Vorgeblättert

Leseprobe zu Ian Buruma: Die drei Leben der Ri Koran. Teil 2

19.07.2010.
Herr Yamazaki hatte keinen Grund, mir, einem sich anbiedernden, theaterverrückten kleinen Jungen, der nie ein einziges Bonbon kaufte, besondere aufmerksamkeit zu schenken. aber nachdem ich ihm tagelang nachgelaufen war wie ein heimatloser Welpe, ihm anbot, sein Fahrrad zu putzen, und ihn anflehte, mich als Lehrling aufzunehmen (als hätte mein Vater das je erlaubt), ließ er sich endlich herab, mit mir zu sprechen. Es war ein heißer Nachmittag. Er hockte sich an den staubigen Straßenrand, wischte sich mit einem baumwollenen Taschentuch die Stirn und trank kalten Gerstentee aus seiner Flasche. Er blinzelte durch den Rauch seiner Zigarette und fragte mich, was ich denn machen wollte, sobald ich groß wäre. Ich wolle wie er sein, sagte ich, herumreisen und Theatervorführungen veranstalten. Ich bat ihn inständig, mein Lehrer zu werden. Er lachte nicht, noch spottete er, schüttelte nur bedächtig den Kopf und sagte, es sei ein hartes Leben als Theatermann. Er mache es, weil er keine andere Wahl habe. Aber ich komme ihm vor wie ein gewiefter kleiner Junge, ich könne bestimmt etwas viel Besseres machen als er. Und er habe sowieso keine Verwendung für einen Lehrling. Er muss mir meine Enttäuschung angesehen haben, denn zum Trost griff er in seinen Bonbonsack, zog ein Bilderbuch hervor und schenkte es mir.
     Es war ein wertvolleres Geschenk, als der Bonbonverkäufer sich wahrscheinlich vorstellen konnte. Ich würde sogar sagen, dass es mein Leben verändert hat. Denn es war meine Einführung in Suikoden oder Alle Menschen sind Brüder, mein absolutes Lieblingsbuch, gewissermaßen meine Bibel, deren Geschichten von den im vierzehnten Jahrhundert als Dämonen in die Welt entlassenen chinesischen Schwertkämpfern ich Wort für Wort auswendig rezitieren lernte. Ihrer aller Geschichten konnte ich erzählen, aller einhundertacht Helden. Shishin, der Krieger mit den neun auf den Rücken tätowierten Drachen, Roshi Ensei, Saijinki Kakusei und so weiter und so fort. Diese unsterblichen Krieger, die in den Sümpfen Zentralchinas kämpften, waren von den gelben, verkrümmten Wesen auf den Holzschnitten meines Vaters so endlos weit entfernt, dass sie eine ganz andere Spezies zu sein schienen. Riesen waren sie, nicht geduckte Zwerge. Sie hatten Klasse, diese Kämpfer für Ehre und Gerechtigkeit, und sie waren frei. Das war vielleicht die Hauptsache, ihr Wissen um grenzenlose Möglichkeiten. Die Suikoden-Helden konnten nur in einer endlosen Weite wie China existiert haben. Verglichen mit ihnen, waren japanische Krieger Tölpel mit kleinen Träumen, eingesperrt zwischen den engen Grenzen unseres kleinen Inselstaats.
     Ich las das Buch wieder und wieder, bis das billige Papier so abgegriffen war, dass es zu zerfallen begann. Wenn ich allein im Hof unseres Hauses war, schwenkte ich mein Bambusschwert und focht imaginäre Schlachten gegen verruchte Herrscher, nahm die Posen ein, die ich von den Bildern her kannte, versetzte mich in die Rolle von neun-Drachen Shishin oder von Willkommener Regen, dem finsteren Geächteten mit den Phönixaugen. Wir Japaner schätzen Treue und Ehre, aber diese Tugenden haben wir von den alten Chinesen übernommen. Während ich Alle Menschen sind Brüder las, grübelte ich, schon als Kind, über das Schicksal dieser großen Nation nach. Wie kam es, dass sie ihr Volk so tief hatte sinken lassen? natürlich fragte ich nicht meinen Vater, der für "die Schlitzaugen" nur Verachtung übrighatte. Sondern ich fragte Herrn Yamazaki, der den Kopf zur Seite legte und hörbar Luft holte. "Von solchen schwierigen Angelegenheiten verstehe ich nichts", sagte er und riet mir, fleißig zu lernen, damit ich eines Tages alle antworten auf meine Fragen wüsste. Doch auch wenn er außerstande war, mich über das traurige Geschick Chinas aufzuklären, hielt er mir fortan einen Platz in der ersten Reihe frei, direkt unter der auf seinem Fahrrad aufgebockten Leinwand, und das, obwohl ich ihm nie Süßigkeiten abkaufen konnte.


-2-

Yamaguchi Yoshiko sah ich zum ersten Mal im Oktober 1933, als sie in der großen Stadt Mukden auftrat. Mukden, das wir Hoten nannten, war die geschäftigste, weltoffenste Stadt der Mandschurei, noch moderner als Tokio in seiner besten Zeit, bevor die amerikanischen B-29-Bomber unsere Hauptstadt in einen schwelenden Trümmerhaufen verwandelten.
     Es waren ihre Augen, die mir den tiefsten Eindruck machten. Sie waren ungewöhnlich groß für eine orientalische Frau. Yoshiko sah nicht sehr japanisch aus, aber auch nicht typisch chinesisch. Eher war etwas von der Seidenstraße in ihr, von den Karawanen und Gewürzmärkten Samarkands. Niemand hätte sie für ein gewöhnliches japanisches Mädchen gehalten, das in der Mandschurei zur Welt gekommen war.
     Ehe wir Japaner kamen, war die Mandschurei ein wildes, furchterregendes Land in gefährlicher Lage in den russischen und chinesischen Grenzregionen, die niemandem gehörten. Einst Sitz der Kaiser der großen Qing-Dynastie, ging es mit der Mandschurei bergab, nachdem die Kaiser nach Süden, nach Peking gezogen waren. Kriegsherren führten sich auf, wie es ihnen passte, plünderten die Schätze dieser unermesslichen Region, hetzten ihre Räuberarmeen aufeinander und stürzten damit die verarmten Menschen, die das Unglück hatten, ihnen im Weg zu stehen, in entsetzliches Elend. Frauen wurden als Sklavinnen verschleppt, Männer umgebracht oder zwangsrekrutiert und vergrößerten so die Räuberbanden, die wie Heuschreckenschwärme über die Dörfer herfielen. Die armen, schwer geprüften Menschen der Mandschurei bekamen jahrhundertelang nichts als Bitterkeit zu spüren. Die wenigen Tapferen, die Widerstand zu leisten versuchten, endeten mit aufgeschlitztem Bauch und hervorquellendem Gedärm, kopfüber in den Bäumen hängend, als abschreckendes Beispiel für alle, die auf ähnliche Gedanken kommen mochten. Irgendwann aber, und keine Minute zu früh, kehrte die Ordnung zurück, nämlich als der unter unserer Kontrolle stehende große Staat Mandschukuo errichtet wurde.
     Mandschukuo war ein wahrhaft asiatisches Reich, in dem der letzte Abkömmling der Qing-Dynastie, Kaiser Pu Yi, regierte. Zugleich aber war es ein kosmopolitisches Reich, in dem sich alle Rassen miteinander vermischten und gleichberechtigt lebten. Die fünf hauptsächlichen Rassen, Japaner, Mandschuren, Chinesen, Koreaner und Mongolen, waren jede mit ihrer Farbe in der Nationalflagge vertreten: senfgelb mit einem roten, einem blauen, einem weißen und einem schwarzen Streifen. Ferner gab es, in Harbin, Dairen und Mukden, Russen, und es gab Juden sowie andere Ausländer aus allen Teilen der Welt. Bei der Ankunft im Hafen von Dairen am südlichen Ende der Mandschuri war mir, als beträte ich die große weite Welt. Im Vergleich dazu schien sogar Tokio eng und provinziell. Allein die Luft atmete Weltbürgertum! Abgesehen von Kohlenstaub und Speiseöl stachen aus der scharfen Mischung der Düfte eingelegter koreanischer Kohl, dampfende russische Piroggen, gegrillter mandschurischer Hammel, japanische Misosuppe und gebratene Pekingknödel hervor.
     Und die Frauen! Die Frauen von Mukden waren die schönsten nördlich von Schanghai: die chinesischen Mädchen, geschmeidig und flink wie Aale in ihren engen Qipao-Kleidern, die japanischen Schönheiten im Kimono, die wie hübsch gefiederte Vögel, in Rikschas kauernd, zu den Teehäusern hinter der Yokohama Specie Bank fuhren, die parfümierten russischen und europäischen Damen, die in Pelz und Federhut bei Smirnoff Tee tranken. Wahrlich, Mukden war ein Paradies für einen freigelassenen jungen Wolf. Da ich ein ansehnlicher, stets elegant gekleideter junger Mann war, hatte ich keinen Anlass, über einen Mangel an weiblicher Aufmerksamkeit zu klagen.
     Seit den frühen zwanziger Jahren trat Madame Ignatieva, die
einst in St. Petersburg vor dem Zaren und der Zarin die Madama Butterfly gesungen hatte, alljährlich im Herbst im Ballsaal des Yamato-Hotels auf, eines prachtvollen, aber recht abschreckenden Baus, der mit seinen türmchen- und zinnenbewehrten Mauern eher wie eine Festung aussah denn wie ein Hotel. Madame Ignatieva und ihr Ehemann, ein weißrussischer Aristokrat, waren 1917 vor den Kommunisten geflohen und lebten seither in Mukden. Der Graf, der in seiner vormaligen Militäruniform samt dem ihm vom Zaren eigenhändig verliehenen Orden des heiligen Georg stets eine tadellose Erscheinung war, betrieb eine Pension in der Nähe des Bahnhofs.
     Der Höhepunkt von Madame Ignatievas künstlerischer Darbietung war die "Habanera" aus Carmen. Sie sang auch Arien aus Tosca und Madama Butterfly, doch als ihr Meisterstück galt bei Musikliebhabern die Carmen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die vergoldeten Stühle und die an lange Reihen uniformierter Brustkästen gehefteten Ehrenabzeichen blitzten im funkelnden Licht der kristallnen Lüster. Jeder, der in Mukden etwas galt, war anwesend, und manche waren eigens aus Shinkyo gekommen, der Hauptstadt von Mandschukuo: General Itagaki von der Kanto-Armee, unserer Garnisonstruppe in China, saß ganz vorn neben Hashimoto Toranosuke, dem obersten Shinto-Priester von Mandschukuo, und Hauptmann Amakasu Masahiko, dem Präsidenten des Japan-Mandschukuo-Freundschaftsbunds. Ich entdeckte General Li, den Vorsitzenden der Shenyang Bank, der mit seinem Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart wahrhaft martialisch aussah, und Mr. Abraham Kaufman, Oberhaupt der jüdischen Gemeinde, der sich, in der letzten Reihe sitzend, bemühte, nicht von Konstantin Rodzaevsky bemerkt zu werden, einem Grobian ohne die geringsten Manieren, der uns ständig in den Ohren lag, wir sollten die Juden "hinauswerfen".
     Und dort auf der Bühne, von Scheinwerferlicht umflossen, die herrliche Erscheinung von Madame Ignatieva in langer schwarzer Robe mit einem über den Boden schleifenden Shawl aus schwarzer Spitze. Lächelnd, eine rote Rose in der Hand, das Haupt erhoben, schritt sie zur Bühnenmitte und nahm den Applaus wie eine hochmütige Taube mit knappem Nicken nach allen Seiten entgegen. "Schreiten" ist eigentlich nicht das richtige Wort; es war ein wollüstiges Wogen, wie man es an stattlichen westlichen Frauen beobachten kann. Und direkt hinter ihr war ihre Vorzugsschülerin, ein reizendes japanisches Mädchen in einem langärmeligen violetten, mit weißen Kranichen bestickten Kimono. Sie war wie eine zarte Blume knapp vor dem Moment des Erblühens und strahlte ebenso viel kindliche unschuld aus wie eine Art exotischer Eleganz, die man bei apanischen Mädchen nicht häufig antrifft. Vielleicht war sie ein wenig nervös, denn gerade als Madame Ignatieva sich anschickte, ihren Platz in der Mitte der Bühne einzunehmen, trat das Mädchen auf das Ende des langen schwarzen Shawls und brachte ihre Lehrerin jäh zum Stillstand. Für eine Sekunde wich das Lächeln aus Madame Ignatievas Gesicht, doch sie hatte sich sofort wieder in er Gewalt und öffnete die Kehle zur "Habanera". Die dunklen Augen des Mädchens weiteten sich, wie um uns um Vergebung zu bitten, und sie errötete lieblich.

Teil 3