Vorgeblättert

Leseprobe zu John Vaillant: Der Tiger. Teil 3

20.09.2010.
(S.357 ff)

Er, der zuließ, dass du dich ihm aufgedrängt hast, kennt dich ?
Die Tiger des Zorns sind klüger als die Pferde der Anweisung.

                William Blake, Die Hochzeit von Himmel und Hölle

Auf den Angriff eines Tigers zu warten ist etwa so, als war te man auf die Explosion einer Bombe. Niemand bekam viel Schlaf. Trusch saß wie auf glühenden Kohlen, aber es gab nichts, was er oder seine Männer unternehmen konnten, bevor am kürzesten Tag des Jahres die Sonne aufging. Als es endlich hell wurde, brauchten sie wegen der Kälte schon fast eine Stunde, um auch nur die Wagen anzulassen. Als sie schließlich loskonnten, fuhr Truschs Team ins Dorf, wo sich herausstellte, dass keine Hunde oder andere Tiere fehlten. Außer dem Bellen der Hunde hatten die sich vorsichtig aus ihren Häusern trauenden Einwohner nichts Ungewöhnliches wahrgenommen. Lasurenkos Team hatte inzwischen die Tigerfährte dort wieder aufgenommen, wo es am Nachmittag zuvor die Jagd abgebrochen hatte. Die Spuren zeigten deutlich, dass der Tiger das Dorf völlig umgangen hatte. "Ich kann mir nicht erklären, warum", sagte Trusch, "aber er ist nicht ins Dorf gekommen."
     Aus irgendeinem Grund hatte der Tiger, trotz der Auswahl leichter Beute, das Dorf in Ruhe gelassen, eine Entscheidung,die unter den gegebenen Umständen außerordentliche Vorsicht und Zurückhaltung bewies. Vielleicht hatte er die Kungs mit den Menschen, die ihn jagten, wahrgenommen. Vielleicht war das Dorf zu erfüllt von Hinweisen auf Männer mit Gewehren. Vielleicht suchte der Tiger eher nach einer leichten, isolierten Beute.
     Er war jetzt auf dem Weg nach Westen, zurück in die Hügel, entlang des Ersten Baches. Buruchin war bei Lasurenko,und als sie erkannten, wohin die Spur führte und wie direkt sie verlief, wusste Buruchin plötzlich, welches Ziel sie hatte: Ungefähr sechs Kilometer westlich, direkt hinter einem niedrigen Hügelrücken an der Quelle des Swetli-Baches, stand die Jagdhütte eines Nachbarn namens Grischa Tsibenko. Im Bikin-Tal schließt man seine Hütte normalerweise nicht ab; Gastfreundschaft ist eines der Güter, die es noch reichlich gibt, und Freunde und Wanderer können jederzeit vorbeikommen. Buruchin glaubte, dass durchaus Menschen dort sein konnten. Außerdem wusste man, dass Oksimenko, derselbe, den Schtschetinin vor drei Tagen entwaffnet hatte, in dieser Gegend jagte, und er war nicht zu finden.
     Der Tiger hatte inzwischen seit einer Woche weder ausgeruht noch eine richtige Mahlzeit gehabt. Das wäre zu einer anderen Jahreszeit nicht so schlimm gewesen, doch die Temperatur lag zwischen 25 und 45 Grad unter null. Um etwas so Großes wie einen Tiger 70 Grad wärmer zu erhalten als seine Umgebung, musste er eine Menge Fleisch fressen - etwa 20 Kilo pro Tag. Seine Verletzungen, die brutale Kälte und der nagende Hunger, dazu die stetige Verfolgung durch die Jäger,setzten den Tiger von allen Seiten unter Druck. In seinem geschwächten Zustand lief er außerdem Gefahr, von einem anderen Tiger herausgefordert und getötet oder vertrieben zu werden. In diesem Augenblick, als Lasurenko sich mit Buruchin besprach und das mögliche Ziel des Tigers an Trusch weiterfunkte, dachte er auf jeden Fall zuerst an Fleisch. Der Winter fing in der Taiga gerade erst an, und ohne eine nennenswerte Beute in nächster Zeit würde er seine Körpertemperatur nicht mehr lange halten können. Er würde womöglich erfrieren, bevor er verhungerte.
     In gewissem Sinne war es Markow gelungen, den Tiger zu sich herunterzuziehen: Der Tiger war jetzt ebenfalls zum Wilderer geworden. Um sich zu ernähren, musste er ein weiteres Mal seine eigenen Gesetze brechen. Buruchin hatte recht gehabt. Er war geradewegs zu Tsibenkos Hütte unterwegs. Als er am Abend des 21. Dezember dort ankam, forschte er nach Hunden, einer Vorratscache oder dem Bewohner. Da nichts Derartiges zu finden war, fing er an, Gegenstände von den Außenwänden herunterzuholen. Ein paar große Metallschüsseln zerkaute er zu Schrott. Aus seinen Erfahrungen bei Markows Hütte, im Straßenarbeitercamp und in Tsepalews Hütte am Tachalo hatte der Tiger viel über die Menschenwelt gelernt, und hier wandte er sein Wissen an. Als die Möglichkeiten außerhalb der Hütte erschöpft waren, kletterte er durch ein Fenster ins Innere.
     Dass ein Tiger nach draußen gehört, ist eine Untertreibung,die man am besten erkennt, wenn einer sich drinnen befindet. Jagdhütten sind klein, und der Tiger füllte diese aus wie eine Katze ein Aquarium. Sehr zu seinem Ärger war Grischa Tsibenko nicht zu Hause. Auf seiner Suche nach irgendeinem Stück Fleisch nahm der Tiger die Einrichtung auseinander.Als er an die Matratze kam, die stark nach Tsibenko, seinen Gewohnheiten und Krankheiten roch, zerfetzte der Tiger sie und legte sich dann auf den Überresten zur Ruhe. Vielleicht durch Zufall oder aus einer Synthese seiner kürzlichen Erfahrung mit der Jagd auf Menschen hatte er eine effizientere Methode entdeckt: Nachdem er Erfolg damit gehabt hatte, sich vor einer Hütte und auf einer Matratze auf die Lauer zu legen,kombinierte er jetzt beides und konnte sich dabei auch noch aufwärmen. Im Haus auf die Beute zu warten war das Tiger-äquivalent einer verbesserten Mausefalle. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit.
     Man weiß nicht, wie lange der Tiger so auf Tsibenko wartete, aber durch einen glücklichen Zufall - an einem Ort, wohlgemerkt, wo Glück ein seltenes Gut ist - kam der nicht. Dieses Bild - man findet bei der Heimkehr einen Tiger im Bett - ist ein würdiges Sagenmotiv und erscheint tatsächlich in mehreren Geschichten der Udihe und Nanai. Auf jeden Fall stand der Tiger irgendwann am Vormittag wieder auf und ging. Vielleicht war er ungeduldig geworden, oder er spürte, dass Andrei Oksimenko die Straße am Swetli-Bach hinaufkam.

Wladimir Schibnew kannte diese Straße genau, denn er hatte bei deren Bau geholfen, als er noch für die Holzfirma arbeitete.Es war eine Sackgasse, die dem Swetli etwa fünf Kilometer lang folgte und sich dann in einem steilen, bewaldeten Kessel verlor. Entweder wanderte man direkt über den Hügelrücken hinter Sobolonje oder man fuhr etwa acht Kilometer weit südlich von Sobolonje nach Jasenowje und wandte sich dann nach Westen auf die Hauptstraße in Richtung Zivilisation. Von dort aus waren es dann noch einige Kilometer bis zur Abzweigung am Swetli. Der Weg folgte dem Bach nach Norden fast bis zu Tsibenkos Hütte, die unauffällig im Wald dahinter stand.
     Während Lasurenko, Buruchin, Smirnow und Kopajew der Tigerfährte zu Fuß folgten, fuhr Trusch gemeinsam mit Schibnew, Gorborukow und Pjonka im Kung zum Swetli hinüber,wo sie darauf hofften, den Tiger abfangen zu können. Das Netz zog sich zusammen: "Wir hatten das Gefühl", so Buruchin, "dass wir über den Hügel kommen und direkt auf den Tiger treffen würden."
     Sie hatten zwar nur 15 Kilometer zu fahren, aber irgendwie schafften es Trusch und sein Team erst kurz vor Mittag zum Swetli. Im Kung hing eine Gewehrhalterung, doch die war jetzt leer. An diesem Vormittag hatte jeder sein Gewehr ständig bei sich. Weil man das Jahr 1997 schrieb und in Russland das Chaos zur Norm geworden war, hatten die Männer leichten Zugang zu preiswerten Militärbeständen aller Art. Deswegen hatten Schibnew und Pjonka ihre Gewehre mit panzerbrechender Munition geladen. Diese sogenannten BZ-Kugeln können anderthalb Zentimeter Stahl durchschlagen und explodieren dann.Trusch, der sich an sein Munitionsbudget halten musste, verwendete traditionelle Dum-Dum-Jagdmunition. Sie besteht aus Blei statt aus Stahl und verformt sich auf ihrem Weg durch den Körper der Jagdbeute so stark, dass sie dabei das Gewebe zerfetzt. Es gibt zwar Munition, die einen Menschen sofort stoppt, aber weder BZ-Kugeln noch Dum-Dum-Munition stoppen einen angreifenden Tiger. Dessen Wucht kann mit dem Aufschlag eines Klaviers verglichen werden, das aus einem Fenster im ersten Stock stürzt. Aber anders als das Klavier ist der Tiger dafür gebaut, und der Aufschlag ist erst der Anfang.
     Lasurenkos Team war noch auf dem Weg den Ersten Bach hinauf, als Gorborukow mit dem Kung in die Swetli-Straße abbog. Der Tiger war inzwischen aus dem Wald oben an der Straße gekommen und war nach Süden unterwegs, direkt auf sie zu. Zwischen dem Tiger und dem Kung befand sich Andrei Oksimenko. Er war zu Fuß nach Norden unterwegs, auf Kollisionskurs mit dem Tiger. Falls er ein Gewehr hatte, dann,weil er einen Ersatz für das von Schtschetinin beschlagnahmte gefunden hatte - nicht, dass dieser Tiger große Angst vor Gewehren gehabt hätte. Trusch und seine Männer wussten nicht,dass Oksimenko dort war, also fuhren sie langsam. Die großen Reifen des Kung mahlten durch den kniehohen Schnee; hinten quoll Rauch aus dem Holzofen. Schibnew und Pjonka saßen ebenfalls hinten und bekamen durch die schmalen Seitenfenster nicht viel mit.
     Trusch saß in der hohen Zweimann-Fahrerkabine mit Gitte auf dem Beifahrersitz und suchte den Straßenrand nach Tigerspuren ab. Ziemlich schnell entdeckte er auch welche. Er sprang mit seinem Gewehr ab, um sie zu untersuchen, und Schibnew und Pjonka folgten ihm. Sie sahen sofort, dass es die Spuren eines anderen Tigers waren. Inzwischen kannten die Männer die Pfotenabdrücke des gesuchten Tigers so gut wie ihre eigenen Hände. Sie kletterten wieder in den Wagen und fuhren weiter nach Norden. Das Wetter war weiterhin stabil: strahlender Sonnenschein, minus 30 Grad, Pulverschnee wie Puderzucker. Hier und da sah man am Straßenrand Birken,deren Äste der Schnee zu Boden gedrückt hatte, sodass sie wie erstarrte Blitzstrahlen wirkten. Weitere Spuren tauchten auf,und Trusch überprüfte auch sie, genau wie Schibnew und Pjonka. Es war eine alte Fährte, und wieder vom falschen Tiger, wahrscheinlich demselben, dessen Abdrücke sie gerade gesehen hatten. In diesem langsamen Tempo hatten sie bis jetzt etwa zweieinhalb Kilometer zurückgelegt.
     Trusch und seine Leute waren inzwischen seit einer Woche auf der Jagd; sie waren erschöpft, dreckig und wollten fertig werden. Trotzdem waren sie angespannt; die leere Straße vor ihnen war eine Möglichkeit. Der Tiger, hungriger denn je, benutzte sie, um schnell voranzukommen, genau wie Oksimenko.Beide kamen einander stetig näher. Der Kung fügte jetzt ein neues Element hinzu: Als er sich eine Steigung hinaufmühte,hörten Mensch und Tiger in der perfekten Stille den Motor lärmen, und beide reagierten als erfahrene Tajoschniki gleich:Sie verließen die Straße und versteckten sich. Wie es der Zufall wollte, gingen sie jeweils nach rechts und gelangten so auf entgegengesetzte Straßenseiten, als sie nach dem Kung Ausschau hielten. Hätte das Fahrzeug sie nicht gestört, wären sie weniger als zwei Minuten später aufeinandergetroffen. Oksimenko hatte keine Ahnung davon. Wie viel der Tiger wusste,hatte Denis Buruchin schon abgewogen: "Er konnte uns nicht sagen, was er wusste und was nicht." Wer überleben würde und wer nicht, war ebenso unklar.
     Trusch, der immer noch den unberührten Schnee auf beiden Straßenseiten absuchte, entdeckte Oksimenkos Fährte sofort. Sie hielten an. Die Spur war sichtlich frisch, und Trusch verstand nicht, wie sie dorthin kam: "Wir hatten wirklich alle gewarnt", erklärte er, immer noch betroffen. "Die Leute wussten doch, dass es zwei Tote gegeben hatte, und sie gingen trotzdem in den Wald." Trusch konnte nicht wissen, wer sich da versteckte, aber musste sofort entscheiden, ob er jetzt diesen Idioten aufstöbern oder weiter dem Tiger folgen sollte.Schtschetinin war nicht da, also musste er selbst bestimmen. Trusch hatte die Wilderer und uneinsichtigen Einheimischen inzwischen satt und glaubte den Tiger ganz in der Nähe, also ließ er den Fahrer weiterfahren. Weniger als eine Minute später stießen sie auf Tigerspuren am linken Wegrand. Wieder hielten sie an. Es war kurz nach Mittag. Inzwischen war Trusch mehrmals aus dem Kung aus- und wieder eingestiegen, und das Gewehr wurde ihm lästig, also ließ er es in der Kabine.Schibnew und Pjonka stiegen ebenfalls aus, und Schibnew weiß noch, dass er dachte: Was ist jetzt wieder? Beide ließen ebenfalls ihre Waffen zurück.
     Zusammen gingen die drei an den Straßenrand. Schon aus der Entfernung sahen sie, dass es der richtige Tiger war. Die Fährte führte auf eine Lichtung von ungefähr 50 mal 25 Metern. Sie hatten freie Sicht und konnten den Tiger, wo immer er war, nicht sehen. Langsam schien es, als sei er überhaupt nie in der Nähe. Pjonka ging ein Stück auf die Lichtung hinaus und bückte sich, um den Rand eines Abdrucks zu prüfen: Der Schnee zerkrümelte ganz leicht. Pjonka ist ein eher zurückhaltender Mensch, und deshalb waren die anderen von seinem Ausruf überrascht: "Scheiße, die ist heiß!"
     Alle rannten gleichzeitig zum Kung zurück, um ihre Gewehre zu holen. Gitte rannte aufgeregt bellend mit gesträubten Nackenhaaren herum. Alle wussten, jetzt war es so weit.Vor ihnen lag die Lichtung, die leicht bergauf und in Richtung Westen führte, ein ehemaliger Holzladeplatz, der geräumt und eingeebnet worden war. Außer dem unberührten Schnee befand sich jetzt nichts mehr dort. Hier und da stachen ein paar Reste des Sommers durch: Wermut- und Hahnenfußstängel, ein paar Himbeerranken und hohe, goldene Grashalme. Die Tigerfährte führte südwestlich über diese fast leere Leinwand und in den Wald, eine chaotische Mischung aus Zeder, Pinie, Esche und Ulme mit wirrem, fast unpassierbarem Unterholz.
     Gitte lief die Fährte entlang und raste wild bellend zurück;die Männer entsicherten ihre Gewehre. Trusch öffnete auch seine Messerscheide, aber aus irgendeinem Grund trug er das Gewehr über der Schulter wie auf dem Marsch. Schibnew hatte seins von der linken Schulter genommen und hielt es mit dem Abzug nach oben, während Pjonka es so trug, als wolle er einen Bunker stürmen. Gorborukow, der Fahrer des Teams, schloss noch den Kung ab, wie sie es immer machten, wenn sie vielleicht eine Weile weg waren. Unter anderen Umständen hätte es vielleicht komisch geklungen, aber jetzt hörte es sich anders an, als er sagte: "Geht schon mal vor. Ich komme gleich nach."
     Sie warteten nicht auf ihn, sondern folgten der Spur des humpelnden Tigers; der hob die rechte Vorderpfote inzwischen nicht mehr aus dem Schnee. Obwohl das Gelände offen vor ihnen lag, waren sie so daran gewöhnt, im Gänsemarsch zu laufen, dass sie automatisch in diese Formation fielen. Trusch führte und bahnte den Weg, dicht gefolgt von Schibnew und Pjonka. Gittes irres Bellen verwirrte sie, und ihre Blicke schossen überall auf der Lichtung umher und dann zum Waldrand,der sich wie eine dunkle Mauer vor ihnen erhob.
     Die Sonne glitzerte auf dem unberührten Schnee; die einzigen Schatten warfen die Männer selbst - lange Schatten, selbst jetzt am Mittag. Gitte schoss weiterhin auf der Spur hin und her und bellte unentwegt, konnte aber auch nicht sagen, woder Tiger war. Auf der Lichtung hätte man kaum ein Kaninchen verstecken können; die Aufmerksamkeit der Männer richtete sich auf den Wald vor ihnen, der allmählich wie ein einziger großer Hinterhalt aussah. Mit Ausnahme des Hundes war alles still und ruhig. Hinter ihnen rauchte friedlich das Ofenrohr des Kung. Gorborukow stand noch an der Heckklappe, er hielt sein Gewehr wie einen Besen. In der Lichtung nickten die schlanken Stängel und Halme zuversichtlich, als ob alles nach Plan laufe. Das Team war etwa 20 Meter weit gegangen, als Schibnew, einer Eingebung folgend, ruhig vorschlug: "Leute, wir sollten ausschwärmen."
     Einen Augenblick später explodierte die Lichtung.
     Das erste Anzeichen einer Tigerattacke ist nicht der Tiger selbst, sondern sein Brüllen. Es ist nicht nur so laut wie ein Düsentriebwerk, sondern hat die unheimliche Fähigkeit, den Raum anzufüllen, sodass man nicht weiß, woher es kommt. Aus der Nähe ist es ein überwältigendes Erlebnis, man fühlt sich, als würde man von sich selbst getrennt und als würden die Nervenbahnen, die einen bei solchen Gelegenheiten retten sollen, hoffnungslos verwirrt. Tiere wie Menschen bleiben dann oft einfach stehen. Wer sich länger mit Tigern befasst hat - Forscher und Jäger also -, beschreibt das Brüllen eines Tigers nicht als Klang, sondern eher als körperliche Erfahrung. Nüchterne, disziplinierte Biologen schwören, sie hätten die Erde beben gefühlt. Ein russischer Jäger, der nicht darauf gefasst war, glaubte zuerst, irgendwo sei ein Staudamm geborsten. Kurz gesagt, das Brüllen eines Tigers gehört zur selben Kategorie wie eine Naturkatastrophe; es ist eines dieser Geräusche, die dem Ausdruck "die Furcht Gottes" Bedeutung verleihen. Juri Pjonka, der Udihe, beschrieb das Gebrüll auf der Lichtung als seelenzerfetzend. "Ich habe schon Tiger im Wald gehört", sagte er, "aber nie so etwas wie dieses Brüllen.Es war bösartig; erschreckend."
     Das Folgende dauerte weniger als drei Sekunden. Gerade noch war der Tiger unsichtbar gewesen, jetzt flog er plötzlich durch die Luft. Was die Fangzähne des Tigers mit dem Fleisch des Opfers machen, tun seine Augen mit der Psyche, und die Augen dieses Tigers waren auf Trusch fixiert; er war das Ziel des Angriffs und, was den Tiger anging, so gut wie tot. Der Tiger flog aus zehn Metern Entfernung auf ihn zu, sein Brüllen hallte wie eine Lawine durch Truschs Brust und Schädel. Trusch gelang es trotzdem, sein Gewehr in Anschlag zu bringen, und die Lichtung verschwand mitsamt dem Wald dahinter. In seinem Bewusstsein blieb nichts als der schwarze Gewehrlauf mit dem wütenden Flammen der gelben Augen und blitzenden Zähne am Ende, die rasend schnell anwuchsen. Trusch drückte den Abzug, was angesichts dieser mörderischen Entschlossenheit eine nutzlose Geste schien - die riesige Krallenpfote war schon zum Todesschlag erhoben.
     Das Szenario war identisch: Offenes Gelände, ein wachsamer, bewaffneter Mensch; der Tiger, der nur zu sehen ist, wenn er gesehen werden will, bricht anscheinend aus der Erde selbst hervor, aus dem Nichts, und lässt einem weder Zeit noch Möglichkeit zur Flucht.Trusch würde genauso sterben wie Markow und Potschepnja. Das hier war keine Volkssage, und nur etwas Heroisches, Schamanisches, Magisches konnte den Ausgang noch ändern. Truschs Halbautomatik mit tigererprobter Munition genügte nicht. Trusch war gläubig; jetzt konnte nur noch Gott ihn retten.
     Aber auf der Lichtung waren nur Juri Pjonka und Wladimir Schibnew. Falls Gott eingegriffen hat, dann durch Schibnew:Er hatte den plötzlichen Impuls, sich besser zu verteilen, sodass er und Pjonka neben dem Tiger standen und sich gegenseitig nicht behinderten. Zum Nachdenken oder für Angst war keine Zeit; Schibnews und Pjonkas Reaktion war hauptsächlich von Instinkt und Muskelgedächtnis gesteuert. Trotzdem fanden beide irgendwie die Zeit zum Überlegen; sie stahlen sie aus Raum und Zeit, wie talentierte Sportler in Zentimetern und Sekundenbruchteilen Gelegenheiten aufspüren. Selbst angesichts eines springenden Tigers und eines todgeweihten Menschen - eines Anblicks, der die meisten Menschen nur in dumpfer Überraschung erstarren lassen würde, wie es Gorborukow neben dem Kung tat, wussten Schibnew und Gorborukow, dass sie den Tiger nicht erschießen konnten, wenn er erst einmal auf Trusch lag, denn ihre Overkill-Munition würde auch diesen umbringen. Also mussten sie den Tiger vorher treffen, auf dem Sprung. In diesem Moment wurden die beiden weltlichen Dei ex machina zu Truschs Schutzengeln.
     Schibnew und Pjonka legten ihre Gewehre genauso reflexartig an wie Trusch, und wie es Potschepnja und Markow zuvor getan hatten. "Ich schoss und schoss und schoss", erzählte Schibnew. "Ich weiß noch, wie er durch die Luft flog,die rechte Pfote so nach vorne gestreckt."
     In dieser winzigen Zeitspanne zwischen dem Auftauchen des Tigers und seinem Zusammenstoß mit Trusch drei Sekunden später feuerten die beiden insgesamt elf Mal und Trusch zwei Mal. Trotz dieses Sperrfeuers traf der Tiger sein Opfer mit voller Wucht - Krallen ausgestreckt, Maul aufgerissen. Der Angriff konzentrierte sich auf Truschs rechte Schulter und entriss ihm das Gewehr. Trusch, der jetzt waffenlos unter dem Tiger lag, schlang die Arme um den Angreifer, riss an seinem Pelz und presste sein Gesicht gegen den Brustkorb des Tigers. Er war in jeder Hinsicht überwältigt: von der unerschöpflichen Kraft des Tigers, von dem Lärm aus Pjonkas und Schibnews Gewehren, von der unglaublichen Weichheit des Tigerfells und den angespannten Muskeln darunter. So fielen Mensch und Tier gemeinsam zu Boden, umschlungen wie Ringer.

                                                   *

Mit freundlicher Genehmigung des Blessing Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier