Vorgeblättert

Leseprobe zu Michail Schischkin: Briefsteller. Teil 2

17.09.2012.
Papa gab mir nicht einmal einen Klaps, von ihr hingegen bekam ich reichlich den Riemen zu spüren, auch Ohrfeigen, die ganze Kindheit hindurch. Einmal - die beiden hatten sich gerade gestritten, ich näherte mich ihr von hinten, um sie zu umarmen, und sie war dabei, eine Tablette zu schlucken - stieß ich aus Versehen gegen ihren Ellbogen, das Wasser schwappte über sie. In ihrer Wut fiel sie über mich her, schlug mich und konnte gar nicht aufhören, bis Papa mich ihr entriss.
Sie stritten auch meinetwegen. "Warum gängelst du das Mädchen so?", brüllte er sie an.
"Damit später mal was aus ihr wird!", brüllte sie zurück.
Einmal fuhr sie ein paar Tage weg und beschwerte sich, als sie wiederkam, dass die Wohnung unaufgeräumt sei. Beim nächsten Mal gab ich mir extra Mühe, brachte alles auf Hochglanz, aber sie war trotzdem unzufrieden, mehr noch als beim vorigen Mal. Vielleicht weil sie spürte, dass Papa und ich auch ohne sie prima zurechtkamen, das Leben in ihrer Abwesenheit ganz normal weiterging.
Das Leben sei kein Roman, niemand streue einem Rosen, man könne nicht bloß tun, was Spaß macht, und überhaupt sei man nicht zum Vergnügen auf der Welt - so ihre Leitsätze, mit denen sie immer wieder kam.
Ihr gefiel es nicht, wenn ich ausging; sie mochte meine Freundinnen nicht, Janka am wenigsten. Alle meine Unarten hätte ich von ihr, behauptete sie.
"Aber man muss doch Freunde haben!", trat Papa für mich
ein.
Alles endete immer damit, dass Mama in Tränen ausbrach.
"Immer schlägst du dich auf ihre Seite!"
Dass zwischen Papa und mir mehr war als zwischen uns, das hat sie gespürt. Wahrscheinlich wussten wir beide, dass ich Papa mehr bedeutete als sie.
Irgendwann begriff ich, was ich an ihr nicht mochte. Sie war eine Frau, in deren Leben alles stimmte. Alles war so, wie sie es wollte - und durfte nicht anders sein. Stets kannte sie ihr Ziel und wusste, wie man es erreicht. Das betraf Möbel ebenso wie Menschen. Sie war immer eine Musterschülerin gewesen. Und ihre Freundinnen irgendwelche armen Würstchen, denen sie zeigen konnte, wie man das Leben anging. Und die sie insgeheim verachtete dafür, dass sie nichts zustande brachten, kein akzeptables Leben führten. Mit unseren Urlaubsbildern klebte sie Alben voll, damit das Glück ordentlich protokolliert war. Papa und mich hätte sie liebend gern nach diesen Fotoalben zurechtgebogen, was aber nicht gelang.
Papa bekam immer seltener Rollen angeboten. Das machte ihm zu schaffen, und er ließ sich gehen. Zu Hause trank er zwar nicht, kam aber immer öfter betrunken heim.
"Papa, du bist ja betrunken!", sagte ich zu ihm, und er: "Nein, nein, Häschen, ich tu nur so."
Die beiden scholten und schmähten einander, als wüssten Die nicht, dass man böse Worte nicht einfach zurücknehmenund vergessen kann. Dass ein Streit immer zur Gänze entzweit, während die Versöhnung immer nur halb gelingt, sodass jedes Mal ein Stück von der Liebe abgeschnitten wird, sie schrumpft immer mehr. Das wussten sie sehr wohl und konnten doch nicht an sich halten.
Ich aber zog mich zurück, darbte und verging vor so viel Lieblosigkeit.
Am schlimmsten war der Blick in den Spiegel. Das waren doch keine Augen! Das war doch kein Gesicht! Das sollten Hände sein? Und eine Brust ließ erst recht auf sich warten - das da, noch nicht einmal von der Sonne berührt, war jedenfalls keine.
Mama war solch eine Schönheit - und ich … Unbegreiflich.
Die da soll ich sein, wie komisch, so hab ich gedacht. Ausgerechnetdie, was für ein Pech.
Janka hatte längst ihre erste Liebe hinter sich, auch schon die zweite und dritte. Während ich langsam glaubte, bei mir würde nie etwas daraus werden. Und lautlos vor mich hinwinselte, den stumpfen Blick auf die Tapeten gerichtet.
Und dann geschah es, dass er bei uns auftauchte. Papas Jugendfreund, inzwischen Regisseur. Er engagierte Papa für seinen nächsten Film.
Rothaarig. Insbesondere die langen, dichten Wimpern feuerrot. Wie rote Tannennadeln! Das Haar in einer Dichte und Fülle wie bei einem wilden Tier. Beim Essen knöpfte er das Hemd auf - heiß genug war es -, krempelte die Ärmel nach oben, dass man die prallen, mit Sommersprossen besprenkelten Bizepse sah. Und die rote Wolle quoll aus dem Hemdkragen.
Er kam gerade zurück vom Meer, doch seine Haut war ganz hell geblieben; er werde nicht braun, nur rosa, sagte er.
Von nun an kam er öfter.
Papa zeigte mir ein altes Foto, auf dem sie zu zweit herumalberten, kopfunter an einer Stange hingen. Beim Anblick dieser Jungen kam mir zum ersten Mal der Gedanke: War mein Vater auch schon mein Vater, bevor er es wurde? Und dieser Rothaarige, war der auch schon er? Er wer?
Jedenfalls sprach er von sich als eingefleischtem Junggesellen, Papa und Mama scherzten immer, sie müssten endlich eine Braut für ihn finden.
"Ach was", sagte er, "hat man eine weibliche Brust gesehen, hat man alle gesehen."
"Von wegen!", erwiderte meine Mutter. Frauenbrüste seien wie Schneeflocken, keine gleiche der anderen! Worauf sie alle miteinander lachten. Das Gespräch darüber kam mir sonderbar vor, es war mir unangenehm.
Mich nannte er Saschka Plappertaschka. Und das, obwohl ich in seiner Gegenwart stumm und verlegen war. Genauergesagt, war ich wieder einmal doppelt. Aber die eine, die Furchtlose war im unpassendsten Moment abgetaucht, nur die andere, die sich in die Hosen machte, war noch da.
Er kam zu mir herüber, lugte auf den Umschlag meines Buches.
Na, wie ist die Lage in Troja?", fragte er. "Hält es sich noch, oder fällt es schon?"
Ich nahm allen Mut zusammen und fragte, worum es in seinem nächsten Film gehen sollte.
"Pass auf", antwortete er. "Nehmen wir an, du hast ein Glas Kefir getrunken und davon einen weißen Kefirschnurrbart, und unten an der Haltestelle, so stand es in der Zeitung von gestern, ist der Bus in die Leute gerast, die auf ihn gewartet haben, sie sind alle tot. Zwischen dem weißen Kefirschnurrbart und ihrem sinnlosen Sterben besteht eine direkte Verbindung, wie zwischen allen übrigen Sachverhalten in der Welt."
Ich verliebte mich unsterblich in ihn.
War er zu Besuch, huschte ich immer wieder unbemerkt in den Flur hinaus, um seinen langen Mantel zu beschnüffeln, den weißen Schal und den Hut. Er benutzte irgendein exotisches Rasierwasser - der Duft war betörend, herb und männlich.
Ich konnte nicht schlafen. Endlich verliebt! Nächtelangheulte ich ins Kopf kissen. Schrieb jeden Tag ins Tagebuch, Seite für Seite, immer nur das eine: Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich.
Es zerriss mich beinahe. Und ich wusste nicht, was damit anfangen.
Mama sah es und litt mit mir, wusste aber auch nicht, wie sie mir helfen sollte. Umarmte mich, versuchte Trost zu spenden, strich mir über den Kopf wie einem kleinen Kind. Wollte mich zur Vernunft bringen.
"Du bist doch noch ein Kind", sagte sie. "Mit dem Riesenbedürfnis, nicht nur geliebt zu werden, sondern auch Liebe zu schenken. Das ist großartig. Fragt sich nur, wem? Die Bräutigame, die für dich infrage kämen, haben ja bis vor Kurzem noch mit Zinnsoldaten gespielt. Deshalb die vielen Tränen ins Kopf kissen, der Neid, die wilden Fantasien, Albträume, du bist dem Schicksal gram, grollst aller Welt, auch deinen Nächsten. Als wären gerade die an allem schuld. Und so fängst du an, Luftschlösser zu bauen."
Sie versuchte mich davon zu überzeugen, dass es für die Liebe noch zu früh wäre. Das sei alles noch nicht echt!
"Echt? Was ist denn echt?", heulte ich.
"Na … so wie bei Papa und mir."
Papa kam zu mir ins Zimmer, hockte sich auf den Bettrand und setzte, wer weiß warum, ein reuiges Lächeln auf, so als könnte er tatsächlich irgendwas dafür. Oder als handelte es sich um eine schwere Krankheit, die ihn hilflos machte.
"Häschen", seufzte er, "ich hab dich doch lieb. Genügt dir das nicht?"
Sie taten mir leid!
Ich begann ihm Briefe zu schreiben. Jeden Tag schickte ich einen. Da ich nicht wusste, was ich schreiben sollte, steckte ich in den Umschlag das, was der betreffende Tag gerade hergab: einen Straßenbahnfahrschein, eine Vogelfeder, einen Einkaufszettel, einen Bindfaden, einen Grashalm, eine Feuerwanze.
Ein paarmal antwortete er mir. In scherzhaftem Ton und sehr höflich. Nach einer Weile revanchierte er sich mit ähnlich albernem Kram, schickte einen abgerissenen Schnürsenkel, Filmschnipsel. Einmal zog ich eine Serviette aus dem Umschlag, in die ein Zahn gewickelt war - den hatte man ihm am Tag zuvor gezogen. Auf der Serviette stand die Notiz, er schicke mir das in der Hoffnung, dass mir bei diesem Anblick endgültig alle Liebe verginge. Der Zahn sah tatsächlich zum Fürchten aus. Aber ich nahm ihn und steckte ihn mir in den Mund.
Einmal kam er, hatte lange etwas mit Mama und Papa hinter verschlossener Tür zu besprechen, dann klopfte er bei mir. Ich stand am Fenster und war wie gelähmt. Er kam herein und auf mich zu, ich riss den Vorhang zu mir heran, verbarg mich dahinter.
"Schaschka", begann er, "Saschka Plappertaschka! Mein armes verliebtes Mädchen! Wie kann man sich nur in solch ein Scheusal verlieben! Hör mal, ich muss dir etwas Wichtiges erklären, obwohl ich denke, du weißt auch so Bescheid hinter deiner Gardine. Die Sache ist: Du liebst gar nicht mich. Du liebst, Punkt. Das sind zweierlei Dinge."
Und damit ging er.
Von da an tauchte er nicht mehr auf. Antwortete auch nicht auf meine Briefe.
Eines Tages schwänzte ich die Schule. Beschloss einfach, nicht hinzugehen. Lief stattdessen durch den Regen spazieren, nahm gar nicht wahr, wie es goss. So wie eine Kuh den Regen nicht bemerkt.
Meine Faust steckte in der Manteltasche, darin sein Zahn.
Der beißende Geruch aus einem brennenden Papierkorb und die zuckersüß lächelnden Jungvermählten im verregneten Schaufenster des Fotografen - das war alles, woran ich mich hinterher noch erinnern konnte.
Ich war pitschnass und zitterte. Trottete nach Hause.
Als ich die Wohnungstür öffnete, stand dahinter ein riesiger
aufgespannter Regenschirm.
Noch an der Tür erschnupperte ich den bekannten Geruch. Sah den langen Mantel am Haken, den Hut, den weißen Schal.
Im Bad rauschte das Wasser.
Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Darin tauchte Mama auf mit zerwühlten Haaren, den chinesischen Drachenkittel über den nackten Körper raffend.
"Sascha!", rief sie entgeistert, "was suchst du denn hier? Ist was passiert?"

zu Teil 3