Vorgeblättert

Leseprobe zu Michail Schischkin: Briefsteller. Teil 3

17.09.2012.
Ruft mich doch heute mein Chef, Kommandeur der Kommandeure, Befehlshabender aller Befehlshabenden, zu sich und sagt:
     "Setz dich hin, wir schreiben einen Tagesbefehl."
     Ich setze mich also und schreibe: "Brüder und Schwestern! Brave Soldaten! Söldner, Friedensstifter und Assassinen! Das Vaterland, es zerweicht wie ein Löschblatt im Regen! Rückzug gegenstandslos! Wir weichen keinen Fußbreit! Boah, guck dir die an, hast du den Hintern gesehen? Doch nicht die, die andere, ist schon um die Ecke. Das mit dem Hintern musst du wieder streichen. Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja. Also. In der Mitte gescheiteltes Haar ist zu einem Haarzopf zu flechten, welch selbiger alsdann mit
einem Band zu verknüpfen ist. Toupets sind nicht zugelassen. Schläfenhaar ist einheitlich, wie im Regimente Usus, in langer Buckel zu bändigen, jedoch zuvor ordentlich zu kämmen und zu striegeln, damit nicht Eiszapfenartiges entstehe, bei Frostgraden selbige in größerer Breite, auf dass das Ohr davon bedecket sei. Solch Exerzitium bewahrt vor Müßiggang, welch aller soldatischen Laster und Ungebührlichkeit Anfang und also ein hinreichender Beweggrund, für unablässige Unterweisung des Rekruten Sorge zu tragen. Die Schuhgröße hat wohlangemessen zu sein, nicht zu weit noch zu eng, damit bei Frost eine Unterlage von Stroh oder Werg noch möglich sei, erst recht nicht zu kurz bemessen, damit es Zehen und Ferse nicht wund reibe, was nur dazu führt, dass der Soldat im Felde den Behänderen nicht zu folgen vermag; jedoch sollte der Fuß vom Leder gut umschlossen sein. Allzeit füglich instand gesetzt, geputzt und gewichset, sind die Schuhe täglich von Fuß zu Fuß zu wechseln, um einseitiger Abnutzung vorzubeugen, auch auf dass der Fuß im Felde und sonstigen Gehen nicht verdürbe. Rasieren nicht vergessen. Den Ahnungslosen zur Belehrung: Das Tragen eines Bartes kann bedeuten, im Zweikampf den Kürzeren zu ziehen, alldieweil ein Gegner sich trefflich daran festhalten und so die Oberhand gewinnen kann. Morgen wird ausgerückt. Weit ist der Weg. Kurz ist die Nacht. Wolken im Schlaf. Männer auf Wacht. Als Erstes kommen wir durch das befreundete Reich des Priesterkönigs Johannes, von dessen gewaltiger Macht alle Welt spricht. Er hat das Heer des großen Dschingis Khan ausgehungert und besiegt, wie erst gestern wieder in der Zeitung stand. Die Gegend rauer als rau, schier undurchdringlich. Den Herren Regiments- und Bataillonsführern allen sei hiermit dringendst anempfohlen, ihre Subalternen und Gemeinen dahingehend zu instruieren, sich beim Zuge durch Städte, Dörfer und Gasthöfe jeglicher Verwüstung zu enthalten. Die Bevölkerung in keiner Weise zu kränken, sie zu schonen und in Ruhe zu belassen, auf dass die Seelen der einfachen Leute nicht von Galle erfüllet seien; mithin auf den schmählichen Titel Marodeur entschieden zu verzichten. In kein Anwesen eindringen; den Feind, wo er um Gnade fleht, gnädig behandeln; Wehrlose nicht töten; gegen Weiber keinen Krieg führen; Minderjährige nicht antasten. Zum Zwecke der Ersparnis von Munition sollte ein jeder seinen Feind vor dem Schusse genau anvisieren, um ihn zu treffen und zu töten. Dem Gefallenen Gottes Segen, dem Überlebenden ewiger Ruhm! Panikmacher und Feiglinge sind standrechtlich zu erschießen. Auf, auf ! Mir nach! Attacke! Hurra! Das Seitengewehr aufgepflanzt! Schützen voran! Zugestochen! Abgeknallt! Umgehauen! Die greifen wir uns, die schlitzen wir auf, die machen wir kalt! Mach los, keul rein, schlag zu, hau drauf ! Krach, bumm, zack, peng, krrrch, uffff!"
     Er unterbrach sich, um zu verschnaufen, knöpfte sich den Kragen auf und trat zum Fenster. Tupfte sich mit der Gardine den Schweiß von der Stirn. Zog das Zigarettenetui aus der Tasche. Klopfte das Ende der Zigarette ein paarmal gegen den Deckel. Zerbrach ein Streichholz beim Versuch, es an der feuchten Schachtel anzureiben. Zerbrach noch eins. Der dritte Versuch glückte. Er tat einen tiefen Zug. Blies einen dichten Rauchstrahl in die offene Luke im Fenster.
     Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, all dies schon einmal erlebt zu haben. Diesen tintenbeklecksten Jungen vor sich sitzen zu sehen, der ihn so sehr an seinen gefallenen Sohn erinnerte. Der noch die Eierschalen hinter den Ohren hatte, dem Frauen noch ein Rätsel waren. Und die kleine Kanne da mit dem längst erkalteten Teesud, die abgeschlagene Tülle. Alles genau so. Die geblümte Tapete: kleine rosa Blüten, die an Pickel denken ließen, Windpocken womöglich, von der Zugluft übertragen. Das Bündel Dörrfische, durch die Aughöhlen aufgefädelt, am Fensterriegel hängend. Der draußen vorüberschlurfende Mann, beide Jackentaschen von Flaschen gebeult. Das Schild drüben am Badehaus, auf dem in Großbuchstaben SAU steht, denn die letzten beiden Lettern hat irgendein Witzbold mit Lehm zugeschmiert. Und jetzt dieses knatternde Geräusch: Da zieht irgendwo um die Ecke ein Kind seine Rute über einen Lattenzaun.
     Worauf er sich mit der Hand übers Kinn fuhr, um die Stoppeln knistern zu hören und zu wissen, das hatte er schon einmal getan, schon einmal gehört.
     Déjà-vus entstehen vermutlich dadurch, so überlegte er, dass ein jeglicher Umstand im Buch Genesis zwar nur einmal beschrieben steht, doch augenblicklich zu neuem Leben erwacht, sobald einer die betreffende Seite wiederliest. Dann werden diese Tapeten wieder lebendig und die über den Zaun fahrende Rute, der die Nase reizende Fisch am Fensterriegel, das Kratzen am Kinn, das Kännchen mit dem kalten Tee, und die Frauen sind immer noch ein Mysterium.
     Jemand liest das hier also gerade - nur darum hat man ein
Déjà-vu.
     Er schnipste die Kippe aus dem Fenster, sie flog im Bogen eines klassischen Kopfsprungs.
     Dann schlürfte er aus der abgeschlagenen Tülle den bitteren kalten Teesud, wischte sich die Lippen mit dem Ärmel und setzte sein Diktat fort:
     "Drittens. Womöglich das Wichtigste: Tötet niemals ohne Not. Denkt immer daran: Die anderen sind auch Menschen. Ich weiß, dass das schwerfällt, Leute. Und der Weg bis ans Ende der Welt ist weit. Nicht mal Alexander der Große hat es dahin geschafft, er kam nur bis an die Grenze und hieß eine Marmorsäule aufstellen mit der Inschrift: Ich, Alexander, kam bis an diesen Ort. Das glaubt ihr nicht? Ich werds euch zeigen! Es gibt dort Kakteen mit Ohren, und es gibt das Volk der Nacktweisen. Bei deren Anblick Alexander der Große bass erstaunt war und sagte: 'Verlangt von mir, was ihr wollt, ihr kriegt es!' Worauf jene ihm sagten: 'Gib uns Unsterblichkeit, denn die ersehnen wir uns am meisten. Andere Reichtümer brauchen wir nicht.' Da sprach Alexander zu ihnen: 'Wie könnte ich Sterblicher euch Unsterblichkeit schenken?' Darauf sie: 'Du nennst dich Sterblicher und wagst es, Gräuel säend durch die Welt zu irren und zu streunen?' Die waren anscheinend nicht auf den Mund gefallen. Und kaum hat man sich abgewandt, kriegt man eine Kugel ins Genick, nicht wahr. Wir fahren zuerst mit der Eisenbahn, und dann gehts übers Meer. Und wenn wir Menschen mit Hundeköpfen sehen, heißt das, wir sind angelangt. Wir haben unsere Ruder dabei und werden gefragt, was das für Schaufeln seien und was wir damit vorhaben. Auch gibt es dort öffentliche Bordelle, in denen sich Männer als Weiber gebärden, und dergleichen Scheußlichkeiten mehr, seid also stets auf der Hut! Wir sehen die Welt in ihrem Werden, sie sehen sie, wie sie geworden ist. Alles Wissen ist für sie Erinnerung. Ein jeder kennt seine Zukunft und lebt doch sein Leben unbeirrt fort. Sodass Liebende einander schon lieben, ehe sie überhaupt voneinander wissen, sich kennenlernen, ins Gespräch kommen. Für ihr eigenes Wohl zu beten vermeiden sie: Zu welchem Zweck man auf die Welt gekommen, könne man schließlich nicht wissen. Ihre Gottheiten sind einfach gestrickt, doch es sind ihrer so viele, wie es Vögel, Bäume, Wolken, Pfützen, Sonnenuntergänge und uns gibt. Dass es andere Welten außer der unsrigen gebe, bezweifeln sie. Aber für Torheit erklären sie es, positiv zu behaupten, dass es außer unserem Weltall nichts gebe, denn, so sagen sie, ein Nichts gibt es weder in der Welt noch außerhalb von ihr. Sie gehen von zwei Grundursachen alles Irdischen aus: der Sonne als Vater, der Erde als Mutter. Die Luft sei ein unreiner Teil des Himmels; das Feuer stamme aus der Sonne; das Meer sei der Schweiß der Erde; es sei zugleich das Band, das die Luft mit der Erde verbinde, gerade so gut wie das Blut die Verbindung zwischen dem Leib und den Lebensgeistern sei. Die Welt sei ein Tier von ungeheurer Größe, in dessen Innerem wir leben wie die Würmer in unserem Unterleibe. Nur ob ein Wurm glücklich sei, wisse man nicht, während der Mensch im Glücke geboren wird, in ihm lebt und dahingeht - auch wenn er es immer wieder vergisst. Ja, und diese Nacktweisen haben nun überall die Muttern von den Gleisen geschraubt. Und nicht etwa, weil sie Senkblei für ihre Angeln gebraucht hätten, Saubande, beknackte! Nein, es ist nur, weil die Eisenbahnen ihr Feng-Shui stören, was dachtet denn ihr! Dieses ganze Gesindel gehört ausgerottet, gnadenlos. Abknallen wie tollwütige Hunde! Das Antlitz der Erde befreien von dem Gesocks! Ihr wisst doch, jemand muss die Drecksarbeit machen. Männer! Wir treten an, unsere Kameraden und Kampfgenossen zu rächen - die zwar noch am Leben und unter uns sind, frohgemut und am Grinsen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Die Wahrheit ist auf unserer Seite, die Lüge auf ihrer, damit ihrs wisst! Und selbst wenn es andersherum wäre. Das Licht ist die linke Hand der Dunkelheit. Die Dunkelheit ist die rechte Hand des Lichts. Die Sonne will die Erde auch nur versengen. Pflanzen hervorzubringen, Menschen gar, ist ihre Sache nicht. Es gibt keine Sieger in diesem Leben, nur Besiegte. Du spießt sie aufs Bajonett, und derweil denken sie nur: Ach, wozu sich sorgen darum, was einem nach dem Tode widerfährt! Es wäre dasselbe, als fragte man sich, was aus der Faust wird, wenn man sie öffnet, oder aus dem Knie, streckt man das Bein. Also, Jungs, passt auf euch auf ! Ohne Anweisung wird nicht geschossen! Denkt an die Hosen des Pythagoras! Aber das sagt euch natürlich wieder gar nichts. Dabei hattet ihr es in der Schule! Zum einen Ohr rein, zum anderen raus! Unterweisen soll man euch Idioten, die ihr euch doch nur für Weiberröcke interessiert. Also, was lehrt Pythagoras? Pythagoras lehrt, dass der Todgeweihte, wenn seine Seele die Mondwelt und das Sonnenlicht verlässt, einen Gang nach links durch Persephones geheiligte Wiesen und Wälder zu machen habe; und fragt ihn einer, wer er sei und woher, muss er antworten: 'Als Böcklein bin ich in die Milch gefallen.' So, das wars jetzt. Ach ja, eins noch: Hört auf, dem Stabsschreiber in die Schüssel zu spucken, aus der er seinen Brei löffelt. Lasst den Narren in Frieden! Soll er Totenscheine kritzeln, wen störts? Er will nicht für den König Herodes beten? Na, wer will das schon."

                                                   *

Auszug mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Verlags-Anstalt
(Copyright DVA)


Informationen zum Buch und zum Autor hier