Vorgeblättert

Leseprobe zu Antje Ravic Strubel: Kältere Schichten der Luft. Teil 1

12.02.2007.
Vom Licht wußten sie alles.
     Sie kannten es in jeder Schattierung. Sie hatten gesehen, wie es den Himmel brüchig und zerrissen erscheinen ließ oder blauschwarz gewachst. Sie wußten, wie das Licht unter anschäumenden Wolken aussah, wie es schräg einfi el am Fjäll, wie es die Felsen, hoch oben den Wald und am Seeufer das dichte Unterholz traf. Sie wußten, wie fl üchtig, wie trügerisch es war. Erstrahlte der See eben noch türkis bis zum Grund, lag er im nächsten Moment schon stumpf und geschlossen da wie Asphalt.Sie hatten gesehen, wie das Licht bei Regen Kiefern und Brombeerbüsche matt erscheinen ließ, sie hatten gesehen, wie es morgens um vier auf vom Steinschlag verwüsteten Straßen und mittags auf dem kurzgeschnittenen Rasen schwedischer Vorgärten war. Sie kannten es in von Hitze flirrendem Gelb, im grünlichen Schimmer des Abends, sie konnten sagen, wie es über dem Dach des Geräteschuppens an verhangenen Tagen aussah.
     Sie wußten, wie sich Gesichter verändern, wenn grell das Licht auf sie fällt. Wer morgens aus den Zelten kam und zur Waschstelle ging, mußte den Grasplatz überqueren, den sie aus dem Wald geschlagen hatten. Dort wurden die Gesichter stabil.
     Sie wechselten vom milchigen Grau, der Farbe der Nacht, in eine herbe, geschliffene Bräune. Das wußten sie. Sie sahen es jeden Morgen.
     Und später, wenn nur noch wenige Wolken am Himmel waren, bekam diese Bräune eine Schärfe, wie sie Gesichter nur hier, auf dieser Landspitze hatten. Es war brutal, wie die Sonne schien.
     Keiner von ihnen hat über das Licht gesprochen.
     Es gab andere Dinge zu bereden. Sie mußten sich um die Zeltwände kümmern, die im Sturm gerissen waren, die jetzt wie abgezogene Häute auf dem Rasen lagen und ausgebessert werden sollten. Sie hatten für Nachschub zu sorgen, für die Verpfl egung, die jeden Sonnabend aus Berlin kam, sie telefonierten oft. Sie bestellten Kartoffeln und Kaffee nach, Grillkohle und Würstchen und Reis, und niemals vergaßen sie Obst, denn das Obst war in diesem Sommer in Schweden besonders teuer. Sie schickten die eintreffenden Jugendgruppen in festgelegter Reihenfolge auf die Seen, zuerst in den kleinen Stora Le und dann auf den windgepeitschten Foxen, sie gaben kopierte Outdoor-Kochbücher an die Teamer aus, damit die wußten, wie viele Bohnenbüchsen abends in die Chili-Pfanne kamen. Im Küchenzelt wurden Verpflegungstonnen für eine Woche gepackt.
     Sie erklärten, wie man über offenem Feuer kocht, und gaben unten am Steg die Boote aus. Es waren schmale Kanus für zwei Personen aus hellgrauem Leichtmetall. Der Ghettoblaster lief den ganzen Tag.
     Sie lebten wurzellos. Zeitenthoben. Sie waren in eine unbekannte Gegend gekommen, in ein anderes Land, in eine fremde Region, in der sie nur das waren, was sie den Sommer über hier jeden Tag machten; sie waren Kanu-Scouts, sie bauten Tipis, sammelten Beeren, sie brieten Lachse und schwammen im See. Für sie war es, als schlösse sich das jetzige Leben ihrem früheren nicht mehr an, ein paar Blessuren und abstrakte Betrachtungen ausgenommen. Retrokacke, wie jemand am Lagerfeuer sagte.
     Es gab wenig Abwechslung. Jedes Gerücht bauschten sie auf. Und wenn die Gerüchte zu versiegen schienen, dachten sie sich neue aus, oder sie reicherten die alten mit neuen Fakten an, und es war unmöglich herauszufi nden, was an diesem Gerede stimmte. Sie hatten sich daran gewöhnt. Niemand störte es, wenn Svenja, die Campchefi n, über Ralf lästerte. Als er sich einen Jagdschein ausstellen ließ, sagte sie, sie sei sicher, er hätte in seinem Leben auch schon Menschen vor der Knarre gehabt. Man fragte sich allerdings hinter vorgehaltener Hand, wie Ralf da mit einer wie Svenja überhaupt klarkommt.
     Sie lebten wurzellos, sie versuchten, das Beste daraus zu machen.

Eines Morgens lief ein Mädchen allein über den Strand.
     Das Mädchen stieg zwischen den Booten durch, ihr Kleid wehte. Es war ein helles Kleid, niemand trug hier Kleider. Im Camp trugen sie Gore-tex-Sandalen und graue oder beige Funktionshosen mit Reißverschlüssen auf Höhe der Oberschenkel. Wenn es warm wurde, nahmen sie mit einem Griff die Hosenbeine ab.
     Das Mädchen lief über den Steg, sie bewegte sich trunken. Sie lief, ohne innezuhalten oder das Kleid abzulegen, sie lief über die Kante des Stegs hinaus und stürzte ins Wasser.
     Bei den Booten waren sie vom Klatschen des Körpers aufgeschreckt. Sie sahen hinüber. Der See war glatt. Dann tauchte das Mädchen neben einer Boje auf, ihr Haar klebte am Kopf. Sie schwamm langsam zurück. Die anderen verloren das Interesse. Sie kehrten zu ihren Plänen auf Klemmblöcken zurück und schrieben die Nummern der Boote auf, die heute rausgehen würden. Vor Monaten hatten sie festgelegt, daß das Baden an der Bootsanlegestelle verboten war. Jetzt taten sie, als ginge sie der Vorfall nichts an.
     Das Mädchen stieg langsam an Land. Sie kam das Ufer hinauf. Das Wasser, das ihr übers Gesicht rann, schien sie nicht zu spüren.
     In der Nähe der Kiefern blieb sie stehen.
     "Schmoll", sagte sie und wandte sich zu mir um. "Sie sind ein kluger Junge. Sie haben die ganze Zeit gut aufgepaßt.
"Sie schaute nach rechts, wo die Badestelle lag, von Himbeerbüschen und Sanddorn nahezu verdeckt, und ich sah, daß sie kein Mädchen mehr war. "Sie können mir doch bestimmt sagen, wo hier Handtücher sind."
     Ich war zufällig in der Nähe, als sie ans Ufer kam. Ich war nicht bei den Booten, ich stand etwas abseits vom Steg, jetzt bewegte ich mich, als hätte ich stundenlang in derselben Haltung verharrt.
     "Ich heiße nicht Schmoll", sagte ich. "Und ich bin kein Junge."
     Sie legte den Kopf zur Seite, um mich zu betrachten.
Ihre Brauen waren dunkel vom Wasser in einem sehr blassen Gesicht.
     "Handtücher sind bei der Ausrüstung nicht vorgesehen", sagte ich.
     Der See war ruhig an diesem Morgen, weiter draußen trieben Seevögel. Graureiher. Schwäne. Die anderen mußten inzwischen mit den Booten fertig sein. Als ich gehen wollte, versperrte sie mir den Weg.
     "Ich will nur was nachgucken", sagte sie und kam näher. Ihre Haut war weiß. Ein Weiß, das an leuchtendes, glattgeschliffenes Holz erinnerte, wie man es manchmal an Wildstränden fand. Ihre Zehen streiften kurz über den Sand. Sie wollte meinen nackten Fuß berühren, verfehlte ihn aber und strauchelte.
     Sie wäre gefallen, hätte ich sie nicht gehalten.
     Sie legte mir die Arme um den Hals. Ich roch ihre nassen Haare.
     Es war früher Morgen, der Sand war noch kühl, die Schatten fi elen lang. Gegen Mittag würde es heiß werden, bis dahin mußten alle Boote umgekippt und verzeichnet sein, niemand wollte unten am baumlosen Strand bleiben in der Hitze, die von den glitzernden Aluminiumbäuchen der Boote doppelt zurückgeworfen wurde.
     Wir standen wie auf einer Werbetafel am Bahnhof Zoo. Auf einem dieser Hochglanzbilder. Anschmiegsame Mädchen, klein, in kräftige Schultern gekuschelt, und selbstsichere Jungs. Jungs, die auf ihr Mädchen und den Ku?damm hinuntersahen. Wir waren in dieses Bild eingepaßt.
     "Alles in Ordnung?" sagte ich.
Sie preßte sich an mich. Für die anderen bei den Booten mußte es aussehen, als wolle ich ihr das Kleid abstreifen, den Stoff langsam über die Oberschenkel hochschieben, die Vorstellung mußte entstehen, wie nackt sie dann wäre, ihre Hüfte, ihr Hintern, wie ich sie halten würde im Sand, am Ufer, dort, wo die Badestelle war, hinter den Büschen verborgen.
     Ihr Körper pulsierte, die Haut unter der Nässe war glühend.
     "Sehen Sie", sagte sie mir ins Ohr. "Ich habe Sie endlich gefunden. Ich wußte es."

Leseprobe Teil 2

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