Vorgeblättert

Leseprobe zu Aravind Adiga: Der weiße Tiger. Teil 2

Ich sehe mir inzwischen aus Prinzip keine Hindi-Filme mehr an, aber früher, als ich es noch getan habe, sah man vor dem Film immer entweder die Zahl 786 auf der schwarzen Leinwand flimmern - die Moslems glauben, diese magische Zahl symbolisiere ihren Gott - oder das Bild einer Frau im weißen Sari, die Goldmünzen vor ihre Füße regnen lässt - das ist die Hindugöttin Lakshmi.
     In meinem Land ist es gute alte und ehrwürdige Tradition, eine Geschichte damit zu beginnen, dass man zu einer höheren Macht betet.
     Ich glaube, dass auch ich so anfangen sollte, Exzellenz, indem ich irgendeinem Gott in den Arsch krieche.
     Aber welchem? Die Auswahl ist so riesengroß.
     Es ist nämlich so:
     Die Moslems haben einen Gott.
     Die Christen haben drei Götter.
     Und wir Hindus haben sechsunddreißig Millionen Götter.
     Das macht zusammen 36 000 004 Götterärsche, in die ich kriechen könnte.
     Nun gibt es ja Menschen, und damit meine ich nicht bloß Kommunisten wie Sie, sondern kluge Menschen aller politischen Parteien, die an die Existenz vieler dieser Götter nicht glauben. Manche glauben gar, dass keiner von ihnen existiert. Es gibt nur uns und um uns herum ein Meer der Finsternis. Ich bin weder Philosoph noch Dichter, woher soll ich die Wahrheit wissen? Es stimmt zwar, dass all diese Götter verdammt wenig arbeiten - ähnlich wie unsere Politiker -, und doch werden sie Jahr für Jahr wieder auf ihre goldenen Throne im Himmel gewählt. Das soll nicht heißen, dass ich sie nicht respektiere, Herr Ministerpräsident! Kommen Sie in Ihrem gelben Schädel ja nicht auf solch gotteslästerliche Ideen. In meinem Land zahlt es sich aus, wenn man sich nach allen Seiten absichert: Der indische Unternehmer muss gleichzeitig ehrlich und hintertrieben, zynisch und gläubig, gerissen und aufrichtig sein.
     Also schließe ich jetzt die Augen, lege die Hände zu einem ehrerbietigen Namaste zusammen und bitte die Götter, ihr Licht auf meine finstere Geschichte scheinen zu lassen.
     Haben Sie ein wenig Geduld, Mr Jiabao. Das kann eine Weile dauern.
     Wie schnell, glauben Sie, könnten Sie in 36 000 004 Ärsche kriechen?

*

Fertig.
     Ich habe die Augen wieder geöffnet.
     23 Uhr 52 - und jetzt ist es wirklich Zeit anzufangen.
     Vorher noch - wie auf den Zigarettenpackungen - ein Warnhinweis.
     Eines Tages fuhr ich Mr Ashok und Pinky Madam in ihrem Honda City herum, als er mir die Hand auf die Schulter legte und sagte: «Fahr rechts ran.» Nach diesem Befehl beugte er sich so weit vor, dass ich sein Aftershave riechen konnte - ein köstlicher, fruchtiger Duft -, und sagte höflich wie immer: «Balram, ich möchte dir ein paar Fragen stellen, in Ordnung?»
     «Ja, Sir», antwortete ich.
     «Balram», fragte Mr Ashok, «wie viele Planeten gibt es am Himmel?»      Ich antwortete, so gut ich konnte.
     «Balram, wie hieß der erste Premierminister Indiens?»
     Dann: «Balram, was ist der Unterschied zwischen einem Hindu und einem Moslem?»
     Dann: «Wie heißt unser Kontinent?»
     Darauf lehnte Mr Ashok sich zurück und fragte Pinky Madam: «Hast du seine Antworten gehört?»
     «Hat er Witze gemacht?», fragte sie, und mein Herz schlug schneller - wie immer, wenn sie etwas sagte.
     «Nein. Er glaubt wirklich, das seien die richtigen Antworten.»
     Als sie das hörte, kicherte sie; doch sein Gesicht, das ich im Rückspiegel sah, blieb ernst.
     «Es ist nämlich so: Er hat vielleicht ? na, zwei, drei Jahre Schulbildung genossen. Also weiß er ein wenig, aber er versteht nicht viel. Er kann lesen und schreiben, aber begreift nicht, was er liest. Er ist irgendwie halb gar. Und ich sage dir, das Land ist voll mit solchen Leuten. Und solchen Figuren» - er zeigte auf mich - «vertrauen wir unsere herrliche parlamentarische Demokratie an. Das ist die wahre Tragödie dieses Landes.»
     Er seufzte.
     «Na gut, Balram, fahr weiter.»
     Als ich an dem Abend im Bett unter meinem Moskitonetz lag, dachte ich über seine Worte nach. Er hatte recht, Sir - es hatte mir zwar nicht gefallen, was er über mich gesagt hatte, aber er hatte recht.
     Die Autobiografie eines halb garen Inders. So sollte ich meine Lebensgeschichte nennen.
     Wie ich sind Tausende in diesem Land halb gar, weil wir die Schule nicht abschließen durften. Wenn man uns den Schädel öffnen und mit der Taschenlampe hineinleuchten könnte, würde man eine eigenartige Sammlung finden: ein paar Sätze zur Geschichte oder Mathematik aus einem alten Schulbuch (glauben Sie mir, kein Junge erinnert sich besser an seine Schulbildung als einer, den man von der Schule genommen hat), ein paar Sätze zur Politik aus einer Zeitung, beim Warten auf einen Beamten vor dessen Büro gelesen, Dreiecke und Pyramiden von den Seiten alter Geometriebücher, in die jede Garküche des Landes ihre Imbisse wickelt, ein paar Schnipsel Nachrichten aus dem All India Radio, Gedanken, die einem in der halben Stunde vorm Einschlafen ins Hirn fallen wie die Eidechsen von der Zimmerdecke, und dieses ganze Zeug, halb geformt, halb verdaut und halb richtig, lagert sich im Gehirn ab. Und dort vermischt es sich mit dem anderen halb fertigen Zeug, und diese ganzen halb fertigen Gedanken treiben es wahrscheinlich miteinander und zeugen so weitere Gedanken, und nach diesen richtet man sein Handeln und Leben aus.
     Die Geschichte meiner Erziehung zeigt, wie man halb gare Menschen produziert.
     Aber passen Sie gut auf, Mr Jiabao! Von zwölf Jahren Schule und drei Jahren Universität vollständig geformte Gestalten tragen Anzüge, treten in Unternehmen ein und nehmen ihr Leben lang von anderen Menschen Anweisungen entgegen.
     Unternehmer hingegen wird man als halb gares Gericht.

*

Für die wichtigsten grundlegenden Daten zu meiner Person - Herkunft, Größe, Gewicht, bekannte sexuelle Abartigkeiten etc. - gibt es keine bessere Quelle als dieses Plakat. Das Fahndungsplakat.
     Ich muss zugeben, mich selbst als Bangalores unbekanntesten Unternehmer zu bezeichnen entsprach nicht ganz der Wahrheit. Vor ungefähr drei Jahren, als ich aufgrund einer unternehmerischen Tat für kurze Zeit landesweite Bedeutung erlangte, wurde ein Plakat über mich erstellt, das sich schließlich in jedem Postamt, Bahnhof und Polizeirevier des Landes fand. Sehr viele Menschen sahen damals mein Gesicht und meinen Namen. Das Originalplakat besitze ich nicht mehr, aber ich habe es auf meinen Laptop geladen - ein wirklich hübscher silberner Apple, den ich im Internet bei einem Händler aus Singapur ge18 kauft habe, arbeitet ganz wunderbar -, und wenn Sie eine Sekunde Geduld haben, dann öffne ich die Datei mit dem gescannten Plakat und lese direkt davon ab ?

Teil 3