Vorgeblättert

Jon McGregor: Nach dem Regen. Teil 2

14.02.2005.
Die Stille dauerte nicht sehr lang, die Leute strömten hinaus auf die Straße, schrien, rissen Fenster und Türen auf.
Eine Frau von hinten aus der Straße kam heraus- und auf die Menschen zugerannt, blieb auf halbem Wege stehen, fuchtelte mit den Händen.
Der Mann auf der Leiter wählte eine Nummer auf seinem Handy, bevor er herunterkam und den letzten Fensterrahmen unfertig ließ.
Leute, die ich noch nie gesehen hatte, kamen aus den Häusern heraus zu den anderen.
Ich und die andere junge Frau, Sarah, wir saßen einfach nur da, starrten und bekamen den Mund nicht mehr zu.
Wenn wir uns näher gewesen wären oder jünger, hätten wir uns vielleicht an der Hand gehalten, ganz fest, aber das taten wir nicht.
Ich glaube, sie nahm ihr Bier in die Hand und trank noch einen Schluck, und ich glaube, ich trank auch was.
Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, daß ich auf den Vorhang von Beinen auf der Straße starrte und hindurch zu sehen versuchte.
Nicht hindurch zu sehen versuchte.

Nach ein paar Minuten beruhigte sich der Aufruhr auf der Straße wieder.
Die Menschenansammlung löste sich auf, wandte sich ab.
Die Leute blickten in Richtung Hauptstraße, sahen auf die Uhr, warteten.
Ich weiß noch, daß mir auffiel, daß aus einem halben Dutzend Fenster an der Straße immer noch Musik kam, und dann wurden die Lieder abgedreht, eines nach dem anderen, wie die Lichter, die am Ende der Waltons ausgehen.
Ich erinnere mich an den Geruch von Verbranntem und sah, daß die Jungs von gegenüber das Fleisch auf dem Grill vergessen hatten.
Ich konnte den Rauch sehen, der sich in den Himmel wand.
Ich konnte Gesichter hinter Scheiben sehen.
Ich konnte Menschen sehen, die den Kopf hoben und zu der einen Tür blickten, die immer noch geschlossen war.
Darauf warteten, daß sie aufging und hofften, daß sie nicht aufgehen würde.

Ich habe keine Ahnung, warum mir das alles noch so frisch vor Augen steht, selbst jetzt, drei Jahre später und einige hundert Kilometer weit weg.
Ich denke daran, und mir fallen nicht mal mehr die Namen der Leute ein.
Ich weiß nur noch, wie ich dasaß, diese tuschelnden, angespannten Augenblicke des Wartens.
Leute, die zum Ende der Straße liefen, auf der Hauptstraße nach links und rechts liefen, sich reckten, damit sie um die Ecke sehen konnten.
Sich wieder zu den anderen zurückdrehten und die Achseln zuckten.
Der alte Mann aus der Fünfundzwanzig mit dem Pinsel in der Hand, hinter ihm eine Tropfspur blaßblauer Farbe, der auf die geschlossene Tür zuging.
Sich mit der Handfläche über die bärtigen Wangen strich.
Klopfte.
Das ferne Heulen eines Martinshorns, der Mann, der an die Tür klopfte.

*

Ein Taxi gleitet in die Straße, der Motor tuckert laut, als die Türen aufgehen und ein halbes Dutzend junger Leute sich gutgelaunt auf das Pflaster ergießt.
Eine Pause entsteht; der Fahrpreis wird bezahlt, die Türen werden zugeknallt, und das Taxi fährt davon und ist nicht mehr zu sehen. Und sie stehen kurz da, blinzeln und grinsen und warten unsicher ab, eine große, dünne junge Frau mit einem superkurzen Rock und glitterverklebten Augen, ein junger Mann mit beiger Stoffhose und einem Ring in der Augenbraue, ein Mädel mit gigantischen Turnschuhen und einer Armeehose und rosa gefärbten Haaren. Langsam gehen sie die Straße entlang, selig lächelnd, die Köpfe voller Musik und Licht, die Nervensysteme überstimuliert von Hormonen und Chemie und der Hochstimmung der Nacht.
Eine sehr kleine junge Frau, die außer Shorts und einem BH nichts anhat und deren Zehennägel im selben Violett und Pink und Grün angemalt sind wie ihre Fingernägel, faltet die Hände und betrachtet die abgeschliffenen, nackten Fensterbretter von Haus Nummer fünfundzwanzig, sie sagt, die sehen ja ganz nackt aus, sie betrachtet die Eimer mit blaßblauer Farbe, das Blau, das seitlich am Eimer heruntergelaufen ist, sie betrachtet die Pinsel und Spachtel und sagt eine schöne Farbe das wird aber schön, doch niemand hört ihr zu.
Ein junger Mann mit einem fast sauberen weißen Hemd, dem eine Krawatte locker um den Hals hängt, springt auf das Gartenmäuerchen von Nummer neunzehn, balanciert auf einem Bein, er sagt psst psst hört ihr das und als die anderen stehen bleiben und fragen was, sagt er nichts, hört ihr nichts, hört sich schön an, und er läßt sich herunterfallen und hofft, daß ihn der Typ mit der beigen Stoffhose und dem Ring in der Augenbraue auffangen kann.
Auf der anderen Straßenseite, in einem Schlafzimmer im Obergeschoß von Nummer zweiundzwanzig, wacht eine junge Frau auf und hört jemanden von der Stille des Morgens reden. Sie hört der lauten Stimme zu, die vertraut klingt, sie richtet sich im Bett auf, setzt ihre Brille auf und sieht sich die Leute auf der Straße an. Sie kennt sie, ein paar von ihnen wohnen in der Siebzehn, sie fragt sich, wo sie wohl waren, während sie die Brille abnimmt und wieder unter die Decke kriecht.

In der unteren Wohnung in Haus Nummer zwanzig liegt ein Mann mit dünner werdendem Haar und einem sorgsam gestutzten Schnurrbart wach und lauscht den Geräuschen draußen. Er hat die Augen offen, runzelt die Stirn, konzentriert sich auf das, was er hören kann. Er horcht auf verräterische Anzeichen, das gestochen scharfe Knacken einer Dose, die mit dem Fuß zertreten wird, das Klirren einer zerschmissenen Flasche. Sein Blick wandert hin und her, konzentriert sich, sucht. Doch er hört nichts, und als die Stimmen schwächer werden, macht er die Augen wieder zu, dreht sich mit dem Gesicht nach unten, weg vom Licht, und hofft auf ein wenig mehr Schlaf, bevor der Tag beginnt.
Draußen öffnet der Typ mit dem weißen Hemd die Haustür der Siebzehn, die anderen folgen ihm hinein, drehen sich langsam im Kreis, suchen das zusammen, was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen, Saftpackungen und Colaflaschen, Schokoladentafeln und Chipsrollen, Kassetten, CDs, Kissen, Bettdecken, Zigarettenpapierchen, Zigaretten, Kerzen und Räucherutensilien und Streichhölzer und Drogen. Sie machen es sich hinten im Schlafzimmer gemütlich, die große dünne Frau mit dem Glitter um die Augen sagt jetzt sei nicht so bescheuert Mann, das würde ja wohl alles auf dem Boden landen und deine Beine runter und so, und sie kichert und dreht sich nach etwas zu trinken um, und als das Kerzenlicht auf ihr Gesicht trifft, glitzert ihre Haut wie geborstenes Glas in der Sonne.
Im vorderen Schlafzimmer des Obergeschosses von Haus Nummer neunzehn wacht eine Frau plötzlich auf. Sie sieht auf die Uhr, sie sieht ihren schlafenden Mann an, sie fragt sich, warum sie aufgewacht ist. Auf der Straße ist nichts zu hören, die Kinder geben keinen Mucks von sich. Sie läßt sich vorsichtig aus dem Bett gleiten, ihre Blase ist auf einmal voll und drückt, sie steht auf und öffnet die Tür so langsam, daß sie nicht knarrt. Auf dem Weg ins Bad wirft sie einen Blick ins Kinderzimmer und sieht nach den Kleinen. Sie hockt sich vor die unteren Etagenbetten und streckt sich zum oberen. Voll verschlafener Liebe blickt sie die drei an, sie sieht mit halb offenen Augen, wie sich die kleinen Körper heben und senken, sie hält die Hand kurz über die Gesichter, um den warmen Hauch und Sog ihres Atems zu spüren. Sie murmelt ein kurzes Gebet für sie und schließt vorsichtig die Tür, tappt zur Toilette, setzt sich hin und erleichtert sich und sieht den Schatten der Tauben zu, die über die Badezimmerwand flattern.

Teil 3