Vorgeblättert

Leseprobe zu Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul. Teil 3

01.03.2007.
Die Sprechstundenhilfe schien ein gewisses Problem mit dem r zu haben und wie um diesen Mangel zu kompensieren, strengte sie sich, wann immer ihre Zunge auf diesen verhängnisvollen Buchstaben stieß, ganz besonders an, betonte den Laut, hob die Stimme und setzte noch ein Extra-Lächeln obendrauf. Um ihr diese Mühe zu ersparen, nickte Zeliha sofort und vielleicht etwas zu heftig.

"Und wozu sind Sie hier, Fräulein Drei-Uhr-Termin?"

Zeliha gelang es, die Absurdität dieser Frage zu ignorieren. Mittlerweile wußte sie nur zu gut, daß es genau diese bedingungslose, allumfassende weibliche Fröhlichkeit war, die ihr so sehr fehlte. Manche Frauen waren hingebungsvolle Lächlerinnen; sie lächelten mit geradezu spartanischem Pflichtbewußtsein. Wie konnte man lernen, etwas so Unnatürliches auf so natürliche Weise zu machen, fragte sich Zeliha. Sie verkniff sich jedoch die Frage, die am Rande ihres Bewußtseins auftauchte, und antwortete: "Eine Abtreibung."

Das Wort hing in der Luft und alle warteten darauf, daß es zu Boden sank. Die Augen der Sprechstundenhilfe wurden erst schmal, dann groß, während das Lächeln von ihrem Gesicht verschwand. Zeliha war unwillkürlich erleichtert. Schließlich förderte bedingungslose, allumfassende weibliche Fröhlichkeit bei ihr eine Neigung zur Rachsucht.

"Ich habe einen Termin ?", sagte Zeliha und strich sich eine Locke hinters Ohr, ihr übriges Haar umrahmte wie eine dicke schwarze Burka ihr Gesicht und die Schultern. Sie hob das Kinn, was ihre Adlernase betonte, und verspürte das Bedürfnis, das Gesagte zu wiederholen, vielleicht eine Spur lauter als beabsichtigt oder auch nicht. "? weil ich eine Abtreibung machen lassen muß."

Unschlüssig, ob sie die neue Patientin vorurteilslos aufnehmen oder ob solcher Kühnheit erst einmal mit einem tadelnden Blick bedenken sollte, stand die Sprechstundenhilfe reglos da, vor sich ein großes, in Leder gebundenes offenes Notizbuch. Ein paar Sekunden verstrichen, bevor sie schließlich zu kritzeln begann. Zeliha murmelte:

"Tut mir leid, daß ich zu spät bin." - Die Uhr an der Wand zeigte, daß sie sechsundvierzig Minuten zu spät gekommen war, und während ihr Blick eine Sekunde lang daran hängen blieb, schienen ihre Gedanken abzuschweifen - "Es lag am Regen ?"

Das war dem Regen gegenüber etwas unfair, weil der Verkehr, die kaputten Pflastersteine, die Stadtverwaltung, der Stalker und der Taxifahrer, von dem kurzen Einkaufsbummel ganz zu schweigen, genauso ihre Verspätung hätten rechtfertigen können, aber Zeliha beschloß, davon nichts zu erwähnen. Sie mochte die Goldene Regel der Vorsicht für eine Istanbuler Frau verletzt und auch die Silberne Regel der Vorsicht für eine Istanbuler Frau übertreten haben, aber an der Kupfernen Regel hielt sie eisern fest.

Die Kupferne Regel der Vorsicht für eine Istanbuler Frau: Wenn du auf der Straße belästigt wirst, vergißt du den Vorfall am besten, sobald du weitergehst, denn wenn du den ganzen Tag daran denkst, ruinierst du deine Nerven vollends!

Zeliha war klug genug, zu wissen, daß, selbst wenn sie die Belästigung jetzt erwähnt hätte, andere Frauen - alles andere als solidarisch - eher die Tendenz hatten, eine Schwester, die belästigt worden war, zu verurteilen. Deshalb fiel ihre Antwort knapp aus und nur der Regen war schuld.

"Wie alt sind Sie?" wollte die Sprechstundenhilfe jetzt wissen.

Das war nun wirklich eine ärgerliche Frage und völlig unnötig. Zeliha blinzelte die Sprechstundenhilfe an, als wäre sie eine Art Halbdunkel, an das man seine Augen erst gewöhnen mußte. Urplötzlich fiel ihr die traurige Wahrheit über sie selbst wieder ein: ihr Alter. Wie allzu viele Frauen, die es gewohnt waren, sich so zu geben, als wären sie wesentlich älter, beunruhigte sie die Tatsache, daß sie viel jünger war als ihr gefiel.

"Ich bin neunzehn", gestand sie. Kaum daß diese Worte ihren Mund verlassen hatten, errötete sie, als stünde sie nackt vor all diesen Leuten.

"Natürlich brauchen wir die Einwilligung Ihres Mannes", fuhr die Sprechstundenhilfe mit jetzt gar nicht mehr piepsiger Stimme fort und ging unverzüglich zu einer anderen Frage über, deren Antwort sie bereits ahnte. "Darf ich fragen, ob Sie verheiratet sind?"

Aus dem Augenwinkel sah Zeliha, wie die plumpe Blondine rechts und die Frau mit dem Kopftuch links von ihr verlegen auf ihren Stühlen hin- und herrutschten. Während die neugierigen Blicke aller Anwesenden immer schwerer auf ihr lasteten, wurde Zelihas Grimasse zu einem glückseligen Lächeln. Nicht daß sie den qualvollen Augenblick genossen hätte, aber die Gleichgültigkeit tief in ihrem Inneren hatte ihr gerade zugeflüstert, sie solle sich nicht um anderer Leute Meinungen kümmern, weil die letztlich egal seien. Vor kurzem hatte sie beschlossen, bestimmte Wörter aus ihrem Wortschatz zu streichen, und warum sollte sie nicht jetzt, wo sie sich auf diesen Entschluß besann, mit dem Wort Schande anfangen? Dennoch hatte sie nicht den Mut, laut auszusprechen, was mittlerweile jeder im Raum begriffen hatte. Es gab keinen Ehemann, der dieser Abtreibung hätte zustimmen können. Es gab keinen Vater. Statt eines BABA gab es nur ein NICHTS.

Zum Glück für Zeliha erwies sich die Tatsache, daß es keinen Mann gab, bei den Formalitäten als Vorteil. Offensichtlich brauchte sie von niemandem eine schriftliche Einwilligung. Die bürokratischen Vorschriften galten weniger der Rettung unehelicher als der ehelich geborener Kinder. In Istanbul war ein vaterloses Kind nur ein weiterer Bastard und ein Bastard nur ein weiterer faulender Zahn im Kiefer der Stadt, der jederzeit ausfallen konnte.

"Wo sind Sie geboren?", fuhr die Sprechstundenhilfe mit monotoner Stimme fort.

"In Istanbul!"

"Istanbul?"

Zeliha zuckte die Achseln, als wollte sie sagen, wo denn sonst? Wo sonst auf der Welt als hier? Sie gehörte zu dieser Stadt! War ihr das nicht anzusehen? Schließlich betrachtete Zeliha sich als echte Istanbulerin und, wie um die Sprechstundenhilfe dafür zu rügen, daß sie eine so offenkundige Tatsache nicht erkannt hatte, drehte sie sich auf ihrem nicht mehr vorhandenen Absatz um und ließ sich auf dem Stuhl neben der Kopftuch-Frau nieder. Erst in dem Moment nahm sie von deren Ehemann Notiz, der reglos da saß, vor Verlegenheit fast wie gelähmt. Statt über Zeliha zu urteilen, schien der Mann mit einem gewissen Unbehagen zu genießen, daß er das einzige männliche Wesen in einer so offensichtlich weiblichen Umgebung war. Eine Sekunde lang tat er Zeliha leid. Sie dachte daran, den Mann zu fragen, ob er mit ihr auf den Balkon gehen und eine Zigarette rauchen wollte, denn sie war sich sicher, daß er rauchte. Das konnte jedoch falsch ausgelegt werden. Eine unverheiratete Frau durfte verheiratete Männer so etwas nicht fragen und ein verheirateter Mann würde, solange er neben seiner Frau saß, einer anderen Frau gegenüber feindselig tun. Warum war es so schwierig, sich mit Männern anzufreunden? Warum mußte das immer so sein? Warum konnte man nicht zusammen auf den Balkon gehen, eine Zigarette rauchen, ein paar Worte wechseln und dann seiner Wege gehen? Zeliha saß einen langen Moment schweigend da, nicht weil sie hundemüde war, was stimmte, oder weil sie die ganze Aufmerksamkeit leid war, was ebenfalls stimmte, sondern weil sie neben dem offenen Fenster sitzen wollte; sie sehnte sich nach den Geräuschen der Straße. Die rauhe Stimme eines Straßenhändlers drang in den Raum: "Tangerinen ?, aromatische, frische Tangerinen ?"

"Gut, schrei weiter", murmelte Zeliha. Sie mochte Stille nicht. Um genau zu sein, sie verabscheute Stille. Es war in Ordnung, daß Leute sie auf der Straße, im Basar, im Wartezimmer des Arztes, hier und dort und Tag und Nacht anstarrten; es war in Ordnung, daß sie sie musterten und anglotzten und gründlich begafften, als sähen sie sie zum ersten Mal. Auf die eine oder andere Weise konnte sie sich immer gegen diese Blicke zur Wehr setzen. Wogegen sie sich nicht zur Wehr setzen konnte, war ihr Schweigen.

"Tangerinist ?, Tangerinist ? Was kostet ein Kilo?" brüllte eine Frau aus dem offenen Fenster im Obergeschoß eines Gebäudes auf der anderen Straßenseite. Es hatte Zeliha immer amüsiert, zu erleben, wie leicht, geradezu mühelos die Bewohner dieser Stadt unmögliche Namen für ganz normale Berufe erfanden. Man konnte nahezu an alles, was auf dem Markt verkauft wurde, ein - ist anhängen, und schon gab es ein weiteres Wort in der langen Liste der Berufe in dieser Stadt. So konnte man, je nachdem was man zum Verkauf anbot, ohne weiteres zum "Tangerinisten", "Wasseristen", "Sis Kebapisten" oder ? "Abortisten" werden.

Inzwischen hatte Zeliha keinen Zweifel mehr. Nicht daß sie einen gebraucht hätte, um zu erkennen, was sie bereits wußte, aber in der neu eröffneten Klinik ganz in ihrer Nähe hatte sie schon einen Test machen lassen. Am Tag der "großen Eröffnung" hatten die Leute von der Klinik für ausgewählte Gäste einen bombastischen Empfang gegeben und alle Blumensträuße und Girlanden vor dem Eingang drapiert, damit auch die Passanten von diesem Ereignis erfuhren. Als Zeliha am nächsten Tag die Klinik betrat, waren die meisten Blumen bereits verwelkt, die Flugblätter aber noch genauso bunt wie zuvor. MIT JEDEM BLUTZUCKERTEST KOSTENLOSER SCHWANGERSCHAFTSTEST! stand dort in phosphoreszierenden Großbuchstaben. Der Zusammenhang zwischen beiden blieb Zeliha verborgen, aber den Test hatte sie trotzdem machen lassen. Als die Ergebnisse kamen, stellte sich heraus, daß ihr Blutzuckerwert normal und daß sie schwanger war.

"Sie können jetzt reinkommen!" rief die Sprechstundenhilfe, während sie auf der Türschwelle stand und mit einem weiteren r kämpfte, diesmal mit einem, das in ihrem Beruf kaum zu vermeiden war. "Der Doktor erwa ?, der Doktor ist da."

Zeliha packte die Schachtel mit den Teegläsern und den abgebrochenen Absatz und sprang auf. Sie spürte, wie alle Blicke im Raum sich ihr zuwandten und jede ihrer Gesten registrierten. Normalerweise wäre sie so schnell wie möglich gegangen. Jetzt aber waren ihre Bewegungen langsam, fast träge. Kurz bevor sie den Raum verließ, hielt sie inne, und als sie sich wie auf Knopfdruck umdrehte, wußte sie genau, wen sie anschauen mußte. Dort, im Zentrum ihres Blickfelds, befand sich ein äußerst verbittertes Gesicht. Die Frau mit dem Kopftuch zog eine Grimasse, während sich ihre braunen Augen vor Groll verdunkelten und ihre Lippen sich bewegten und den Arzt und diese Neunzehnjährige verfluchten, die gleich das Kind abtreiben würden, das Allah nicht einem schlampigen Mädchen, sondern ihr hätte schenken sollen.


Mit freundlicher Genehmigung des Eichborn-Verlages
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