Vorgeblättert

Leseprobe zu John Vaillant: Der Tiger. Teil 1

20.09.2010.
(S. 23 ff)


Je tiefer Trusch und seine Männer in den Wald vordrangen,desto schlechter wurde die Straße. Nachdem sie Werchni Perewal passiert hatten, führte sie der Weg durch das verschneite Jasenowje, eine Holzfällersiedlung, die ebenso groß und ebenso alt ist wie Sobolonje. Hier stieß ein junger Polizist namens Busch zu ihnen, dessen Anwesenheit mehr formell als praktisch erforderlich war. Tigerangriffe fallen nicht in die Zuständigkeit der Polizei; gab es aber einen Leichenfund, dann musste ein Polizist ihn protokollieren. Mit Busch an Bord arbeiteten sie sich weiter flussaufwärts voran.
     Es war schon Nachmittag, als sie Sobolonje erreichten, ein ärmliches Dorf aus ungestrichenen Blockhütten, die auf den ersten Blick unbewohnt wirkten. Gorborukow, der am Steuer saß, lenkte den Lkw hier von der Hauptstraße, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, auf einen einspurigen Waldweg.Anfang der Woche waren mehrere Zentimeter Neuschnee gefallen, und Trusch hielt während der Fahrt Ausschau nach frischen Spuren. Ungefähr achtzig Kilometer von der nächsten befestigten Straße und mehrere schwierige Kilometer östlich von Sobolonje stießen sie plötzlich auf eine breite, geschotterte Überlandstraße, die irgendwie fehl am Platz wirkte. Diese Straße war in der Sowjetzeit als Alternative zur einzigen Nord-Süd-Straßenverbindung Primorjes angelegt worden, die dem Ussuri (auf derselben Trasse wie die Transsibirische Eisenbahn) nördlich bis Chabarowsk folgt. Obwohl sie jeglichen Arten von Fahrzeugen bis hin zu transkontinentalen Sattelschleppern standhalten sollte, ist die Ussuriroute in schlechtem Zustand und nicht breiter als eine Wohnstraße. Außerdem galt sie bei chinesischen Angriffen als verwundbar. Die neue Überlandstraße ist sicher, breit und schnurgerade, wurde aber nie fertiggebaut. Sie verläuft durch das Nichts ins Nichts. Genutzt wird sie heute nur von Holzfällern, Wilderern und Schmugglern,den Einzigen, die sich hier ein Auto leisten können - und gelegentlich von Tigern.
     Wer im winterlichen Wald einen Pfad durch den Schnee zieht, nimmt damit allen, die nach ihm kommen, viel Arbeit ab. Durch Schnee zu stapfen, besonders, wenn er tief oder verharscht ist, kostet viel Energie; und Energie - also Nahrung - ist im Winter kostbar. Solange ein Pfad, Holzfällerweg, gefrorener Fluss oder eine Schotterpiste ungefähr in die gewünschte Richtung führt, werden auch andere Geschöpfe des Waldes ihn benutzen, egal, von wem der Pfad stammt. Jedweder Weg hat eine anziehende Wirkung auf die Tiere rundumher; dadurch kann es manchmal zu seltsamen Begegnungen kommen.
Die letzten fünf Kilometer der Fahrt legten sie auf einer derart kurvigen Holzfällerpiste zurück, dass selbst ein Veteran der russischen Wildnis in einem Sturzbach aus Reibelauten und rollenden Rs ausruft: "Paris - Dakar! Camel Trophy!" Die Piste wand sich entlang der bewaldeten Hügel und querte Bäche über primitive Holzbrücken. Drei Kilometer vor dem Holzfällerlager einer Privatfirma nahm Gorborukow eine unmarkierte Abzweigung nach Norden. Nach einigen Minuten hielt er an einer Lichtung, an deren gegenüberliegender Seite eine Hütte stand.
     Die Hütte gehörte Wladimir Markow, einem Imker aus Sobolonje. Das einfache Gebäude stand einsam an einem sanften Südhang, umgeben von dichtem Wald aus Birken, Kiefern und Erlen. Es war einsam, aber schön; unter anderen Umständen hätte es Trusch hier gefallen. Jetzt war aber keine Zeit, den Ort zu genießen; es war drei Uhr nachmittags, und die Sonne stand schon dicht über den Wipfeln im Südwesten. Die Wärme des kurzen, hellen Tages verging rasch.
     Das erste Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, waren die Krähen. Aaskrähen folgen dem Tiger wie Möwen einem Fischkutter: Indem sie sich an einen erprobten Gewinner halten, sparen sie Energie und erhöhen die Wahrscheinlichkeit,an Futter zu kommen, von 'ob überhaupt' zu 'wann'. Als Trusch und seine Leute aus dem Kung stiegen, hörten sie von links das raue Krächzen der Krähen. Trusch fiel auf, wie ihre dunklen Körper über den Bäumen herumflatterten, und aus ihrem aufgeregten Verhalten konnte er schließen, dass hier etwas Großes gestorben war oder bald sterben würde und dass die Krähen es bewachten.
     Vor Markows Hütte stand ein schwerer Lkw, der Markows Freund und Imkerkollegen Danila Sajtsew gehörte, einem zurückhaltenden und fleißigen Mann Anfang vierzig. Sajtsew war ein geschickter Mechaniker und sein Lastwagen, ebenfalls aus Militärbeständen, deshalb eines der wenigen noch fahrtüchtigen Fahrzeuge in Sobolonje. Bei ihm waren Sascha Dwornik und Andrei Onofretschuk, zwei Familienväter Anfang dreißig, die oft gemeinsam mit Markow fischten und jagten. Sie wirkten erschöpft; man sah, dass sie in der Nacht kaum geschlafen hatten.
     Der dichte Spurenteppich um die Hütte zeigte, dass hier viel passiert war. Mehrere Arten waren vertreten, und diverse Spuren überlagerten einander, sodass man sie nur schwer auseinanderhalten konnte. Trusch ging an dieses wirre Informationsbündel wie ein Detektiv heran: Irgendwo gab es einen Anfang und ein Ende und irgendwo auch ein Motiv - vielleicht sogar mehrere. Besonders zwei Spuren hangabwärts von der Hütte, nahe am Zufahrtsweg, fielen ihm auf. Die eine führte aus der Einfahrt nach Norden; die Schritte verrieten ein normales Wandertempo. Die andere führte südlich von der Hütte herunter. Beide liefen genau aufeinander zu, als ob sie sich hatten treffen wollen. Die südlich verlaufende Spur war nicht nur auffällig, weil sie von einem Tiger stammte, sondern weil zwischen den Pfotenabdrücken jeweils über drei Meter Abstand lagen. Am Begegnungspunkt hörte die nordwärts verlaufende Spur einfach auf, als wäre ihr Verursacher plötzlich verschwunden. Die großen Pfotenabdrücke bogen nach Westen ab und überquerten den Zufahrtsweg im rechten Winkel. Ihr gleichmäßiger Abstand deutete jetzt auf ein gemächliches Tempo hin; sie führten in den Wald, direkt zu den Krähen.
     Trusch schaltete seine Videokamera ein, deren aufmerksames Auge die Szene in allen Einzelheiten festhielt. Erst im Nachhinein fällt auf, wie ruhig und sicher Truschs Hand und Stimme bleiben, als er den Schauplatz filmt und dabei fortlaufend kommentiert: die einfache Blockhütte, die Lichtung mit ihrem Gebüsch; die Fußspuren und den Ort des Angriffs;schließlich die lange Kette grässlicher Überreste. Die Kamera zittert nicht, als sie über den rosa verfärbten, zertrampelten Schnee schwenkt. Man sieht das Hinterbein eines Hundes,einen einzelnen Handschuh, den blutbefleckten Ärmelbund einer Jacke, schließlich einen Fleck kahler Erde, ungefähr neunzig Meter tief im Wald. Jetzt hört man auf der Tonspur ein plötzliches, würgendes Keuchen.
     Trotz einer Umgebungstemperatur von minus dreißig Grad ist der Schnee hier völlig weggetaut. Mitten in diesem dunklen Kreis, wie eine Art Opfergabe, liegen eine Hand ohne Arm und ein Kopf ohne Gesicht. Daneben ein langer Knochen,wahrscheinlich vom Oberschenkel, so gründlich abgenagt, dass er nicht einmal mehr blutig ist. Dahinter führt die Spur weiter in den Wald. Trusch folgt ihr, das Auge am Sucher, während sein Team und Markows Freunde dicht hinter ihm bleiben. Man hört nur das Knarren von Truschs Stiefeln in der Kälte und das entfernte Bellen seines Hundes. Die sieben Männer sind verstummt; kein Schluchzer, kein Fluch.
     Truschs Jagdhund, eine kleine Laika, ist ein Stück vorweg auf der Spur und bellt immer schriller und aufgeregter. Blutgeruch und der Moschus des Tigers stechen ihr in der Nase, und sie allein äußert ihre tief sitzende Angst: Der Tiger ist noch hier. Truschs Männer haben ihre Gewehre von den Schultern genommen und geben ihm Deckung, während er filmt. Sie gelangen an einen weiteren Fleck getauten Schnees, ein großes Oval diesmal. Hier liegt auf Zweigen und Laub vom Vorjahr alles, was von Wladimir Iljitsch Markow noch übrig ist. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Haufen schmutziger Wäsche, aber dann sieht man die Stiefel, aus denen leuchtend weiße Knochenstümpfe ragen, und das zerfetzte Hemd, in dessen einem Ärmel noch ein Arm steckt.
     Trusch hatte noch nie einen so grausam ausgelöschten Menschen gesehen, und beim Filmen floh sein Geist an die Ränder der Szene und rettete sich in unwichtige Einzelheiten.Die Armut des Opfers fiel ihm auf, das bei dieser bitteren Kälte in Gummistiefeln unterwegs gewesen war. Er sah den Patronengurt - bis auf drei Stück noch gefüllt - und fragte sich, wo das Gewehr hingekommen war. Gitte, Truschs Hund, rennt derweil mit gesträubtem Fell hin und her und bellt alarmiert. Der Tiger ist noch in der Nähe - die Männer sehen ihn nicht, aber für den Hund ist seine Anwesenheit unerträglich deutlich. Auch die Männer spüren etwas, eine Ausstrahlung - etwas, das größer ist als ihre Angst -, und blicken sich unsicher um. Der Anblick vor ihnen überwältigt sie so, dass sie kaum zwischen drohender Gefahr und augenfälligem Horror unterscheiden können.
     Außer dem Hund und den Männern rührt sich nichts mehr im Wald; sogar die Krähen haben sich zurückgezogen und warten, bis diese neue Störung aufhört. Das gilt anscheinend auch für den Tiger. Dann hört man ein Geräusch, ein kurzes,kräftiges Ausatmen - als blase jemand eine Kerze aus. Aber das Atemvolumen und die Kraft dahinter sind größer und tiefer als bei einem Menschen. Gleichzeitig rutscht zehn Meter entfernt die Schneelast von einem niedrig hängenden Kiefernzweig. Der Schnee rieselt auf den Waldboden; die Männer erstarren mitten in der Bewegung; wieder ist alles ruhig.
     Schon lange bevor man den Motor des Kung im Wald hören konnte, hat hier eine Art Gespräch begonnen. Es findet nicht in einer Sprache wie Russisch oder Chinesisch statt, aber doch in einer Sprache, die älter ist als der Wald. Die Krähen sprechen sie; der Hund spricht sie; der Tiger spricht sie, und die Menschen auch - manche fließender als andere. Dieses kurze Ausatmen enthielt eine sehr wortreiche, tödliche Botschaft. Aber wie geht man so weit vom eigenen Territorium entfernt mit einer solchen Information um? Gitte verkürzt die mentale Leine zu ihrem Herrchen. Markows Freunde, sowieso schon verängstigt, drängen sich ebenfalls näher heran. Die Mitteilung des Tigers macht ihnen nicht nur Angst, sondern vertieft auch die unsichtbare Kluft zwischen ihnen - allesamt Wilderer - und den bewaffneten Beamten, von denen jetzt ihre Freiheit und ihre Sicherheit abhängen.Trusch kennt Markows Freunde, weil er sie alle schon mal wegen illegalen Waffenbesitzes und Jagen ohne Jagdschein verhaftet hat. Von den dreien hat nur Sajtsew ein legales Gewehr, aber das ist zu kleinkalibrig, um einen Tiger aufzuhalten. Die Waffen der anderen sind im Wald versteckt, was sie noch hilfloser macht, als Truschs Hund jetzt ist.
     Trusch selbst ist ebenfalls unbewaffnet. Am Zufahrtsweg hatte es eine kurze Diskussion gegeben, wer der schrecklichen Spur folgen solle. Es fielen Bemerkungen, dass Trusch und seine Männer nicht den Mumm dafür hätten. Furcht ist in der Taiga keine Schande, Feigheit aber schon, und Trusch nahm die Herausforderung mit einer knappen Aufforderung an: "Paschli" - "Auf geht?s." Einer von Markows Freunden - Sascha Dwornik, wie Trusch sich erinnerte - schlug daraufhin vor,Truschs Team könne ja auch alleine gehen. Außerdem hätten sie ja keine Waffen. Trusch bluffte und forderte ihn auf,sein illegales Gewehr aus dem Versteck zu holen. "Ich frage jetzt bestimmt nicht nach Waffenscheinen", sagte er. "Wir müssen uns vor allem selbst schützen." Dwornik zögerte, woraufhin ihm Trusch sein eigenes Gewehr anbot. Das war in mehrfacher Hinsicht eine mutige Geste: Sie umfasste nicht nur Vertrauen und die Bereitschaft zur Kooperation, Truschs Halbautomatik war auch eine viel bessere Waffe als Dworniks betagte Flinte. Damit war die Diskussion beendet - es gab jetzt für Dwornik keine Möglichkeit mehr, sich vor sechs Zeugen ehrenvoll herauszureden. Dieselbe Mischung aus Scham,Furcht und Loyalität brachte dann auch Sajtsew und Onofretschuk dazu mitzukommen. Außerdem fühlten sie sich in der Gruppe sicherer.
     Aber Dworniks Armeezeit lag lange zurück, und Truschs Gewehr fühlte sich in seinen Händen seltsam schwer an; genau dieses Sicherheit gebende Gefühl fehlte wiederum Trusch,der sich darum ebenfalls unwohl fühlte. Er hatte noch die Pistole, aber die steckte im Halfter und wäre gegen einen Tiger so gut wie nutzlos gewesen. Er verließ sich ganz auf seine Teamkollegen, weil er besonders verwundbar war. Er führte zwar,aber in einer elektronischen Parallelwelt: Er sah das Drama, gehörte aber nicht dazu und erforschte den surrealen Schrecken durch das enge Blickfeld der Kamera. Weil Sajtsew und Dwornik nicht verlässlich genug waren und Busch, der Polizist, nur seine Dienstpistole hatte, waren die Tiger Truschs einziger Schutz. Alle hatten ihre Gewehre im Anschlag, aber der Wald war dicht und die Sichtweite gering. Griff der Tiger tatsächlich an, würden sie sich womöglich gegenseitig erschießen. Also feuerten sie nicht, behielten aber diesen einen schneefreien Zweig im Auge und fragten sich, woher das nächste Anzeichen kommen würde.
     Trusch hinter der Kamera blieb seltsam ruhig. "Wir sehen deutlich die Spuren des Tigers von den Überresten wegführen",kommentiert er in unbewegtem offiziellem Tonfall, während Gitte unaufhörlich bellt, steifbeinig und mit starrem Blick."? der Hund zeigt deutlich an, dass der Tiger diesen Weg genommen hat."
     Vorweg zeichneten sich die Pfotenabdrücke des Tigers klar im Schnee ab, hervorgehoben durch die Schatten, die die tiefe Sonne ihnen verlieh. Das Raubtier zog sich nördlich auf höheres Gelände zurück; Katzen suchen immer die Höhe. "Der Tiger ist offenbar nicht weit entfernt", informiert Trusch seine zukünftigen Zuschauer, "nur etwa vierzig Meter." Der Schnee war nicht sehr tief, und bei diesen Bedingungen brauchte ein Tiger für vierzig Meter etwa vier Sekunden. Vielleicht entschied sich Trusch deshalb dafür, die Kamera hier lieber auszuschalten, sein Gewehr wieder an sich zu nehmen und in die wirkliche Welt zurückzukehren. Dort angekommen, stand er vor einer schwierigen Entscheidung.

In seiner amtlichen Eigenschaft als Oberaufseher der Inspektion Tiger handelte Trusch als Vermittler zwischen dem Gesetz des Dschungels und dem Gesetz des Staates. Ersteres ist instinktiv und oft spontan, letzteres ausgefeilt und oft umständlich. Beide sind deshalb nicht miteinander vereinbar. Im Einsatz hatte Trusch normalerweise keine Möglichkeit, mit seinen Vorgesetzten Rücksprache zu nehmen (oder überhaupt mit irgendjemandem); seine Walkie-Talkies hatten nur eine begrenzte Reichweite (oder fielen ganz aus), also waren er und seine Kollegen völlig auf sich gestellt. Deswegen gehörte zu Truschs Aufgaben auch die selbstständige Beurteilung von Situationen wie zum Beispiel dieser. Der Tiger steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten und damit in Russland unter Naturschutz; eine Abschussgenehmigung musste erst in Moskau angefordert werden. Sie lag noch nicht vor, aber es war Samstag, Moskau war für praktische Zwecke genauso weit weg wie der Mond, und sie hatten jetzt die Gelegenheit, diese Sache zu Ende zu bringen.
     Trusch entschloss sich, dem Tiger zu folgen. Das war eigentlich nicht vorgesehen; sie sollten nur den Angriff untersuchen, nicht den Tiger erlegen. Außerdem fehlte seinem Team ein Mann, die Abenddämmerung kam, und Markows Freunde waren eine zusätzliche Belastung, da sie unter Schock standen. Trusch übrigens auch. Aber er war jetzt bereit - genau hier zwischen dem Tiger und dem quälenden Bild, das dieser hinterlassen hatte. Er würde ihm nie wieder so nahe kommen. Trusch gab Lasurenko ein Zeichen, ihm zu folgen, und ging auf der Spur weiter. Dabei wusste er genau, dass ihn jeder Schritt tiefer ins Heimatterritorium des Tigers führte.

Teil 2