Vorgeblättert

Catalin Dorian Florescu: Der kurze Weg nach Hause, Teil 2

In Calea Sagului fragten wir nach der Verdi-Straße, und Männer in Trainingsanzügen auf Plastikstühlen vor einem vergitterten Kiosk mit Namen Bar/Boutique Oana sagten: "Die erste rechts und zwei Meter tief." Sie lachten sich schief und fügten hinzu, die Verdi-Straße sei eher tief als lang, weil dort die meisten Meteoriten einschlugen. Meteoriten waren: Wasserrohrbrüche, Gasleitungsexplosionen oder schlechter Zement.
Vor dem Eingang 15/a saßen auch Männer, ältere, und spielten Remi unter der einzigen Straßenlampe weit und breit. Jene, die keine Plastikstühle unter sich hatten, hatten Ziegel oder Holzkisten. Sie fluchten, wenn sie schlechte Steine bekamen, und wenn sie gute bekamen, pfiffen sie lang vor sich hin oder einmal kurz vor Überraschung. Es gab vier Männer, drei Hunde, die den Bauch an den Asphalt drückten, und einen Mückenschwarm hoch oben. Wenn einer der Männer gestochen wurde, klatschte er mit der Hand auf den Arm, die Wange oder den Nacken. "Mordstiere", murmelte er, ohne den Blick von den Steinen zu heben. "Mordstiere", wiederholte ein anderer.
Ich bat sie auf den Wagen aufzupassen, und sie erwiderten, daß wir ihn ausräumen sollten. "Ausländische Wagen sind hier eine Attraktion. Vollbeladene ausländische Wagen ein Magnet", meinte einer von ihnen, während er eine Mücke zwischen den Fingern zerdrückte. Dann wischte er sich das Blut am Hemd ab. "Jetzt habe ich dich am Hemd, Nicule", rief er einem der anderen Spieler zu.
Ich sagte, ich sei Ovidiu, der Neffe von Bajenaru. Sie sagten, ich sollte den Wagen so lassen, wie er war. Wenn ich mich nicht beeilte, hätte ich einen Onkel gehabt.
Einen Onkel gehabt? Ich war gerade dabei, wieder einen Onkel zu haben, und jetzt starb er mir weg.
Die Tante nahm mein Gesicht in ihre Hände und küßte mich auf beide Wangen. Sie nahm auch Lucas Gesicht in die Hände und tat genau dasselbe. Luca blieb verblüfft stehen. Daß er zusammen mit mir war, hatte ihr genügt.
Sie war ausgedörrt und sehnig. Sie lief barfuß umher. In der Wohnung und vor dem Haus, das hatte Vater erzählt. Nicht anders als im Dorf. Seit fünfundzwanzig Jahren in der Stadt, und das Dorf saß ihr immer noch in den Knochen. Ihre Füße waren kräftige breite Ostfüße, wie Zsofias Füße, als sie im Türrahmen gestanden hatte, die leicht behaarten Arme vor der Brust verschränkt, und der Blick mit vielen Rissen. Aber Zsofia machte nur den Eindruck, daß sie in ihren Beinen war wie ein Baum in seinen Wurzeln. Sie war es nicht, meine Tante hingegen schon. Wie sie gerade dastand, die Fersen fest in den Boden gedrückt, so hätten der Tod, die Partei oder das große Erdbeben von 1977 kommen können, erschüttert hätte sie es nicht."Wenn du angerufen hättest, daß du kommst, hätte ich gekocht."
Sie ging in die Küche Kaffee kochen, und vom Flur aus sah ich Onkels Füße im Wohnzimmer. Blau, violett, rot und an einem Fuß fehlte der große Zeh. Da war ein Loch im Fleisch. Ich schaute ins Zimmer hinein, und plötzlich lag der ganze Onkel da in einem sauberen gebügelten Pyjama. Der Onkel und der Tod, denn der war gekommen und drückte sich jetzt fest an ihn.
"Was ist mit dem Zeh passiert?"
"Das Saufen ist passiert. Das Saufen ist ihm in den Zeh gegangen, nachher ins Hirn."
"Mein Bedarf an Toten ist gedeckt", zischte Luca zwischen den Zähnen, als er den Onkel sah. Er wollte seinen Kaffee in der Küche trinken und auf keinen Fall ins Wohnzimmer kommen.
Die Tante lachte, als ich ihr erklärte, daß Luca vor Onkels Tod Angst hatte. Denn Angst müsse man nur vor den Gangstern haben, die das Land nach dem Diktator regierten, aber sicher nicht vor ihrem Mann, der seit Jahren keinen Fuß mehr vor den anderen setzen konnte. Und außerdem sei er noch nicht tot, nur nicht mehr ganz lebendig. Seit zwei Wochen kämpfe er, im Krankenhaus hatte man sie wieder nach Hause geschickt. Für das nußgroße Blutgerinnsel in Onkels Kopf sei kein Krankenhaus der Welt mehr zuständig. Man habe ihn früh genug gewarnt.
Sie nahm Luca an der Hand, in der anderen hielt sie das Tablett mit der Kaffeekanne und den Tassen, und führte uns hinein. Wir saßen auf Stühlen vor dem Sofa, drei Stühle, drei Menschen und ein vierter, der nicht sterben wollte. Am Sofaende, direkt über Onkels Kopf, lagen zwei Münzen für seine Augen bereit und hinter uns, auf einem Stuhl, ein neuer Anzug. Die Tante redete ununterbrochen, hin und wieder übersetzte ich es Luca, der unruhig war wie ein kleines Kind und überall hinschaute, nur nicht vor sich.
Die Tante erzählte, daß der Onkel tot schöner sein würde als lebendig. Den Anzug hatte sie ihm am Vortag gekauft. Nicu, der Nachbar, der unten Remi spielte, hatte auf ihn aufgepaßt. Denn jemand mußte dabeisein, wenn einer starb, um sich zu bekreuzigen und seine Augen zu schließen. Die Münzen konnte man hingegen auch später drauflegen.
"Vlad, dein Neffe ist da", flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie zog mich am Ärmel und meinte, ich solle etwas sagen.
"Hallo, Onkel. Vielleicht hörst du mich. Ich hoffe, du hast keine Schmerzen."
Auch Luca mußte etwas sagen, und er sagte: "Hallo". Dabei starrte er Onkels Hände an, nicht sein Gesicht. Er kratzte sich im Nacken und auf den Armen, die von den Mückenstichen rot waren. Die Mücken schwirrten durch die Balkontüre hinein, und unten pfiffen die Männer kurz und lang, kurz und lang. Dann war außer Hundegebell aus den Höfen und von entfernten Straßen und dem Flug der Mücken durch den Raum nichts mehr zu hören.
Die Tante nahm ein Tuch und befeuchtete damit Onkels Wangen und Lippen. Mit demselben Tuch setzte sie den Mücken nach. Sie hörte genau hin, schaute die Wände an, wenn sie eine Mücke entdeckte, schlug sie mit dem Tuch nach ihr. Ein paar konnte sie so zerquetschen, andere kamen davon, aber sie wurden für eine Weile still.
Die Tante erzählte, daß sie Onkels Blut nicht wollten. Die Sündigen rochen den Tod. Dabei brauchte er sein Blut am wenigsten, und ihr fiel ein, daß im Krankenhaus, neben Onkels Bett, ein junger Mann gelegen hatte. Ein Frischer, wie die Schwester gesagt hatte, und gemeint hatte sie: ein frischer Unfall. Der hätte sehr viel Blut gebraucht, weil seines auf der Straße geblieben war. Aber es gab kein Blut für ihn, weil an Feiertagen das Blutlabor und das Blutkonservenlager geschlossen waren. Der Arzt hatte nicht weitergewußt und die Achseln gezuckt. Die Tante saß neben dem Onkel, denn heimzugehen konnte sie sich nicht leisten. Jeder mußte selber für seinen Kranken sorgen. Essen bringen, füttern, waschen, Kleider wechseln und jemanden holen, wenn etwas war. Der Vater des Frischen, Offizier und in Uniform, schrie herum, er könne einen Lastwagen voller Soldaten holen, die für seinen Sohn Blut spenden würden. Eine Stunde später stand im Hof ein Lastwagen mit Soldaten, alle jung und sicher mit gesundem Blut in den Adern. Es hätte sogar für Vlad, meinen Onkel, gereicht, wenn er zuwenig davon gehabt hätte. Aber er hatte zuviel und im Hirn. Die Soldaten standen herum, rauchten und schwitzten, und der Offizier schrie wieder, daß es endlich weitergehen müsse. Jetzt sei ja das Blut da. Aber geschlossen war geschlossen, die Verantwortlichen nicht auffindbar, und die Soldaten kehrten zurück in ihre Kasernen. Der Mann in Uniform brüllte, bis er umfiel und man ihn mit einer Spritze beruhigen mußte. Als der Frische starb, schlief sein Vater daneben.
Deshalb, sagte die Tante mit einer ablehnenden Kopfbewegung zum Schluß, müsse man nicht den Onkel fürchten, sondern die Ganoven, die aus einem ganzen Land ein Grab machten.
Wir schwiegen dann eine Weile alle drei. Danach holten wir das Gepäck und die Geschenke aus dem Auto. Die Tante packte alles auf dem Boden des Wohnzimmers aus, gleich neben dem Onkel. Als Luca und ich ins Bett gingen, blieb die Tante alleine neben dem Sofa zurück, inmitten von Vaters Aufmerksamkeiten.
Im Zimmer war kaum Platz für ein Doppelbett, einen Schrank und ein Bücherregal. Luca und ich lagen unbedeckt nebeneinander, denn zum Schlafen war es zu heiß. Je länger ich die Bücher anschaute, desto bekannter kamen sie mir vor. Es war unsere Büchersammlung, die hier gelandet war, nachdem Vater, Mutter und ich uns im Nabel der Welt erfolgreich behauptet hatten. Ich nahm einzelne Bände heraus und streifte mit der Handfläche drüber. Die Jahre waren ins Papier gegangen.
Draußen bellten die Hunde, nebenan war der Onkel noch nicht tot, Luca war bestimmt in Gedanken bei Janos, so abwesend, wie er war, und ich in den Büchern. Jeder also an seinem Ort. Als ich die Bücher wieder zurückgestellt hatte, war Luca immer noch wach.
"Macht dir Janos Probleme?"
"Janos, Ildiko. Alles." Er zündete sich eine Marlboro an.
"Auch Zsofia machte er Probleme. Sie konnte lange nicht gut schlafen."
"Dabei sieht er gar nicht wie Janos aus."
"Der Onkel?"
"Janos hat gar nicht mehr nach Mensch ausgesehen. Es wird ein bißchen viel gestorben hier bei euch. Bei uns kannst du alt werden und siehst keinen Toten. Aber bei uns gibt?s Toma."
"Wie?s dem wohl geht? Wir rufen ihn morgen an. Am Abend geben wir die Bestellung durch, und in der Nacht werden wir zurückgerufen. Gut?" fragte ich.
Luca antwortete nicht. Vor dem Einschlafen fiel mir ein, daß Luca in einem Atemzug bei euch und bei uns gesagt und beide Male auch mich gemeint hatte. Da soll einer noch was verstehen.

Mit freundlicher Genehmigung des Pendo-Verlages

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