Vorgeblättert

Leseprobe zu Carl-Henning Wijkmark: Nahende Nacht. Teil 1

06.08.2009.
In regelmäßigen Abständen gaben Birgit oder Angela mir eine Spritze, die mich schläfrig machte, solange ich wach lag, und hellwach in den Träumen, die sich einstellten, sobald ich einschlief. Doch schlief ich wirklich? Es war eher eine Art Dämmerzustand und die Träume waren unkontrollierte Fantasien, sehr deutlich und bevölkert von einem oder mehreren Menschen, die sich bewegten und sprachen. In meinen Träumen sind häufig Repliken vorgekommen, aber früher war es so, dass ich sie eher dachte als hörte; nun erklangen sie dagegen laut und deutlich, allerdings mit einem Hallen wie in einem Kellergewölbe, das individuelle Unterschiede auslöschte. Es war, als hörte man Roboter, was jedoch nicht verhinderte, dass die Menschen aus meiner Vergangenheit, die in diesen Träumen auftraten, realer wurden als jene, die mich in der Gegenwart umgaben. So war es zumindest zu Anfang meines Aufenthalts in Zimmer 5; es sollte sich im Laufe der Zeit ändern.
Der große Segen der Spritze bestand natürlich darin, dass sie die Schmerzen kappte und längere Zeit völlig verschwinden ließ, und ich, der ich im Laufe eines Lebens in der Welt des Theater mehr als genug von Drogentratsch und Fixerhelden mitbekommen hatte, war jetzt ein dankbarer Morphinist. Dennoch möchte ich ausdrücklich meine neue Traumwelt erwähnen, weil sie zum positivsten gehörte, was ich in dieser späten Phase meines Lebens erfahren durfte, auch wenn sie mich nicht selten mit durchaus unangenehmen Szenen und drängenden Fragen konfrontierte. Zwar entwickelte ich mit der Zeit ein immer freundschaftlicheres Verhältnis zu meinen beiden Zimmergenossen und ein immer innigeres zu den Krankenschwestern, die ich bereits erwähnt habe, aber die Träume waren eine sicherere Zuflucht. Und weil ich eine Zuflucht so verzweifelt benötigte, wurden sie, wie gesagt, wirklicher als meine eigentliche Wirklichkeit.
Denn es ließ sich nicht leugnen, dass sich meine Kameraden und ich in einer deathrow befanden - oder dem "Basislager", wie wir es nannten, weil uns das große Wagnis noch bevorstand. Ziel der Pflege an diesem Ort ist es, zu helfen und zu lindern, nicht zu heilen, und es gibt hier auch niemanden, der behaupten würde, einer von uns Patienten könne gerettet werden. Bekommen haben wir die Freundlichkeit und Fürsorglichkeit einiger Krankenschwestern in Form von schmerzlindernden Mitteln und hygienischer Assistenz, ansonsten jedoch nicht viel, was uns das Leben in dieser letzten Zeit erleichtert hätte. Das Essen schmeckte nach nichts, erinnerte an Plastik und wurde zu unserer Erleichterung durch den Tropf ersetzt, als die Verschlechterung unseres Zustands dies erforderlich machte. Der Seele wurde der Trost von Religion und Psychologie angeboten und glücklicherweise, darf ich wohl sagen, darüber hinaus das, was zu meiner wichtigsten Stütze wurde: der junge Mann, der jeden Montag und Freitag mit seinem Bücherwagen auftauchte. Ich bin immer schon ein leidenschaftlicher Leser gewesen, aber jetzt las ich wie ein Besessener, und dieses Lesen wuchs zu einem leicht überspannten Projekt, einem Versuch, dem großen Widersacher in die Karten zu schauen und den Kampf auf diese Weise ausgeglichener und die Niederlage erträglicher zu gestalten. Man hat mir nicht vorenthalten, dass meine bemühten Studien in der Kunst des Sterbens mein Leben eher noch verkürzen würden. Das mag stimmen, aber das war es in dem Fall wert.
Ich merkte schnell, dass Harry und Börje, meine Zimmergenossen, die Bücherstapel mit Widerwillen betrachteten, als verstieße ich gegen die Regeln und begäbe mich aus Feigheit vor dem Feind auf Abwege. Auch wenn mir das nichts ausmachte, bekam es auf längere Sicht doch eine gewisse Bedeutung, es führte zu einer Distanz zwischen uns, die bis zuletzt bestehen blieb.
Ich habe von zwei Zimmergenossen gesprochen, aber eigentlich waren es drei. Der dritte hatte eine stumme Rolle und war zudem unsichtbar. Die Erklärung folgt sofort.
Im Bett gegenüber lag Harry, der trotz allem mein Freund wurde - mehr oder weniger, das schwankte je nach Tagesform. Er war in meinem Alter, seit ein paar Jahren pensioniert. Sozial betrachtet hatte sein Leben früh Schiffbruch erlitten, mehr als drei Jahrzehnte hatte er auf Stockholms Straßen und in Obdachlosenheimen gelebt, ein Aussteiger und zeitweiliger Penner, gezeichnet, aber nicht gebrochen von Drogen, Suff, kalten Nächten und gewiss auch Unterernährung. Möglicherweise war dies zwar nicht der Auslöser für seine Krankheit gewesen, aber es hatte sie mit Sicherheit verschlimmert. Natürlich hätte er nicht so leben müssen, zumindest nicht in diesem extremen Maße. Er hatte auf Grund von Umständen, die er einige Male, wenn auch nur beiläufig, erwähnte, eine Wahl getroffen. Schräg gegenüber, am Fenster - das zu einem Park mit einzelnen Bäumen hinausging - lag Börje, ein Mann zwischen vierzig und fünfzig, Postangestellter, unklar, in welcher Funktion; vermutlich aus Rücksicht auf Harry unterhielten wir uns nie über unser Berufsleben. Tabu war zudem, woran wir litten und wie sehr, genau wie Diagnose, Prognose, Medikamente und so weiter - das alles behielt man für sich oder erörterte es in leisen Gesprächen mit Ärzten und Krankenschwestern. Jeder einzelne lag in seiner eigenen Pein und sandte den anderen stumme Leidenswellen. Ab und zu, wenn bei einem von uns Furcht und Not allzu offensichtlich wurden, geschah es jedoch, dass man mit einem Blick, einer Geste oder ein paar Worten des Mitgefühls aus sich herausging. Nie länger als für einen kurzen Moment, und Börje beteiligte sich nie an einem solchen Austausch, bedauerte weder sich noch andere. Umso mehr brachte er seine große Passion zum Ausdruck, die aus Tippen, Toto, Wetten, Zocken und Glücksspielen aller Art bestand. Als ich Neuankömmling im Zimmer war (in dem Harry und er schon eine Weile gelegen hatten), war einer seiner ersten Vorschläge eine Wette darum gewesen, wer von uns die anderen überleben würde. Er brachte sie ganz ungezwungen vor, aber ich merkte schon bald, dass es untergründig eine ernsthafte Rivalität gab, und zwar nicht nur um die Lebensdauer, sondern auch um das Wohlwollen der Krankenschwestern; Gunst wäre angesichts des Zustands, in dem wir uns befanden, zu viel gesagt. Wie dem auch sei, Börje forderte jedenfalls unsere Einsätze auf "den zähesten alten Knacker" und bot uns darüber hinaus an, auch auf Platz zu setzen. Taktvoll setzten Harry und ich auf unseren Buchmacher als Gewinner, er war immerhin der jüngste von uns und hatte Familie (was ich allerdings erst später erfuhr). Wir verzichteten darauf, um den zweiten Platz zu spielen. Die Frage des Gewinns führte zu einigem Murmeln über die Testamente, was Börje mit großer Geste beiseite wischte. Das Spiel selbst war wichtig.
Dann war da noch der vierte Mann im Raum, der stumme und unsichtbare. Wir verzichteten zwar darauf, auf ihn zu setzen, aber ansonsten war an ihm nichts Okkultes, er war aus Fleisch und Blut. Sein Bett stand links von meinem, an der Fensterwand, aber als Lebenden sahen wir ihn nie, ein grüner Vorhang, der in einer Deckenschiene lief, entzog ihn unseren Blicken. Börje, der ihm gegenüber lag, behauptete, flüchtig Teile von ihm gesehen zu haben, einen Fuß, der gegen den Vorhang trat,einen Arm, der über die Bettkante gestreckt wurde, aber den ganzen Menschen sahen wir erst, als er tot und zugedeckt war und zu seinen Ahnen gerollt wurde, die ihn auf der andere Seite des Erdballs erwarteten. Das Personal hüllte sich zu seiner Person in Schweigen, so lauteten offensichtlich die Anweisungen, und wir erfuhren lediglich, dass er aus einem anderen Erdteil stammte (oder einem anderen "Kulturkreis", wie man heute sagt). Wegen eines unbedachten Worts irgendeiner Schwester bildeten wir uns ein, er käme aus Mittelamerika - fälschlicherweise, wie sich herausstellen sollte - und nannten ihn deshalb Montezuma, schon bald abgekürzt zu Monte. Seine Verborgenheit und noch mehr sein Schweigen beschäftigten uns sehr - er stöhnte und schnarchte nicht und wir konnten ihn nicht essen hören, da er am Tropf hing. In den Nächten wurde dieses Schweigen im Verborgenen so mächtig, dass es die Dunkelheit erfüllte, und wir fragten uns, ob er noch lebte.

Teil 2