Vorgeblättert

Claus Christian Malzahn: Die Signatur des Krieges. Teil 3

03.03.2005.
Die Hilfsorganisationen, von denen es in Kabul nur so wimmelte, mieden die Provinz Paktika hier an der Grenze zu Pakistan. Erst ein paar Wochen zuvor war auf der Straße wieder ein Autofahrer erschossen worden, der Wagen wurde gestohlen, der Afghane verblutete im Sand. "Die Leute töten hier aus Armut", sagte Khan achselzuckend.
Seine Kämpfer verdienten jetzt zwar harte Dollar. Doch die Stammesbrüder in Pakistan hielten die Paschtunen von Orgun für Verräter. Besonders attraktiv war der Job ohnehin nicht. "Wenn wir vermintes Gelände nach Terroristen durchsuchen, schicken die Amis meine Männer immer nach vorn", sagte Khan.
Ebadullah tat so, als würde er mit irgendjemandem in Kabul telefonieren. Khan sollte das Gespräch genau mitbekommen. Ebadullah schrie in sein Satellitentelefon: "Wir sind jetzt in Orgun. Der Stammesführer, Asef Khan, hat uns freundlich aufgenommen. Wir wissen noch nicht, wann wir weiterfahren, wahrscheinlich bleiben wir ein paar Tage hier und genießen seine Gastfreundschaft."
Das war gelogen. Es stand für uns fest, am nächsten Morgen Richtung Grenze aufzubrechen. Doch Ebadullah, der in Kabul aufgewachsen war, traute hier niemandem, auch nicht Khan. Andererseits waren wir auf ihn angewiesen. Das Telefonat verfehlte jedenfalls seine Wirkung nicht. Khan glaubte, daß wir wichtige Leute aus Kabul seien, und mit Kabul wollte er sich nicht anlegen. Als wir ihn am nächsten Morgen fragten, ob er uns einige Kämpfer zum Schutz mitgeben könne, willigte er ein und suchte sie persönlich aus. So wurden wir von Mohammed, einem etwa 70 Jahre alten Kämpfer und Cher, der etwa 30 Jahre jünger war, auf der letzten Etappe begleitet. Sie waren mit Kalaschnikows bewaffnet. Mohammed erschien mir viel zu alt, doch Asef Khan beruhigte mich. "Old but gold!" sagte er lachend. Und tatsächlich gab es im Umkreis von 100 Kilometern vermutlich keinen erfahreneren Kämpfer als ihn. Er kannte jeden Strauch, jeden Schleichweg - und jede Stelle, an der wir uns vor einem Hinterhalt in acht nehmen mußten.
Bei Sonnenaufgang brachen wir auf. Ich hatte von wilden Tieren gehört, die diese karge Steppe auf der Suche nach Beute durchstreiften. Einige hundert Meter entfernt tauchte plötzlich ein Wolfshund aus einer Senke auf, im Maul trug er ein blutiges Bündel Fleisch. "Er hat eine Ziege gerissen!" rief ein Krieger, der die Nachtwache gehalten hatte. Er lud sein Gewehr durch und schoß. Der Wolf verschwand so plötzlich, wie er gekommen war und dann fuhren Ebadullah, Cher, Mohammed und ich nach Angur Ada.
Unterwegs beschwerte sich Cher, der die Gegend noch nie in seinem knapp 40jährigen Leben verlassen hatte, daß ich morgens nicht gebetet hatte. Ebadullah beruhigte ihn. "Er weiß, daß es einen Gott gibt. Er betet nur anders als wir." Cher war mit der Antwort nicht zufrieden. "Du mußt ihm das Beten beibringen. Das ist wichtig!"

Mein Leben lag nun in der Hand von Leuten, die ich gar nicht oder - wie Ebadullah - erst ein paar Tage kannte. Ebadullah traute ich, er war mir von Matthew als Guide empfohlen worden. Ich war nicht beunruhigt. Ich wollte nur endlich ankommen in diesem Ort, vor dem ich mich in Kabul noch gefürchtet hatte, doch je näher wir Angur Ada kamen, desto mehr wich die Angst aus meinen Gliedern - und ich kann nicht einmal sagen, warum.



Über die Frage, ob die Afghanen den Briten freies Geleit auf dem Weg in das etwa 130 Kilometer entfernte Jalalabad zugesichert haben, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Entscheidend ist, daß ein afghanisches Ehrenwort nach der Ermordung MacNaghtens und seiner Begleiter nicht mehr viel wert war. Alle Offiziere sahen das so. Nur Elphinstone glaubte in einer merkwürdigen Mischung aus Angst, Betriebsblindheit und schierem militärischem Unvermögen, ein Rückzug über 86 Meilen durch eiskaltes, schneeverwehtes, bergiges Gelände ohne Proviant, ausreichende Waffen, winterfeste Kleidung und Zelte sei tatsächlich möglich.
Notwendig war diese Strapaze nicht. Zum Jahreswechsel 41/42 wäre die Festung Balla Hissar am Stadtrand noch zu erobern gewesen, die Bewohner des britischen Lagers hätten innerhalb der Mauern überwintern und auf Entsatz von Kandahar warten können. Bis zuletzt hofften Elphinstones Offiziere, der General möge den Befehl zum Angriff auf Balla Hissar geben, noch am Tag, als die 16000 Seelen aus Kabul wie eine riesige schwarze Schlange Richtung Osten zogen, hofften sie vergeblich.

Alle Versuche, diesem gigantischen Abmarsch durch meterhohen Schnee und Eis so etwas wie ein militärisches Gefüge zu geben, schlugen fehl. Etwa 4500 Soldaten waren unter den Flüchtenden; darunter etwa 600 britische Infanteristen aus einem Garderegiment der Königin und 100 britische Angehörige der Pferde-Artillerie. Bei den übrigen 3800 Soldaten handelte es sich um eine wilde Mischung aus indischer Kavallerie, Pionieren, Minenlegern und Fußsoldaten. Schon wenige Meilen nach dem Verlassen Kabuls löste sich jede Ordnung auf. Gegen den Schnee kämpften Soldaten genauso wie Frauen, Kinder und Diener, auch die Kamele und Ponys blieben stecken. Bereits am Nachmittag dachte jeder nur noch an sein eigenes Fortkommen, manche aber erwartete schon jetzt nur noch der Tod. Einem britischen Offizier fiel am Wegesrand ein indisches, halbnacktes Kind auf, das von seinen Eltern entweder ausgesetzt worden war oder sie in dem Chaos verloren hatte. In seinem später aufgefundenen Tagebuch notierte er: "Es war ein hübsches, vielleicht zwei Jahre junges Mädchen, gerade noch stark genug, um aufrecht im Schnee zu sitzen, die Beine unter sich gekreuzt. Die schwarzen Augen schienen doppelt so groß wie sonst, damit fixierte sie die vorbeiziehenden Soldaten, die Reiter und alle anderen Menschen, die teilnahmslos an ihr vorbeizogen."

Florentia Sale und die Witwe des ermordeten William MacNaghten marschierten mit anderen Frauen und etwa 20 Kindern an der Spitze. Da Attacken aus dem Hinterhalt meist die Mitte eines Konvois oder einer Kolonne treffen, um den Zug zu spalten, war es dort relativ sicher. Den Einbruch der ersten Nacht erlebte sie "ohne Zelt, bis auf ein oder zwei Decken. Alle kratzten den Schnee weg, so gut es ging, um einen Liegeplatz zu finden. Der Abend und die Nacht waren furchtbar kalt. Weder für uns noch für das Vieh gibt es Nahrung." Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Kolonne gerade sechs Meilen Marsch seit Kabul geschafft. Weitere 80 Meilen und unzählige Hinterhalte lagen vor der Armee. Spätestens an diesem Abend dämmerte den meisten, daß sie an einem Todesmarsch teilnahmen.
Es gab keinen Zeitpunkt seit dem Verlassen Kabuls, an dem der Konvoi nicht angegriffen worden wäre. Die Afghanen attackierten den Zug der Verzweifelten wie hungrige Wölfe. Die ersten großen Verluste kamen am Khord-Kabul-Paß. Ohne natürliche Deckung wurden die Briten im Gebirge abgeschossen wie Hasen.
Der Khord-Kabul-Paß hätte eigentlich am ersten Tag von einem Stoßtrupp der Infanterie gesichert werden sollen. Doch anstatt diese 15 Meilen lange, gefährliche Passage so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, ordnete Elphinstone schon sechs Meilen hinter Kabul eine Nachtrast an. Das gab den feindlich gesinnten Afghanen genug Zeit, den Paß in Besitz zu nehmen. In sicherer Höhe warteten sie nun auf die schutzlosen, heranziehenden Truppen, denen man in Kabul - Teil der von Elphinstone unterzeichneten Kapitulation - sogar die neuen Musketen abgenommen hatte.

Spätestens hier zerfloß die legendäre "Army of the Indus" wie Kerzenwachs auf einer heißen Herdplatte. Der Befehlshaber erteilte auch längst keine Befehle mehr, stumm, mit apathischem Blick, saß er auf seinem Pferd und ergab sich seinem Schicksal.
Tag und Nacht dauerten die Angriffe, denn der Mond schien hell am Himmel und leuchtete die Berge aus wie ein Scheinwerfer eine Bühne. Der Neuschnee reflektierte das Licht, das auf diese Tragödie fiel und legte ein Bild des Jammers frei. Verwundete Soldaten flehten ihre Kameraden an, sie zu erschießen, um nicht lebend in die Hände des Feindes fallen zu müssen. Vor allem die indischen Bediensteten, die nur dünn angezogen und die Kälte nicht gewohnt waren, klagten über erfrorene Hände und Füße. Die Sepoys verbrannten in Ermangelung von Feuerholz ihre Uniformmützen. Als am Morgen des 7. Januar zum Abmarsch geblasen wurde, konnten viele Diener nicht laufen, weil ihnen ihre Beine nicht mehr gehorchten.
Viele Soldaten waren über Nacht desertiert. Sie rechneten sich als Gefangene in Kabul größere Chancen aus als im Gebirge, wo der Wind so kalt blies, daß den Pferden Eiszapfen von den Nüstern hingen. Keiner der Fahnenflüchtigen wurde von den Afghanen geschont.
Inzwischen marschierten Zivilisten an der Spitze; selbst die erfahrensten Soldaten waren demoralisiert, verwundet oder geschwächt. Ein Hauptmann klagte darüber, daß seine Augen "von der Reflexion des Sonnenlichts durch den Schnee so entzündet sind, daß ich fast blind bin". Fast klaglos trugen die Frauen ihr Schicksal. Nachdem sie mit anderen Offiziersgattinnen das Ende des Passes zwar lebend, aber verwundet erreicht hatte, notierte Florentia Sale lakonisch in ihrem Tagebuch: "Glücklicherweise steckt nur eine Kugel in meinem Arm."

3000 Menschen waren bis zum Abend des 9. Januar erfroren oder erschossen worden; zehn Meilen waren erst geschafft. Lady Sale und die anderen Frauen begaben sich am 11. Januar angesichts der aussichtslosen Situation freiwillig in Geiselhaft bei Akbar Khan. Niemand traute ihm, schließlich hatte er schon bei der Ermordung MacNaghtens eine zwielichtige Rolle gespielt. Wäre Lady Sale aber weiter Richtung Jalalabad marschiert, hätte das den sicheren Tod bedeutet, also stimmten die Frauen zu. Khans Angebot galt freilich nur für die britischen Offiziersgattinnen; die Frauen der Sepoys und die Afghaninnen, darunter viele Schwangere und junge Mütter mit Kleinkindern, versprachen kein Lösegeld.
In den nächsten Tagen wurden die Angriffe der Afghanen immer heftiger, der Widerstand der Briten immer schwächer. Auch Elphinstone geriet in Geiselhaft. Monate später starb er als Gefangener an der Ruhr. Als seine letzte Stunde nahte, wollte ihm ein Offizier den Tod mit etwas Morphium erleichtern. Elphinstone verfügte trotz alledem, was vorgefallen war, noch über soviel Selbstachtung, "mit klarem Verstand" vor seinen Schöpfer treten zu wollen und lehnte die Einnahme der Droge ab.

Am 12. Januar erreichten die letzten britischen Truppen des 44. königlichen Regiments, nur noch wenige hundert Soldaten, die Höhen bei Gandamack. Hier kämpfte die "Army of the Indus" ihr letztes Gefecht. Fast ohne Munition, ausgezehrt und kaum bewaffnet drängten sich die Soldaten in der Ebene zusammen und warteten auf den Tod. Britische Militärmaler pflegten den finalen Kampf der 44th Foot als brüderlich-heroisches Aufbäumen darzustellen; in Wirklichkeit müssen die letzten Stunden bei Gandamack ein erbärmliches Schlachtfest gewesen sein. Noch heute steigen britische Reisende auf der Strecke von Kabul nach Jalalabad bei Gandamack aus und bekunden den Toten schweigend, stehend, die Hände an der Hosennaht, ihren Respekt.
Die letzten Soldaten fielen am 13. Januar. Kinder, Frauen, Sepoys und Afghanen waren längst auf der Strecke geblieben. Nur zum Vergleich: In diesen wenigen Tagen des Januar 1842 verlor die britische Armee mehr Männer als die Sowjets bei ihrem anmaßenden Feldzug an den Hindukusch in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Vom Einmarsch im Dezember 1979 bis zum Abzug der letzten Rotarmisten im Januar 1987 verloren die Russen ungefähr 14500 Armeeangehörige in Afghanistan - die Amerikaner beklagten in den Jahren 2001 bis 2003 hier nicht einmal 200 Soldaten.
Im Januar 1842 kam nur einer durch. Ein Militärarzt namens William Brydon hatte es geschafft, sich auf der Flucht in der Hütte eines afghanischen Hirten vor den grausamen Verfolgern zu verbergen. Der Paschtune versteckte den Schotten einige Tage und setzte ihn dann, nachdem Schüsse, Schreie und Wehklagen in Gandamack verstummt waren, auf ein Pony. Warum er Brydon gerettet hat, ist unklar. Vielleicht hatte er einfach Mitleid mit ihm.
Theodor Fontane hat von der Katastrophe am Hindukusch vermutlich schon auf seiner ersten England-Reise, im Jahre 1844, gehört. Das Thema muß ihn zeitlebens beschäftigt haben, denn 54 Jahre später, kurz vor seinem Tod, schrieb er eine Ballade mit dem Titel "Das Trauerspiel von Afghanistan".

Teil 4