Vorgeblättert

Leseprobe zu Maria Barbal: Camfora. Teil 2

11.08.2011.
Er erzählt überall herum, dass es sich um ein erstklassiges Angebot handelt. Von Josep Ginesta, den alle kennen und der sich seinen Lebensunterhalt schon seit Jahren in der Stadt verdient, hat er erfahren, dass bei ihm in der Straße, gegenüber von seiner Wohnung, ein Laden zu verpachten sei. Flaschenmilch werde dort verkauft, Süßigkeiten, Gebäck und Kuchen, große Glasballons, die mit Wasser gefüllt sind. In Barcelona kauft man nämlich das Wasser. "Du kannst ja die Tränke vom Dorfplatz mitnehmen!", meint einer zu ihm. Und Leandre lacht über den Witz und legt gleich noch einen drauf.
     Bloß eins muss klar sein. Er geht fort, weil sich ihm eine einmalige Gelegenheit bietet. Es soll nur ja keiner auf die Idee kommen, er würde vor seinem Schwiegersohn davonlaufen, weil der, als er im Wirtshaus das Messer zückte, ihn dazu gebracht hatte, den Schwanz einzuziehen. Wer weiß, was noch alles hätte passieren können, wenn es Xauet nicht gelungen wäre, ihn zurückzuhalten! Jedes Mal kommt Leandre zu demselben Schluss und hakt damit das Thema für sich ab.
     "Ein regelrechtes Schnäppchen, ein erstklassiger Laden, wie für mich gemacht!" Das sagt er, als er die besten Weiden verkauft, und er wiederholt es, als er das nicht ganz so ertragreiche Land verpachtet. Bei den Wiesen, zu denen nur ein steiler, steiniger Weg führt, beißt keiner an, auch wenn man Leandre bei seinem Versuch, besonders verlockende Köder auszuwerfen, einen gewissen Witz nicht absprechen kann. Schließlich überlässt er das Stück Land für einen Apfel und ein Ei oder gibt es sogar umsonst her, wenn ihm danach ist. So mimt er überall den reichen Mann und stellt klar, dass er derjenige ist, der bestimmt, wo es lang geht, den Sohn lässt er bei allen Entscheidungen außen vor. Wenn er genug beisammen hat, wird er die Ablösesumme für den Laden zahlen.
     Und noch eins geht ihm durch den Kopf: Bevor er die Zelte hier abbricht, muss er mit seiner Ältesten reden. Er wird ihr auftragen, die Pacht einzutreiben, diese Kanaille von Frederic, ihr Ehemann, braucht davon erst gar nichts zu erfahren.
     Leandre will sie in aller Heimlichkeit sprechen. Er stellt ihr nach, und als sie sich einmal ganz allein auf den Weg zum Gemüsegarten der Manois macht, der am anderen Ende des Dorfes liegt, fängt er sie ab. Sabina weicht seinem Blick aus, die Tochter zeigt sich unbeteiligt und abweisend. Sie hört sich an, was er zu sagen hat, und als er fertig ist, starrt sie ihn an, aus Augen, die ebenso klar sind wie seine, und beide, Vater und Tochter, liefern sich einen kurzen und heftigen Schlagabtausch.
     Ob der Vater denn allen Ernstes glaube, sie würde irgendetwas tun, was ihm zum Vorteil gereichen könne, wo er ihr doch alles genommen hat. Leandre antwortet ihr ruhig und sanft, seine Stimme hat etwas seltsam Einschmeichelndes. Vor langer Zeit hat er schon einmal so zu ihr gesprochen, doch das hatte Sabina aus ihrem Gedächtnis verbannt. Sie verspürt ein Frösteln und ist auf der Hut.
     Er versichert ihr noch einmal, dass er alles in Ordnung bringen wird, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, sie werde das bekommen, was ihr rechtmäßig zusteht. "Aber dein Mann, der soll sich da bloß raushalten!" In diesem Augenblick kocht der Zorn in ihm hoch und lässt seine Stimme laut werden, und sie, die sich schon die ganze Zeit vor ihm in Acht genommen hat, macht Anstalten zu gehen. Der Vater mäßigt seinen Ton, offenbart der Tochter, dass sie ihm als Erbin tausendmal lieber gewesen wäre, mit dem Jungen ließe sich doch keinen Staat machen, und darum habe er gedacht, weit weg, da unten in der Stadt, könne er dafür sorgen, dass endlich ein richtiger Mann aus ihm wird. Für einen Moment verliert Sabina die Fassung. Als ob der Vater ihr gleich ein Geheimnis des Bruders enthüllen wird, ganze siebzehn Jahre liegen zwischen Maurici und ihr. Sie kennt ihn besser als irgendjemand sonst, schließlich hat sie ihn großgezogen, und er würde ihr niemals etwas wegnehmen. Der eigentliche Dieb steht vor ihr, denkt sie und hat sich wieder im Griff.
     Der Vater raspelt nach wie vor Süßholz, und ganz plötzlich beschließt sie, einfach zu sagen, sie sei einverstanden. Wenn die anderen erst einmal weit weg wären, würde sie doch machen, was ihr gerade in den Kram passt.
     Da verspricht Leandre, dass ihr Palmira noch an diesem Nachmittag die Hühner und Kaninchen vorbeibringen wird. Es ist das erste Mal, dass er ihr etwas gibt, denkt sie, hat ihr der Vater doch bis zu diesem Tag noch nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt.


Beginn

Die Umgebung der Raurills hat sich verändert. Ihre Landschaft besteht nun aus Zement und Glas, durch die sich unaufhörlich ein Strom von Autos zwängt. Nur ab und zu, wie Wasser vor einer Schleuse, staut sich der Verkehr, doch wenn das rote Licht dann wieder auf Grün springt, fließt er ungehindert weiter, und alles beginnt von vorn.
     Die Wohnung, in der Palmira sich nun abmüht, die Küche bis auf halbe Wandhöhe gefliest, ist ein wenig heruntergekommen, klein, aber alles in allem leicht sauber und in Ordnung zu halten. Maurici hat die Fläche abgeschritten, die ihnen jetzt zur Verfügung steht, und über den Daumen gepeilt ist es ein Drittel ihres Hauses im Dorf, den Heuschober, den Stall, den Hof und die Tenne nicht mitgerechnet. Er sagt, er vermisse das Tageslicht. Von der Straße fällt es zwar in den Laden, doch dringt es schon nicht mehr bis ins Esszimmer, obwohl man gleich hinter dem Ladentisch durch eine türlose Öffnung dorthin gelangt. Sie werden also tagsüber eine Lampe anlassen müssen. Licht fällt nur in die zum geräumigen Innenhof des Wohnblocks hinausgehenden Zimmer, der Rest der Wohnung - Küche, Bad und das große Schlafzimmer - liegen dagegen fast immer im Dunkeln.
     Sie haben ihr Ehebett aus dem Dorf runter in die neue Wohnung schaffen lassen und auch die beiden kleinen Nachttische, die Anrichte, den Esstisch mitsamt den Stühlen, den Kristallleuchter und den einzigen Kleiderschrank, den sie besitzen, einen Schrank mit Spiegeltür, eben all das, was sie sich vor ihrer Hochzeit angeschafft haben. Die Kommode ist das einzige gut erhaltene Möbelstück, das sie im Dorf zurückgelassen haben. Palmira bewahrt einen Teil ihrer Bettwäsche dort auf, Tischdecken und das ein oder andere besonders schöne Stück, auch wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie es jemals wieder benutzen wird.

Am ersten Nachmittag unermüdlicher Geschäftigkeit, während sich die Augen noch an der ungewohnten Umgebung der abgenutzten, alten Wohnung stören, die Stimmen zwischen den wenigen Möbeln nachhallen, und die Schritte auf dem kurzen Stück vom Laden zu den Zimmern und zurück immer wieder in die Irre gehen, ist mit einem Mal eine Klingel zu hören. Es läutet an der Wohnungstür.
     Überrascht schauen sich die beiden an. Maurici geht öffnen und sieht sich einem schmächtigen Mann gegenüber, das Gesicht blass und eingefallen, das Haar vorzeitig ergraut. Der Mann spricht ihn auf Spanisch an und er verschluckt dabei die Endungen der Worte. Irgendwie wirkt er traurig, doch seine fröhlich glockenhelle Stimme straft diesen Eindruck gleich Lügen.
     Es ist der Nachbar aus dem ersten Stock, Dimas Lozano heißt er, und, wann immer sie etwas brauchen sollten, stets zu ihren Diensten, er und die Frau, Dora. Maurici steht für einen Augenblick wie angewurzelt da und sagt kein Wort, doch Palmira, die alles mit angehört hat, kommt hinzu, bedankt sich bei dem Mann und bittet ihn herein. Da er merkt, dass sie mit dem Spanischen Schwierigkeiten haben, wechselt er ins Katalanische, auch wenn es vor lauter Zischlauten nur so sprüht, und schon fliegen ihm die Herzen der beiden zu. Zumindest für den Moment lehnt das geschäftige Paar die Einladung des Nachbarn ab, einen Happen mit ihm und seiner Familie zu essen, und Dimas lässt sich auch nicht dazu überreden, einen Schluck Wein aus der bota zu trinken, obwohl ihn das schwärzliche Leder des Trinkbeutels an sein andalusisches Heimatdorf erinnert.
     Als Josep kurze Zeit später bei ihnen vorbeischaut, sind sie noch immer ganz angetan von diesem Besuch, der so gar nicht in das Bild passen will, das sich die Raurills, nach allem, was ihnen hier und da zu Ohren gekommen ist, von den Leuten in der Stadt gemacht haben. Nicht alle sind so wie Dora und Dimas, Josep Ginesta muss lächeln, aber natürlich gibt es solche und solche, sagt er, so wie überall. Der Freund aus dem Dorf erzählt ihnen, die Lozanos seien vor etwa zehn Jahren nach Barcelona gekommen. Angustias, die älteste Tochter, sei damals gerade mal ein paar Monate alt gewesen. Mittlerweile seien noch zwei weitere Kinder hinzugekommen, und Dimas würde bei Seat arbeiten, in der Nachtschicht. Jetzt verstehe ich auch, warum er so blass aussieht, entfährt es Palmira. "Ich habe noch nie zuvor jemanden gesehen, der eine so fahle Gesichtsfarbe hat!" Sie sagt es, ohne darüber nachzudenken, dass ja auch Josep nachts arbeitet. Während alle drei noch lachen, weil Palmiras Stimme so aufgeregt geklungen hat, kommt Leandre durch die Tür und verkündet, dass er vom vielen Herumlaufen Durst bekommen habe.

Kaum dass die Frau den letzten Winkel der Wohnung geputzt hat und mit dem Scheuern der Fliesen fertig ist, beginnen die beiden jungen Männer damit, das Bett aufzubauen und gleich darauf den Kleiderschrank. Nachdem sie die zwei kleinen Nachttische rechts und links neben das Kopfende gestellt haben, bleibt nur noch wenig Platz, eigentlich zu wenig.
     Während Maurici und Josep im Schlafzimmer ihre Arbeit verrichten, Leandre steht daneben und gibt ihnen Anweisungen, ist Palmira ins Esszimmer gegangen, um sich ein wenig hinzusetzen, ihr Kreuz macht ihr zu schaffen. Sie sieht sich im Spiegel der Anrichte und fühlt sich eigenartig, irgendwie fehl am Platz, so als wäre sie jemand anderes. Als die Männer fertig sind, verschwitzt und laut miteinander redend ins Esszimmer kommen, bereut sie es, das Abendmahl und die Hochzeitsfotos nicht vom Tisch geräumt zu haben, es wäre ihr lieber, dass für heute Schluss ist mit der Plackerei. Josep Ginestas Blick ruht für einen Augenblick auf den Bildern, und er fragt Palmira, wo sie sie gerne hingehängt haben möchte. Im ersten Moment ist sie ein wenig erschrocken und schaut verstohlen zu ihrem Schwiegervater, der nur entgegnet: "Das ist so ziemlich egal, weil wir das Esszimmer für?s erste eh nicht streichen werden." Josep sieht die Frau fragend an, und sie gibt ihm zur Antwort, sie würde meinen, über der Anrichte. Ja, genau da gehören sie hin, er rückt die Leiter heran, die er von zu Hause mitgebracht hat, und steigt hinauf, in einer Hand das Abendmahl, während Palmira ihm Hammer und Nägel reicht. Ihr Mann steht mit dem Vater in der Ladentür und hört, was er sagt, er sieht ihnen zu.
     Mitten über der Anrichte hängt nun das Abendmahl. Josep sagt, "so, das hätten wir", und steigt die Leiter hinunter, rückt sie ein kleines Stück nach links und bevor er wieder hinaufsteigt, greift er zu einem der Hochzeitsfotos. In einem ovalen Rahmen ein lächelnder Maurici, bei ihm eingehakt die Braut, ganz in Weiß und mit einem Blumenstrauß in der Hand. Als Josep dann ein weiteres Mal hinuntersteigt, um die Leiter nach rechts zu schieben, sagt er zu Palmira, sie sei eine wunderschöne Braut gewesen, und sie, während sie ihm zuerst den Hammer und dann die Nägel reicht, denkt bei sich, was für ein netter Mensch der Mann von Neus doch ist. Seine Worte haben so ehrlich geklungen. Als er schließlich von der Leiter steigt und sie zusammenklappt, schaut er sich noch einmal die zweite Fotografie an, die in einem Rahmen aus Buchsbaumholz steckt und auf der, das rechte Bein leicht nach vorne ausgestellt, ein kaum wiedererkennbarer Leandre posiert. Er macht regelrecht ein freundliches Gesicht und wirkt viel größer als in Wirklichkeit. Madrona dagegen, das Haar zu einem Knoten zusammengesteckt, sieht starr in die Kamera, und ihre Wespentaille lässt ihre ausladenden Brüste nur noch größer erscheinen.

Anfang Mai eröffnen sie schließlich das Geschäft. Maurici kennt zwar die Waren, die sie führen, aber noch nicht alle Preise. Es fehlt ihm an Erfahrung im Umgang mit der Kundschaft, er stellt sich ungeschickt an, wenn es darum geht, ein Produkt anzupreisen, und er ist alles andere als schnell beim Bedienen. Gesichter kann er sich nur schwer merken. Er meint sogar, er würde keinen einzigen Kunden wiedererkennen, was Josep aber jedes Mal bestreitet, wenn die Rede darauf kommt, und Palmira auch. Wann immer sie kann, steht sie an der Seite ihres Mannes hinter dem Ladentisch und hat alles im Blick. Wenn gerade nicht viel los ist, erledigt sie die Einkäufe, bereitet das Mittagessen vor, wäscht, räumt auf, näht und stickt.
     Abends, wenn der Tisch abgeräumt ist, zieht sich Maurici einen Stuhl heran, setzt sich und legt ein paar von den Papierstreifen vor sich hin, die beim Einpacken der Waren übriggeblieben sind. Unter dem strengen Blick des Vaters trägt er dann all seine Kenntnisse in Sachen Buchführung zusammen. Er schreibt auf, was sie an jeder einzelnen Milchflasche verdient haben, am Wasser, an den Eiern und am Gebäck, aber er verliert völlig den Überblick, wenn er beim Kleinkram angelangt ist: weiches Lakritz, Bonbons, Kaugummi, Süßholzstangen, Brausepulver? Und dabei hat es ihnen die Frau, von der sie den Laden übernommen haben, immer wieder eingeschärft: Kleinvieh macht auch Mist. Aber bis jetzt nehmen sie ja kaum etwas ein, werden stattdessen mit Rechnungen überhäuft, die sich auf ziemlich viele Peseten belaufen und im voraus beglichen werden müssen. Seitdem sie den Laden haben, verspürt Maurici ein Schwindelgefühl, so als würde sich ein Abgrund vor ihm auftun, und es ist Palmira, die versucht, ihn von dort wegzuziehen, die alles daransetzt, dass er wieder festen Boden unter die Füße bekommt. Er aber fühlt sich trotzdem allein mit seiner Angst und versteht nicht, wie seine Frau so ruhig bleiben kann, und noch viel weniger versteht er die Unbekümmertheit des Vaters, wenn dieser, kaum dass die Papiere vom Tisch geräumt sind, die Karten hervorholt und weiter nichts als eine Partie Manilla im Sinn hat. Und nach dem Spiel ist er sogar noch in Stimmung, Geschichten zum Besten zu geben, gefällt sich darin, seinen Ruf als Frauenheld in Erinnerung zu bringen, während Maurici spürt, wie ihn mehr und mehr das Heimweh überkommt. Palmira ist diejenige, die schließlich mahnen muss: "Es ist spät geworden". Und so, wie sie es bei den Hühnern im Stall gesehen hat, wenn diese etwas im Stroh verscharren, versucht sie, die Spur von Leandres Worten zu verwischen.
     Alle drei wissen, dass sie viel Geld hingeblättert haben, um die Ablösesumme zu begleichen und den Laden in Gang zu bringen. Im Dorf haben sie nur noch das Haus und ein paar Stücke minderwertiges Ackerland. Gleichwohl steht für Leandre fest, dass sie früher oder später wieder zurückgehen werden, aber bis dahin sehen sie etwas von der Welt, und vielleicht gibt ja in der Zwischenzeit sein Schwiegersohn auch den Löffel ab. Er ist zwar noch jung, aber man weiß schließlich nie.
     Die Rückkehr ins Dorf erscheint Maurici wie eine Erlösung, und so schöpft er für einen kurzen Moment Hoffnung, und ist doch gleich darauf wieder voller Furcht.
     Palmira selbst ist sich nicht im Klaren, aber tief in ihrem Innern fühlt sie, dass sich Beharrlichkeit auszahlt, und wo sie nun schon einmal den Schritt getan und das Dorf verlassen haben, sollten sie hierbleiben und nicht zurück nach Torrent gehen.

zu Teil 3