Vorgeblättert

Leseprobe zu Eva Züchner: Der verschwundene Journalist. Teil 1

25.02.2010.
Abschied von einem Bild

Einleitung

 "Das Gute an der Geschichte ist, daß sie eigentlich keinen Schluß hat." Das hast du 1937 in einer deiner munteren Reportagen geschrieben, da warst du vierundzwanzig Jahre alt. Du hattest keine Ahnung, welch lebenslängliche Bürde es sein kann, wenn eine Geschichte keinen Schluss hat - eine Geschichte wie deine. Für dich hatte sie natürlich einen Schluss, und zwar einen unausdenkbar schrecklichen, wie ich annehme, aber in den Träumen deiner Frau, meiner Mutter, bist du immer wieder, noch nach Jahrzehnten, zurückgekommen als ein Lebender, und ich selbst, deine Tochter, versuche nun, deiner Geschichte endlich einen Schluss zu geben, indem ich sie aufschreibe.
      Der Augenblick deines Verschwindens, wie meine Mutter ihn mir erzählte, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt wie eine düstere Filmszene. Es ist der 21. September 1945, ein Freitag, vier Monate nach Kriegsende. Wir drei - Vater, Mutter, Kind - leben in Kleinmachnow bei Berlin, Im Walde 3, im Einfamilienhaus mit Garten. An diesem Abend klingelt es um elf Uhr. Du öffnest die Haustür. Die schwarze Nacht wird vom Vollmond in ein kaltes Licht getaucht, du siehst zwei Männer in schwarzen Ledermänteln auf den Treppenstufen. Auf der Straße vor dem Gartenzaun steht ihr Auto, eine schwarze Limousine. Sie sind von der sowjetischen Geheimpolizei GPU. Sie wollen dich zum Verhör abholen und danach wieder nach Hause bringen. Sprechen sie deutsch mit dir? Du hast Angst und bittest sie, einen Moment zu warten, gehst die Treppe hinauf in mein Kinderzimmer, wo ich längst schlafe, hebst mich aus dem Bett, drückst mich an dich und sagst zu mir: Ich komme bald wieder. Ich war damals drei, deine Frau achtundzwanzig, du selbst zweiunddreißig Jahre alt. Seit vier Jahren wart ihr verheiratet. Du wirst deine Papiere eingesteckt und den Staubmantel angezogen haben. Hast du deinen Hut aufgesetzt? Deine Frau hat dich noch zum Gartentor begleitet. Ihr habt euch ein letztes Mal umarmt. Dann bist du mit den beiden Männern ins Auto gestiegen, sie sind mit dir weggefahren, und Eva, deine Frau, hat nie vergessen, dass in dieser Nacht, in der du für immer verschwunden bist, Vollmond war.

Was für ein Mensch bist du gewesen? Für meine Mutter, die dich liebte, warst du ein leiser, introvertierter Intellektueller, ein freundlicher Mann, ein zärtlicher Vater. Nie seist du Parteimitglied gewesen, Feuilletons habest du geschrieben, im Krieg dann Nachrichten für das Ausland erfunden und ein Buch über irgendeinen U-Boot-Kapitän verfasst. Dein sehnlichster Wunsch sei es gewesen, Schriftsteller zu werden.
     In deinem wohlformulierten Heiratsantrag vom April 1941 an deinen zukünftigen Schwiegervater, den sehr verehrten Herrn Oberstudienrat, lässt du eine gewisse vornehme Distanz zum Nationalsozialismus durchblicken: "Verzeihen Sie bitte die etwas brüsk geratene Form dieses brieflichen Überfalls mit der Erwägung, daß aus ihr weniger der unbewußte Widerschein einer in letzter Zeit üblich gewordenen politischen und menschlichen Methodik sprechen soll als die Außergewöhnlichkeit der Tatsache, daß ein Einzelner sich vor der Aufgabe sieht, so einen Brief zu schreiben."
     Kurz nach deiner Heirat mit Eva im August 1941 hat dich ihre Schwester Elisabeth als befremdlich und unzugänglich erlebt: Da habet ihr alle, sie selbst, deine Frau Eva, deine Schwiegereltern, zusammengesessen und geplaudert, und dann seist du erst nachträglich - man habe schon auf dich gewartet - ins Wohnzimmer gekommen, habest dich stumm auf ein Sofa gesetzt, dein Notizbuch gezückt und geschrieben. Kein Wort habest du gesagt.
      Dein Kollege Hans H. Henne hat dich in Briefen an seine Frau aus dem Jahr 1944 einen politischen Zyniker genannt und als unsympathischen, kalten Gangster beschrieben, "der aber sehr intelligent ist und Manieren hat".
     Noch zwiespältiger ist das Zeugnis, das dir, dem knapp Zweiundzwanzigjährigen, nach Beendigung des obligatorischen Lehrgangs der Reichspresseschule dein Lehrer Hans Schwarz van Berk im Jahr 1935 ausgestellt hat: "Unter den Teilnehmern des zweiten Kursus sind Sie durch ausserordentlich beachtliche Leistungen aufgefallen, aber diesen Leistungen stehen so viele persönliche Mängel gegenüber [?]. Es ist die Frage, ob Sie sich selbst in die Hand bekommen und den geistigen Fähigkeiten die nötige charakterliche Härte zuordnen können."
     Aus diesen Splittern habe ich ein Bild geformt, das mir gefiel, von einem Vater, auf den ich stolz war. Du warst für mich ein begabter Journalist, ein schillernder Charakter und geheimnisvoller Eigenbrötler. Die Nazis waren dir zu ordinär, um ihnen angehören zu wollen, und hättest du überlebt, wärest du nach 1945 ein berühmter Schriftsteller geworden.
     Erst 2002, mit sechzig Jahren, habe ich begonnen, ernsthaft deine Biographie zu erforschen. Viele Fragen, die sich aus meinen Recherchen ergaben, konnte ich niemandem mehr stellen. Es war zu spät: Deine Frau war vierundachtzigjährig gestorben; auch deine Freunde und Kollegen lebten nicht mehr. Ich werde dein Leben so erzählen müssen, wie es sich mir durch eine Vielzahl von Akten und sonstigen Dokumenten staatlicher und privater Archive nach und nach erschlossen - und verschlossen - hat. Denn die Quellenlage ist nun einmal so, dass du im willkürlichen Wechsel in den Materialien auftauchst und in ihren Lücken verschwindest. Auch deshalb habe ich mein Buch über dich Der verschwundene Journalist genannt. Es wird die Rede sein von einem Mann, der mit meinem Entwurf eines Vaters keine Ähnlichkeit mehr hat: von dem überzeugten Nazi, der du warst, von deiner regimetreuen Arbeit für Zeitungen wie Dresdner Anzeiger, Das 12 Uhr Blatt, Die HJ, Der Angriff, Das Reich und für das Goebbels unterstellte geheime Propaganda-Büro Schwarz van Berk, für die Reichsfilmdramaturgie, für die Ufa und den letzten Propagandafilm des Dritten Reiches. Es wird zu sprechen sein von dem Schriftsteller, der du werden wolltest, von Angst und Verrat und dem grausamen Ende einer Freundschaft. Wenn ich dich den "verschwundenen Journalisten" nenne, dann auch als Metapher für ein verschwundenes berufliches Ethos. Als du 1933 angefangen hast, für die Presse zu schreiben, warst du mit der neuen Weltanschauung offenbar schon so verwachsen, dass du den Unterschied zwischen einem freien Journalisten und einem gehorsamen Diener der Diktatur gar nicht mehr bemerkt hast.
      Während meiner Recherchen habe ich an dir, dem imaginären Vater, auch dann noch festgehalten, als ich es längst hätte besser wissen müssen. Was du getan und geschrieben hast, habe ich zurechtgebogen, bis das Resultat zu meinem Bild von dir passte. Mehr noch als die Erkenntnis, dass du ein Nazi warst, erschreckt mich der Gedanke an meine fehlgeleitete Wahrnehmung. Die Vorstellung eines solchen Vaters muss für mich so unerträglich gewesen sein, dass ich sie radikal ausgeblendet habe. Aber auch jetzt, beim genauen Hinsehen, finde ich in den Papierbergen der Archive den wirklichen Menschen nicht. Antworten sind unvollständig, Schlussfolgerungen vielleicht irreführend, Spuren laufen ins Leere. Dein Bild zerfällt in Fragmente und verschwindet in ihnen.

Dieses Buch ist ein Abschied von dem Vater, der du für mich warst, und die Suche nach dem Menschen, der du gewesen sein könntest.

Teil 2