Vorgeblättert

Leseprobe zu Herta Müller: Atemschaukel. Teil 3

03.08.2009.
Ich saß neben der Trudi Pelikan und sagte: Mir kommt es vor wie beim Skiausflug in den Karpaten auf der Bulea-Hütte, wo eine halbe Lyzealklasse von einer Lawine geschluckt wurde. Uns kann das nicht passieren, sagte sie, wir haben gar kein Skizeug mitgenommen. Mit einem Gram­mophonkistchen kann man reiten, reiten, durch den Tag durch die Nacht durch den Tag, du kennst doch den Rilke, sagte die Trudi Pelikan in ihrem Glockenschnittmantel mit Pelzmanschetten bis hinauf zu den Ellbogen. Manschetten aus braunem Haar wie zwei halbe Hündchen. Die Trudi ­ Pelikan schob manchmal beide Hände über Kreuz in die Ärmel, und die zwei Hundehälften wurden ein ganzes Hündchen. Damals hatte ich die Steppe noch nicht gesehen, sonst hätte ich an Erdhunde gedacht. Die Trudi Pelikan roch nach warmen Pfirsichen, sogar aus dem Mund, sogar am dritten, vierten Tag im Viehwaggon. Sie saß in ihrem Mantel wie eine Dame in der Straßenbahn auf dem Weg ins Büro und erzählte mir, sie habe sich vier Tage in einem Erdloch im Nachbargarten, hinter dem Schuppen versteckt. Doch dann kam der Schnee, jeder Schritt zwischen Haus, Schuppen und Erdloch wurde sichtbar. Ihre Mutter konnte ihr nicht mehr heimlich das Essen bringen. Man konnte im ganzen Garten die Fußstapfen lesen. Der Schnee denunzierte, sie musste freiwillig aus dem Versteck, freiwillig gezwungen vom Schnee. Das werde ich dem Schnee nie verzeihen, sagte sie. Frischgefallenen Schnee kann man nicht nachmachen, man kann Schnee nicht so arrangieren, dass er unberührt aussieht. Erde kann man arrangieren, sagte sie, auch Sand und sogar Gras, wenn man sich Mühe gibt. Und Wasser arrangiert sich von selbst, weil es alles schluckt und sich gleich wieder schließt, wenn es geschluckt hat. Und die Luft ist immer fertig arrangiert, weil man sie gar nicht sehen kann. Alles, außer dem Schnee hätte geschwiegen, sagte die Trudi Pelikan. Dass der dicke Schnee die Hauptschuld trägt. Dass er zwar in die Stadt gefallen ist, als wisse er, wo er ist, als wäre er bei sich zu Hause. Dass er aber den Russen sofort zu Diensten war. Wegen dem Schneeverrat bin ich hier, sagte die Trudi Pelikan.
Der Zug fuhr 12 Tage oder 14, unzählige Stunden, ohne zu halten. Dann hielt er unzählige Stunden, ohne zu fahren. Wo wir grad waren, wussten wir nicht. Außer wenn einer auf den oberen Pritschen ein Bahnhofsschild durch den Schlitz des Klappfensterchens vorlesen konnte: BUZAU. Der Kanonenofen in der Waggonmitte dubberte. Die Schnapsflaschen kreisten. Alle waren angesäuselt, einige vom Getränk, andere von der Ungewissheit. Oder von beidem.
Was in den Worten VON DEN RUSSEN VERSCHLEPPT stecken könnte, ging einem zwar durch den Kopf, aber nicht aufs Gemüt. An die Wand stellen können sie uns erst, wenn wir ankommen, noch fahren wir. Dass man nicht längst an die Wand gestellt und erschossen worden war, wie man es aus der Nazipropaganda von zu Hause kannte, machte uns beinahe sorglos. Die Männer lernten im Viehwaggon, ins Blaue zu trinken. Die Frauen lernten, ins Blaue zu singen:

           Im Walde blüht der Seidelbast
      Im Graben liegt noch Schnee
           Und das du mir geschrieben hast
           Das Brieflein, tut mir weh

Immer dasselbe getragene Lied, bis man nicht mehr wusste, ob wirklich gesungen wird oder nicht, weil die Luft sang. Das Lied schwappte einem im Kopf und passte sich ans Fahren an - ein Viehwaggonblues und Kilometerlied der in Gang gesetzten Zeit. Es wurde das allerlängste Lied in meinem Leben, fünf Jahre lang haben die Frauen es gesungen und es so heimwehkrank gemacht wie wir alle waren.
Die Waggontür war von außen plombiert. Viermal wurde sie geöffnet, eine Schiebetür auf Rollen. Wir waren noch auf rumänischem Gebiet, und es wurde zweimal eine halbe, der Länge nach durchgesägte, nackte Ziege in den Waggon geschmissen. Sie war starrgefroren und polterte auf den Boden. Die erste Ziege hielten wir für Brennholz. Wir brachen ihre Stücke auseinander und verfeuerten sie. Sie war so dürr, dass sie gar nicht stank, sie brannte gut. Bei der zweiten Ziege machte das Wort PASTRAMA die Runde, luftgetrocknetes Fleisch zum Essen. Wir haben auch unsere zweite Ziege verheizt und gelacht. Sie war genau so starr und blau wie die erste, ein Schreckensgeknöch. Wir lachten zu früh, waren so überheblich, die beiden rumänischen, mildtätigen Ziegen zu verschmähen.
Die Vertrautheit wuchs mit der Länge der Zeit. In der Enge geschahen die kleinen Dinge, sich hinsetzen, aufstehen. Im Koffer wühlen, ausräumen, einräumen. Aufs Kloloch gehen hinter zwei hochgehaltene Decken. Jede Kleinigkeit zog eine andere nach sich. In einem Viehwaggon schrumpft jede Eigenart. Man ist mehr zwischen anderen vorhanden als bei sich selbst. Rücksichtnahme war gar nicht nötig. Man war füreinander da wie zu Hause. Vielleicht rede ich nur von mir, wenn ich das heute sage. Vielleicht nicht einmal von mir. Vielleicht zähmte mich die Enge im Viehwaggon, weil ich sowieso weg wollte und im Koffer noch genug zum Essen hatte. Wie sich der wilde Hunger bald über uns alle hermacht, ahnten wir nicht. Wie oft haben wir in den kommenden fünf Jahren, als uns der Hungerengel heimsuchte, diesen starren blauen Ziegen geglichen. Und ihnen nachgetrauert.
Es war schon die russische Nacht, Rumänien lag hinter uns. Wir hatten bei einem stundenlangen Halt das starke Ruckeln gespürt. An den Waggonachsen wurden die Räder auf die breitere russische Schienenspur umgestellt, auf die Steppenbreite. So viel Schnee machte die Nacht draußen hell. In dieser Nacht auf dem leeren Feld war der dritte Halt. Die russischen Wachsoldaten schrien UBORNAJA. Alle Türen aller Waggons wurden geöffnet. Wir purzelten hintereinander ins tiefer gelegene Schneeland und sanken bis zu den Kniekehlen ein. Wir begriffen, ohne zu verstehen, Ubornaja heißt gemeinschaftlicher Klogang. Oben, sehr hoch oben, der runde Mond. Vor unseren Gesichtern flog der Atem glitzrigweiß wie der Schnee unter den Füßen. Ringsherum die Maschinenpistolen im Anschlag. Und jetzt: Hosen runter.
Diese Peinlichkeit, das Schamgefühl der ganzen Welt. Wie gut, dass dieses Schneeland mit uns so allein war, dass niemand ihm zusah, wie es uns nötigte, dicht nebeneinander das Gleiche zu tun. Ich musste nicht aufs Klo, ließ aber die Hose herunter und setzte mich in die Hocke. Wie gemein und still dieses Nachtland war, wie es uns in der Notdurft blamierte. Wie die Trudi Pelikan links von mir ihren Glockenschnittmantel in die Achseln raffte und ihre Hose über die Knöchel herunterzog, wie man zwischen ihren Schuhen das Zischeln hörte. Wie hinter mir der Advokat Paul Gast beim Drücken stöhnte, wie seiner Frau Heidrun Gast das Gedärm vom Durchfall quakte. Wie der pestwarme Dampf rundherum sofort glitzrig in der Luft gefror. Wie uns dieses Schneeland eine Rosskur verpasste, uns mit blankem Hintern in den Geräuschen des Unterleibs einsam werden ließ. Wie armselig unsere Eingeweide wurden in dieser Gemeinsamkeit.
Vielleicht wurde in dieser Nacht nicht ich, aber der Schrec­ken in mir plötzlich erwachsen. Vielleicht wird Gemeinsamkeit nur auf diese Art wirklich. Denn alle, ausnahmslos alle setzten wir uns bei der Notdurft automatisch mit dem Gesicht in Richtung Bahndamm. Alle hatten wir den Mond im Rücken, die offene Viehwaggontür ließen wir nicht mehr aus den Augen, waren bereits auf sie angewiesen wie auf eine Zimmertür. Wir hatten schon die verrückte Angst, dass die Tür sich ohne uns schließt und der Zug ohne uns wegfährt.
Einer unter uns schrie in die weite Nacht: Da haben wirs, das scheißende Sachsenvolk, alle auf dem Haufen. Wenns den Bach runtergeht, geht nicht nur der Bach runter. Nicht wahr, ihr lebt doch alle gern. Er lachte leer wie Blech. Alle schoben sich ein Stück von ihm weg. Dann hatte er Platz und verneigte sich vor uns wie ein Schauspieler und wiederholte mit hohem und feierlichen Ton: Nicht wahr, ihr lebt doch alle gern.
In seiner Stimme hallte ein Echo. Einige fingen an zu weinen, die Luft stand glasig. Sein Gesicht war in den Wahn getaucht. Der Speichel auf seinem Jackett war glasiert. Da sah ich das Brustabzeichen, es war der Mann mit den Albatrosknöpfen. Er stand ganz allein und schluchzte mit einer Kinderstimme. Bei ihm geblieben war nur der versaute Schnee. Und hinter ihm die gefrorene Welt mit dem Mond wie ein Röntgenbild.
Die Lokomotive tutete einen einzigen dumpfen Ton. Das tiefste UUUH, das ich je gehört habe. Jeder drängte sich zu seiner Tür. Wir stiegen ein und fuhren weiter.
Den Mann hätte ich auch ohne Brustabzeichen erkannt. Ich habe ihn im Lager nie gesehen.


Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlages


Informationen zum Buch und zur Autorin hier