Vorgeblättert

Leseprobe zu Ian Buruma: Die drei Leben der Ri Koran. Teil 1

19.07.2010.
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Es ist heute nur schwer vorstellbar, aber es gab wirklich einmal eine Zeit, da verliebten sich die Japaner in China. Natürlich nicht alle Japaner, aber immerhin so viele, dass man von einem Chinaspleen sprechen konnte. Wie alle plötzlichen Moden in meiner Heimat war auch der Chinaspleen nur eine flüchtige Erscheinung - heute hier und morgen verweht. aber solange er anhielt, war er spektakulär. Er überfiel das Land im Herbst 1940, genau zu dem Zeitpunkt, als unsere törichte Armee in einem selbstverschuldeten Sumpf versank. Der Fall von Nanking lag ein paar Jahre zurück. Unsere Bomber nahmen Chungking unter Beschuss. Aber alles vergeblich. Eigentlich waren wir wie ein Thunfisch, der einen Wal zu fressen versucht.
     Zu Hause in Tokio zog sich die feuchte Sommerhitze unangenehm in die Länge. Asakusa, sonst so voller Leben, wirkte ermattet, als hätten die Menschen nicht mehr die Kraft, sich zu amüsieren. Der meiste Betrieb hatte sich ohnehin nach Westen, in die Gegend der Ginza verlagert, aber auch dort hing die gedrückte Stimmung schwer in der schwülen Luft: Die Kaffeehäuser waren halb leer, die Bars hatten ihre guten Tage hinter sich, das Essen im restaurant schmeckte nicht mehr wie zuvor. So oder so war es zwar noch nicht ausdrücklich verboten, sich zu freuen, doch offiziell verpönt, weil "unpatriotisch".
     Dann kam wie ein Regenbogen an einem dunkelgrauen Himmel dieser verrückte Chinaspleen auf. Filme, die in China spielten, waren auf einmal der letzte Schrei. und alle Mädchen wollten aussehen wie die mandschurische Filmdiva Ri Koran. Da sah man sie, in eng anliegende Seide gezwängt, die Ginza hinabstolzieren, die kurzen Beine wie stramme weiße Daikon-Rettiche. Sie schminkten sich die Augen schräger, exotischer, chinesischer. Den ganzen Tag lief im Radio "Chinesische Nächte", Ri Korans Hit, der die zwielichtige Faszination des nächtlichen Schanghai beschwor. Mit verzückt geschlossenen Augen, sich sacht wiegend wie tropische Blumen, summten die Mädchen die beschwingte Melodie. Eine Kaffeebar in Sukiyabashi nannte sich Chinesische Nächte und beschäftigte Ri-Koran-Doppelgängerinnen. nicht dass sie ihr wirklich gleich sahen - krumme Zähne und ein stämmiger Körperbau verrieten auf anhieb das japanische Landmädchen. Aber es reichte, dass sie sich in einen Fetzen grellbunte Seide wickelten und sich eine Blume ins Haar steckten, und schon waren die Männer verrückt nach ihnen.
     Vielleicht ließ die Trübsal der Heimatfront den asiatischen Kontinent vergleichsweise verlockend wirken. und dieser Spleen war ja auch nicht der erste seiner Art. Wie ich schon sagte - die Japaner fangen sich häufig einen kollektiven Bazillus ein, der dann ein Fieber der einen oder anderen Art auslöst. Man könnte sagen, es liegt uns im Blut. Dabei war der wahre Grund vielleicht profaner: Wenn Ri Koran sang, konnten die Menschen wenigstens für einen Moment Kriege, Wirtschaftskrisen und Soldaten im Morast eines blutgetränkten Landes vergessen. China war nicht mehr Schauplatz tausendfacher Sorgen, der uns in immer schlimmeres Entsetzen stürzte, sondern wurde zu einem Hort des Zaubers, der unsägliche Wonnen verhieß.
     Jetzt, da ich den Scherbenhaufen unserer närrischen Träume betrachte, scheint mir das alles sehr weit fort. Die Chinesischen Nächte gibt es längst nicht mehr. Die Ginza ist zerstört. Japan liegt in Trümmern. Ich selbst liege am Boden. Wie auch immer, der Chinaspleen war ein Jahr nach seinem Ausbruch schon wieder vorbei. Nach Pearl Harbor dachten die Leute nur noch an eines: an den Sieg über die angloamerikanischen Barbaren. Wie sich zeigte, war auch das nur einer unserer Träume, eine Fata Morgana in der Wüste, auf die wir zukrochen, ein verdurstendes Volk mit der vergeblichen Hoffnung, wir könnten dort unseren Durst nach ein wenig Gerechtigkeit und Respekt stillen.
     Aber bevor ich in meiner Geschichte fortfahre, möchte ich meine persönliche Liebe zu China erklären, die gar nichts mit diesem oberflächlichen Chinaspleen des Jahres 1940 zu tun hatte. Damit Sie verstehen, wie ich empfand, muss ich Sie in die zwanziger Jahre mitnehmen, in mein Heimatdorf nahe Aomori, einen kleinen Ort in einer engstirnigen Provinz eines kleinen Landes, dessen Menschen das eingeschränkte Blickfeld eines an der Wand eines dunklen Brunnenschachts sitzenden Frosches hatten. Für mich war China mit seiner grenzenlosen Weite, seinen menschenwimmelnden Städten und seiner fünftausendjährigen Zivilisation ein Fluchtweg aus dem Brunnenschacht. Ich war ein kleiner Frosch, der ins Freie entkam.
     Liebe zu China wurde, als ich klein war, nicht gerade gern gesehen. Da gab es natürlich den alten Matsumoto-sensei, einen dünnen Mann mit verblasstem blauem Kimono und Schildpattbrille, dessen lange weiße Haare wie verklebte Spinnweben den faltigen Hals umwehten. Aber das China, das er liebte, hatte irgendwo im zwölften Jahrhundert zu existieren aufgehört. Er lebte in einer Welt muffiger konfuzianischer Klassiker, deren Weisheit er uns - mit mäßigem Erfolg - zu vermitteln suchte. Ich sehe ihn noch vor mir, den Kopf so tief gesenkt, dass er beinahe die Seiten der Analekten berührte, ein kleines Lächeln auf seinen rissigen Lippen, während er, gleichgültig gegen das Gekicher seiner Schüler mit dem langen braunen Nagel seines rechten Zeigefingers die chinesischen Schriftzeichen nachfuhr. Noch heute steht mir das Bild von Matsumotosensei vor den Augen, wenn ich die Namen Koshi, Konfuzius, oder Moshi, Menzius, höre, und ich rieche seinen Altmänneratem: wie angebrannte Milch.
     Sato Yukichi, mein Vater, war 1895 als Soldat tatsächlich in China gewesen. Aber sie konnten nichts miteinander anfangen, er und das Land seiner einstigen Feinde. Er sprach nicht oft vom chinesisch-japanischen Krieg. Ich frage mich, ob er überhaupt eine blasse Ahnung hatte, worum es dabei ging. Nur manchmal, wenn er zu viel Sake getrunken hatte, warf er den Kopf in den Nacken, bildete mit der Hand vor dem Mund ein rohr, um den Klang einer
Trompete zu imitieren, und stimmte ein Marschlied an. Dann langweilte er uns mit Geschichten von Kommandeur Koga, dem Retter der kaiserlichen Flagge, und von ähnlich tollkühnen Taten. Oder er verbreitete sich über das Wetter in der Mandschurei, wo es, wie er nie zu betonen müde wurde, noch kälter war als in unserem Schneeland im Winter, so kalt, dass die Pisse sofort gefror wie ein Eiszapfen, von der Spitze des Penis bis zum gefrorenen Boden. An dieser Stelle zog sich Mutter stets zurück und machte sich unter klappernden Geräuschen in der Küche zu schaffen.
     Eines Tages, als ich noch ein Junge war, entdeckte ich zwischen den Büchern meines Vaters eine Lackschachtel, die Holzschnitte von berühmten Schlachtszenen in tief verschneiten Landschaften enthielt. Die Bilder waren kaum je dem Tageslicht ausgesetzt gewesen und die Farben - das hitzige rot und Gelb des Mündungsfeuers, das Dunkelblau der Winternächte - noch so frisch und echt, als kämen sie gerade aus dem Druck. Die Pferde, in hübschen karierten Decken vom Nacken bis zu den Knöcheln, waren so lebendig gezeichnet, dass man beinahe meinte, sie im Schnee zittern zu spüren. Die Titel der Bilder weiß ich noch heute: Harter Kampf von Hauptmann Asakawa, Banzai für Japan: Siegeslied von Pjöngjang. Und die Chinesen? Sie waren dargestellt als kriecherische, gelbe, rattenartige Wesen mit Schlitzaugen und Zopf, entweder sich vor Entsetzen windend oder niedergestreckt unter den Stiefeln unserer triumphierenden Soldaten. Die Japaner, prächtige Erscheinungen in ihren schwarzen uniformen preußischen Stils, waren viel größer als diese toten chinesischen Nager. Fast wie Europäer sahen sie aus. Damals kam mir das nicht besonders merkwürdig vor. Auch kann ich nicht behaupten, ich hätte Stolz empfunden. Ich fragte mich nur, weshalb es so grandios sein sollte, derart armselige Feinde zu besiegen.
Mit diesen Bildern tat ich den ersten Blick in eine größere Welt, die von unserem Dorf bei Aomori weit entfernt war. Aber nicht sie waren es, die mich davon träumen ließen, von zu Hause fortzugehen. Jetzt, im rückblick, glaube ich, dass meine Träume von etwas Künstlerischerem genährt wurden. Ich habe mich immer im Herzen als Künstler gesehen, als einen Mann des Theaters, und das fing schon sehr früh an. natürlich hatten wir nie Gelegenheit, etwas so Großartiges wie ein Kabuki-Theater zu besuchen. Dafür musste man nach Aomori. Sogar für die reisenden Darsteller, die eine derbere, viel tiefer stehende Form von Drama aufführten, war unser Dorf zu abgelegen. und selbst wenn sie uns mit ihrer zeitweiligen Gegenwart beehrt hätten, hätte mein Vater mich auf keinen Fall in die Nähe solcher Vergnügungen gelassen. Wie der Dorfschullehrer rühmte er sich seiner Ehrbarkeit, und nach seiner Überzeugung sieht sich kein Mann, der auf sich hält, theaterspielendes Gesindel an.
     Dort, wo ich aufgewachsen bin, bestand Unterhaltung aus einem einzigen Mann, dem ehrenwerten Herrn Yamazaki Tetsuzo, der Bonbonverkäufer und "Papiertheater"-Mann war. An Festtagen kam er mit seinem alten Fuji-Fahrrad und einem hölzernen Kasten, der eigentlich eine tragbare Kommode mit Schubladen war; sie enthielt eine Schachtel Bonbons, eine Papierleinwand und einen Stapel Bilder, die er nacheinander vor der Leinwand zeigte, und dazu erzählte er mit verschiedenen Stimmen die Geschichten der Figuren auf den Bildern. Yamazaki schaffte es nur im Frühjahr und Sommer bis zu uns, denn im Winter versank unser Dorf unter dem Schnee. Seine Ankunft verkündete uns schon aus der Ferne seine hölzerne Klapper. Vor Beginn der Vorstellung verkaufte er Süßigkeiten. Wer das Glück hatte, sich Bonbons kaufen zu können, durfte direkt vor der Leinwand sitzen. Dieses Privileg hatte ich nie. Mein Vater verbot mir zwar nur selten ausdrücklich, die Vorstellungen des Bonbonverkäufers zu besuchen, ganz gewiss aber billigte er nicht, dass dafür Geld ausgegeben wurde. abgesehen von allem anderen seien solche Süßigkeiten unhygienisch, erklärte er. Damit mag er recht gehabt haben, aber die Süßigkeiten waren ja nicht die Hauptattraktion.
     Herr Yamazaki sah nach nichts aus, er war ein magerer, bebrillter Mann mit wenigen gutgeölten Haarsträhnen, die sich über seinen blanken Schädel legten. Seine Geschichten waren immer dieselben, boten aber Platz für Improvisationen. Wenn er mit der Falsettstimme einer schönen Frau sprach, konnte man fast glauben, dass der dürre alte Bonbonverkäufer wie von Zauberhand in eine große Schönheit verwandelt worden war. Und wenn sich die Schönheit als Geist erwies, der am Ende der Geschichte als heimtückischer Fuchs davonschlich, ließ uns seine Verkörperung des tierischen Betrügers in kalten Schweiß ausbrechen. Nicht weniger wichtig als die schauerlichen Illustrationen von tapferen jugendlichen Helden und Fuchsdämonen waren seine Klangeffekte. Besonders gut war er bei der Erzeugung dramatischen Beiwerks wie Donnergrollen, dem Getrappel hölzerner Sandalen, dem Klirren zusammenschlagender Samuraischwerter. Aber seine Glanznummer, der Höhepunkt der Vorstellung, dem wir, seine treuesten Verehrer, wie wahre Theaterkenner mit Spannung entgegenblickten, war der außerordentliche, schmetternde Furz, den der aufgeblasene Aristokrat aus einer abgedroschenen Geschichte mit dem Titel Die Schlangenprinzessin fahren ließ. Er dauerte ewig, wie eine menschliche Posaune, minutenlang ohne Pause, schien uns, Herrn Yamazakis Gesicht wurde rot und röter, und auf seiner Stirn schwollen die Adern, als könnte es jeden Moment zerreißen. Wir verfielen in Hysterie, egal, wie oft wir die Darbietung schon gesehen hatten. Aber wie ein angestochener Ballon schrumpfte sein Gesicht sehr schnell wieder auf seine normale Form, und er beendete die Vorführung, obwohl die Geschichte von ihrem logischen Abschluss noch weit entfernt war. Er packte die Bilder ein, klappte seine Behelfsbühne zusammen und verstaute sie auf dem Fuji-rad. "Mehr, mehr!", riefen wir. Umsonst. Wir mussten uns gedulden, bis das nächste Mal die hölzerne Klapper seine Ankunft ankündigte.
     Ich habe seither viele großartige Aufführungen gesehen, von weit berühmteren unterhaltern, als es dieser bescheidene Bonbonverkäufer war, aber erste Eindrücke sind kostbar wie Gold. Nichts wird je an die Magie von Herrn Yamazakis Papiertheatervorstellungen heranreichen. Ich ging vollkommen auf in diesen Geschichten aus einer Welt, die unendlich anziehender war als der eintönige Dorfalltag; nicht nur anziehender, sondern in gewisser Weise auch realer. Genauso, wie man sich vielleicht ärgert, wenn man aus einem besonders lebhaften Traum gerissen wird, konnte ich es nicht ausstehen, wenn Herrn Yamazakis Geschichten vorzeitig endeten. Ich war gierig nach der Fortsetzung, auch wenn ich schon ganz genau wusste, was kam.

Teil 2