Vorgeblättert

Leseprobe zu Antje Ravic Strubel: Kältere Schichten der Luft. Teil 2

12.02.2007.
Gleich darauf ließ sie mich los. Sie holte ihr Handtuch, das bei den Kiefern lag, und lief über den Sand in Richtung Straße. Sie lief schnell, sie drehte sich nicht um. Ihre Beine waren schlaksig unter dem Kleid, das ein Kinderkleid war, eines für sehr junge Mädchen. Ich war nicht sicher. Ich sah ihr nach, und als niemand bei den Booten auf sie achtete, rief ich: "Hey! Wollen Sie sich nicht erst mal umziehen und dann mit uns frühstücken? Es gibt Brötchen!"
     Sie reagierte nicht, sie erreichte die Straße. Trotz ihres nassen Kleides wandte sie sich unbekümmert nach links, wo die Straße eine Biegung machte.
     Ich ging hinüber zu den anderen. Sie zogen ein paar Boote aus dem Wasser und kippten sie bauchoben auf den Strand. Langsam wurde es wärmer.
     Später, im Waschraum, sah ich in den Spiegel. Ich trug Jeans und eine helle Bluse, unisex, wie es bei Outdoor-Kleidung üblich war. Ich war kräftig und schlank, ich war braun wie alle, meine Haare hatten diesen strohigen, verwaschenen Schliff vom Schwimmen im See, ich lebte seit vier Wochen draußen. Die Narbe an der Augenbraue war das einzige, was mich von den anderen unterschied.
     Ich ging wieder hinaus in die Sonne, wo sie mit Hobeln beschäftigt waren. Sie hatten vor, ein Tipi zu bauen aus schlanken, geraden Stämmen, und kamen gut voran. Die Rinde gab in weichen, langen Spänen nach, sie wußten, wie man mit leichtem Druck die oberen Schichten entfernt, ohne das Holz zu verletzen. Sie hatten das schon oft gemacht. Zwei meterhohe Tipis standen fertig mit Zelthaut umschlungen am Waldrand im Gras.
     Ich machte ein bißchen mit. Ich fi ng oben bei den Spitzen an. Heimlich beobachtete ich die Männer und fand, daß nichts an ihnen mir glich.

Gegen Mittag kam der Verpflegungsnachschub an, ein Kleinlastwagen drehte hupend eine Runde durchs Camp. Der übermüdete Fahrer parkte auf den ausgefahrenen Spuren, die von der Straße zum Grasplatz führten. Er war in der Nacht in Berlin aufgebrochen, jetzt verlangte er mit fi ebrigen Augen ein Bett.
     Hey, Marco, wo sind die Listen? Und die Grillkohle? Haben die Idioten in Berlin das wieder vergessen? Grillen steht bei den Kids im Programm, warum kapiert das keiner?
     Das kapiert keiner, weil das keinen interessiert. Das sind Kids, verstehste, die machen nicht gleich ?n Lageraufstand, wenn se nicht haargenau das kriegen, wofür ihre Alten bezahlt haben.
     Arschlöcher.

     Guckt mal hinterm Beifahrersitz nach, selber Arschlöcher.
Marco zwängte sich unter den Wäscheleinen durch und verschwand im Haus. Das Haus war nur ein Schuppen aus dünnen Holzbrettern, der mit drei Fenstern versehen worden war, man hörte jedes Geräusch.
     Jetzt macht nicht so ?n Streß, Leute, rief Marco aus dem unteren Fenster. Wir müssen doch zusammenhalten, wo wir schon hier gelandet sind.
     Keiner nickte. Hätten sie genickt, hätten sie zugegeben, daß sie hier gestrandet waren, und das wäre einer Kapitulation gleichgekommen, dem Eingeständnis, daß dieser Zustand dauerhaft sein würde.
     Draußen begannen sie, Kisten auszuladen, sie schleppten sie hinüber ins Küchenzelt, in dem Svenja mit dem Vorbereiten der blauen Tonnen beschäftigt war. Riesige Käseballen wurden halbiert, die Hälften kamen in je eine Tonne zusammen mit Salamis und Büchsenbohnen und Brot. In den Tonnen würden die Lebensmittel vor Feuchtigkeit geschützt sein, wenn die Jugendgruppen sie später mit auf ihre Kanu-Touren nahmen.
     Freitagmittag trafen sich alle im Küchenzelt. Vielleicht war es die Sehnsucht nach frischem Obst, die sie hertrieb.
Das Essen wurde gegen Ende der Woche eintönig.
Oder es lag am Geruch, der in den gepackten Tonnen entstand, es roch nach Gemüse, Butter und Speck und ein bißchen nach Plastik. Der Geruch war die einzige Erinnerung daran, wie es draußen, unterwegs auf den Seen, war, wo sie lieber gewesen wären. Aber das Camp war unterbesetzt, und sie waren zu wenige, um dem Ansturm der wöchentlichen Busladungen gewachsen zu sein, oft brannten die Lichter die ganze Nacht.
     Als ich aufstand, um hinauszugehen und mir mit dem Wasserschlauch Schweiß und Schmutz vom Gesicht zu spülen, sah ich die Frau auf der anderen Seite des Zufahrtsweges.
Sie saß mit dem Rücken an eine Kiefer gelehnt. Die Beine hatte sie angewinkelt, den Kopf zur Seite geneigt, ihr Gesicht lag im Schatten. Sie hatte sich umgezogen. Sie trug jetzt ein blaues Kleid. Reglos saß sie am Baum. Ihre Arme hingen herab. Die rechte Hand war leicht in meine Richtung geöffnet, als wollte sie etwas präsentieren, als böte sie mir das Gras und die Erde und die Kiefernwurzeln an. Die Augen schien sie geschlossen zu haben. Jedenfalls reagierte sie nicht, obwohl ich lange zu ihr hinsah.
     Ich dachte an die Heftigkeit, mit der sie mich am Ufer an sich gedrückt hatte. An ihren glühenden Körper. An das Weiß ihrer Haut, das zu dieser Glut in seltsamem Wi15 derspruch stand. Ich dachte an meine idiotische Antwort und daß sie wahrscheinlich zurückweichen würde, wenn ich jetzt hinüberginge und sie unvermittelt berührte. Sie würde hochschrecken, sobald sie mich spürte, und die Augen öffnen, die mir am Ufer ruhelos vorgekommen waren und tragisch. Vielleicht war dieser Eindruck auch nur durch das Licht entstanden. Grüne Punkte lagerten in einer Iris von ansonsten klarem Braun.
     Ralf war mir nachgelaufen. Er nahm mir den Gartenschlauch ab und tauchte sein Gesicht in den Strahl.
"Ganz schön hektisch heute die Chose, was?" Das Wasser rann ihm ins Hemd. "Paß mal auf. Ich helf dir beim Verteilen der Schwimmwesten. Da kannste zwischendurch auch mal ?ne Pause machen."
     "Ist schon in Ordnung, ich komm klar. Wirklich."      "Jeder die Hälfte", sagte Ralf. "Wir sind doch ein Team, oder nicht." Er legte seinen Arm um mich, packte meine Schulter und zog mich fest zu sich heran. Dann sah er zum Wald. "Wer ist das?"
     "Wer?"
     "Glotzt die, oder was. Ich werd ihr mal sagen, das ist privat, hier gibt?s nichts zu glotzen."
     "Jetzt geht?s los!" rief Wilfried. "Die ersten sehen schon Gespenster, das kommt davon, wenn man wochenlang nur dieses beschissene Armeebrot zu fressen kriegt."
     "Mensch, Ralle!" Svenja stand in ihren Halbstiefeln aus Gummi am Eingang vom Küchenzelt. "Hier laufen öfter kaputte Gestalten rum. Als ich mit einer Gruppe draußen auf der Vierzig war -"
     "Vierzig? Können wir die Rastplätze nicht mit ihren richtigen Namen nennen? Da hat sich doch jemand Mühe gemacht", sagte Sabine, die Halbindianerin, jedenfalls wurde sie so genannt, nachdem herausgekommen war, daß sie ein paar Monate mit einer Schamanin auf dem Land in der Nähe von Detroit verbracht hatte.
Sie trug Kordhosen, deren Farbe wegen der vielen Moos- und Grasfl ecken nicht mehr zu erkennen war. "Die Vierzig ist auf Trollön, Sabine, du bist die einzige, die sich das nicht merken kann, und zwar oben auf dem Monsterfelsen, wo die Kids ganz scharf drauf sind, Köpper zu machen. Neulich taucht so ein Typ am gegenüberliegenden Ufer auf, direkt aus dem Wald. Der steht da, nur in Badehose und Schwimmweste, und fängt wie blöd an zu winken. Vielleicht braucht er Hilfe. Also lass? ich die Gruppe warten und fahr rüber, und was macht der? Fragt mich, welcher Wochentag heute ist. Hatte wahrscheinlich Wasser in seine Festplatte gekriegt." Svenja drehte sich um. "Seinen Namen hat er wahrscheinlich auch schon nicht mehr gewußt, Sabine."
     "Dann numerier ihn doch." Sabine warf eine Salami quer durch das Zelt, zielgenau, die Salami krachte in eine Tonne. Als ich zum Waldrand sah, war die Frau verschwunden.

An den Nachmittagen war das Licht lange sehr weiß, es hing in den Kiefern, bis es am höchsten Punkt der Wipfel in das herbe Rot des Abends einging, unten bei den Zelten war es schon dunkel.
     Nirgends wurde es so dunkel wie auf dem Grasplatz im Camp. Nirgends war es abends so kalt. Ich rollte zwei Matten neben der Feuerstelle im Tipi aus, ich legte sie übereinander, die Steine knirschten. Nachts war es zu dunkel, um ohne Taschenlampe schlafen zu gehen. Ich machte den Schlafsack bis oben zu. Ich konnte nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich hörte Tiere schreien, vielleicht Elche. Sie sagten, man würde nachts manchmal sogar hier auf dem Platz Elche sehen. Sie kannten das aus vergangenen Jahren. Sie hatten sich auf eine Anzeige beworben, die Uwe, der Chef dieses Unternehmens, jedes Jahr im Mai inserierte.

Weg mit alten Hüten! Raus aus der eigenen Haut!
Lust auf was Neues?
Dann auf in die Wildnis! Die Natur stellt keine Fragen.
Engagierte Leute für Jugendcamp in Värmland,
einem der schönsten Seengebiete Schwedens, gesucht!

Bevor ich darauf geantwortet hatte, hatte ich gezögert. Etwas an diesem Text gefiel mir nicht. Etwas darin klang wie eine Unterstellung, er schien vorauszusetzen, daß die, die sich bewarben, Dinge zu verbergen oder zu vergessen hätten. Ich fing wieder an, darüber nachzudenken, die Natur stellt keine Fragen, aber da ich so nie würde einschlafen können, beschloß ich, darin weiterhin nur die Begeisterung für die schwedischen Wälder zu sehen.
     Ich drehte mich auf den Bauch. Ich benutzte meine Hand, um leichter zu werden und dann vielleicht doch einzuschlafen.
     Ich sah feste Schultern unter einem Muskelshirt, das Abstreifen einer Hose, spärlich bekleidete Körper, manch mal hörte ich Sätze. Ich stellte mir nie Frauen vor, mit denen ich zusammengewesen war. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr hatten sie einander abgelöst. Jede war die logische Folge aus dem, was vorangegangen war, ihr Widerstand war das einzige, worin sie sich ähnelten.

Leseprobe Teil 3

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