Vorgeblättert

Leseprobe zu Herta Müller: Atemschaukel. Teil 2

03.08.2009.
Viele Leute meinen, Kofferpacken gehört zu den Übungssachen, man lernt es von selbst wie Singen oder Beten. Wir hatten keine Übung und auch keinen Koffer. Als mein Vater an die Front zu den rumänischen Soldaten musste, gab es nichts zu packen. Als Soldat kriegt man alles, es gehört zur Uniform. Außer fürs Wegfahren und gegen die Kälte wussten wir nicht, wofür wir packen. Das Richtige hat man nicht, man improvisiert. Das Falsche wird zum Notwendigen. Das Notwendige ist dann das einzig Richtige, nur weil man es hat.
Meine Mutter brachte das Grammophon aus dem Wohnzimmer und stellte es auf den Küchentisch. Ich machte mit dem Schraubenzieher aus dem Grammophonkistchen einen Koffer. Das Drehwerk und den Plattenteller habe ich zuerst ausgebaut. Dann das Loch, wo die Kurbel war, mit einem Korken zugestopft. Das Innenfutter blieb drin, fuchsroter Samt. Auch die dreieckige Plakette mit dem Hund vor dem Trichter HIS MASTERS VOICE habe ich nicht abmontiert. Auf den Kofferboden legte ich vier Bücher: den Faust in Leinen, den Zarathustra, den schmalen Weinheber und die Sammlung Lyrik aus acht Jahrhunderten. Keine Romane, denn die liest man nur einmal und nie wieder. Auf die Bücher kam das Necessaire. Darin waren: 1 Flacon Toilettenwasser, 1 Flacon Rasierwasser TARR, 1 Rasierseife, 1 Handrasierer, 1 Rasierpinsel, 1 Alaunstein, 1 Handseife, 1 Nagelschere. Neben das Necessaire legte ich 1 Paar Wollsocken (braun, schon gestopft), 1 Paar Kniestrümpfe, 1 rotweiß kariertes Flanellhemd, 2 kurze Ripsunterhosen. Ganz oben hin kam der neue Seidenschal, dass er sich nicht zerdrückt. Er war weinrot in sich selbst kariert, mal glänzend, mal matt. Da war der Koffer voll.
Dann das Bündel: 1 Tagesdecke vom Diwan (aus Wolle, hellblau und beige kariert, ein Riesengestell - aber es hielt nicht warm). Und hineingerollt: 1 Staubmantel (Pfeffer und Salz, schon sehr getragen) und 1 Paar Ledergamaschen (uralt, aus dem Ersten Weltkrieg, melonengelb mit Riemchen).
Dann der Brotbeutel mit: 1 Schinkenkonserve Marke Scandia, 4 geschmierte Brote, ein paar übriggebliebene Weihnachtskekse, 1 Feldflasche Wasser mit Trinkbecher.
Dann hat meine Großmutter den Grammophonkoffer, das Bündel und den Brotbeutel in die Nähe der Tür gestellt. Die zwei Polizisten hatten sich für Mitternacht angesagt, dann wollten sie mich holen. Das Gepäck stand fertig neben der Tür.
Dann zog ich mich an: 1 lange Unterhose, 1 Flanellhemd (beige-grün kariert), 1 Pumphose (grau, wie gesagt vom Onkel Edwin), 1 Stoffweste mit Strickärmeln, 1 Paar Wollsocken und 1 Paar Bokantschen. Die grünen Handschuhe von der Fini-Tante lagen griffbereit auf dem Tisch. Ich schnürte meine Bokantschen zu, und dabei fiel mir ein, dass meine Mutter vor Jahren in den Sommerferien auf der Wench einen selbstgenähten Matrosenanzug trug. Mitten im Spaziergang auf der Wiese ließ sie sich ins hohe Gras fallen und stellte sich tot. Ich war damals acht Jahre alt. Dieser Schrecken, der Himmel fiel ins Gras. Ich drückte die Augen zu, dass ich nicht sehe, wie er mich schluckt. Die Mutter sprang auf, schüttelte mich und sagte: Hast du mich gern, ich leb ja noch.
Die Bokantschen waren geschnürt. Ich setzte mich an den Tisch und wartete auf Mitternacht. Und Mitternacht kam, aber die Patrouille hatte Verspätung. Drei Stunden mussten vergehen, das hielt man fast nicht aus. Dann waren sie da. Die Mutter hielt mir den Mantel mit dem schwarzen Samtbündchen. Ich schlüpfte hinein. Sie weinte. Ich zog die grünen Handschuhe an. Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Gasuhr ist, sagte die Großmutter: ICH WEISS DU KOMMST WIEDER.
Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte ­ keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitge­nommenen Bücher. ICH WEISS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum ­ Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen: So ein Satz hält einen am Leben.
Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C. Wir fuhren auf dem Lastauto mit Plane durch die leere Stadt zur Messehalle. Es war die Festhalle der Sachsen. Und jetzt das Sammellager. In der Halle drängten sich an die 300 Menschen. Auf dem Fußboden lagen Matratzen und Strohsäcke. Die ganze Nacht kamen Autos, auch von den umliegenden Dörfern, und luden eingesammelte Leute aus. Gegen Morgen waren es an die 500. Alles Zählen war in dieser Nacht umsonst, man hatte keinen Überblick. In der Messehalle brannte die ganze Nacht das Licht. Die Leute liefen herum, suchten nach Bekannten. Man erzählte, es seien Tischler am Bahnhof requiriert, die nageln Pritschen aus frischem Holz in Viehwaggons. Und andere Handwerker bauen Kanonenöfen in die Züge. Andere sägen Klolöcher in den Fußboden. Es wurde mit aufgerissenen Augen leise und viel gesprochen und mit zugedrückten Augen leise und viel geweint. Die Luft roch nach alter Wolle, verschwitzter Angst und fettigem Bratfleisch, Vanillegebäck und Schnaps. Eine Frau nahm ihr Kopftuch ab. Sie war bestimmt vom Dorf, ihr Zopf war auf dem Hinterkopf doppelt zusammengelegt und mit einem halbrunden Hornkamm auf der Kopfmitte hochgesteckt. Die Zähne des Hornkamms verschwanden im Haar, von seinem gewölbten Rand schauten nur zwei Ecken wie kleine spitze Ohren hervor. Mit den Ohren und dem dicken Zopf sah der Hinterkopf aus wie eine sitzende Katze. Ich saß wie ein Zuschauer zwischen stehenden Beinen und Gepäckhaufen. Für ein paar Minuten betäubte mich der Schlaf und ich träumte:
Meine Mutter und ich stehen auf dem Friedhof vor einem frischen Grab. Mittendrauf wächst, halb so hoch wie ich, eine Pflanze mit pelzigen Blättern. An ihrem Stengel ist eine Fruchtkapsel mit einem Ledergriff, ein kleiner ­Koffer. Die Kapsel steht fingerbreit offen, ausgepolstert mit fuchsrotem Samt. Wir wissen nicht, wer gestorben ist. Die Mutter sagt: Nimm die Kreide aus der Manteltasche. Ich hab doch keine, sage ich. Als ich in die Tasche greife, ist ein Stück Schneiderkreide drin. Die Mutter sagt: Wir müssen einen kurzen Namen auf den Koffer schreiben. Schreiben wir doch RUTH, so heißt niemand, den wir kennen. Ich schreibe RUHT.
Im Traum war mir klar, dass ich gestorben bin, aber das wollte ich meiner Mutter noch nicht sagen. Ich schreckte auf, weil sich ein älterer Mann mit einem Regenschirm neben mich auf den Strohsack setzte und nah an meinem Ohr sagte: Mein Schwager will noch kommen, aber die Halle ist rundum bewacht. Die lassen ihn nicht. Wir sind doch noch in der Stadt, und er kann nicht her und ich nicht nach Hause. Auf jedem Silberknopf seines Jacketts flog ein Vogel, wilde Ente oder eher Albatros. Denn das Kreuz auf seinem Brustabzeichen wurde, als ich mich weiter ­vorbeugte, ein Anker. Der Regenschirm stand wie ein Spazierstock zwischen mir und ihm. Ich fragte: Nehmen Sie den mit. Dort schneit es doch noch mehr als hier, sagte er.
Man hat uns nicht gesagt, wann und wie wir aus der Halle zum Bahnhof müssen. Dürfen, möchte ich sagen, weil ich endlich loswollte und sei es im Viehwaggon mit Grammophonkistchen und Samtbündchen am Hals zu den Russen. Ich weiß nicht mehr, wie wir zum Bahnhof kamen. Die Viehwaggons waren hoch. Auch die Prozedur des Einsteigens habe ich vergessen, weil wir so lange Tage und Nächte im Viehwaggon fuhren, als wären wir schon immer drin gewesen. Ich weiß auch nicht mehr, wie lang wir fuhren. Ich war der Meinung, lange fahren heißt, weit weg fahren. Solang wir fahren, kann uns nichts passieren. Solang wir fahren, ist es gut.
Männer und Frauen, junge und alte mit dem Gepäck am Kopfende der Pritsche. Reden und schweigen, essen und schlafen. Schnapsflaschen gingen reihum. Als das Fahren schon Gewohnheit war, fingen da und dort Schmuseversuche an. Man sah mit einem Auge hin und mit dem andern weg.

Teil 3