Vorgeblättert

Leseprobe zu Julie Otsuka: Wovon wir träumten. Teil 1

25.06.2012.
Japanerinnen, kommt!

Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen. Wir hatten langes schwarzes Haar und flache, breite Füße, und wir waren nicht sehr groß. Einige von uns hatten als junge Mädchen nichts als Reisbrei gegessen und hatten leicht krumme Beine, und einige von uns waren erst vier zehn Jahre alt und selbst noch junge Mädchen. Einige von uns kamen aus der Stadt und trugen modische Stadtkleider, doch überwiegend kamen wir vom Land, und auf dem Schiff trugen wir dieselben alten Kimonos, die wir seit Jahren getragen hatten - zerschlissene Kleider von unseren Schwestern, die vielfach geflickt und gefärbt worden waren. Einige von uns kamen aus den Bergen und hatten noch nie das Meer gesehen, außer auf Bildern, und einige von uns waren Fischerstöchter, die ihr ganzes Leben in Meeresnähe verbracht hatten. Vielleicht hatten wir einen Bruder oder Vater ans Meer verloren, oder einen Verlobten; oder jemand, den wir liebten, war eines unglücklichen Morgens ins Meer gesprungen und einfach fortgeschwommen, und nun war es auch für uns an der Zeit, aufzubrechen.

Das Erste, was wir auf dem Schiff machten - bevor wir beschlossen, wen wir mochten und wen nicht, bevor wir einander erzählten, von welcher Insel wir kamen und warum wir weggingen, bevor wir uns bemühten, die Namen der anderen zu lernen -, war, die Fotos unserer Ehemänner zu vergleichen. Es waren gut aussehende junge Männer mit dunklen Augen und vollem Haar und glatter, makelloser Haut. Ihre Kinnpartien waren ausgeprägt. Ihre Haltung: gut. Ihre Nasen waren gerade und lang. Sie sahen aus wie unsere Brüder und Väter zu Hause, nur besser angezogen, in grauen Gehröcken und feinen westlichen Dreiteilern. Einige von ihnen standen auf Gehwegen, vor A-Rahmen-Holzhäusern mit weißen Lattenzäunen und frisch gemähten Vorgärten, und einige posierten in Einfahrten, an ihren Ford Modell T gelehnt. Einige saßen in Studios auf steifen Stühlen mit hoher Lehne, die Hände sauber gefaltet, den Blick direkt in die Kamera gerichtet, als seien sie bereit, die Weltherrschaft zu übernehmen. Ein jeder von ihnen hatte versprochen, da zu sein, auf uns zu warten, in San Francisco, wenn wir in den Hafen einliefen.

Auf dem Schiff fragten wir uns oft: Würden sie uns gefallen? Würden wir sie lieben? Würden wir sie von den Fotos erkennen, wenn wir sie zum ersten Mal auf der Pier erblickten?

Auf dem Schiff schliefen wir ganz unten, auf dem Zwischendeck, wo es schmutzig und dunkel war. Unsere Betten waren enge, übereinandergeschraubte Metallgestelle, und unsere Matratzen waren hart und dünn und voller Flecken von anderen Reisen, anderen Leben. Unsere Kopfkissen waren mit getrockneten Weizenhülsen gefüllt. Im Durchgang zwischen den Kojen lagen überall Essensreste, und die Böden waren nass und glitschig. Es gab ein Bullauge, und abends, sobald die Kabinentür geschlossen war, füllte sich die Dunkelheit mit Flüstern. Wird es wehtun? Körper wälzten sich in den Laken. Das Meer hob und senkte sich. Die Luft war schwül und stickig. Nachts träumten wir von unseren Ehemännern. Wir träumten von neuen Holzsandalen und von endlosen Stoffrollen mit Indigoseide und davon, eines Tages in einem Haus mit Kamin zu wohnen. Wir träumten, wir seien anmutig und groß. Wir träumten, wir seien zurück in den Reisfeldern, denen wir so dringend hatten entkommen wollen. Die Reisfeldträume waren jedes Mal Albträume. Wir träumten von unseren älteren, hübscheren Schwestern, die von unseren Vätern an Geishas verkauft worden waren, sodass wir anderen etwas zu essen hatten, und wenn wir aufwachten, schnappten wir nach Luft. Eine Sekunde lang dachte ich, ich wäre sie.

Während unserer ersten Tage auf dem Schiff waren wir seekrank und konnten das Essen nicht bei uns behalten und mussten wiederholte Spaziergänge zur Reling machen. Einigen von uns war so schwindelig, dass sie nicht laufen konnten; in dumpfer Benommenheit lagen wir in unseren Kojen und wussten kaum noch unsere Namen, ganz zu schweigen von denen unserer neuen Ehemänner. Einmal noch bitte, ich bin Mrs. Wer? Einige von uns krümmten sich und beteten laut zu Kannon, der Göttin der Gnade - Wo bist du? -, während andere von uns eher im Stillen grün wurden. Und oft wurden wir mitten in der Nacht durch eine gewaltige Dünung aus dem Schlaf gerissen, und für einen kurzen Augenblick wussten wir nicht, wo wir waren oder warum unsere Betten nicht aufhörten, sich zu bewegen, und warum uns das Herz bis zum Hals schlug. Ein Erdbeben, war normalerweise der erste Gedanke, der uns in den Sinn kam. Dann streckten wir den Arm nach unseren Müttern aus, in deren Armen wir bis zum Morgen unserer Abreise geschlafen hatten. Ob sie jetzt schliefen? Ob sie träumten? Ob sie Tag und Nacht an uns dachten? Ob sie auf der Straße immer noch drei Schritte hinter unseren Vätern gingen, schwer bepackt, während unsere Väter überhaupt nichts trugen? Ob sie insgeheim neidisch auf uns waren, weil wir weggingen? Habe ich dir nicht alles gegeben? Ob sie daran dachten, unsere alten Kimonos auszulüften? Ob sie daran dachten, die Katzen zu füttern? Ob sie uns auch wirklich alles gesagt hatten, was wir wissen mussten? Halte deine Teetasse mit beiden Händen, bleib aus der Sonne, sprich nie mehr, als du musst.

Die meisten von uns auf dem Schiff waren wohlerzogen und überzeugt, dass sie gute Ehefrauen sein würden. Wir konnten kochen und nähen. Wir konnten Tee servieren und Blumen arrangieren und stundenlang still auf unseren flachen, breiten Füßen sitzen, ohne je etwas von uns zu geben, das von Belang war. Ein Mädchen muss sich einem Zimmer anpassen: Es muss anwesend sein, ohne den Anschein zu erwecken, dass es existiert. Wir wussten uns auf Beerdigungen zu benehmen und konnten kurze, melancholische Gedichte über das Verstreichen des Herbstes schreiben, die genau siebzehn Silben lang waren. Wir konnten Unkraut jäten und Kleinholz hacken und Wasser holen, und eine von uns - die Tochter des Reismüllers - konnte mit einem achtzig Pfund schweren Reissack auf dem Rücken zwei Meilen zu Fuß in die Stadt laufen, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal ins Schwitzen kam. Es kommt nur auf die richtige Atmung an. Die meisten von uns hatten gute Manieren und waren überaus höflich, außer wenn sie wütend wurden und fluchten wie die Bierkutscher. Die meisten von uns redeten vornehmlich wie echte Damen, mit hoher Stimme, und gaben vor, weit weniger zu wissen, als es in Wahrheit der Fall war; und wenn wir an den Deckarbeitern vorbei liefen, achteten wir darauf, kleine Tippelschritte zu machen, die Zehen ordentlich nach innen gerichtet. Denn wie oft hatten unsere Mütter uns eingeschärft: Lauf wie die Stadt, nicht wie der Bauernhof!

Auf dem Schiff krochen wir abends zueinander in die Kojen und blieben stundenlang auf, um den unbekannten Kontinent zu besprechen, der vor uns lag. Angeblich aßen die Menschen dort nichts als Fleisch, und sie waren überall behaart (wir waren überwiegend Buddhistinnen und aßen kein Fleisch, und Haare hatten wir nur an den richtigen Stellen). Die Bäume waren gigantisch. Die Prärien unermesslich weit. Die Frauen waren laut und groß - einen Kopf größer, so hatten wir gehört, als die größten Männer bei uns. Die Sprache war zehnmal schwerer als unsere, und die Sitten waren unfassbar seltsam. Bücher las man von hinten nach vorn, und im Bad benutzte man Seife. Die Nase putzte man sich mit schmutzigen Stofftüchern, die anschließend zurück in die Tasche gestopft, später erneut herausgeholt und wieder und wieder benutzt wurden. Das Gegenteil von Weiß war nicht Rot, sondern Schwarz. Was würde aus uns werden, fragten wir uns, in einem so fremden Land? Wir stellten uns vor, wie wir - ein ungewöhnlich kleines Volk, ausgerüstet mit nichts als unseren Reisehandbüchern - ein Land der Riesen betreten würden. Würde man uns auslachen? Bespucken? Oder, schlimmer noch, würde man uns überhaupt nicht ernst nehmen? Aber selbst die Zögerlichsten unter uns mussten zugeben, dass es besser war, einen Unbekannten in Amerika zu heiraten, als mit einem Bauern aus dem Dorf alt zu werden. Denn in Amerika mussten die Frauen nicht auf dem Feld arbeiten, und es gab genug Reis und Feuerholz für alle. Und wo immer man hinkam, hielten die Männer die Tür auf und tippten sich an ihre Hüte und riefen: "Ladies first" und "Nach Ihnen".

zu Teil 2