Vorgeblättert

Leseprobe zu György Dalos: Der Fall des Ökonomen. Teil 2

05.03.2012.
Im Gleichschritt folgten sie der Kutsche mit dem Sarg, die von einem Friedhofswärter geschoben wurde. Zwischen dem Rabbiner und dem Kantor ging Gábor Kolozs mit der Kippa auf dem Kopf, die ihm sein Vater geschenkt hatte, und in jenem dunkelgrauen Anzug, den er 1990 unmittelbar nach den ersten freien Wahlen anfertigen ließ. Damals zog er als Mitarbeiter von Feri Túróczi in das "Weiße Haus" an der Donau ein, das früher Sitz des Zentralkomitees der einzigen Partei war und nun allen Fraktionen der im Parlament vertretenen Parteien zur Verfügung stand. Feri legte als stellvertretender Staatssekretär der siegreichen Regierungspartei großen Wert darauf, dass sein Freund Gábor vorzeigbar war. "Deine Intelligenzlerpullis schmeißt du am besten gleich weg", sagte er, "und auch deine Turnschuhe gehören in die Mülltonne. Die wirst du nie mehr brauchen. Und lass dir eines sagen: Klamotten kauft man nicht, sondern lässt sie maßschneidern. Bloß nichts von der Stange! Kleiderfabrik 1. Mai hatten wir lange genug. Demokrat zu sein bedeutet, elegant auszusehen, wie schon der berühmte Bibó sagte!"
     In diesem Sinne staffierte sich Kolozs, dessen Gehalt nicht unbeträchtlich war, mit dem Nötigsten aus und mietete eine komfortable Zweizimmerwohnung in der Nähe der Budaer Burg. Aber von seinen Kleidungsstücken aus der Vorwendezeit mochte er sich nicht trennen. Er packte sie in eine alte Truhe, und seine geliebten ausgelatschten Schuhe trug er zu Hause. 1994 erlebte seine Partei eine vernichtende Wahlniederlage, die für ihn das Ende seiner kurzlebigen öffentlichen Laufbahn mit sich brachte. So holte er die alten, abgetragenen Kleider wieder hervor und verstaute nun sorgfältig den dunkelgrauen Anzug und andere Requisiten des guten Aussehens, wie zum Beispiel schneeweiße Hemden und seidene Krawatten, in der Mottentruhe. Als die Jahre vergingen, er selbst in seiner äußeren Erscheinung immer armseliger wurde und sich mehr und mehr von der larmoyanten Außenwelt entfernte, ließ bei ihm die Hoffnung nach, jemals wieder einen Anlass zu haben, der es wert war, sich anständig anzuziehen. Nun war dieser Anlass gegeben.

Unterwegs nach Hause im Zug stellte Kolozs erstaunt fest, dass er in der Tiefe seiner Seele keinen Mangel verspürte, obwohl der Vater seit drei Tagen tot war. Die Erklärung, dass er seit Mittwochmorgen ausschließlich mit Verrichtungen beschäftigt gewesen war, die sich aus dem Tode des Vaters ergaben, und somit der Alte durchaus stark in seinem Leben präsent war, lag auf der Hand. Vielleicht war dies jetzt sogar mehr der Fall als in der letzten Zeit: Der Vater hatte vom Morgen bis zum Abend wortlos dagesessen, sein Essen verzehrt und murmelnd gebetet. Am Abend war er ebenso leise in sein Bett gegangen, das vom übrigen Teil des Zimmers durch einen Vorhang abgetrennt war. Die Formel konnte jedoch auch umgekehrt stimmen: Vielleicht warf sich Kolozs deshalb so heftig in die Aktivitäten um die Beisetzung, damit die Trauer nicht gleich zu nahe kam - damit er nicht allzu schnell mit der eiskalten Wirklichkeit konfrontiert wurde, ein Gesicht nicht mehr sehen, eine Stimme nicht mehr hören, einen Arm nicht mehr berühren zu dürfen. Von diesem Gesichtspunkt aus, dachte er, haben es die tiefgläubigen Juden leichter: Sie sitzen tagelang Schiwe, lassen Asche auf ihr Haupt fallen, zerreißen ihre Kleider, essen ausschließlich gekochte Eier und beten jammernd das Kaddisch. Nach einer gewissen Zeit enden die Rituale des Todes, und das Leben kann weitergehen.

Kolozs hatte während seiner ganzen Kindheit schreckliche Angst vor dem Tod des Vaters gehabt. Mit vierzehn oder fünfzehn wurde er immer wieder von demselben Alptraum heimgesucht: Er kommt aus der Armenküche der jüdischen Gemeinde mit dem Henkelmann, in dem das Mittagessen für den Vater schwappt, aber er klingelt umsonst im Hof an der Tür der Erdgeschosswohnung. Er hört weder die schlurfenden Schritte noch die Stimme des Vaters, die "ich komme schon" brummt. Das kann nur eines bedeuten: Der Vater ist tot. Kolozs hat im Traum keinen eigenen Schlüssel. Aber selbst wenn er ihn hätte: Die Wohnung ist von innen verschlossen, zweifellos muss die Tür aufgebrochen werden. Die Mutter ist noch in der Genossenschaft, früher als um halb sechs kommt sie nie zurück. Er hat nicht einmal eine Münze, um dort anzurufen. Wie soll er sich verhalten? Wen soll er ansprechen, was soll er sagen? Soll er weinen oder nicht? Oder soll er so tun, als wäre er noch gar nicht da? Dann müsste er draußen warten, vielleicht gegenüber vor dem Lebensmittelladen - der Mutter auflauern, damit er nicht allein einem leblosen, kalt gewordenen Leichnam gegenüberstehen muss. Gleichzeitig quälen ihn Schuldgefühle, weil er sich mit dem Henkelmann von der Síp-Straße über den Gozsdu-Hof der Klauzál-Straße angenähert hat, was nicht der kürzeste Weg ist.

Diesen Umweg nahm er seit dem Spätherbst 1958 fast rituell, und zwar einem Gegenstand zuliebe. Im Gozsdu-Hof hatte ein privater Uhrmacher seine Werkstatt, und im Schaufenster gab es eine backsteingroße Wand- oder Tischuhr, auf deren weißem Zifferblatt keine Zeiger, sondern schwarze Ziffern die Veränderung der Zeiteinheiten darstellten. Das Gerät erinnerte an ein offenes Heft, und von seiner rechten Seite bewegten sich nach jeder sechzigsten Sekunde die dazugehörigen Ziffern auf die linke Seite und demonstrierten damit, dass die bisherige Uhrzeit, zum Beispiel 13.14 Uhr, bereits der Vergangenheit angehörte, weil nun die genaue Zeit bereits 13.15 Uhr hieß. Kolozs war fasziniert von der sprunghaften Wanderung der Zifferblätter und wartete meist den Augenblick ab, wenn die eine Stunde in die andere überging und auf dem schneeweißen Zifferblatt die 13.59 Uhr auf 14.00 Uhr hüpfte. Im Bruchteil des Moments, wenn dies geschah, fühlte sich Kolozs jedes Mal, als hätte er die vergehende Zeit auf frischer Tat ertappt. Unter dem Wunderwerk fand sich ein Schild: "Nicht zum Verkauf bestimmt!" Das ist auch besser so, dachte Kolozs, soll doch die Uhr lieber all jenen gehören, die regelmäßig zum Schaufenster des kleinen Ladens pilgern, um sie zu bewundern.

Das Schuldgefühl aus dem immer wiederkehrenden Traum, die mit Herumlungern vergeudete Zeit könne mit dem Tod des Vaters zu tun haben, war nur Teil der tiefen Selbstvorwürfe, die eindeutig von der Mutter verursacht worden waren. In ihren endlosen hysterischen Schimpftiraden, die dem schlechten Schüler Kolozs galten, hörte dieser neben der Vorhaltung, er sei der Schandfleck des Gymnasiums, immer wieder die Drohung: "Du bringst deinen Vater noch ins Grab!" Eine andere Variante war die in einer zeternden Frage enthaltene Anklage: "Ist dir das Herz deines Vaters egal?" Überhaupt spielte das Herz als Organ in den Gesprächen zu Hause eine herausragende Rolle, obwohl der Bezirksarzt in der Hold-Straße aus einem EKG-Befund lediglich den Schluss gezogen hatte, der Vater müsse auf sein Herz achten, und ihm Tropfen aufgeschrieben hatte. Für die Mutter war jedoch eindeutig, dass ein Herzanfall oder, wie sie ihn wichtigtuerisch nannte, eine Herzattacke unmittelbar drohte, sich in direkter Folge von Kolozs' Lieblosigkeit früher oder später ereignen und den Vater, dessen Kondition ohnehin geschwächt war, hinwegraffen würde. Kolozs wartete also mit Schrecken auf den Tod des Vaters und fühlte sich für diese unabwendbare Tragödie schon vorher verantwortlich.
     Schließlich ereilte der Herzanfall den Vater im Frühjahr 1960 auf dem Weg zur Synagoge. In der Zeit unmittelbar zuvor hatten sich Kolozs' schulische Leistungen wie durch ein Wunder sprunghaft verbessert. Auch der kommunistische Schulleiter nahm ihn plötzlich wahr und verhalf ihm sogar zur Aufnahme in den Jugendverband. Die häuslichen Konflikte drehten sich nun nicht mehr um schlechte Noten und Verwarnungen, sondern um Gábors fieberhafte Aktivitäten im Rahmen der Schulorganisation des KISZ . An einem Freitagnachmittag vergaß Kolozs wegen seiner Verpflichtungen gegenüber dem Kommunistischen Jugendverband, das Essen für den Vater von der Gemeindeküche abzuholen und nach Hause zu bringen. Als er heimkam, brach die Mutter in ein enormes Geschrei aus und fuchtelte mit dem leeren Henkelmann herum, bis Kolozs die Nerven durchgingen und er auf ihre Hand schlug. Der Vater reagierte ganz gegen seine Natur mit heller Empörung, zog sich an und rannte in die Synagoge. Er kam aber nicht sehr weit: An der Ecke Wesselényi-Straße/Leninring brach er zusammen. Damals hatten sie noch kein Telefon, die Nachricht überbrachte ein Mann von der Rettung, der ihn in das Korányi-Krankenhaus eingeliefert hatte. Ein paar Tage lang sah es so aus, als habe des Vaters letzte Stunde geschlagen, und Kolozs wurde während der obligatorischen Mai-Kundgebung speiübel. Doch die Schwäche erwies sich als eine vorübergehende Nervenerschöpfung, der man mit leichten Beruhigungsmitteln beikommen konnte.

Die schlechten Ahnungen, die Gesundheit des Vaters betreffend, bestätigten sich damals nicht. Nach der Behandlung im Krankenhaus wurde er für vier Wochen ins Herzsanatorium nach Balatonfüred geschickt. Dort nahm er ein bisschen zu und kehrte mit Farbe im Gesicht und sogar in einem etwas besseren Gemütszustand zurück. Dennoch fand sich im ärztlichen Abschlussbericht die Empfehlung, er solle Invalidenrente beantragen: Sogar das Bedienen des Aufzugs, eine Halbtagstätigkeit, erachtete man als zu anstrengend für ihn. So blieb der Vater zu Hause und ging nun selbst jeden Mittag zur Gemeindeküche in der Síp-Straße, wo er gerne den Erzählungen der Glaubensgenossen zuhörte. Obwohl er kaum jemals ein Wort dazu sagte, hatte er doch das Gefühl, an den mit Wachstüchern bedeckten Tischen eine Art Gesellschaftsleben für sich entdeckt zu haben. Kolozs, der jetzt nicht mehr mit dem Henkelmann den gewohnten Weg tun musste, wirkte nun noch aktiver in der Jugendorganisation mit, in der er neben der Vorbereitung auf das Abitur auch das Pfand einer herausragenden künftigen Laufbahn sah. Gegen eine erfolgreiche Karriere hatte auch die Mutter nichts einzuwenden.

Mit der Zeit schwächten sich ihre heftigen Zusammenstöße ab, und die Wunden, die sie sich gegenseitig geschlagen hatten, begannen langsam zu verheilen. Allerdings war die Mutter auch zwanzig Jahre später noch nicht imstande, Kolozs so zu akzeptieren, wie er war. Sie nahm ihm übel, dass er noch mit vierzig weder eine Familie noch eine eigene Wohnung hatte. Er hauste in Untermietszimmern oder in irgendwelchen Wohnungen von Freunden, die im Ausland arbeiteten, und ein schäbiger Trabant war sein ganzes Vermögen. Zudem fiel er von einem Extrem ins andere. Nach seiner anfänglichen Begeisterung für die Jugendbewegung wurde er oppositionell, was nach Auffassung von Magdolna Kolozs geborene Glücklich eine ebenso große Torheit war wie die kommunistische Schwärmerei: Er schade damit keinem außer sich selbst. Ein schwacher Trost für die ausgebliebene Karriere des Sohnes war für sie die Tatsache, dass er mit seiner freiberuflichen Tätigkeit als Übersetzer, Dolmetscher und mit gelegentlichen wissenschaftlichen Projektaufträgen immer gerade so viel Geld verdiente, wie er brauchte. Mehr noch: Anfang 1988, als der bankrotte Staat die in früheren Zeiten enteigneten Wohnungen den Bewohnern für einen Spottpreis zum Kauf anbot, erwarb er für seine Eltern die Wohnung in der Klauzál-Straße. "Nun bist du endlich erwachsen", quittierte die Mutter den Vertrag mit dem Wohnungsbauamt. Sie freute sich, die Einsamkeit des Alters wenigstens in den eigenen vier Wänden erleben zu dürfen. Für alle Fälle sorgte sie dafür, dass Kolozs als Miteigentümer eingetragen wurde - eines Tages würde auch er ein paar Quadratmeter als Altersasyl benötigen.
     Im Zeichen dieses beinahe entspannten Verhältnisses fuhren beide im Juni 1988 nach Košice, um sich dort, wie die Mutter sagte, ein wenig umzuschauen. In Wirklichkeit wollte die Mutter mit eigenen Augen prüfen, ob die dortige Chewra Kadischa dem in Budapest aufgegebenen und bezahlten Auftrag Genüge getan hatte. Es handelte sich um eine Doppelgrabstelle, in der wohl als Erster der Vater Ruhe finden würde, und sie würde ihm nachfolgen, sobald der Herr sie rief. Sie traten die Reise nur zu zweit an - den Vater ließen sie zu Hause, um ihm die Strapazen der langen Fahrt zu ersparen. Frühmorgens fuhren sie mit dem Trabant los, in Miskolc aßen sie zu Mittag, und am frühen Abend waren sie bereits am Zielort. Sie nahmen ein billiges Zimmer in einem ramponierten Hotel. Am nächsten Tag besuchten sie die jüdische Gemeinde in der Puschkin-Straße, wo der Rabbiner Strelecki ihnen den unmissverständlichen Eintrag im Friedhofsregister zeigte, der zugleich die künftige Grabinschrift war: "Dr. Dániel Kolozs (1906-?) und seine Gattin, geborene Magdolna Glücklich (1918-?). Euer ewig trauernder Sohn Gábor." Dann gingen sie auf den Friedhof, um sich die Parzelle anzusehen.
     Sie nahmen sich noch ein paar Stunden Zeit, und die Mutter führte ihn sichtlich bewegt durch die Stadt, die sie seit ihrer Übersiedelung nach Ungarn nicht mehr gesehen hatte. Der Fußweg durch die vertraute Umgebung setzte eine Fülle von Erinnerungen bei ihr frei, und auf der Rückfahrt erzählte sie über die Vorkriegszeit, in der die Stadt noch Kassa hieß, mit einer Begeisterung, die der Sohn an ihr noch nicht kannte. Ihre Augen leuchteten, und die Wangen waren mädchenhaft gerötet. Am späten Abend erreichten sie die Budapester Außenbezirke. Es wurde bereits kühl. Die Mutter nahm eine Strickjacke aus der Reisetasche. Als sie sie anzog, bemerkte Kolozs, dass ihr Handgelenk geschwollen war. Er sah seine Mutter fragend an, sie aber sagte nur: "Irgendeine Muskelentzündung."
     Erst als einige Tage später der Schmerz im Handgelenk unerträglich wurde und sich auf den ganzen Arm ausdehnte, entschloss sie sich, zum Bezirksarzt zu gehen. Dieser schickte sie zur Poliklinik in der Csengery-Straße, und von dort aus führte ihr Weg nach einer kurzen Röntgen- und Blutuntersuchung direkt zum Onkologischen Institut. Drei Monate später bekam sie die erste Morphiumspritze, und im Dezember 1988, kurz vor des Vaters zweiundachtzigstem Geburtstag, wurde sie zu der im Sommer inspizierten Grabstätte in Košice überführt. Die Kosten für das Begräbnis überschritten mit keinem Heller die Kalkulation der Mutter.

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