Vorgeblättert

Leseprobe zu Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen. Teil 2

19.01.2012.
Eine so wagemutige kleine Frauensperson war sie schon immer gewesen. Und hatte dazu eine böse Zunge. Da sie Kossuth nicht mochte, erzählte sie jedes Mal, wenn sein Name erwähnt wurde, von ihrer Erfahrung mit ihm. Es geschah in Debrecen. Die Nachricht verbreitete sich, dass die Russen im Anmarsch seien. Alle waren höchst verzagt. In dieser Lage hielt Kossuth eine Rede vor der Nationalversammlung, um die Mutlosen aufzurütteln. Laut Tante Lizinka sagte er: "Wir brauchen uns nicht zu fürchten, wo doch Mihaly Sarmasaghy mit dreißigtausend dreinschlagenden Dragonern demnächst hier anlangen wird!" Vielleicht drückte er sich wegen des Stabreims so aus. Jubelrufe erschallten, und doch saß Sarmasaghy ganz allein oben auf der Galerie und hatte niemanden bei sich als seine klitzekleine Frau. Deren Energie, das allerdings traf zu, kam womöglich dreißigtausend Dragonern gleich.
Sie war es, die nach der Revolution in den vielen verwickelten Angelegenheiten des Bergwerks, die ihren Schwiegervater beinahe zu Fall gebracht hätten, irgendwie Ordnung schuf. Prozesse führte sie selber. Sie brachte die Fronablöse durch, rettete ihren Mann vor der Gefangenschaft in Kufstein und lernte alle Gesetze, die Approbata und die Compilata so gut wie das kaiserliche Patent, die Bergwerkregelung und die Verordnung, und trat als Anwältin von Vasarhely bis Wien auf.
Jetzt, da die Kutsche der alten Frau an ihm vorbeizog, überfielen ihn alle diese Erinnerungen.
Die Beschwörung der Vergangenheit endete aber nicht hier. Sie verband Tante Lizinka mit seinem Großvater, den sie Jahr für Jahr mehrmals besucht hatte.
Als sähe er die beiden noch jetzt vor sich. Sie sitzen beisammen auf der Veranda, die griechische Säulen schmücken. Lizinka ertrinkt wie immer unter Tüchern und Shawls in der Tiefe eines gepolsterten Fauteuils, sie zieht, mit rund gebogenem Leib zusammengekauert, die Knie hoch, wie ein stattlicher Hund. Peter Abady wiederum sitzt seiner Base gegenüber auf einem steifen Rohrstuhl mit hohem Rücken, in bequemer Ruhe, doch in stets gerader Haltung. Natürlich raucht er still, wie er das tagein, tagaus tut, und dabei benutzt er immer die gleiche, in ungarischer Manier geschnitzte Meerschaumpfeife. Die alte Frau erzählt irgendeine Klatschgeschichte, denn sie klatscht ständig. Der kleine Junge versteht zwar nichts von ihrem Gerede, so viel aber begreift er, dass der Großvater sie von Zeit zu Zeit in scherzhaftem Ton ermahnt: "Nun, Lizinka, so viel böses Zeug kann ich doch nicht glauben, selbst die Hälfte wäre schon zu viel!" Und dabei lacht er ein wenig spöttisch, während die alte Frau Sarmasaghy sich weiterhin entsetzt gibt und fortfährt zu schwören, jawohl, so sei es, wie sie sage, sie wisse Bescheid. Doch der alte Herr schüttelt bloß lächelnd den Kopf, denn Lizinka berichtet zwar gewiss von schlimmen Dingen, sie weiß sie freilich höchst amüsant zu schildern.
Dies geschah in Denestornya. Der alte Peter Abady lebte auch dort; doch er wohnte nicht oben im befestigten Schloss, sondern weiter unten am Hang im großväterlichen Herrenhaus, das Balints Urgroßvater väterlicherseits am Ende des 18. Jahrhunderts gebaut hatte. Das große Schloss sowie drei Viertel des Gutsbesitzes gehörten der Mutter. Die Heirat von Balints Eltern galt deshalb als ein gewichtiges Familienereignis, weil auch die Mutter eine Abady war, sodass die uralten Güter, die unter mehreren Generationen anfänglich in vier und später immer noch in zwei Teile zerfallen waren, jetzt erneut vereinigt wurden. Diese Heirat brachte das Gut von Denestornya und den alten Waldbesitz im Hochgebirge am Oberlauf des Szamos wieder zusammen.
Der alte Peter übergab das ihm gehörende Gut seinem Sohn. Er behielt nur das Herrenhaus und dessen Garten für sich, und dann, als sein einziges Kind, Tamas, jäh verstarb, da dachte er gar nicht daran, sein Eigentum zurückzunehmen und sich damit im Alter von neuem herumzuschlagen. Er beließ es vielmehr unter der Aufsicht seiner verwitweten Schwiegertochter.
Er zog auch hernach nicht um, hinauf ins Schloss, obwohl die Frau des verstorbenen Tamas Abady ihn, damals wie später, immer wieder darum bat und ihm ein wenig sogar zürnte, weil der Schwiegervater auf sie nicht hören wollte.
Der alte Herr war weise. Balint begriff erst jetzt mit erwachsenem Verstand, wie weise er auch hierin gehandelt hatte. Bei der warmherzigen, aber stets unruhigen Natur der Mutter wäre ihr gutes Verhältnis unter dem gleichen Dach kaum erhalten geblieben.
Die zu Lebzeiten des verstorbenen Sohns entstandene Ordnung blieb dann bestehen. Der alte Herr aß jeden Mittwoch oben im Schloss bei ihnen zu Mittag, während sie jeden Sonntag zum Mittagessen im Herrenhaus des Großvaters geladen waren.
Der Junge indessen, kaum war er ein wenig größer geworden, besuchte den Großvater auch zu anderen Zeiten. Manchmal tat er das sogar, indem er vor den Erziehern ausriss. Die Flucht fiel ihm leicht. Der ausgedehnte Schlosspark war am Fuße des Hügels vom Garten des Herrenhauses nur durch den Hof der reformierten Kirche getrennt. Da standen zwei weder besonders hohe noch allzu wohlerhaltene Mauern. Und selbst sie bereiteten Vergnügen, denn sie dienten dem Indianerspiel. Er konnte leise wegschleichen, mit lautlosen Fußtritten wie "Lederstrumpf", und die schwindelerregend hohe Bastei erklettern, welche die stellenweise kaum anderthalb Meter hohe Mauer des Kirchhofs in seiner von Cooper-Erzählungen erfüllten Phantasie darstellte.
Der alte Herr nahm sehr wohl wahr, wie schmutzig und von Mörtel bedeckt er hin und wieder ankam, fragte aber nie, auf welchem Weg er herübergekommen war. Er mischte sich nur ein, wenn der Bub sich an seiner Kleidung einen Riss geholt hatte. Diesen - damit nichts Schlimmeres geschehen sollte - ließ er, bevor er ihn wieder zurückschickte, schnell durch seine Köchin flicken. Und er befahl dem Diener, die beiden stets verschlossenen Tore zu öffnen, die den Weg vom Garten des Herrenhauses zum Kirchhof und von dort zum Schlosspark freigaben.
In frühen Jahren war es nicht die Aussicht, den Großvater zu treffen, die ihn dorthin lockte, sondern die guten Bissen, die er jedes Mal bekam, wenn er sich einstellte: frisches, ganz schwarzes Roggenbrot mit dickem Sauerrahm, kalte Büffelmilch oder irgendein süßes Gebäck, einen Rest der Mehlspeise tags zuvor. Ach, wie fein war das! Denn er war damals immer hungrig, und die Mutter oben im Schloss hatte verboten, ihm zwischen den Mahlzeiten Essbares zuzustecken. Wie er aber heranwuchs, begann ihn auch die Gesellschaft des alten Mannes anzuziehen. Er verstand es gut, freundlich und verständnisvoll mit dem Kind zu reden; den Geschichten von seinen kleinen Streichen hörte er mit einem milden Lächeln zu, während er seine Pfeife schmauchte, und nie verriet er jemandem das Vernommene.
Kam er gegen Mittag herüber, dann fand er ihn bei gutem Wetter auf der Terrasse, bei kühler Witterung in der Bibliothek. Zu solchen Stunden pflegte er zu lesen. Dass er ihn dabei störte, nahm er nicht übel. Er las größtenteils wissenschaftliche Werke. Zahllose Zeitschriften wurden ihm zugestellt, und es war in der Tat bewundernswert, wie er mit der geistigen Entwicklung jener Zeit Schritt hielt, mit den Forschungen in dieser klassischen Epoche der modernen Entdeckungen. Er erzählte darüber gern seinem Enkel, fasste das Neueste, mit dem er sich gerade beschäftigte, klar und verständlich zusammen. Er war über die verschiedensten Themen gleichermaßen unterrichtet. Die Erkundungsreisen nach Afrika und nach Mittelasien spielten in seinen Berichten eine große Rolle, die größte Bedeutung maß er aber wohl dem technischen Fortschritt der letzten Jahre bei. In diesem Zusammenhang erwähnte er manchmal auch mathematische Lehrsätze und erklärte sie mit so klarer Einfachheit, dass der heranwachsende Enkel sie leicht begriff; die Algebra, als er ihr später im Theresianum begegnete, kam ihm beinahe bekannt vor. Aus dieser fernen Kinderzeit stammte vielleicht das Interesse, das Balint auch später dafür bewahrte.
Besuchte er den Großvater am Morgen, dann fand er ihn gewöhnlich im Garten. Er pflegte seine Rosen selber. Ebenso mit großer Hingabe setzte er beim Okulieren Edelknospen ein. Die Blumen gediehen denn auch wunderbar, viel größer und dichter als jene, die der Gärtner im Schloss behandelte. Jetzt, da er sich erinnerte, sah er ihn beinahe lebendig vor sich, wie er zwischen seinen Blumen stand. Er trug eine lange Rohleinenschürze und auf seiner immer noch gewellten weißen Haarkrone einen großen bäuerlichen Strohhut. Wie jugendlich sein Gesicht darunter noch wirkte, beleuchtet von den gelben Reflexen des Sonnenscheins! Schöne Züge: eine schmale, dünne Nase, grüngraue Augen, die umso heller schienen, als seine Augenbrauen trotz des hohen Alters schwarz geblieben waren. Über dem feinen Bogen des Munds ein spitz gezwirbelter, kleiner Schnurrbart, beinahe schwarz auch der, vielleicht vom Wichsen, welchen Geruch er selbst jetzt, beim Zurückdenken, beinahe zu spüren meinte, so wie er ihn immer gespürt hatte, wenn sich der alte Herr gemäß seiner Gewohnheit zu ihm hinabbeugte, um sich die Wange küssen zu lassen.
Seine Wangen waren immer glatt. Er achtete peinlich darauf, jederzeit gepflegt und sauber zu sein. Er hatte die Gewohnheit, scherzhaft zu sagen: "Ein junger Mann kann auch schmutzig sein, aber ein alter Mann ist eklig, sogar gewaschen!" Er rasierte sich täglich selber, benutzte feine englische Rasiermesser, jeden Tag ein anderes, ein jedes nummeriert, er hielt sie in einem langen, grünen Etui aus Saffianleder.
Kam der Junge an Sonntagen vor Mittagessenszeit, dann fand er auf der Veranda manchmal zwei bis drei Bauersleute vor; sie standen, den Hut in der Hand, vor dem alten Herrn und trugen ihm ihre strittigen Angelegenheiten vor. War er zu solchen Stunden zur Stelle, dann gab ihm der Großvater einen Wink, er dürfe bleiben, solle sich aber seitwärts aufs Sofa setzen. Nicht nur die Leute von Denestornya kamen, sondern auch solche aus anderen, benachbarten Dörfern. Rumänen und Ungarn gleichermaßen, manchmal selbst Menschen von den Schneebergen her. Er stand von jeher im Ruf eines sehr gerechten Mannes. So suchten ihn die Leute oft auf, er möchte ihren Streit schlichten, bevor sie sich an einen Anwalt wandten. Der alte Peter Abady stand immer zur Verfügung. Regungslos saß er auf dem harten Rohrstuhl, die Beine übereinandergeschlagen, seine Hose war über dem weichen Schaft der altmodischen Stiefel ein wenig hinaufgerutscht. Die unerlässliche kleine Meerschaumpfeife im Mund, hörte er sich die langfädigen Berichte wortlos an. Er stellte nur selten eine Frage oder ermahnte kurz jemanden, der sich gegenüber einem anderen zu Heftigkeit hatte hinreißen lassen. Aber dergleichen war kaum nötig, die Leute benahmen sich immer sehr geziemend. Nachdem dann jedermann das Seine vorgetragen hatte, erteilte der alte Herr seinen Rat.
Er sprach, je nach Bedarf, Ungarisch wie Rumänisch fließend. Die Streitparteien fügten sich zumeist in sein Urteil. Zuletzt, wie auch die Sache für sie ausgegangen war, küssten sie ihm die Hand und entfernten sich in schöner Ordnung. Sie küssten auch ihm, Balint, die Hand, wogegen er sich zu wehren suchte. Doch der alte Herr beschied ihn auf Französisch, es zuzulassen, da die Leute sonst glaubten, er ekle sich, und sie würden ob seiner Weigerung beleidigt sein.
Auch andere Gäste empfing man oft im Herrenhaus Abady. Die Jüngeren kamen, um ihre Aufwartung zu machen, sich vorzustellen oder eine Gunst zu erbitten, denn Peter Abadys Einfluss, obwohl er sich von zu Hause immer seltener wegrührte, war gewaltig geblieben, er reichte weit und in viele Richtungen. Dies nicht nur darum, weil er schon seit zwei Jahrzehnten Superintendant der reformierten Kirche, Mitglied des Oberhauses und Bannerherr war, sondern weil alle wussten, dass er nur für gerechte Sachen einstand; ebenso wusste man, dass sein Wort auch bei Hofe, bei Franz Joseph ins Gewicht fiel.
Die Älteren erwiesen ihm die Ehre, da sie von jeher an ihm hingen. Sie waren noch ziemlich zahlreich: einstige Komitatsherren aus der Zeit, da er in Also-Feher als Obergespan geamtet hatte, oder frühere Honved-Soldaten, die in der Bach-Periode von ihm vor dem Gefängnis gerettet worden waren.
Regelmäßige Besucher gab es zwei: Tante Lizinka, die jedes Jahr zwei Wochen dort verbrachte, und Mihaly Gal, alias Minya Gal, den alten Schauspieler, der stets nur drei Tage blieb, weder mehr noch weniger.
Der kleine Junge liebte diesen sehr. Wusste er, dass Gal dort weilte, dann überwand er den Zaun mehrmals am Tag heimlich, und er hörte dem Gespräch und den Scherzen der beiden alten Männer zu, er lauschte den vorzeitlichen Schauspieleranekdoten Gals, die von Frau Dery und von Celestin handelten, obwohl er von den meisten Namensträgern nicht wusste, was für Leute sie gewesen waren.
Der alte Minya kam immer zu Fuß und ging zu Fuß weg. Das Angebot, die Kutsche zu benutzen, nahm er nie an. Die Haltung war ihm aus seiner Zeit als wandernder Schauspieler geblieben, und es gab dabei auch eine Art von merkwürdigem, hoffärtigem Puritanismus, etwas vom "Just-nicht!"-Starrsinn, oder vielleicht lag es nur daran, dass er, wie er allein auf der Landstraße dahinwandelte, sich in Gedanken wieder in die Wanderjahre seiner Jugend versetzt fühlte. Er war einst ein Klassenkamerad Peter Abadys gewesen, sie saßen in den zwanziger Jahren zusammen in Vasarhely im Gymnasium.
Sie hatten damals im Kollegium Freundschaft geschlossen, die sie hernach mehr als siebzig Jahre miteinander verband. Die beiden duzten sich, doch wenn andere - so auch der kleine Junge - mit dabei waren, vermied Minya die Anrede.
Balint fiel nun ein, dass Gal aus dieser Gegend stammte. Zum letzten Mal hatte er ihn 1892, vor zwölf Jahren, auf der Beerdigung des Großvaters gesehen. Er war auch damals von Vasarhely gekommen, wo er, wie er sagte, ein kleines Haus besaß. Ei, man sollte in Erfahrung bringen, ob er noch am Leben ist. Und wenn er lebt, müsste man den Freund des Großvaters besuchen. Zwar wird er kaum mehr am Leben sein, denn er wäre heute fast schon hundertjährig, fünf bis sechs Jahre dürften dazu fehlen. Balint beschloss trotzdem, dass er nach der Rückkehr von Siklod dem Geschick des alten Schauspielers, der zu den lebendigsten Erinnerungen seiner Kindheit gehörte, nachspüren werde.

zu Teil 3