Vorgeblättert

Leseprobe zu Julie Otsuka: Wovon wir träumten. Teil 3

25.06.2012.
 Auf dem Schiff aßen wir jeden Tag das Gleiche, und wir atmeten jeden Tag die gleiche abgestandene Luft. Wir sangen die gleichen Lieder und lachten über die gleichen Witze, und morgens, wenn es draußen mild war, krochen wir aus dem engen Schiffsinneren und spazierten in unseren Holzsandalen und leichten Sommerkimonos über das Deck und blieben dann und wann stehen, um auf das immergleiche, endlos blaue Meer zu schauen. Manchmal landete ein Flie gender Fisch auf unseren Füßen, zappelnd und außer Atem, und eine von uns - normalerweise war es eine von den Fischerstöchtern - hob ihn auf und warf ihn zurück ins Wasser. Oder eine Delfi nschule tauchte aus dem Nichts auf und sprang stundenlang neben dem Schiff her. An einem ruhigen, windstillen Morgen, das Meer war fl ach wie Glas und der Himmel von einem strahlenden Blau, erhob sich plötzlich die glatte schwarze Flanke eines Wals aus dem Wasser und verschwand, und einen Augenblick lang vergaßen wir zu atmen. Es war, als sähe man Buddha in die Augen.

Auf dem Schiff standen wir oft stundenlang an Deck, die Haare im Wind, und beobachteten die anderen vorbeigehenden Passagiere. Wir sahen turbantragende Sikhs aus dem Punjab, die aus ihrer Heimat nach Panama fl ohen. Wir sahen reiche weiße Russen, die vor der Revolution fl ohen. Wir sahen chinesische Arbeiter aus Hongkong, die auf den peruanischen Baumwollfeldern arbeiten wollten. Wir sahen King Lee Uwanowich und seine berühmte Zigeunerkapelle, die eine riesige Rinderfarm in Mexiko besaß und dem Hörensagen nach die reichste Zigeunerkapelle der Welt war. Wir sahen ein Trio von sonnenverbrannten deutschen Touristen und einen attraktiven spanischen Priester und einen großen, rotgesichtigen Engländer namens Charles, der jeden Nachmittag um Viertel nach drei an der Reling erschien und strammen Schrittes ein paar Mal das Deck auf und ab lief. Charles reiste erster Klasse und hatte dunkelgrüne Augen und eine kantige, spitze Nase, sprach perfekt Japanisch und war für viele von uns der erste Weiße, dem sie jemals begegnet waren. Er war Professor für Fremdsprachen an der Universität von Osaka, hatte eine japanische Frau und ein Kind, war oft in Amerika gewesen und beantwortete unsere Fragen mit engelsgleicher Geduld. Stimmte es, dass Amerikaner einen starken animalischen Geruch hatten? (Charles lachte und sagte: "Na ja, rieche ich denn?", und ließ uns für ein kurzes Schnuppern näher kommen.) Und wie behaart genau waren sie? ("Ungefähr so behaart wie ich", erwiderte Charles, und dann krempelte er seine Ärmel hoch, um uns seine Arme zu zeigen, die mit dunklen braunen Haaren bedeckt waren, sodass wir schauderten.) Und hatten sie wirklich Haare auf der Brust? (Charles errötete und sagte, er könne uns seine Brust nicht zeigen, und wir erröteten und erklärten, dass wir ihn darum auch nicht gebeten hatten.) Und gab es immer noch wilde Indianerstämme, die durch die Prärien zogen? (Charles erklärte uns, dass man alle Indianer fortgeschafft hatte, und wir atmeten erleichtert auf.) Und stimmte es, dass die Frauen in Amerika nicht vor ihren Männern knien oder beim Lachen die Hand vor den Mund halten mussten? (Charles starrte auf ein vorbeifahrendes Schiff am Horizont und seufzte und sagte: "Bedauerlicherweise, ja.") Und tanzten die Frauen und Männer dort wirklich die ganze Nacht lang Wange an Wange? (Nur samstags, erklärte Charles.) Und waren die Tanzschritte sehr kompliziert? (Charles sagte, sie seien leicht, und gab uns am folgenden Abend eine mondbeschienene Foxtrottstunde an Deck. Langsam, langsam, schnell, schnell.) Und war die Innenstadt von San Francisco tatsächlich größer als die Ginza? (Natürlich, ja.) Und waren die Häuser in Amerika wirklich dreimal so groß wie unsere? (In der Tat, das waren sie.) Und stand in jedem Haus ein Klavier im Salon? (Charles sagte, eher in jedem zweiten Haus.) Und glaubte er, wir würden dort glücklich? (Charles nahm seine Brille ab und blickte mit seinen schönen grünen Augen zu uns herunter und sagte: "Oh ja, sehr sogar.")

Einige von uns auf dem Schiff konnten der Freundlichkeit der Deckarbeiter nicht widerstehen, die aus denselben Dörfern kamen wie wir und alle Texte unserer Lieder kannten und uns unablässig Heiratsanträge machten. Wir sind schon verheiratet, erklärten wir dann, aber ein paar von uns verliebten sich trotzdem in sie. Und wenn sie uns fragten, ob sie uns allein treffen könnten - noch am selben Abend, auf dem Zwischendeck am besten, um Viertel nach zehn -, starrten wir einen Moment lang auf unsere Füße, holten dann tief Luft und sagten: "Ja", und das war eine weitere Sache, die wir unseren Ehemännern nie beichten würden. Es lag daran, wie er mich angesehen hat, sagten wir uns später. Oder: Er hatte ein schönes Lächeln.

Eine von uns auf dem Schiff wurde schwanger, wusste es aber nicht, und als das Baby neun Monate später zur Welt kam, dachte sie als Erstes, wie sehr es ihrem neuen Mann ähnelte. Er hat deine Augen.  Eine von uns sprang von Bord, nachdem sie die Nacht mit einem Matrosen verbracht hatte, hinterließ einen Zettel auf ihrem Kopfkissen: Nach ihm kann es keinen anderen mehr geben. Eine andere von uns verliebte sich in einen methodistischen Missionar, den sie an Deck getroffen hatte, und obwohl er sie anfl ehte, bei der Ankunft in Amerika ihren Mann für ihn zu verlassen, teilte sie ihm mit, dass sie das nicht könne. "Ich muss meinem Schicksal treu bleiben", sagte sie ihm. Aber für den Rest ihres Lebens versuchte sie sich auszumalen, wie das Leben hätte sein können.


Mit freundlicher Genehmiung des Mare Verlages
(Copyright Mare Verlag)

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