Vorgeblättert

Leseprobe zu Eva Züchner: Der verschwundene Journalist. Teil 3

25.02.2010.
S. 93 ff

Krieg

Ordonnanz im Offizierskasino. Fernmelder in Köln. Die Kollegen Kriegsberichter

 Bisher ist Gerhart Weise der 1935 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht entgangen. Sie betrifft ihn nicht, denn rekrutiert werden nur die Jahrgänge ab 1914 aufwärts. 1936 wird sein eigener Jahrgang 1913 zu einer zweimonatigen Kurzausbildung in sogenannten Ergänzungseinheiten einberufen. Damals hat der potentielle Rekrut für Das 12 Uhr Blatt geschrieben. Es bleibt offen, ob ihn seine Pressearbeit vom ergänzenden Wehrdienst befreit hat oder ob er wegen eines bürokratischen Versehens durch die Maschen des Gesetzes gerutscht ist. Als einzige wehrdienstähnliche Erfahrung kann der Zivilist folglich nur auf den vierzehntägigen Drill auf Schloss Gütergotz zurückblicken.
      Am 28. August 1939 wird der Rekrut in Ausbildung nach Potsdam zum Infanterie-Ersatz-Bataillon 323 beordert, das zwei Tage zuvor aufgestellt worden ist. Ein Ersatz-Bataillon hat in der Etappe auf Abruf bereitzustehen, bis "seine" Division Verstärkung anfordert, um tote Soldaten durch lebendige zu ersetzen. Weise erhält sein Soldbuch und seine Erkennungsmarke mit der Nummer 181. Ich stelle mir seinen soldatischen Alltag vor: Auf einer Stube wird ihm sein Spind zugewiesen, in dem er vom Stahlhelm bis zum Brotbeutel vorschriftsmäßig seine Ausrüstung unterzubringen hat. Auf dem Kasernenhof übt er militärische Umgangsformen wie Strammstehen, Salutieren, Melden und Marschieren. Er lernt die Dienstgrade auswendig, hört Vorträge über Gelände- und Waffenkunde. Stundenlange Fußmärsche, Biwakieren bei jedem Wetter, das Robben durch schlammige Gräben und das Schießen mit allen möglichen Handfeuerwaffen sollen den Rekruten für den Fronteinsatz stählen. Und, als Höhepunkt der Ausbildung, wird auch er den feierlichen Eid geschworen haben, "rückhaltslos für den Führer und das nationalsozialistische Reich einzutreten". Ein für sein Soldbuch angefertigtes Passfoto hat sich erhalten, auf dessen Rückseite Mutter Margarethe geschrieben hat: "Gert 1939 als Soldat". Er trägt den "feldgrauen" Heeresmantel in Normalausführung, doppelreihig geknöpft, mit dunklem, blaugrünem Kragen. Blass sieht er aus, der Soldat, leicht verquollen, wie aus dem Schlaf hochgeschreckt, misstrauisch, abwehrend und sehr jung.
      Die militärische Grundausbildung dauert üblicherweise acht bis zwölf Wochen, Zeit genug, um sich die "soldatischen Tugenden" einbleuen zu lassen. Doch es klappt, wie schon in der Reichspresseschule, wieder nicht. Höchstens sieben Wochen sind vergangen, als der Rekrut sich als Ordonnanz im Offizierskasino wiederfindet - was ich nicht wüsste, wenn nicht Kurt Kränzlein am 30. Oktober 1939 an Reichspressechef Otto Dietrich geschrieben hätte, dass er seinen Schriftleiter zurückhaben will. Wegen der Einziehung zum Wehrdienst haben sich die Ressorts im Angriff empfindlich gelichtet: "Vor allem leidet die politische Redaktion darunter, weil von den vier Eingezogenen drei Politiker sind. Einer der wichtigsten war für mich unser Verbindungsmann zum Reichspropagandaministerium, der Schriftleiter Gerhart Weise. Weise befindet sich zurzeit in Potsdam und ist als Ordonnanz im Offizierskasino beschäftigt. Ich habe nun den verständlichen Wunsch, ihn aus dieser fruchtbringenden Tätigkeit zu befreien und bitte Sie, [?] unseren Schriftleiter Weise freistellen zu lassen. [?] Heil Hitler!"
      Dieser Brief, mit dem Kränzlein übrigens keinen Erfolg hat, ist mir ein Rätsel. Nichts spricht dafür, dass Weise bereits vor dem 28. August 1939 ein "Verbindungsmann" zum Propagandaministerium gewesen sein könnte. Auch hat er während seiner gesamten Tätigkeit für den Angriff, abgesehen von einigen "Glossen" im Jahr 1939, nicht für die politische Redaktion geschrieben, es sei denn anonym. Andererseits bestätigt sich ein früherer Eindruck. Die militaristische Begeisterung des ehemaligen Schriftleiters und jetzigen Wehrdienstlers scheint sich auf die Filme von Karl Ritter beschränkt zu haben. Zwar weiß ich nicht, durch welche Umstände der Rekrut ins Kasino geraten ist, doch wäre es für einen, der nicht in den Krieg will, ein geschickter Schachzug, für Offiziere den Kellner zu spielen. Ich stelle mir vor, wie er, korrekt und unauffällig, das Essen serviert und Wein nachschenkt. Er ist ja kein dummer August, der Teller fallen lässt, sondern, wie Freund Henne 1944 bestätigen wird, ein Mann von "Manieren".
      Gegen den Ehrgeiz des Rekruten, ein Kriegsheld zu werden, spricht auch seine Ausbildung zum Fernmelder. Als solcher muss er, anders als ein Funker, noch nicht einmal das Morsealphabet lernen, sondern lediglich tippen können, für einen Schriftleiter kein Problem. Ein Fernschreibapparat ähnelt 1939 einer unförmigen Schreibmaschine, mit dem Unterschied, dass die zu übermittelnde Nachricht in Stromstöße umgewandelt und auf dem Papier des Empfangsapparates ausgedruckt wird. Am 10. Dezember wird Weise als Fernmelder für den Truppenteil des Bevollmächtigten Transportoffiziers ins Armee-Ober-Kommando 2 nach Köln versetzt. Der Fernmelder-Status entspricht dem niedrigsten Dienstgrad Schütze (vulgo Landser). Weiter als bis zum Gefreiten, dem drittniedrigsten Dienstgrad, wird es Weise auf der militärischen Karriereleiter nicht bringen, und ich habe den Eindruck, dem Kellner und Fernmelder ist es recht so. Er will keine soldatischen Tugenden entwickeln, sondern am Leben bleiben.
      Vier Monate, von Dezember 1939 bis April 1940, dauert der Einsatz des Fernmelders im Kölner Heeres-Fernschreibnetz. Seine zur Führungsabteilung gehörenden Vorgesetzten sind für die Leitung und Koordinierung aller Truppen- und Nachschubtransporte in ihrem rheinländischen Einsatzbereich verantwortlich. Der Fernmelder tippt Rapporte über mehrstündige Verspätungen oder pünktliches Eintreffen von Eisenbahnzügen und über den An- und Abtransport von Kriegsgerät und Ersatzteilen. Eingehende Berichte werden mit ohrenbetäubendem Geratter auf einem schmalen Papierstreifen ausgedruckt, der sich von einer seitlich angebrachten Rolle abwickelt. Aufgabe des Fernmelders ist es, den langen Streifen in Zeilenlänge auseinanderzuschneiden und auf das rosafarbene "Heeres-Fernschreibnetz"-Formular zu kleben.
      Da das Armee-Ober-Kommando 2 mit der 8. Armee identisch ist, die nach ihrem Einsatz in Polen im Oktober 1939 an die Westgrenze versetzt und aus Sicherheitsgründen umbenannt wird, nehme ich an, dass der Aufenthalt im Rheinland und die dortige Vorbereitung auf den nächsten "Blitzkrieg" im Vergleich eher ruhig vonstattengeht. Jedenfalls bekommt der Fernmelder schon nach drei Wochen vierzehn Tage Urlaub und ist von Silvester bis Mitte Januar 1940 in Berlin. Gleich am 31. Dezember ruft er Inge Enders, die Verlobte seines Freundes Henne, an und verabredet sich mit ihr, mit Karlheinz Dahlfeld und einem nicht zu identifizierenden Philips für den Abend des 3. Januar im eleganten Cafe Bristol am Kurfürstendamm. Dort schreiben alle vier auf Bristol-Briefpapier an Freund Henne. Der ist als Unteroffizier ebenfalls an der Westgrenze stationiert, und zwar auf Schloss Berg an der Mosel. Vom Militär scheint keiner begeistert. Dahlfeld: "Wir [?] bedauern dich redlich [?] lass den Mut nicht sinken und halte die Ohren steif." Philips: "Ich hoffe, wenn Du alle inneren und äusseren Fährnisse des ?homo militaris? entsprechend überstehst [?]." Weise: "sei innig gegrüßt von einem, der - für 14 Tage den Generälen und ihrem Anhang entronnen - per FK. [Feldkommandantur] gen Osten eilte und nun in Gamaschen, Schlips, Pol­sterstuhl und lauter so bequemen Dingen eine merkwürdig nette Art von Zwischenleben verbringt." Zurück in Köln, verbringt Weise, nun wieder in Uniform, noch drei Monate vor seinem ratternden Ticker.
      Im Schutz seiner Nischenexistenz im Potsdamer Offizierskasino und in der Kölner Schreibstube erfährt Weise die Realität des Krieges lediglich aus der Zeitung und aus der Gerüchteküche, wobei die beiden Informationskanäle sich vermutlich meist widersprechen. Ich stelle mir vor, dass der Fernmelder vom Führungsstab der ehemaligen 8. Armee nachträglich das eine oder andere Detail über den polnischen "Feldzug" aufschnappt, das von der Presse verschwiegen worden ist. Wird in seinem Beisein über die systematische Ermordung von jüdischen und polnischen Zivilisten, Frauen und Kindern durch spezielle Einsatzgruppen der SS und Wehrmachtsangehörige gemunkelt? Über Heydrichs Richtlinien zur vorläufigen Konzentrierung der überlebenden Juden in Ghettos? Dringen die Gerüchte über vereinzelte Proteste führender Militärs gegen Hitlers Ausrottungspolitik bis zu ihm durch? Hört der Fernmelder mit den guten Englischkenntnissen heimlich BBC, obwohl das Abhören ausländischer Radiosendungen seit Kriegsbeginn unter Strafe steht?

Was tun seine Kollegen in diesen Monaten? Henne hält sich, wie gesagt, an der Mosel auf. SS-Unterscharführer Schirrmacher, bis August 1939 als Korrespondent für den Völkischen Beobachter und den Angriff in London, kehrt rechtzeitig nach Deutschland zurück, um während des "Polenfeldzugs" im Rang eines Feldwebels ein Ersatz-Bataillon auszubilden. Nach Beendigung des "Blitzkriegs" wird Schirrmacher zu einem Regiment an den Westwall versetzt.
      Kurt Frowein wird am 22. August 1939 zu einer Propaganda­kompanie eingezogen und ist beim Überfall auf Polen als Kriegsberichter dabei. Danach wird er an der Westgrenze stationiert und schreibt zusammen mit Wilfried von Oven, dem späteren Pressereferenten von Goebbels, ein Kriegsbuch mit dem unmissverständlichen Titel Schluß mit Polen.
Eine Propagandakompanie besteht aus mehreren Kriegsberichterzügen, die sich aus Wort- und Bildberichtern, Rundfunk- und Filmberichtern zusammensetzen. Ein Lautsprecher- und Filmvorführer-Trupp, sogenannte Fachführer für Wort, Bild, Film, Rundfunk, ein Bild- und Filmlabor ergänzen die jeweilige Truppeneinheit. Hitler und sein Führungsstab haben beizeiten erkannt, dass der Propagandakrieg im Waffenkrieg nicht vernachlässigt werden darf, so dass jeder Armee des Heeres, später auch den Einheiten der Luftwaffe und Marine, eine Propagandakompanie zugeteilt wird. Das Propagandaministerium und das Oberkommando der Wehrmacht sollen in enger Zusammenarbeit das reibungslose Funktionieren des Propagandakriegs gewährleisten und über die Auswertung des an der Front erarbeiteten Wort-, Bild-, Ton- und Filmmaterials entscheiden. In der Praxis allerdings funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und Propagandaministerium wegen interner Machtkämpfe keineswegs reibungslos.
      Am 19. Juli 1939 meldet Der Angriff, dass Hans Schwarz van Berk "kürzlich" von seiner Weltreise zurückgekehrt sei. Bevor er sie vorzeitig abbricht, um im Kriegsfall zur Stelle zu sein, hat er für diese und andere Zeitungen, beispielsweise den Völkischen Beobachter und den Freiheitskampf, aus Australien, Indonesien, Malaysia und Birma, aus Japan und Indien, dem Irak und dem Libanon berichtet. Gleich nach seiner Rückkehr macht er noch eine Stippvisite in England, um im Angriff zwölf Folgen über die Frage zu publizieren, was englische Politiker und das englische Volk von dem bevorstehenden Krieg halten.
      Im September und Oktober ist Schwarz van Berk zusammen mit Kurt Kränzlein und drei weiteren Schriftleitern als Kriegsberichter in Polen. Am 19. Oktober schreibt Kränzlein als Wortführer des vierköpfigen Propagandakommandos einen siebenseitigen Erfahrungsbericht: "Am 9. September 1939 wurde ich als Mitglied eines Sondereinsatzes unter Führung des Hauptmanns der Reserve Hauck in Marsch gesetzt nach Tschenstochau [?]. Meine Kameraden [Schwarz van Berk, Ohling, Graf Reischach, Kühl] und ich haben während des Einsatzes bei dieser Kompanie einige Erfahrungen gemacht, welche uns ermutigt haben, uns Gedanken zu machen über den Einsatz der Wortberichter innerhalb einer PK." Aus Kränzleins Bericht geht hervor, dass er und seine "Kameraden" der PK 637 angehören, die zu Kriegsbeginn in Breslau aufgestellt und der 10. Armee zugeteilt worden ist. Nun sind Propagandakompanien, erstmals 1938 für den Einmarsch ins Sudetenland eingesetzt, eine relativ neue Erfindung, und der Bericht enthält denn auch eine größere Anzahl vorsichtig formulierter Kritikpunkte. Zunächst plädiert Kränzlein für ein getrenntes Vorgehen von Wort- und Bildberichter: "Der Wortberichter kann in der vordersten Linie mitkämpfen und schreiben. Der Bildberichter kann nicht Gewehr und Kamera zugleich bedienen." Aber das Notwendigste fehlt: Um den "Vormarsch auf Lublin" mitmachen zu können, beschaffen sich die vier Wortberichter "Waffen und Munition aus Beutelagern", und zwar "nach dem ersten Gefecht bei Krasnik; Benzin tankten wir ohne Ausweis, aber im Tausch gegen einen Sack Speck, den wir requiriert hatten, und Verpflegung hatten wir manche Tage gar nicht oder wurden von der Front verpflegt, die uns von ihren geringen Beständen abgab, wenn sie etwas entbehren konnte." Kein Wort über Massaker an der Zivilbevölkerung. Der Adressat des Erfahrungsberichts geht aus dem Manuskript nicht hervor. Gut möglich, dass die sieben Seiten an Hasso von Wedel weitergeleitet worden sind, den allerhöchsten Kommandeur der Abteilung Oberkommando des Heeres/​Wehrmachtpropaganda. Ob der bald zum Generalmajor beförderte Oberst sich die Verbesserungsvorschläge zu eigen gemacht hat, ist nicht bekannt.
      Nach ihrer Rückkehr aus Polen bleiben Kränzlein und Schwarz van Berk vorerst in Berlin. Kränzlein kehrt zum Angriff zurück, schreibt den PK-Bericht und tags darauf seinen Brief an den Reichspressechef, in dem er um Gerhart Weises Freistellung bittet. Schwarz van Berk gründet Anfang Dezember auf Anordnung von Goebbels ein eigenes Büro, das der Abteilung Auslandspresse angeschlossen ist. Dieser kriegsbedingten propagandistischen Neuschöpfung ist es zu verdanken, dass Gerhart Weise am 16. April 1940 "Uk gestellt" wird: Ab sofort ist er an der Heimatfront unabkömmlich.

Teil 4