Vorgeblättert

Leseprobe zu Luca Turin, Tania Sanchez: Das kleine Buch der großen Parfums. Teil 1

28.01.2013.
VORWORT
von Tania Sanchez

Jeder Fan hat seine Liste: 100 Filme, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt; die drei besten Cheeseburger der nördlichen Hemisphäre; die zehn überberwertetsten Gemälde; die zwanzig dämlichsten Besprechungen in Perfumes: The A-Z Guide usw. Welche Empörung, wenn tatsächlich jemand Hellboy II höher einstuft als Casablanca, oder erklärt, dass Let It Be das bessere Album sei als Revolver! Der beste Grund, eine solche Liste aufzustellen, ist wohl die simple Befriedigung, so viele Leute mit derart geringem Aufwand zur Weißglut zu treiben.

Die in diesem Buch besprochenen Düfte sind nicht die besten aller Zeiten; es sind jene, die wir in Sachen Qualität, Originalität oder schlichter Schönheit über die Konkurrenz stellten, als wir für das Buch Perfumes: The A-Z Guide fast 1900 Düfte probierten und uns unter Missachtung von Werbung, Verpackung und den Gefühlen von Freunden und Nachbarn ausschließlich auf den Geruch konzentrierten. So schlossen wir auch Düfte aus, die jeder außer uns bewundert oder die im Zuge geänderter Zusammensetzungen gelitten haben. Stuft die vorherrschende Meinung etwa Tabac Blond höher ein als, sagen wir, Badgley Mischka, so berücksichtigten wir es trotzdem nicht, weil wir es nicht in seiner Bestform erlebten.

Auch Düfte, die wir nicht als wirklich überwältigend empfanden, tauchen in diesem schmalen und durchweg positiven Buch nicht auf. Das wird jene freuen, die der Meinung sind, dass man schweigen soll, wenn man nichts Gutes über jemanden zu sagen hat; und es wird jene ärgern, die es nicht ausstehen können, wenn jeder Bewerber einen Preis gewinnt. Wenn Sie also wissen wollen, was wir von Paris Hiltons Can Can halten, müssen Sie das große Buch konsultieren.

Um diesen willkürlichen und ahistorischen Ansatz auszugleichen und die Vorliebe von Verlegern für Zehnerlisten zu befriedigen, haben wir den 96 bestbewerteten Düften unseres letzten Buches vier kurze Artikel über längst verschwundene Parfums von historischer Bedeutung hinzugefügt. Unsere Eindrücke verdanken wir Rekonstruktionen, die wir, nach der Originalformel gemischt, in der Osmothèque fanden, einem Museum in Versailles, das der Geschichte der Parfümeurskunst gewidmet ist. Es ist kein Museum voller hübscher Kristallflakons, Werbeplakate und Mythen. Hier lagern Parfums in Kühlschränken, vor Licht und Fehlbehandlung geschützt, die darauf warten, auszuströmen und die Sinne zu wecken. Die vier Parfums sind François Cotys Emeraude, L'Origan und Chypre sowie Vincent Rouberts perfekt komponiertes Iris Gris. Die ersten drei tauchen, in verschiedenen Ausstattungen, oft bei Auktionen und Haushaltauflösungen auf; achten Sie bei solchen Gelegenheiten auf ältere Verpackungen, um billige Versionen jüngeren Datums zu vermeiden. Das Letztere dagegen lässt sich kaum noch irgendwo auftreiben, obwohl eine glückliche Dame aus unserem Bekanntenkreis auf einem Flohmarkt eine volle Flasche davon gefunden hat, mit der sie heute jeden aufzieht. Wenn Sie sich nicht auf solche Glückstreffer verlassen wollen, achten Sie auf die Veranstaltungen der Osmothèque in Versailles und ihres Ablegers in den USA.

Die Tatsache, dass diese Düfte nicht mehr ihrer ursprünglichen Intention gemäß erhältlich sind, führt zur viel diskutierten Frage der veränderten Formeln. Obwohl ich versprochen hatte, nur Gutes zu berichten, muss ich Sie warnen, denn viele unserer Lieblingsdüfte, die ihre Träger seit Jahrzehnten beglückten, haben sich in den letzten Jahren aufgrund strenger Allergievorschriften drastisch verändert. Darum haben wir uns die Mühe gemacht, bei vielen Parfums, die wir in der gegebenen Zeit noch einmal prüfen konnten, Notizen von Riechproben jüngeren Datums hinzuzufügen.

Ich gehöre selbst zu jenen Menschen, die auf alles Mögliche allergisch reagieren, die jucken und niesen, die schon als Kind dem Lehrer einen Zettel mit dem Hinweis auf die Erdnussallergie mitbringen mussten, die einen Inhalator und schnell wirkende Antihistaminika in der Handtasche tragen und für die es kein Shampoo zu geben scheint, das nicht die Kopfhaut in ein dermatologisches Schulbeispiel verwandelt. Und trotzdem wundere ich mich, wie skrupellos die Industrie sämtliche Allergene aus edlen Parfums eliminiert. Meine Allergie ist schließlich mein Problem. Ich würde ja auch nicht verlangen, dass andere Frauen keinen roten Lippenstift mehr benutzen, nur weil ich keinen vertrage, oder dass sie ihre Kleider nicht in enzymatischen Waschmitteln waschen, weil diese mich reizen könnten. Ich finde es befremdlich, dass entschieden wurde, dass ich nie wieder L'Heure Bleue tragen darf, nur weil irgendjemand irgendwo Quaddeln davon bekommen hat. Warum trägt sie nicht etwas anderes?

An nachrichtenarmen Tagen kommt es vor, dass Aktivisten Presseverlautbarungen in die Welt setzen, die behaupten, dass in Parfums enthaltene Chemikalien Krebs verursachen oder Jungen in Mädchen verwandeln, dass sie in der Muttermilch auftauchen, reizen, überempfindlich machen und so weiter. Solche Alarmrufe haben oft breit abgestützte Forderungen nach Parfumverboten zur Folge, selbst wenn die Nebenwirkungen nur bei Dosierungen auftreten, die weit höher liegen als bei jeder natürlichen Anwendung - also wenn man praktisch darin badet oder das Zeug unverdünnt trinkt. Parfums sind keine giftige, krebserregende Suppe, sondern streng reguliert, um Schäden an Mensch und Umwelt zu vermeiden. Also musste sich die IFRA, die International Fragrance Association, etwas anderes einfallen lassen, um der Welt zu beweisen, dass sie sich um unsere Gesundheit und Sicherheit kümmert. Sie setzte bedeutende Mittel ein, um das Risiko von Kontaktekzemen zu minimieren. Das ist der Grund, warum Sie ihr geliebtes Diorissimo nicht mehr haben dürfen, selbst wenn Ihre einzige Reaktion darauf ein Glücksgefühl war.

Erstes Opfer dieser Verbote und Einschränkungen waren jene Stoffe, die in großen Mengen verwendet worden waren, darunter solche, die schon immer eine wichtige Rolle spielten, etwa Hydroxycitronellal (der einzige überzeugende Maiglöckchenduft), Eichenmoos (das bittere, tintige Waldaroma, das sich in fast jedem klassischen Parfum findet), Birkenpech (Leder), Heliotropin (Silber-Akazie oder falsche Mimose), Jasmin (Jasmin!), Eugenol (adieu, Nelken und Glühwein), Bergamotte (die leckere Zitrus-Kopfnote z.B. in Shalimar) und andere. Es ist eine der großen Ironien der Parfumwelt, dass wohlmeinende Aktivisten aus Angst vor unbekannten Chemikalien unbeabsichtigt genau diese gefördert haben. So wurden bekannte Inhaltsstoffe verdrängt, die seit über hundert Jahren ohne erkennbaren Schaden verwendet worden waren.

Wir taten also unser Bestes, um frische, authentische Muster möglichst vieler unserer Lieblingsparfums noch einmal zu bewerten, denn in Sachen Compliance war 2010 ein wichtiges Jahr für die Industrie. Die Ergebnisse waren nicht nur schlecht, doch sie waren auch nicht nur gut. Auf solche Veränderungen weisen wir hin, und wo wir uns nicht für die aktuelle Version aussprechen können, sagen wir das auch. Einige Düfte konnten wir nicht rechtzeitig bekommen. In anderen Fällen hatten die Firmen kein Interesse daran, Parfums zu bewerben, die älter waren als fünf Jahre, und wieder andere schienen schlicht kein Interesse am eigenen Produkt zu haben. Doch diese Gleichgültigkeit mag sich sogar als Vorteil für Sie erweisen: Große Parfums, die nicht aggressiv vermarktet werden, finden sich möglicherweise noch in ihrer alten Zusammensetzung und in alter Verpackung am Lager einiger Parfümerien.

Alte Flaschen zu finden kann eine vergnügliche Beschäftigung sein, wenn man Spaß daran hat, ziellos durch Secondhandläden zu schlendern, bei eBay zu surfen oder die staubigen Schachteln im Hinterzimmer von Nullachtfünfzehn-Parfumdiscountern zu durchsuchen. Wenn Sie alle Parfums, die einst unser Lob erhielten, in ihrer Ursprungsform riechen könnten, wäre das ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Die Bandbreite ist enorm: Kompakte Bouquets aus weißen Blüten, saure Kompositionen aus Kiefer und Salbei für eine Nacht in der Wüste, klassische Milch-Moschusdüfte, die von Nerzmänteln der Fünfzigerjahre verströmt worden sein mögen, moderne, durchsichtige Gerüche, die jeden Raum mit einer Ahnung von Kräutern oder Holzrauch füllen, aromatisches Zeug für Discotänzer mit Schnauzer und Haaren auf der Brust, arabische Rosen- und Weihrauchöle, opulente, bittersüße Balsame für gesittete Damen. Und mehr, möge es immer noch viel mehr geben. Wie Luca einmal sagte, ein Parfum ist eine Flaschenpost. Unsere Übersetzungen dessen, was uns diese Parfums in ihrer duftigen Sprache sagen, in banale Worte, mögen unterhaltsam sein. Doch erfolgreich war unsere Arbeit nur dann, wenn Sie die stillen Flaschengeister hinterher selbst entdecken, sie befreien, sie studieren und sich ihre Geheimnisse anvertrauen lassen wollen.

2. Teil