Vorgeblättert

Leseprobe zu Jan Peter Bremer: Der amerikanische Investor. Teil 3

18.07.2011.
Die kostenlose Mieterberatung fand zwei Mal wöchentlich im nahe gelegenen Gemeindezentrum statt, einem labyrinthisch verschachtelten Neubau. Der Raum, zu dem er sich mühsam hindurch gefragt hatte, diente sonst wohl anderen Zwecken, denn während er den Ausführungen des jungen Anwalts zum ersten Fall lauschte, der nur wenige Meter von ihm, in der Mitte des Raumes, verhandelt wurde, sah er immer wieder zu den bunten Städtelandschaften hin, die überall an den Wänden hingen und von Kindern gemalt waren. Die anderen Wartenden, die allesamt nach ihm den Raum betreten hatten und mit denen er nun, einen dicken Ordner auf den Knien, in einer Reihe saß, kauerten völlig in sich zusammengesunken auf den zu niedrigen Stühlen.
     Zum Glück war der erste Fall dann einigermaßen schnell erledigt. Es war um ein nur unzureichend schließendes Fenster gegangen, und nachdem der Anwalt im Anschluss hinter vorgehaltener Hand ausführlich gegähnt hatte, rief er den nächsten auf.
     Mit einem Gefühl, das man auch hat, wenn man sich mit einem bis weit über den Rand beladenen Einkaufswagen vor der Einkaufskasse einreiht und gar nicht wissen möchte, wer sich hinter einem anstellen muss, trat er zu dem jungen Anwalt vor.
     Im Laufe der Schilderung seines Wohnungsproblems aber fing nicht nur der junge Anwalt allmählich Feuer sondern auch die Wartenden. Als sei ein Ruck durch ihre Reihe gefahren, beugten sie sich gemeinsam vor und folgten aufmerksam erst seiner und dann der Rede des jungen Anwalts.
     Zum einen, sagte der junge Anwalt, handele es sich bei der absolut notwendigen Beseitigung der Schäden und vor allen Dingen der Sicherung des einsturzgefährdeten Bodens mitnichten um eine Modernisierung, sondern um eine Instandsetzung. Aufgrund einer notwendigen Instandsetzung aber sei es dem Vermieter nicht gestattet, die Miete zu erhöhen. Im Gegenteil müsse der Vermieter selbstverständlich die Sicherheit in dem von ihm vermieteten Gebäude garantieren. Zum anderen aber höre es sich so an als sei es für den Vermieter von höchstem Interesse, ihn und seine Familie möglichst schnell aus der Wohnung heraus zu befördern. Dies wiederum sei aber weniger ein Nachteil als vielmehr ein Pfund, mit dem sich kräftig wuchern lasse. Wenn er in dieser Situation wäre, würde er sich ganz ruhig zurück lehnen. Man müsse halt nur die Nerven bewahren, fügte er hinzu, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und machte eine Pause. Es sei schon ganz richtig gewesen, fuhr er dann fort, dass sie bei dem ersten Gespräch gesagt hätten, unbedingt in der Wohnung bleiben zu wollen. Aber vielleicht könne man irgendwann signalisieren, dass man sich bei einer gewissen Summe von Seiten der Verwaltung bereit zeigen würde, sich aus der Wohnung herauskaufen zu lassen. Fünfundzwanzigtausend, sagte er jetzt, indem er sich die Hände rieb, seien bei der Größe der Wohnung immer drin, aber warum sollten sie es nicht einfach mit dem Doppelten probieren. Ein wenig nachgeben könne man immer. Er zumindest würde es so versuchen. Vorerst aber müssten sie abwarten, was die Hausverwaltung jetzt unternehmen wolle und wenn von dort erst mal nichts käme, sollten sie, so etwa in zwei Wochen, mit der Bauaufsicht drohen. Das wäre nämlich für die Hausverwaltung nicht nur sehr unangenehm, sondern könnte auch sehr teuer werden und natürlich müssten sie die Miete, vom nächsten Monat ab, auch rückwirkend für die letzten zwei Monate, denn da hätten sie den Schaden gemeldet, um sechzig Prozent reduzieren. Das sei bei der Größe des Schadens durchaus angemessen und damit entließ er ihn.
     "Fünfzig Tausend? zischte, da er die Reihe der Wartenden entlang ging, ein bulliger Mann mit einem dünnen Pferdeschwanz im Nacken zu ihm hinauf und ohne einen Moment zu zögern, hatte er auch schon in die massige Hand dieses Mannes eingeschlagen, die ihm jetzt, da er die Tür hinter sich schloss, zum Abschied das Victory Zeichen entgegen streckte.
     Nahezu tänzelnd trat er an diesem Abend, als sie von der Arbeit kam, seiner Frau entgegen, bat sie Platz zu nehmen und reichte ihr ein Glas Wein. Doch noch während er ihr von dem Termin in der Mieterberatung erzählte, sah er, wie sie sich versteift an die Armlehnen ihres Stuhles klammerte und als er geendet hatte, sagte sie, dass sie an dem Geld überhaupt kein Interesse habe, sondern, dass es ihr innigster Herzenswunsch sei, ganz gleich, was sie deshalb in der nächsten Zeit auch vor sich haben mochten, hier in dieser Wohnung zu bleiben. Sie könne ja sogar verstehen, dass ihm das Arbeiten derzeit, in dieser Ungewissheit, nicht leicht falle, aber jetzt schon einen Auszug auch nur in Erwägung zu ziehen, sei bestimmt das Falscheste.

Es ergaben sich dann im weiteren Gespräch noch einige Unsicherheiten. Zum Beispiel ob bei diesen sechzig Prozent Mietminderung die Betriebskosten mit eingerechnet waren oder nicht und deshalb erschien er auch beim nächsten Termin der Mieterberatung.

Diesmal aber saß auf dem zu kleinen Stuhl an dem zu kleinen Tisch nicht der junge, feurige Anwalt, sondern ein bereits ziemlich verwitterter, aschfahler Herr, der, während er sich von dem jeweiligen Klienten den Fall schildern ließ, völlig leblos auf die Tischplatte starrte. Nur ab und zu hob er den Kopf und fragte gereizt, was denn nun eigentlich das Problem sei, worauf sich der jeweilige Klient immer bemüßigt fühlte, alles noch mal von vorn zu erzählen. Darum dauerte es auch eine Ewigkeit, bis er endlich an die Reihe kam.
     Er habe nur ein paar kleine Fragen, begann er, er sei nämlich schon vor ein paar Tagen bei dem Kollegen in der Mieterberatung gewesen und jetzt sei ihm eigentlich nur noch unklar, ob sich zum Beispiel die Reduzierung der Miete auf die Grundmiete oder... .
     Das müsse er ihm schon genauer ausführen, unterbrach ihn der Anwalt, ohne den Kopf zu heben und indem er nun teils zum Fenster hinaus, teils auf den nur noch spärlich bewachsenen Hinterkopf des Anwalts blickte, schilderte er wieder den ganzen Fall und flocht auch die Ratschläge des Kollegen mit ein. Auch nachdem er geendet hatte, verharrte der Anwalt in seiner gebeugten Haltung. Dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf und hob den Blick zu ihm auf. Da sei der Kollege aber sehr euphorisch gewesen, sagte er. Sechzig Prozent, fuhr er fort, da falle ihm nur das Wort übertrieben ein. Es sei ja wohl so, wenn er es richtig verstanden habe, dass bisher noch gar nichts eingestürzt sei. Nur auf den Verdacht hin, dass etwas einstürzen könnte, von dem einem sogar noch versichert wurde, dass es jetzt zusätzlich gestützt werde, könne man doch nicht sechzig Prozent der Miete kürzen. Außerdem bringe doch die Absenkung bisher keinerlei größere Beeinträchtigung des Wohnens mit sich. Zehn Prozent der Gesamtmiete könnte er vielleicht noch für vertretbar halten, im äußersten Fall vielleicht fünfzehn, aber das wolle er gar nicht raten. Im Übrigen wisse er auch, dass immer wieder Gerüchte von großen Abfindungssummen durch die Welt geisterten, habe aber noch nie von einem realen Beispiel gehört. Was wiederum die Drohung mit der Bauaufsicht betreffe, davon würde er tunlichst abraten. Wer drohe, sagte er, müsse auch ins Auge fassen, eine Tat folgen zu lassen. Was aber wäre das Szenario, wenn die Bauaufsicht tatsächlich käme? Natürlich würde die Bauaufsicht die Wohnung sofort sperren. Das sei schließlich ihre Aufgabe. Für sie aber hieße das nur, dass sie auf der Stelle ausziehen müssten, zum Beispiel in eine Pension, um sich von dort nach einer neuen Wohnung umzusehen. Die Kosten für das alles, würden sie vorstrecken müssen, um dann, vielleicht erst Jahre später, auf einem Vergleich mit der Hausverwaltung bestehen zu können. Es auf dieses Verfahren ankommen zu lassen, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, das würde er sich genau überlegen. Dann streckte er plötzlich seinen Arm über die Tischplatte, reichte ihm die Hand und sagte: "Ich hoffe, ich habe Ihnen weiterhelfen können."

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Mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlages
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