ich … ich arbeite in einer Buchhandlung …"
"Das ist sicher interessant …"
Der Tonfall war höflich, unbeteiligt.
"Margaret Le Coz, ist das bretonisch?"
"Ja."
"Also sind Sie in der Bretagne geboren?"
"Nein. In Berlin."
Sie beantwortete die Fragen mit großer Höflichkeit, doch Bosmans spürte, mehr würde sie nicht sagen. Ungefähr vierzehn Tage später wartete er auf Margaret Le Coz, draußen auf dem Trottoir, abends um sieben. Mérovée war als erster aus dem Haus gekommen. Er trug einen Sonntagsanzug - einen jener Anzüge mit zu knappen Schultern, wie sie damals ein Schneider namens Renoma herstellte.
"Kommen Sie heute abend mit uns?" hatte er Bosmans mit seiner metallischen Stimme gefragt. "Wir gehen aus … In ein Lokal auf den Champs-Élysées … Le Festival …"
Er hatte "Festival" in einem respektvollen Ton ausgesprochen, als handle es sich um eine Hochburg des Pariser Nachtlebens. Bosmans hatte die Einladung abgelehnt. Da hatte sich Mérovée vor ihm aufgepflanzt:
"Verstehe … Sie gehen lieber mit der Boche aus …"
Er hatte es sich zum Grundsatz gemacht, niemals auf die Aggressivität anderer zu reagieren, auch nicht auf Beleidigungen oder Provokationen. Außer mit einem nachdenklichen Lächeln. In Anbetracht seiner Größe und seines Gewichts wäre es meistens ein ungleicher Kampf gewesen. Und schließlich, so schlimm waren die Menschen auch wieder nicht.
An jenem ersten Abend waren sie einfach immer weitergegangen, er und Margaret Le Coz. Sie waren in die Avenue Trudaine gekommen, eine Straße, von der es heißt, dass sie nirgendwo anfängt und nirgendwo endet, vielleicht, weil sie eine Art Enklave oder Lichtung bildet und nur wenige Autos hindurchfahren. Sie hatten sich auf eine Bank gesetzt.
"Was tun Sie in Ihrem Büro?"
"Sekretariatsarbeit. Und ich übersetze Briefe ins Deutsche …"
"Ach ja, richtig … Sie sind in Berlin geboren …"
Er hätte gern gewusst, warum diese Bretonin in Berlin geboren war, aber sie schwieg. Sie hatte auf ihre Uhr geschaut.
"Ich warte, bis die Stoßzeit vorüber ist, dann nehme ich wieder die Metro …"
Und so warteten sie in einem Café, gegenüber dem Lycée Rollin. Bosmans war zwei oder drei Jahre lang Internatszögling auf diesem Gymnasium gewesen sowie in vielen anderen Schülerheimen in Paris und der Provinz. Nachts stahl er sich aus dem Schlafsaal und lief die stille Straße entlang bis zu den Lichtern von Pigalle.
"Haben Sie etwas studiert?"
Lag es an der Nähe des Lycée Rollin, dass er ihr diese Frage gestellt hatte?
"Nein. Nichts studiert."
"Ich auch nicht."
Was für ein komischer Zufall, ihr hier gegenüberzusitzen, in diesem Café der Avenue Trudaine … Ein Stück weiter, auf derselben Straßenseite: die "Wirtschaftsschule". Ein Schulkamerad vom Lycée Rollin, dessen Namen er vergessen hatte, ein pausbäckiger, brünetter Bursche, der immer Moonboots trug, hatte ihn überredet, sich an dieser "Wirtschaftsschule" einzuschreiben. Bosmans hatte es nur getan, um seinen Militärdienst weiter hinauszuschieben, war aber bloß zwei Wochen geblieben.
"Glauben Sie, ich muss dieses Pflaster noch lange drauflassen?"
Sie rieb mit dem Finger über ihre Augenbraue und das Pflaster. Bosmans meinte, sie solle das Pflaster bis zum nächsten Tag drauflassen. Er fragte, ob es weh tue. Sie zuckte die Schultern.
"Nein, nicht besonders … Vorhin hatte ich Angst zu ersticken …"
Diese Menschenmenge im Metroeingang, die überfüllten Züge, jeden Tag, um die gleiche Zeit … Bosmans hatte irgendwo gelesen, die erste Begegnung zweier Menschen sei wie eine leichte Verletzung, die jeder spürt und die ihn aus seiner Einsamkeit und seiner Benommenheit reißt. Später, wenn er an seine erste Begegnung mit Margaret Le Coz dachte, sagte er sich, dass sie gar nicht anders hätte verlaufen können: da, in diesem Metroeingang, aufeinandergeschleudert. Und wenn man bedenkt, dass sie an einem anderen Abend, am selben Ort, dieselbe Treppe in derselben Menge hinuntergegangen und in denselben Wagen gestiegen wären, ohne sich zu sehen … Aber war das so sicher?
"Ich würde das Pflaster doch gern abmachen …"
Sie versuchte, ein Ende zwischen Daumen und Zeigefinger zu bekommen, aber es gelang ihr nicht. Bosmans war näher gerückt.
"Warten Sie … Ich helfe Ihnen …"
Er löste das Pflaster vorsichtig, Millimeter für Millimeter. Das Gesicht von Margaret Le Coz war dem seinen ganz nahe. Sie gab sich Mühe zu lächeln. Endlich konnte er es mit einem kurzen Ruck vollständig entfernen. Ein Bluterguss, über der Augenbraue.
Er hatte die linke Hand auf ihrer Schulter gelassen. Sie betrachtete ihn aus ihren hellen Augen.
"Morgen früh im Büro werden sie denken, ich hätte mich geprügelt …"
Bosmans fragte, ob sie sich nach diesem "Unfall" nicht ein paar Tage krankschreiben lassen könnte. Sie lächelte, offenbar gerührt über so viel Naivität. In den Büros von Richelieu Interim war man seine Stelle beim kleinsten Fernbleiben los.
Sie gingen bis zur Place Pigalle, auf dem gleichen Weg, den Bosmans nahm, wenn er sich davonstahl aus den Schlafsälen des Lycée Rollin. Vor dem Metroeingang schlug er ihr vor, sie nach Hause zu begleiten. Tat die Verletzung nicht allzu weh? Nein. Außerdem waren um diese Uhrzeit die Treppen, Gänge und Züge leer, und ihr drohte keine Gefahr mehr.
"Holen Sie mich doch an irgendeinem Abend um sieben vom Büro ab", sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, als wäre nun alles ganz selbstverständlich. "Rue du Quatre-Septembre Nr. 25."
Weder sie noch er hatte einen Stift und Papier, um diese Adresse aufzuschreiben, aber Bosmans versicherte ihr, Straßennamen und Hausnummern vergesse er nie. Das war seine Art, gegen die Gleichgültigkeit und Anonymität der Großstädte anzukämpfen, und vielleicht auch gegen die Ungewissheiten des Lebens.
Er folgte ihr mit dem Blick, während sie die Stufen hinabstieg. Und wenn er umsonst wartete, am Abend, nach Büroschluss? Beklommenheit überfiel ihn bei dem Gedanken, dass er sie niemals wiederfinden würde. Vergeblich suchte er sich zu erinnern, in welchem Buch geschrieben stand, dass jede erste Begegnung eine Verletzung ist. Das musste er in der Zeit des Lycée Rollin gelesen haben.

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Auszug mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlages
(Copyright Hanser Verlag)

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