Vorgeblättert

Leseprobe zu Einar Mar Gudmundsson: Vorübergehend nicht erreichbar. Teil 2

04.07.2011.
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Dass ich Waise bin, kann nur eines bedeuten ?
     Mein Vater zeugte mich, meine Mutter brachte mich zur Welt, und das war es dann. Ich habe meinen Vater nie gesehen, und meine Mutter lebt nicht mehr.
     Ich war zwanzig, hatte aber meine Mutter noch nie gesehen, als mein Freund Siggi auf mich zukam und sagte: "Einar Thor, ich soll dir einen Gruß von deiner Mutter bestellen."
     Ich erschrak. Siggi war AA-Mann in Hafnarfjördur und sollte ein Meeting im Krankenhaus Vifilsstadir leiten. Dort wurde er von einer Frau angesprochen. Es stellte sich heraus, dass es meine Mutter war, die dort in Behandlung war.
     "Du kannst sie treffen, wenn du willst", sagte Siggi.
     Ich erinnere mich, dass ich dachte: "Tut der gute Bruder Jesus tatsächlich mal etwas Vernünftiges." Ich rief sofort in Vifilsstadir an und musste dann darauf warten, dass meine Mutter zurückrief.
     Es war seltsam, aber gut, ihre Stimme zu hören, und wir be-schlossen, dass ich am nächsten Sonntag kommen würde.
     Ich tat es und bereue es nicht.
     Meine Mutter hieß Sigrun. Sie nahm sich vor einem guten Jahr nach einem langen und schweren Kampf mit einer Geisteskrankheit das Leben, die die Ärzte in den psychiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser versucht hatten in den Griff zu bekommen, seitdem sie mich weggegeben hatte.
     Das ist mehr als dreißig Jahre her, und jetzt ist meine Mutter einer der Engel des Universums, wie dein Bruder und manch andere Jungs in dem Buch.
Ich habe das Buch Engel des Universums mehrmals gelesen und finde es großartig, mindestens so gut wie die anderen Romane über die Waisen.
     Meine Mutter hatte mit derselben Krankheit zu kämpfen wie dein Bruder. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich die beiden gekannt haben. Das tun die Leute in dieser Branche, genauso wie die Leute in anderen Branchen.
     Börsenmakler kennen sich, obwohl es schwierig sein kann, sie zu unterscheiden, Dealer kennen sich, wenn auch nicht immer im Guten, Zahnärzte wissen voneinander und Musiker. Ich nehme an, dass sich auch Schriftsteller untereinander kennen.
     Ich weiß noch, wie Fjola, meine Schwester, anrief und mir mitteilte, dass Mama tot sei. Ich weinte sehr in meinem Herzen, doch trotz meiner Trauer und meines Verlustes spürte ich auch Frieden, denn es war ihr Wille gewesen, und ich weiß, dass es ihr als Engel besser geht als als Geisteskranke.
     Das will ich jedenfalls glauben.

...

Der Fall Einar Thor Jonsson war einer dieser Fälle, von denen man im Rundfunk hört und in den Zeitungen liest und das war es dann. Ich erinnerte mich gerade noch dunkel daran, als mir der Brief zugestellt wurde.
     Dann geschehen andere Dinge, die unser Leben ausfüllen und uns mit der Welt versöhnen, und wir sind froh, dass es nicht uns betrifft, unsere Kinder, Eltern, Geschwister, sondern andere Leute, in anderen Häusern, an anderen Orten, Leute, die wir nicht kennen und für die wir keine Verantwortung übernehmen können.
     In den Augen der meisten sind solche Fälle Teil irgendeines Problems, in diesem Fall des Drogenproblems. Es liegt irgendwo in der Luft und manchmal macht es eine Bruchlandung auf der Erde. Trotzdem verstehen es nur wenige, wenn überhaupt, wie so vieles, was eine Bruchlandung macht. Manchmal setzt es sich auf Hausdächer, raubt Kinder und lässt sie leichenblass auf dem Friedhof zurück.
     Nicht, dass ich irgendeine Lösung für das Problem hätte oder es verstünde, und ich würde mich auch nicht in den Vordergrund drängen, wenn nicht Einar Thors Geschichte auch meine wäre und umgekehrt, meine Geschichte ist auch seine. Wir sind Passagiere auf derselben Reise, gehören zur selben Gruppe. Wenn er die Wahrheit über sich erzählt, höre ich die Wahrheit über mich.
     Wir haben oft Witze darüber gemacht, wie viele von uns Einar heißen. Einmal kamen wir zu einem Meeting, auf dem sich zwölf Leute zu Wort meldeten, und sechs davon hießen Einar. Ich begann zu glauben, dass der Alkoholismus zum Namen gehört, zumal sich der Name Einar von den Einherjar in Walhall ableitet, die tagsüber tranken und nachts kämpften.
     Einar Thor wusste genau, wer ich war, sonst hätte er mir keinen Brief geschrieben, aber er erwähnte mir gegenüber nie, dass er der Briefschreiber, dass er der Häftling war, und wir waren schon einige Monate gemeinsam auf den Meetings gewesen, als mir dämmerte, dass hier der Briefschreiber vor mir stand, und es war, wie ich es weiter oben formulierte, als hätte man mir mit einem Rüssel über das Hirn geschlagen.
     Ich erschrak zu Tode. Es war ein Detail aus dem Brief, das mich auf die Spur brachte. Ich werde später noch darauf zurückkommen, aber es war etwas mit zwei Bieren in Liverpool, die fünf Jahre später in Litla-Hraun endeten. Genug davon fürs Erste.
     Es heißt, dass wir unterschiedliche Menschen sind, aus unterschiedlichen Lebensbereichen, die oft wenig gemeinsam haben, doch zwischen uns herrscht ein Geist der Brüderlichkeit und Freundschaft, der schwer zu beschreiben, aber wundervoll zu erleben ist. Wir werden mit Passagieren auf einem Schiff verglichen, das soeben aus Seenot gerettet wurde; und alle an Bord, von den billigsten bis zu den teuersten Plätzen, sind erfüllt von Zusammengehörigkeitsgefühl und Hochstimmung. Nur dass unsere Freude und Hochstimmung nicht abflauen, wenn wir uns wieder in alle Richtungen zerstreuen. Eine gemeinsame Gefahr erlebt zu haben ist das Band, das uns zusammenhält.
     Es braucht Zeit, bis man das Offensichtliche sieht, und viele sehen es nie, weil es zu offensichtlich ist, zu selbstverständlich, und das Problem liegt anderswo, und nicht ich bin es, nicht du bist es, es ist jemand anderes. Ursache und Wirkung tauschen die Plätze, wie Schauspieler auf der Bühne, und ehe du dich?s versiehst, ist die Lüge zur Wahrheit geworden.
     Sich von der Flasche zu trennen ist, als ob man amputiert würde. Im Kopf ist sie ein Teil der Hand, die sie an die Lippen führt. Oder wie es in einem Buch heißt: "Wir sind wie Menschen, die ihre Beine verloren haben; ihnen wachsen niemals neue ?"
     Ich versuchte, an Täuschungen festzuhalten, und bin nun wieder bei dem Sonntagabend, als Einar Thor festgenommen wurde, und falls ich jenes Bier ausgetrunken haben sollte, habe ich ein neues geöffnet.
     An den Sonntagabenden versuchte ich eine weiche Landung hinzukriegen, und das kann sich eine Zeitlang so geäußert haben. Die Arbeitswoche stand bevor. Es war mir sehr wichtig, das Trinken beizubehalten und unter Kontrolle halten zu können. Die Trinkerei sollte keinen Einfluss auf mein Tun haben.
     Machte ich meine Sache etwa nicht gut?
     Nein, es gab tatsächlich kein Problem. Es ging mir ausgezeichnet. Ich hatte Erfolg. Ich hatte alles erreicht, was ich wollte. Ich hatte ein gutes Zuhause, eine wunderbare Frau, wohlgeratene Kinder. Ich hatte tatsächlich Glück mit allem, womit man Glück haben kann. Mir gehörte die Welt. Ich trank und ich war froh. Es gab natürlich irgendwelche Idioten dort draußen in der Gesellschaft, die mir manchmal blöd kamen, aber was spielte das letztlich für eine Rolle?
Also, ich war kein Dummkopf. Ich kümmerte mich darum, dass alle genug hatten, und am besten mehr als genug. Trotzdem war inzwischen der Alkohol mit allem, was ich tat, verwoben. Er war das Benzin, das mich antrieb, das Öl, das die Geschichten schmierte.

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