Vorgeblättert

Leseprobe zu Britta Schröder: Zwölfender. Teil 2

09.08.2012.
2

Zwei Tage nach der Sache mit meinem Vater reiste ich nach Cocoa Beach in Florida.
     Ich schlief am Strand.
     Sofern ich wach war, behielt ich die Brandung im Blick.

Das ausdauernde Nocheinmal der Surfer erzeugte Überdruss in mir. Wenn mich einer ansprach, einlud zum Bier oder herüberwinkte zu seinen Freunden, dankte ich und lehnte ab.
     Manchmal robbte ich nur einem Schatten hinterher und fiel gleich danach wieder in eine bodenlose Müdigkeit.
Wenn ich Hunger bekam oder etwas zu trinken brauchte, raffte ich mich auf und lief zu einer kleinen Strandbar, die von einem mexikanischen Ehepaar betrieben wurde. Keiner der beiden schien an meinem zunehmend verschmutzten Äußeren Anstoß zu nehmen, und nie behelligten sie mich mit Fragen.

Nach einer Weile entdeckte ich unweit der Bar eine Düne, die mir tagsüber Schatten spendete und mich nachts von den Gruppen am Strand abschirmte.
     In meiner Sandmulde liegend, hörte ich gelegentlich, wie der Klangteppich eines Vergnügungsparks über mich hinwegflog.
     Je länger ich blieb, desto besser gelang es mir, alle anwesenden Geräusche in meine Träume einzubauen.
     Ich schlief.
     Ich schlief tagelang.

Eines Nachmittags wachte ich auf, weil mir die Knochen schmerzten. Ich brauchte Bewegung.
     Ich verstaute das wenige, das ich bei mir hatte, in einen Plastikbeutel und lief los, barfuß, kilometerweit, stets dem schmalen Streifen zwischen Meer und Dünen folgend, bis ich Satellite Beach erreichte.

Es war längst dunkel, als ich auf etwas trat, das nur knapp aus dem Sand ragte, mir aber tief in die Fußsohle schnitt. Ich setzte mich, verband die Wunde mit einem Stück Stoff, das mir bis dahin als Haarband gedient hatte, und tastete nach dem Ding im Sand.
     Es war ein Kabel, an dessen Ende ein dickes Bündel Drähte aus der Isolierung stach.
     Ich grub, zunächst mit den Händen, ein Loch rund um den Strang. Später fand ich eine Kinderschaufel, die mir das Graben erleichterte.
     Das Kabel führte in die Tiefe und in Richtung Ozean.

Ich kramte nach meiner Taschenlampe, öffnete das Batteriefach und leerte es. Dann schob ich einen Teil der freiliegenden Drähte in den Metallschaft, bis sie die Kontakte berührten.
     Einige Sekunden lang passierte nichts, dann ein erstes, mattes Glimmen des Glühfadens, ein unruhiges Flackern und schließlich: brennend weißes Licht, das den Strand für einen kurzen Moment erleuchtete.
     Ich ließ die Taschenlampe fallen. Sie glühte.

Am nächsten Tag nahm ich ein Taxi nach Orlando, besorgte Brandsalbe und Verbandszeug, Unterwäsche, einen Anzug, ein Paar Schuhe und eine kleine lederne Reisetasche. Anschließend fuhr ich weiter zum Flughafen und kaufte ein Ticket nach Frankfurt.
     In einem der Waschräume nahm ich eine Dusche, verband Fuß und Hand, zog mich an und entsorgte meine alten Kleider. Dann aß ich eine Portion Spaghetti und wartete, bis ich mit den anderen Passagieren zum Boarding aufgerufen wurde.


3

Frankfurt war, wie ich es kannte. Als ich in meine Straße einbog, grüßte mich einer der Kellner aus meiner Stamm-Pizzeria, und die Kioskbesitzerin winkte mir zu wie jedesmal, wenn ich vorbeilief.
     Ich stellte die Reisetasche in meiner Wohnung ab, sah mich kurz um und ging dann hinunter in die Cafébar im Erdgeschoss, um ein Stück Kuchen zu essen.

Wieder zu Hause, hörte ich den Anrufbeantworter und die Mailbox ab: Nur ein Arbeitsauftrag, zwei Nachrich- ten von Aaron und eine von meiner Mutter, die mir mit einem Unterton zurückgehaltener Aufgeregtheit berichtete, mein Vater sei, das habe ihr ein ehemaliger Nachbar erzählt, überfallen und niedergestochen worden. Er liege nun im Krankenhaus, sage aber nichts und habe auch die Polizei nur glasig angestarrt.
     Ihr Anruf endete mit einer Feststellung und mit einer Frage. "Nun. Dein Vater ist ja ohnehin nicht ganz von dieser Welt. Apropos: Wieso weiß ich nie, wo du dich herumtreibst?"

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, liegengebliebene Post zu sichten, ein paar Freunde zu treffen, e-Mails zu schreiben und die von meinem Auftraggeber angeforderte Dokumentation einer Deckenrestaurierung zusammenzustellen.
     Aaron traf ich zweimal: einmal zum Mittagessen in der Innenstadt, einmal zum Abendessen bei ihm zu Hause.
     Er war aufmerksam und besonnen wie immer, aber auch distanzierter als sonst.
     Ihm in seiner Küche gegenübersitzend, unternahm ich den Versuch, mich ohne Rapport zu erklären. "Ich bin", erzählte ich etwas unbeholfen, "einer Art brennendem Dornbusch begegnet."
     Zum Beweis löste ich den Verband von meiner Rechten und präsentierte ihm die Brandblasen.
     Aaron sah mich schweigend an, legte den Verband neu und hielt meine Hand eine Weile lang in der seinen. "Alles in Ordnung mit dir?", fragte er.
     "Was meinst du damit?"
     "Deine Mutter hat mich angerufen und mir von der Geschichte mit deinem Vater erzählt." Er zögerte. "Das bist du gewesen, oder?"
     "Ja", antwortete ich. "Aber er ist offenbar schon wie- der auf dem Weg der Besserung."
     "Und du?"
     "Ich auch."
     "Wie du meinst", kommentierte er trocken, schob seinen Stuhl zurück und stand auf, um eine offengelassene Schublade zu schließen.

An diesem Abend gingen wir auseinander wie zwei, die, weil sie ein Geheimnis teilen, nicht mehr offen miteinander sprechen können.

Tags darauf begann ich, alle meine Kleider zu sichten.
     Ich untersuchte sie nach Farnresten.
     Der Schrank war groß, doch übervoll, und so schob ich die Bügel mit Kraft auseinander.

     Vor mir lag eine Lichtung.
     Ich atmete tief ein, trat ins Freie, zog Schuhe und Strümpfe aus. Der Waldboden war weich, kalt und feucht. Ich setzte mich.
     Keine Frage, ich fühlte mich einsam. Aaron, auf den ich bis jetzt immer zählen konnte, zog sich zurück, und ich verstand ihn.

In die Stille vor mir sprang ein Hirsch. Ich dachte dieWörter "Knochengeweih" und "Zwölfender".
     Er sah mich an und machte einen Satz.
     Dann stand er ruhig und fing an zu grasen.
     Kurz darauf fiel ein Schuss. Der Hirsch rutschte zitternd zu Boden.
     Ich lief zu ihm.

Nur einen Augenblick später stand eine dicke, in Loden gekleidete Frau neben mir.
     "Den will ich seit langem", sagte sie kurzatmig, ohne mich anzuschauen.
     "Und? Haben Sie ihn jetzt?", fragte ich.
     Sie hob verständnislos die Schultern.

Ich beobachtete ihre routinierten Bewegungen, wie sie einen kleinen Eichenast durch die Schusswunde zog und ihn entzweibrach. Die eine Hälfte schob sie dem Tier ins Maul, die zweite steckte sie sich an den Hut. Behende packte sie den Hirsch bei den Läufen und drehte ihn auf seine linke Seite.
     Ich stand daneben und fühlte mich klein.
Plötzlich fiel mir auf, dass seine Augen die Farbe wechselten. Sie brachen, langsam, aber deutlich sichtbar, von braun zu blau.
     Ich zitterte vor Kälte.

     Erst als ich mich von dem Tier und der Frau abwandte, bemerkte ich, dass sich zwei weitere Jäger zu uns gesellt hatten.
     Ich nickte ihnen zu, wünschte, ich weiß nicht warum, einen guten Abend und kehrte in meinen Schrank zurück.

Ich warf alle meine Kleider fort. Nur eine dünne Jacke und den Anzug, den ich in Orlando gekauft hatte, behielt ich.

In den folgenden anderthalb Wochen kümmerte ich mich um die Zusammenstellung eines Teams für das nächste Restaurierungsprojekt. Zu meiner Erleichterung waren meine drei Wunschkolleginnen frei und sagten zu.
     Da ich alles am Telefon regeln konnte, blieb ich die meiste Zeit im Pyjama.
     Wir besprachen die Vorbereitungen der Restaurierung, deren Ablauf und koordinierten alles so, dass ich erst zwei Wochen nach Beginn der ersten Wandschnitte dazukommen musste.
     Mir blieben also insgesamt vier Wochen.

Die Abende verbrachte ich damit, meine Schränke, Regale und Ordner zu leeren. Gelegentlich fuhr ich, immer nachts, zu einem Container, um mich der im Flur gestapelten Papiere und Bücher zu entledigen.

Immer wieder kam mir das Kabel in den Sinn.

Ich buchte einen Flug nach Santiago de Chile.
     Ich hatte einen Plan - oder zumindest eine Hoffnung.

zu Teil 3