Vorgeblättert

Leseprobe zu Jabbour Douaihy: Morgen des Zorns. Teil 3

16.07.2012.
II

     Elia ist der Sohn unseres Viertels, des "Issâba"-Viertels. Wir Kinder sprachen es voller Stolz mit I am Anfang aus, so dass es die Bedeutung von "Banden"-Viertel bekam. Auf den Personalausweisen der Menschen, die am Tag der unerwarteten Volkszählung im Jahre 1932 dort wohnhaft gewesen waren, ist es als das "Westviertel der Jungfrau" eingetragen. An jenem Tag hatte sich ein obskurer Beamter im Innenministerium darangemacht, das Dorf in fünf Viertel zu unterteilen, die für uns allerdings keinerlei Bedeutung hatten und an deren ungewöhnliche Grenzverläufe wir nur an den Wahltagen erinnert wurden. Elia besaß eine von allen anerkannte Immunität im Viertel. Wenn man ihn im Streit zu Boden stieß oder von weitem mit Steinen bewarf, konnte man vor den Konsequenzen dieser Attacken nicht sicher sein. In Wahrheit besaß allerdings nicht nur er alleine eine solche Immunität, sondern wir wussten, dass er sich diese besondere Behandlung mit anderen Jungen aus Familien teilte, von denen es hieß, "die haben mit Blut bezahlt". Für uns aber, von denen kein Angehöriger ermordet worden war und die wir weiterhin von unseren Eltern verwöhnt wurden, galt das Gesetz der Allgemeinheit. Nicht zu Unrecht wurden wir also für das Versäumnis und die Zurückhaltung unserer Eltern beschimpft oder sogar hart bestraft. Widersetzte sich aber einer von uns Elia - wie oft rangen wir miteinander, schleuderten uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf und bewarfen uns mit Steinen, und wie oft setzten wir dafür unsere Muskeln und Körper ein -, dann suchte seine Mutter Kâmleh den Dreisten unverzüglich zu Hause auf, kaum dass Elia nach einigem Zögern und weinend dessen Namen preisgegeben hatte. Natürlich verriet Elia den Namen seines Peinigers aus Ehrgefühl erst, wenn die ihm zur Verfügung stehenden Mittel, selbst Rache zu nehmen, erschöpft waren. Vielleicht war ihm bewusst, dass ihm, wenn er sich immer wieder auf sein "Privileg" berief, kein Freund oder Unterstützer unsererseits geblieben wäre. Mit böse funkelnden Augen stürmte Kâmleh dann los, die Haarspange im Mund, das Haar hinten zusammenbindend. Nachdem einige von uns dem Schuldigen "zur Flucht" hinunter zum Fluss verholfen hatten, liefen wir lärmend und jubelnd neben ihr her. Am Haus des Jungen angekommen, blieb Kâmleh, die Hände in die Hüften gestemmt, an der Haustür stehen.
     - Wenn du ihn nicht erziehst, muss ich ihn wohl erziehen …, schrie sie der Mutter des Buben entgegen.
     Gemeinhin pflichtete die Frau ihr dann bei und versprach, "diesen Teufelskerl" zu bestrafen, doch sobald Kâmleh ihr den Rücken gekehrt hatte, zwinkerte sie einer Nachbarin verschmitzt zu.
     Elia gehörte zu den wenigen Kindern, die in jenen Tagen, Ende der sechziger Jahre, eine dicke Brille trugen.
     - Er ist von "schwacher" Gesundheit!, hatte seine Mutter einst ihr Urteil gefällt, ohne dass es vorher zu nennenswerten Vorkommnissen bezüglich seiner Gesundheit gekommen wäre. Also zwang sie ihm stets - nach langem Widerstand - eine zusätzliche Jacke oder einen Wollpullover auf, dessen Kragen seinen Hals bis zu den Ohren hinauf umschloss, während seine Kameraden mit ihren kurzärmeligen Hemden prahlten, obwohl der Himmel von Regen kündete. Während seiner seltenen Aufenthalte in den Gassen beteiligte sich Elia gerne an den Rangeleien, auch wenn er keiner Seite angehörte. Kaum hatte der Streit seinen Anfang genommen, da setzte er auf Weisung seiner Mutter, die um seine Augen fürchtete, die Brille ab, übergab sie einem Kameraden und stürzte sich ohne Rücksicht auf die Konsequenzen freudig ins Getümmel. Er schlug sich auf die Seite der weniger Kräftigen, die eher auf Hilfe angewiesen waren, schlüpfte durch die Beine der Großen, die im Kampf aneinanderklebten, kratzte, zwickte, biss, stieß dabei Kriegsgeschrei aus und beleidigte die Väter und Onkel der Gegner mit ausgeklügelten Bosheiten, die ihm verwunderlich leicht von der Zunge gingen. Doch bevor man auf ihn aufmerksam wurde und diesmal er seinen Teil an Schlägen und Tritten einstecken würde, weil er zur Gruppe der Angreifer gehörte, ertönte die Stimme seiner Mutter. Dann zog sich Elia unter den Pfiffen seiner Kameraden zurück, traurig und voll des Bedauerns, dass ihn die Sorge seiner Mutter um einen sicheren Sieg brachte und seinen Gegnern eine harte Strafe ersparte.
     Als er eines Tages mit zerbrochener Brille und einem Ausdruck von panischer Angst nach Hause kam, war das Maß für Kâmleh voll. Diesmal musste sie ihm nicht die üblichen Fragen stellen, ihn selbst drängte es, ihr zu erzählen, was ihm zugestoßen war. Als er keuchend zu berichten anhob, legte sie ihm die Hand auf die Brust, um das fortgesetzte Pochen seines Herzens zu spüren. Er erzählte, wie er zwei Jäger zum Hügel in der Nähe der alten Seiden-Werkstätte begleitet hatte. Sie hätten an jenem Tag beschlossen, ihren Jagdhund loszuwerden, weil er senil geworden sei, wie sie behaupteten, und seit etwa einem Monat die Wachteln, die sie schossen, auffraß, statt sie zu apportieren. Während Elia erzählte, schlug sich Kâmleh, die mit dem Schlimmsten rechnete, immer wieder mit den Händen auf die Oberschenkel. Ohne Elia in ihren Plan eingeweiht zu haben, brachten sie den Hund zu einem Abhang.
     - Dort, dort, komm her! Siehst du!, rief Elia seiner Mutter zu und ging zum Fenster. Ganz in der Nähe der Hecke hätte einer der Burschen eine Handgranate entsichert und sie dem Hund hingeworfen, der sich sofort daraufgestürzt hätte. Doch da er den Zünder mit dem Kiefer zu packen bekam, verhinderte er, dass die Handgranate explodierte. Dies aber würde unweigerlich in jenem Moment geschehen, wenn er den Burschen seine Beute vor die Füße fallen ließ. Während Elia in allen Einzelheiten erzählte, wurde er wieder von der gleichen Panik erfasst, wie sie ihn dort gepackt hatte. Kâmleh stieß einen Schrei aus, als sie die Gefahr auf ihren Jungen zukommen sah. Aus Angst, er könne möglicherweise verletzt worden sein und traue sich nicht, es zuzugestehen, begann sie ihn am ganzen Körper abzutasten. Auf jeden Fall hatte der Hund beschlossen, seiner Gefräßigkeit zum Trotz, die ihn in letzter Zeit die Vögel hatte vertilgen lassen, "die Beute" ihren Besitzern zu bringen. "Da bekamen wir Angst und brüllten, jeder solle in eine andere Richtung davonlaufen, um so die mögliche Gefahr unter uns aufzuteilen." Der Hund aber habe sich wider Erwarten dazu entschlossen, seine Besitzer, die Jäger, zu ignorieren und sich deren zufälligem Begleiter an die Fersen zu heften:
     - Er ist plötzlich hinter mir hergelaufen, um mir die Handgranate zu bringen, Mama!
     Kâmleh stieß erneut einen Schrei aus. Glücklicherweise war Elia im Laufen gestolpert, so dass er zu Boden fiel und seine Brille zerbrach. Keuchend beendete Elia seinen Bericht und erzählte, wie der Hund sich von ihm abgewendet hatte, plötzlich und ohne ersichtlichen Grund, und in eine andere Richtung gerannt war. Dann war eine laute Explosion zu hören gewesen, und die Fetzen des armen Tieres waren bis über die Zweige des Jaffa-Orangenbaumes geflogen.
     - Geh rein und wasch dir das Gesicht, sagte Kâmleh, und hüte dich in Zukunft vor diesen Verbrechern!
     Unüberhörbar laut und vor den Ohren der Nachbarn verkündete Kâmleh nun zwei- oder dreimal täglich, Elia endgültig vom "Banden"-Viertel und sogar vom ganzen Dorf fernhalten zu wollen. Sie rief ihre Cousine an, eine Nonne im Verein der Schwestern des Kreuzes, und bat sie, ihr dabei behilflich zu ein, Elia in einem der Internate in der Nähe der Hauptstadt unterzubringen. Sie setzte sich mit der Schulleitung in Verbindung, damit man ihr einen Inspektionsbesuch in der Küche und im Schülerschlafraum gestatte. Sie roch an den Laken und lugte unter die Betten, um sicherzugehen, dass dort keine Mäuseköttel lagen; sie inspizierte die Fenster, um sich davon zu überzeugen, dass keine Zugluft hereindringe, die Elia eine Bronchitis bescheren könne. Zwischenzeitlich war Elia der Überwachung seiner Mutter allerdings mindestens zweimal entwischt. Einmal beteiligte er sich daran, Aale mit Hilfe von Dynamitkapseln zu fangen, und einmal an einem Wettbewerb der Kinder des Viertels über die Größe des männlichen Gliedes. Die Jungen hatten sich in einer langen Reihe auf dem Dach der Mühle vor einem ein Jahr älteren Experten aufgestellt, der die von der Natur Begünstigten unter ihnen auswählte, so dass diese sich auf Jahre hinaus eine Berühmtheit erwarben, die sie mit Stolz erfüllte.
     Elia war ihr einziger. Sie hatte ihn erst nach mühevoller Anstrengung bekommen, und nun sollte sie mit eigenen Augen zusehen, wie er den Pfad der Untugend nahm? Aber Kâmleh war unbestreitbar eine tüchtige Frau, der es gelang, ihn zu retten, denn die Distanz vom Dorf zeigte schon allzu bald - vielleicht sogar rascher, als sie selbst erwartet hatte - ihre Wirkung. Wäre er in ein weit entferntes Land gereist und von dort zurückgekehrt, dann hätten wir wie üblich gesagt, das Meer "hat ihm den Kopf gewaschen". Doch er war nicht über Beirut hinausgekommen. Nie haben wir erfahren, wie es ihm in der nur eineinhalb Autostunden entfernten neuen Schule ergangen war. Vielleicht war er just zu jener Zeit, als er auf diese Schule kam und das Leben kennenlernte, einer verspäteten Kindheit entwachsen, um ohne Vorwarnung in eine triste und gehemmte Pubertät hinüberzuwechseln, wie manche von uns heute glauben. Wir haben oft über ihn gesprochen. Auf jeden Fall war seine plötzliche Verwandlung in hohem Maße dem guten Ruf zuträglich, welchen die Schulen Beiruts bei uns genossen: In der kurzen Zeit zwischen Weihnachten und Ostern hatte er sich zu einem schüchternen Jungen entwickelt; die Schule hatte ihn erzogen und innerhalb von nur drei Monaten vollkommen verändert.
     Am Gründonnerstag kehrte er für eine Woche zu seiner Mutter zurück. Mit einem dicken Buch in der Hand lag er ausgestreckt auf dem Balkon und begnügte sich die ganze Zeit über mit diesem kleinen Flecken, auf dem die Blumen ihre ersten Frühlingsblüten leuchtend bunt geöffnet hatten. Er machte den Eindruck, als befinde er sich hier, in seinem Haus im "Banden"-Viertel, für eine begrenzte Zeit im Exil von seiner eigentlichen Heimat und als zählte er nur die Tage, die ihn von seiner Rückkehr trennten. Sobald sie eine kühle Brise spürte, legte Kâmleh dem in seine Lektüre vertieften Jungen aus Sorge vor einer Unterkühlung eine Wolldecke über. Wenn die Kameraden aus früheren Zeiten absichtlich oder zufällig am Haus vorbeischlenderten, riefen sie ihm zu, doch er antwortete nicht. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen, warfen sie kleine Steinchen nach ihm, ohne dass Kâmleh, die in der Küche beschäftigt war, es bemerkte. Oder sie pfiffen laut auf zwei Fingern, um ihn zu provozieren, doch er scherte sich nicht darum. Man hätte meinen können, er höre sie nicht einmal und sei ganz in der Welt seiner Bücher versunken. Sie blickten sich verwundert an, einer von ihnen zog betreten die Schultern hoch, dann beschlossen sie, zu verschwinden. Sie hatten das Alter, in dem man um Freundschaften bettelte, längst überschritten.
     Bei seinem nächsten Besuch an Silvester brachte er ein Akkordeon mit. Das Taxi ließ ihn weit von seinem Haus entfernt aussteigen, und so schulterte er sich das glänzend rote Instrument auf den Rücken und stapfte, verfolgt von einer Schar kleiner neugieriger Strolche, wie ein disziplinierter Soldat mit seinem Ranzen auf dem Rücken durch den Nieselregen nach Hause. Am Nachmittag hörte es auf zu regnen, und kaum hatte er seine erste Melodie herausgepresst, da trommelten sich die Kinder des Viertels in der Nähe des Balkons von Kâmlehs Wohnung gegenseitig zusammen. Sie schauten ihn stumm an, während er das Instrument bis zum Anschlag auseinanderzog, so weit seine Arme reichten, um es dann wieder zusammenzuschieben, mal darübergebeugt, mal mit geschlossenen Augen, als leide er mit seiner traurigen Melodie, mal wippte er aus Freude über das rasche Tempo mit den Füßen. Er wiegte sich mit dem Instrument und drückte behende die zahlreichen weißen und schwarzen Tasten, die ungewohnte helle Töne erzeugten, wie sie die feuchten und gewundenen Gassen des Viertels noch nie vernommen hatten. Viele Passanten blieben stehen, um zu lauschen. Obwohl er anfangs für die verblüffte kleine Menge eine Melodie spielte, die ein jeder aus dem Rundfunk kannte - "Besucht mich einmal jährlich" -, wurde ihnen, als sie ihn daraufhin leidenschaftlich unbekannte westliche Melodien spielen hörten, mit einem Mal bewusst, dass sie sich vergebens um ihn bemüht hatten, denn Elia hatte ihre Welt bereits verlassen. Er hatte die Ufer des Flusses hinter sich gelassen, die Pflaumen und die Mispeln, die sie gestohlen hatten, sobald sie reif waren, und die Spiele, bei denen sie ihre Geduld auf die Probe gestellt hatten. Er hatte diese Welt unwiederbringlich verlassen, war in eine andere Sphäre, eine ihnen unbekannte Sphäre hinübergewandert, und einige hatten gar das Gefühl, Elia habe sogar ihre Namen vergessen.
     Aber Elia hatte sich nicht aus Sorge um seine Zukunft verändert, wie seine Mutter sich gewünscht hatte, und nicht aus Überheblichkeit, wie man hätte annehmen können, sondern er schien stattdessen jetzt ganz einfach mit anderen, bedeutenderen Dingen beschäftigt zu sein. Wie hätte er zum Beispiel sonst den ersten Preis im französischen Gedichtwettbewerb in der Schule gewinnen können? Sie hatten ihn auf einem Foto im "Telegraph" entdeckt, auf dem er von den Organisatoren des Wettbewerbs einen auf einem Bein stehenden, glänzenden Metallvogel mit ausgebreiteten Flügeln entgegennimmt. Sie selbst aber waren so roh und ungebildet geblieben wie ihre Väter. Wenn sie auf der Straße über einen Stein stolperten, verfluchten sie die Heiligen und die Toten, und wenn ihnen ein Passant einen musternden Blick zuwarf, hielten sie ihn an, um ihn in bedrohlichem Ton zu fragen, was er wolle … Von nun an verzichteten sie darauf, Elia zu ihren Spielen einzuladen oder ihn zu provozieren.
     Als der Krieg ausbrach, lag Elias Schule ganz in der Nähe der Demarkationslinie.
     - Das Schicksal hat uns schon einmal übel mitgespielt, es reicht …, sagte Kâmleh entschieden.
     Sie wollte ihren Sohn für eine Weile von Beirut fernhalten und in die Sommerfrische der Berge bringen, wo der Orden ihrer Cousine ein Kloster betrieb. Auf dem Weg dorthin fielen sie einer bewaffneten Straßensperre in die Hände. In dem Gedränge der unzähligen Autos und aus Unwissenheit über die Region, durch die sie fuhren, wussten sie nicht, ob die Bewaffneten Christen oder Muslime stoppten. Aber Kâmleh schluckte ihre Angst hinunter und übergab Elia der Nonne im Kloster. Weil der Krieg sich jedoch immer weiter in die Berge hinauf ausbreitete und die Bomben dem Kloster immer näher rückten, verbrachte der Junge nur zwei Nächte dort. Danach stellten ihm die Nonnen ein Bett im Keller auf, wo er schlafen könne, bis Kâmleh ein weiteres Mal herbeieilte und ihn zu sich zurückholte, nach Hause ins "Banden"-Viertel. Von Beirut aus hatten sie sich über gewundene Bergpfade ins Dorf durchgeschlagen.
     Nun verbrachte Elia einen Zwangsaufenthalt bei uns im Ort, doch wieder blieb er nicht lange, da die Gefahren ihn schon allzu bald auch hier einholen würden. Wie durchsickerndes Wasser machte sich der Krieg überall breit. Zuerst in Form nicht enden wollender Gerüchte über einen kurz bevorstehenden Angriff, für den die Gegenseite Kämpfer verschiedener Nationalität und Hautfarbe mobilisiert hatte. Dann wurden Barrikaden aufgebaut, und Jugendliche in Kampfanzügen steuerten paramilitärische Jeeps durch die Straßen, auf denen Slogans aus Kriegen von vor tausend Jahren geschrieben standen. Da fasste Kâmleh den schwersten Entschluss ihres Lebens.

                                                   *

Mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages
(Copyright Carl Hanser Verlag)

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