Vorgeblättert

Claus Christian Malzahn: Die Signatur des Krieges. Teil 4

03.03.2005.
Das Trauerspiel von Afghanistan


Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all,
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie?s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter, blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden?s nicht müd,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.


Fontane irrt nur in der Zahl der Toten. Merkwürdig, daß er der einzige Dichter war, der die größte Militärkatastrophe des 19. Jahrhunderts literarisch verarbeitete. In England blieb es zunächst bei Sachbüchern. Lady Sale, die ein dreiviertel Jahr nach ihrer Geiselnahme von ihrem Mann Robert Sale persönlich aus der Gewalt Akbar Khans befreit wurde, veröffentlichte ihr afghanisches Tagebuch; ein beeindruckendes Dokument über Tapferkeit, Leichtsinn, Arroganz und Dummheit einer Weltmacht. Ihr Mut brachte Lady Sale in England den Ruf der idealen Offiziersgattin ein. Auch Brydon, zum Zeitpunkt der Katastrophe 31 Jahre alt, brachte später seine Erinnerungen zu Papier. Am Rachefeldzug der Briten, die zwei Jahre nach der Katastrophe Kabul in eine Trümmerwüste verwandelten, nahm er nicht teil. Er verdiente sich später in Indien noch einen Tapferkeitsorden bei der Niederschlagung eines Aufstandes und kehrte schließlich in seine Heimat Schottland zurück, wo ihn 1873 ein friedlicher Tod im eigenen Bett ereilte.


Wir erreichten Angur Ada um neun Uhr morgens. Es war ein strahlend blauer, kalter Tag. Angur Ada lag auf einem Hochplateau und war nichts weiter als eine Ansammlung von Lehmhäusern und Blechhütten. Bevor wir in den Ort fuhren, wollte ich mich bei einem nahe gelegenen amerikanischen Stützpunkt nach jüngsten Ereignissen erkundigen. Das rechteckige Camp der Amerikaner lag auf einem Hügel. An jeder Ecke des Forts war ein Turm, der Haupteingang war mit Sandsäcken abgesichert, das ganze Areal von einem Graben umgeben. Ein US-Offizier kam heraus, nachdem ich einen afghanischen Scout gebeten hatte, mich anzumelden. Der Mann war kurz angebunden. Interviews durfte er nur nach Rücksprache mit der Zentrale in Bagram bei Kabul geben. Ich fragte, wie die Situation in Angur Ada gerade sei. Er sagte: "Ich würde da nicht hinfahren. Wir werden da ständig beschossen."
Die Amerikaner hatten sich mit hundert Mann Besatzung in ihrem Fort eingebunkert. Verpflegung, Munition und Benzin kamen per Hubschrauber aus der Luft. Auf Patrouille gingen die Soldaten nur, wenn es unbedingt sein mußte. Zu den Stammesältesten der Gegend hielten sie Kontakt, ab und zu traf man sich zum Tee - aber nie ohne Militärpolizisten, deren MGs bei derlei Konferenzen immer entsichert waren.
Den Kampf an der Front überließen die US-Soldaten ihren afghanischen Verbündeten. Ihr Fort verließen sie wie im Wilden Westen nur zu Strafexpeditionen. Doch während die Kavallerie im Kino sieben Minuten vor Filmende noch rechtzeitig eintrifft, kamen die US-Soldaten in Angur Ada fast immer zu spät.

Ich traf Ramatullah in einem Lehmhäuschen direkt an der Grenze. Die Einschusslöcher und Patronenhülsen fielen mir sofort auf. Der letzte Angriff der Taliban war kaum zwei Stunden her. Das Häuflein der Kämpfer wurde von Ramatullah kommandiert, einem 25jährigen Tadschiken. Er hatte vorher für die Nordallianz gekämpft. Die Paschtunen hier konnten ihn nicht leiden. Ramatullah zeigte mir, wo sich die Taliban während des Angriffs verschanzt hatten. Man sah im Lehmboden noch die Druckstellen, die ihre schweren Waffen hinterlassen hatten. "Die Taliban haben Granatwerfer. Und wir? Gerade mal 18 Kalaschnikows für 25 Männer", beschwert sich Ramatullah bei mir. Offenbar trauten die Amis ihren Freunden nicht.
Ramatullahs Truppe war offenbar der Köder, den die Amerikaner für die Taliban ausgelegt hatten. Die Angreifer kamen immer von der pakistanischen Seite, dort wurden die Taliban nicht verfolgt. Ramatullah nahm sogar an, daß die pakistanische Armee und die Taliban unter einer Decke steckten. Es war jedenfalls klar, daß die pakistanischen Grenzposten den Angriff bei Nacht bemerkt haben mußten, denn der Schleichweg, den die Taliban benutzt hatten, führte direkt an ihren Positionen vorbei.
Nach einer Stunde mahnte Ebadullah zum Aufbruch. Unsere Ankunft hatte sich im ganzen Dorf herumgesprochen. Ebadullah fürchtete, daß die Rebellen Minen auf der Straße, die wir beim Rückweg benutzen mußten, im Sand verstecken würden. Mohammed, der alte Krieger, pflichtete ihm bei. "Wir müssen weg. Als ich das letzte Mal hier war, haben sie die Minen sogar ferngezündet. Um ein Haar hätten sie uns erwischt."
Gegen Abend erreichten wir ohne Zwischenfälle - von drei Reifenpannen abgesehen - eine kleine Stadt. Der Ort lag 200 Kilometer, etwa 10 Stunden, vor Kabul. Wir übernachteten bei einem Karzai-treuen Stammesführer. Er war dunkelhäutig, hatte dunkle Augen und pechschwarze Haare. Als er hörte, daß ich Deutscher bin, klatschte er vor Begeisterung in die Hände. "Dann gehören wir zur selben Rasse, auch ich bin Arier!" sagte er und fixierte meine roten Haare. Ich wollte nur noch schlafen.

Ich hatte brüllende Kopfschmerzen, Aspirin half nicht. In Kabul legte ich mich in meinem Zimmer bei B?s Place zwei Tage ins Bett, denn ich war nicht flugfähig, weil ich mir, offenbar beim überlebenswichtigen Teetrinken, einen aggressiven Virus eingefangen hatte, der mir heftigen Schwindel und Übelkeit verursachte. Ich las ein bißchen, aber die Buchstaben tanzten wild umher und machten, was sie wollten. Wenn ich schweißgebadet wach wurde, dachte ich darüber nach, wie man aus Menschen wie Asef Khan in Orgun schlau werden kann und beschloß nach einer Weile, es künftig gar nicht mehr zu versuchen, weil es Dinge gibt, die man eben nicht versteht.


Genau 121 Jahre nach dem Todesmarsch der "Army of the Indus" lief der englische Anthropologe Dr. Lois Dupree die Rückzugsroute von Kabul aus in einem freiwilligen Erkundungsmarsch ab. Er wollte herausfinden, was die Afghanen von ihrem großen Sieg noch erinnerten, und begann seine Reise, genau wie seine unglücklichen Vorgänger, am 6. Januar. Nach einigen Tagen erreichte er ein kleines Paschtunendorf in der Nähe von Gandamack. Die rote Farbe der Felsen in dieser Gegend rühre vom Blut der Briten, heißt es bis heute. Ein Geschichtenerzähler berichtete Dupree, was damals seiner Ansicht nach vorgefallen war, als Queen Victoria Afghanistan erobern lassen wollte: "Jemand erzählte den Briten, das MacNaghten umgebracht worden war. Die Briten wollten das nicht glauben. Sie sagten: 'Es ist unmöglich, daß unser Anführer tot ist und sich der Himmel noch immer an derselben Stelle befindet.' Dann schossen die Briten ihre Kugeln in den Himmel. Ihre Kanonen waren viel genauer als unsere. Sie waren wütend auf Gott; denn ihr Anführer war getötet worden. Aber der Himmel hat sich deshalb nicht bewegt."


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Matthes & Seitz Berlin


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