Vorgeblättert

Leseprobe zu Alice Munro: Was ich dir schon immer sagen wollte. Teil 1

08.03.2012.
Wie ich meinen Mann kennenlernte


Wir hörten das Flugzeug mittags kommen, es dröhnte durch die Radionachrichten, und wir waren sicher, dass es ins Haus rasen würde, also rannten wir hinaus auf den Hof. Wir sahen es über die Baumwipfel auf uns zukommen, rot und silbern, das erste Flugzeug, das ich je von Nahem gesehen hatte. Mrs. Peebles kreischte.
     "Bruchlandung", sagte ihr kleiner Junge. Er hieß Joey.
     "Ist schon gut", sagte Dr. Peebles. "Der weiß, was er tut." Dr. Peebles war nur Tierarzt, hatte aber eine beruhigende Art zu reden wie jeder andere Arzt.
     Dies war meine erste Stellung - ich arbeitete bei Dr. und Mrs. Peebles, die sich ein altes Haus draußen an der Landstraße, etwa fünf Meilen außerhalb der Stadt, gekauft hatten. Zu der Zeit setzte der Trend ein, dass Leute aus der Stadt alte Farmen aufkauften, nicht, um sie zu bewirtschaften, sondern um dort zu wohnen.
     Wir sahen das Flugzeug auf der anderen Seite der Straße landen, wo früher der Rummelplatz war. Er gab einen guten Landeplatz ab, schön eben wegen der alten Rennbahn, und die Scheunen und Buden waren als Brennholz abgerissen worden, so dass nichts im Weg stand. Sogar die alte Tribüne war von Jungen in Brand gesteckt worden.
     "Na dann", sagte Mrs. Peebles forsch wie immer, wenn sie ihre Nerven wieder in den Griff bekommen hatte. "Gehen wir zurück ins Haus. Stehen wir hier nicht rum und gaffen wie die letzten Farmer."
     Sie sagte das nicht, um mich zu verletzen. Das kam ihr gar nicht in den Sinn.
     Ich stellte gerade das Geschirr für den Nachtisch hin, als Loretta Bird außer Atem in der Fliegengittertür erschien.
     "Ich dachte schon, das Ding kracht ins Haus und bringt euch alle um!"
     Sie wohnte auf der Nachbarfarm, und die Peebles hielten sie für eine Landfrau, erkannten nicht den Unterschied. Ihr Mann bewirtschaftete die Farm nicht, er arbeitete beim Straßenbau und war berüchtigt für seine Sauferei. Die beiden hatten sieben Kinder, und im Hi- Way-Lebensmittelgeschäft durften sie nicht mehr anschreiben. Die Peebles hießen Loretta Bird willkommen, ahnungslos, wie sie waren, und boten ihr vom Nachtisch an.
     Der Nachtisch war bei ihnen nie etwas, wovon man anschließend schwärmte. Wackelpeter oder Bananenscheiben oder Obst aus der Dose. "Bleibt dein Tisch je ohne Apfelkuchen, sollen deine Lieben dich verfluchen", sagte meine Mutter immer, aber Mrs. Peebles verfuhr anders.
     Loretta Bird sah mich eine Dose Pfirsiche holen.
     "Ach, lassen Sie gut sein", sagte sie. "Ich hab nicht den richtigen Magen für Sachen, die aus Dosen kommen, ich kann nur Selbsteingewecktes essen."
     Ich hätte ihr eine knallen können. Ich war sicher, sie hatte noch nie Obst eingeweckt.
     "Ich weiß, weshalb er hier gelandet ist", sagte sie. "Er hat die Genehmigung, den Rummelplatz zu benutzen, um Leute auf Rundflüge mitzunehmen. Kostet einen Dollar. Es ist derselbe Bursche, der vorige Woche drüben in Palmerston war und davor weiter oben am Seeufer. Ich würde nicht mal mitfliegen, wenn ich's bezahlt kriegte."
     "Ich würde die Chance sofort ergreifen", sagte Dr. Peebles. "Ich würde diese Gegend gerne aus der Luft sehen."
     Mrs. Peebles sagte, sie sähe sie lieber vom Boden aus. Joey sagte, er würde gerne fliegen, und Heather sagte das auch. Joey war neun, und Heather war sieben.
     "Du auch, Edie?", fragte Heather.
     Ich sagte, ich weiß nicht. Ich hatte Angst, aber das gab ich nie zu, besonders nicht vor Kindern, auf die ich aufpassen musste.
     "Die Leute werden mit ihren Autos hier rauskommen, Staub aufwirbeln und über Ihren Grund und Boden trampeln, wenn ich Sie wäre, würd ich mich beschweren", sagte Loretta. Sie hakte ihre Füße um die Stuhlsprossen, und ich wusste, wir mussten uns auf einen langen Besuch gefasst machen. Nachdem Dr. Peebles in seine Praxis zurückgekehrt oder zu seinem nächsten Patienten gefahren war und Mrs. Peebles sich zu ihrem Nickerchen zurückgezogen hatte, saß sie dann herum, während ich abwusch, und lästerte über die Peebles in deren eigenem Haus.
     "Sie hätte keine Zeit, sich mitten am Tag hinzulegen, wenn sie sieben Kinder hätte wie ich."
     Sie fragte mich, ob sie sich stritten und ob sie was in der Küchenschublade hatten, um keine Kinder zu kriegen. Sie sagte, wenn ja, wäre es eine Sünde. Ich tat so, als wüsste ich nicht, wovon sie redete.
     Ich war fünfzehn und zum ersten Mal von zu Hause fort. Meine Eltern hatten das Geld zusammengekratzt und mich für ein Jahr auf die Highschool geschickt, aber da gefiel es mir nicht. Ich hatte Angst vor Fremden und tat michschwer mit dem Lernen, sie machten es einem nicht leicht, erklärten es auch nicht, wie sie es inzwischen tun. Am Ende des Jahres wurde der Notendurchschnitt in der Zeitung veröffentlicht, und meiner stand ganz am unteren Ende. 37 Prozent. Mein Vater sagte, das reicht, und ich konnte es ihm nicht verübeln. Ohnehin war das Letzte, was mir vorschwebte, irgendwann als Schullehrerin zu enden. Genau am selben Tag, an dem die Zeitung mit meiner Schande erschien, blieb Dr. Peebles zum Abendessen bei uns, nachdem er einer unserer Kühe geholfen hatte, Zwillinge zur Welt zu bringen, und er sagte, ich käme ihm ganz gescheit vor, und seine Frau suchte ein Mädchen, das ihr zur Hand ging. Er sagte, sie fühlte sich angebunden, mit zwei Kindern draußen auf dem Land. Mag gut sein, sagte meine Mutter aus Höflichkeit, obwohl ich ihrem Gesicht ablesen konnte, dass sie sich wunderte, wie in aller Welt es möglich war, nur zwei Kinder und keine Stallarbeit zu haben und sich dann noch zu beklagen?
     Wenn ich nach Hause kam, beschrieb ich, was ich tun musste, und das brachte alle zum Lachen. Mrs. Peebles hatte eine Waschmaschine und einen Trockner, die ersten, die ich je gesehen hatte. Ich habe diese Geräte jetzt seit so langer Zeit in meinem eigenen Zuhause, dass es mir schwerfällt, mich daran zu erinnern, welch ein Wunder es für mich war, nicht mit der Wringmaschine kämpfen oder die Wäsche aufhängen und abnehmen zu müssen. Ganz davon zu schweigen, kein Wasser heiß machen zu müssen. Und es wurde so gut wie nie gebacken. Mrs. Peebles sagte, sie könnte keinen Mürbeteig machen, das erstaunlichste Eingeständnis, das ich je gehört hatte. Ich konnte das natürlich, und ich konnte auch Kekse backen und Butterkuchen und Schokoladenkuchen, aber sie wollten das nicht, sie sagten, sie achteten auf ihre Figur. Das Einzige, was mir nicht daran gefiel, dort zu arbeiten, war, dass ich meistens Hunger hatte. Ich brachte mir immer eine Schachtel voll zu Hause gemachter Krapfen mit und versteckte sie unter meinem Bett. Die Kinder fanden das Versteck heraus, und ich hatte nichts dagegen, mit ihnen zu teilen, aber ich hielt es für besser, sie zum Schweigen zu verpflichten.
     Am Tag, nachdem das Flugzeug gelandet war, steckte Mrs. Peebles beide Kinder ins Auto und fuhr nach Chesley, um ihnen die Haare schneiden zu lassen. Es gab damals in Chesley eine gute Friseuse. Auch Mrs. Peebles ließ sich von ihr die Haaren schneiden, und das bedeutete, dass sie und die Kinder ziemlich lange weg sein würden. Sie musste einen Tag nehmen, an dem Dr. Peebles nicht unterwegs war, denn sie hatte kein eigenes Auto. Autos waren damals, gleich nach dem Krieg, immer noch rar.
     Ich war sehr gern in dem Haus allein, um meine Arbeit in aller Ruhe zu tun. Die Küche war ganz in Weiß und Hellgelb, mit Leuchtstoffröhren. Das war, bevor irgendjemand daran dachte, sich Küchengeräte in völlig verschiedenen Farben zuzulegen und Küchenschränke mit Furnier wie altes dunkles Holz und indirekte Beleuchtung. Ich liebte das Licht. Ich liebte die doppelte Spüle. Das würde jeder, der Geschirr bisher in einer Schüssel mit einem lumpenverstopften Loch auf einem Tisch mit einer Wachstuchdecke im Licht einer Petroleumlampe abwaschen musste. Ich brachte alles auf Hochglanz.
     Auch das Badezimmer. Einmal pro Woche nahm ich darin ein Bad. Sie hätten nichts dagegen gehabt, wenn ich öfter gebadet hätte, aber das schien mir zu viel verlangt, fast, als wäre es dann weniger wunderbar. Das Waschbecken, die Wanne und die Toilette waren alle rosa, und um die Wanne herum konnte man Glastüren mit aufgemalten Flamingos zuziehen. Das Licht hatte einen rosigen Ton, und die Badematte gab unter den Füßen nach wie Schnee, nur dass sie warm war. Der Spiegel hatte zwei Klappflügel. Wenn der Spiegel völlig beschlagen und die Luft von Dingen, die ich benutzen durfte, wie eine Parfümwolke war, stellte ich mich auf den Rand der Badewanne und bewunderte mich nackt, von drei Seiten. Manchmal dachte ich darüber nach, auf welche Art wir zu Hause lebten und auf welche Art wir hier lebten und wie schwer es fiel, sich die eine Art vorzustellen, wenn man auf die andere lebte. Aber ich dachte, Leute, die so lebten wie wir zu Hause, hatten es viel leichter, sich etwas wie das hier auszumalen, die Flamingos und die Wärme und die weiche Matte, während jemand, der nur Dinge wie diese kannte, es schwerer hatte, sich auszumalen, wie es auf die andere Art war. Und warum war das so?
     Ich hatte meine Aufgaben im Nu erledigt, hatte auch das Gemüse fürs Abendessen geputzt und in kaltem Wasser angesetzt. Dann ging ich in Mrs. Peebles Schlafzimmer. Ich war schon oft zum Saubermachen darin gewesen, und ich hatte immer einen ausgiebigen Blick in den Kleiderschrank geworfen, auf die Sachen, die sie dort hängen hatte. Ich hätte nie in ihre Schubladen geschaut, aber ein Kleiderschrank ist für jedermann offen. Das ist gelogen. Ich hätte auch in Schubladen geschaut, aber ich hätte mich dabei noch schlechter gefühlt und noch mehr Angst gehabt, sie könnte es merken.
     Einige Sachen in ihrem Schrank trug sie andauernd, ich kannte sie gut. Andere zog sie nie an, sie hingen ganz hinten. Ich war enttäuscht, kein Hochzeitskleid zu finden. Aber ich entdeckte ein langes Kleid, von dem ich nur den Rock sehen konnte, und ich fieberte danach, den Rest zu sehen. Also prägte ich mir ein, wo es hing, und nahm es heraus. Es war aus Satin, ein entzückendes Gewicht auf meinem Arm, von heller, bläulichgrüner Farbe, fast silbrig. Es hatte eine schmale, spitz zulaufende Taille, einen weiten Rock und Volants an den Schultern, um die kurzen Ärmel zu verbergen.
     Das Nächste war einfach. Ich zog meine eigenen Sachen aus und schlüpfte in das Kleid. Ich war mit fünfzehn schlanker, als jemand, der mich jetzt kennt, glauben würde, und es passte wunderbar. Ich trug natürlich keinen trägerlosen Büstenhalter, was hier erforderlich war, also schob ich die Träger zur Seite unter den Stoff. Dann versuchte ich mir die Haare hochzustecken, um die Wirkung zu verstärken. Eins führte zum anderen. Ich legte Rouge und Lippenstift auf und benutzte den Augenbrauenstift aus ihrer Frisierkommode. Die Hitze des Tages und das Gewicht des Satins und die ganze Aufregung machten mich durstig, und ich ging, so aufgemacht, wie ich war, in die Küche, um mir aus dem Kühlschrank ein Glas Gingerale mit Eiswürfeln zu holen. Die Peebles tranken den ganzen Tag lang Gingerale oder Fruchtsaft wie Wasser, und ich gewöhnte es mir auch an. Außerdem gab es Eiswürfel in unbegrenzter Menge, die ich so sehr mochte, dass ich sie mir sogar in ein Glas Milch tat.
     Ich stellte die Eiswürfelschale zurück, drehte mich um und sah einen Mann, der mich durch die Fliegengittertür beobachtete. Es war reine Glückssache, dass ich mir nicht sofort das Gingerale über das Kleid schüttete.
     "Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe angeklopft, aber Sie haben gerade das Eis herausgeholt und mich nicht gehört."
     Ich konnte nicht erkennen, wie er aussah, er war dunkel wie jemand dicht vor einer Fliegengittertür mit dem hellen Tageslicht hinter sich. Ich merkte nur, er war nicht von hier.
     "Ich bin aus dem Flugzeug da drüben. Mein Name ist Chris Watters, und ich möchte gern wissen, ob ich Ihre Pumpe benutzen darf."
     Im Hof stand eine Pumpe. So hatten die Leute sich früher mit Wasser versorgt. Jetzt fiel mir auf, dass er einen Eimer trug.
     "Ja, sicher", sagte ich. "Aber ich kann Ihnen das Wasser vom Hahn holen und das Pumpen ersparen." Wahrscheinlich wollte ich ihm klarmachen, dass wir Leitungswasser hatten und nicht zu pumpen brauchten.
     "Ich hab nichts dagegen, mich anzustrengen." Er regte sich jedoch nicht und sagte schließlich: "Wollten Sie auf einen Ball gehen?"
     Der Fremde vor der Tür hatte mich völlig vergessen lassen, wie ich angezogen war.
     "Oder kleiden sich die Damen in dieser Gegend nachmittags immer so?"
     Mir fiel keine witzige Antwort ein. Ich war zu verlegen.
     "Wohnen Sie hier? Sind Sie die Dame des Hauses?"
     "Ich bin das Dienstmädchen."
     Manche Menschen werden anders, wenn sie das herausfinden, ihre ganze Art, dich anzuschauen und mit dir zu reden, ändert sich, aber bei ihm nicht.
     "Ich wollte Ihnen nur sagen, Sie sehen ganz reizend aus. Ich war völlig überrascht, als ich zur Tür hereinschaute und Sie sah. Einfach, weil Sie so reizend aussahen und so schön."
     Ich war damals noch nicht alt genug, um zu erkennen, wie ungewöhnlich es für einen Mann ist, so etwas zu einer Frau zu sagen oder zu einem Mädchen, das er wie eine Frau behandelt. Ein Wort wie schön zu sagen. Ich war nicht alt genug, um es zu erkennen oder etwas zu erwidern, um irgendetwas anderes zu tun als zu wünschen, er würde weggehen. Nicht, dass ich ihn nicht mochte, aber es brachte mich ganz durcheinander, dass er mich ansah und mir nichts zu sagen einfiel.
     Er muss verstanden haben. Er sagte Auf Wiedersehen, bedankte sich bei mir, ging und füllte seinen Eimer an der Pumpe. Ich stand hinter der Jalousie im Wohnzimmer und beobachtete ihn. Als er fort war, ging ich ins Schlafzimmer, zog das Kleid aus und hängte es wieder an seinen Platz. Ich zog meine eigenen Sachen an, ließ die Haare herunter und wischte mir das Gesicht mit Kleenex-Tüchern ab, die ich in den Papierkorb warf.

zu Teil 2