Vorgeblättert

Anna Politkowskaja: In Putins Russland. Teil 3

23.02.2005.
Tanja stand auf dem Markt. Von sechs Uhr morgens bis dreiundzwanzig Uhr nachts. Das war keine Arbeit, das war reinste Sklavenfron. Und es gab nichts, was diese endlose Qual aufwiegen konnte, außer einem: Sie brachte reales Geld ein, das in ihrer Tasche knisterte, das sie jeden Tag bar auf die Hand erhielt. Sie stand einen Tag und wurde abends ausbezahlt. Nicht irgendwann, sondern gleich, das war die Hauptsache. Tanja kam täglich mit Geld nach Hause. Mit so dicken Beinen, dass sie kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte, mit krebsroten, geschwollenen Händen, zu müde, sich noch zu waschen oder irgendwie in Ordnung zu bringen. Und doch - beinahe glücklich!

"Du wirst es nicht glauben, aber ich war glücklich, von niemandem mehr abhängig zu sein. Weder vom Direktor dieses Instituts, das einem keinen Lohn zahlt, noch von Andrej, der einem nichts gibt, oder von der Schwiegermutter mit ihren Familienerbstücken und Traditionen. Alles hing nur noch von mir selbst ab", erzählt die schöne, reiche Tanja von heute über die Tanja von damals, vor zehn Jahren. "Die Schwiegermutter? Eines schönen Tages habe ich ihr einfach gesagt, sie solle mir den Buckel runterrutschen. Und was glaubst du? Zum ersten Mal hat sie mir keine Moralpredigt gehalten. Das war eine Offenbarung für mich. Vor meinen Augen vollzog sich eine Revolution: Diese alte Moskauer Intelligenzija, die immer so prinzipienfest und unbestechlich getan hatte, sie kuschte auf einmal. Kuschte wegen des Geldes, das ich der Schwiegermutter gab. Und die hörte auf zu meckern, weil ich es war, die für ihren Lebensunterhalt sorgte. Ich, die ihr nie etwas hatte recht machen können. Die ganze Professorensippe, die mich jahrelang verachtet hatte, weil ich keinen Stammbaum besaß, weil meine Vorfahren Bauern waren, weil ich ihrer Meinung nach Andrej nur geheiratet hatte, um nach Moskau zu kommen, diese ganze Horde von Verwandten also lernte auf einmal, mich anzulächeln und sogar zu liebedienern vor mir. Nur weil ich sie alle unterhielt mit meinem Geld vom Markt. Ich triumphierte. Und war bereit, dort rund um die Uhr zu schuften, bloß um noch mehr zu verdienen. Damit ich ihnen eine lange Nase zeigen konnte."

Wenn Tanja gegen Mitternacht nach Hause kam, fiel sie ins Bett wie ein Stein, hatte keinen Blick mehr für die beiden Söhne, kontrollierte ihre Hausaufgaben nicht. Sie fiel ins Bett und schlief sofort ein. Und am nächsten Morgen fing alles von vorne an. Tanjas Schwiegermutter übernahm es, sich um die Kinder zu kümmern, zum ersten Mal, seit sie unter einem Dach lebten. Tanja kam aus dem Staunen nicht heraus.

Mitte der neunziger Jahre erreichte bei uns die Drogensucht unter den fünfzehn- bis Achtzehnjährigen ein solches Ausmaß, dass morgens, wenn wir die Wohnung verließen und die Treppe hinuntergingen, die Spritzen unter unseren Sohlen knackten. Sie waren Kinder von Müttern, die zur Arbeit auf dem Markt hasteten, die Geld verdienen wollten. Kinder, um die sich den ganzen Tag niemand kümmerte, die nicht zur Schule gingen (weil es damals auch keinen regelmäßigen Unterricht gab), die Leidtragenden des Runs auf das große Geld. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, gibt es viele Mütter zwischen vierzig und fünfzig, die ihre Kinder verloren haben. Schätzungen besagen, dass die Hälfte der Jungen und Mädchen der Geburtenjahrgänge 1978 bis 1982 Mitte der neunziger Jahre an einer Überdosis starb.


Tanjas Chef auf dem Markt war ein umtriebiger junger Bursche, ein "Pendler", wie man damals sagte. Dieser Nikita schleppte aus der Türkei billige Kleidung heran, aus Usbekistan billige Melonen, aus Georgien billiges Gemüse, fuhr sonstwo hin, um billige Ware aufzutreiben, die Tanja und die anderen Frauen aus Nikitas Truppe dann verkauften. Steuern gab es ebenso wenig wie andere staatliche Abgaben. Auf dem Markt herrschten die Sitten eines Straflagers, Streitigkeiten wurden mit dem Messer ausgetragen, die Fäuste saßen locker, Schutzgelderpressung hatte Hochkonjunktur, und dazwischen Tanja und ihre Kolleginnen, die meisten alleinerziehend wie sie, ehemalige Vertreterinnen der technischen Intelligenz aus Instituten, Verlagen und Redaktionen, die hatten schließen müssen.

Bald ging Tanja mit Nikita ins Bett, er hatte ein Auge auf sie geworfen, trotz des Altersunterschieds, und nahm sie sogar ein paar Mal mit in die Türkei, zur Warenbeschaffung. Nach zwei Monaten hatte Tanja mit ihrer besonderen Ader für das Kommerzielle den Bogen raus und wurde selbst Pendlerin. Auch weil es keinen Chef mehr gab, denn eines Morgens fanden sie Nikita tot auf dem Markt, mit einem Loch im Kopf. Nikitas Verkäuferinnen freuten sich, dass sie bei Tanja unterkamen. Die war noch geschäftstüchtiger als Nikita und außerdem menschlich nicht so ein Dreckstück wie ihr ehemaliger Chef. Das Geschäft boomte.

Ein halbes Jahr später fuhr Tanja nicht mehr in die Türkei. Zum einen, weil sie es leid war, denn diese Arbeit war kein Zuckerlecken, die Pendler schleppten die eingekauften Waren in riesigen Bündeln auf dem Rücken, buckelten sie selbst durch Flughäfen und Bahnhöfe, um das Geld für einen Gepäckkarren zu sparen. Und zum anderen, weil sie es nicht mehr nötig hatte: Was Tanja mit ihrem besonderen Riecher für gängige Ware einkaufte, ging auf dem Markt weg wie warme Semmeln. Die Geschäfte liefen so gut, dass Tanja zunächst einen, dann noch einen zweiten Fünf-Mann-Trupp von Pendlern anheuerte und damit zu einer Art Großhändlerin avancierte. Die Pendler holten Waren heran, die Verkäuferinnen verkauften sie auf dem Markt, und Tanja lenkte das Ganze. Jetzt kleidete sie sich schon nicht mehr "türkisch", sondern europäisch, war ständig in Restaurants zu finden, wo sie aß und trank, mit Geld um sich warf und ein bisschen Spaß haben wollte nach dem Markt. Trotzdem reichte es noch für sie, ihre Familie und die Angestellten. In jenen Jahren ließ sich irrsinniges Geld verdienen. Also entsprachen auch Tanjas Liebhaber - allesamt Typ leidenschaftlicher Draufgänger - ihren Einnahmen und dem Zeitgeschmack. Tanja wechselte sie nach Belieben. Denn ehrlich gesagt war Andrej auch in dieser Hinsicht nicht viel wert gewesen, Tanja hatte oft geweint deswegen, damals, vor dem neuen Leben.

Im Jahr darauf beschloss sie, die Wohnung auf Vordermann bringen zu lassen. Natürlich musste ihr dazu alles erst einmal gehören. Also kaufte Tanja mehrere kleine Wohnungen - für Andrej, den Schwiegervater, die Schwäger, die gar nicht schnell genug umziehen konnten. Die Schwiegermutter aber ließ sie weiter bei sich wohnen, irgendetwas regte sich in ihrer Seele, Tanja hatte Mitleid mit der einsamen alten Frau, deren Mann, der Mathematik-Professor, sie längst verlassen hatte. Außerdem musste sich jemand um die Kinder kümmern, Igor, der Ältere, war in der Pubertät und entsprechend schwierig, der Jüngere kränkelte oft.

Aber die Renovierung war auch ein Teil von Tanjas Revanche.

"Ich wollte denen zeigen, wer jetzt hier das Sagen hat!"

Sie warf alles weg. Restlos alles. Verkaufte die Familienerbstücke, den Plunder der adligen Vergangenheit aus sämtlichen Ecken und Winkeln. Und niemand hinderte sie daran. Die Schwiegermutter fuhr in das Sommerhaus und ließ sich die ganze Zeit nicht blicken. So bekam Tanja eine supermoderne Wohnung, eingerichtet nach dem neuesten europäischen Standard. Danach entschloss sie sich, noch einen Schritt nach vorn zu wagen. Sie wollte nicht länger im Pendlergeschäft bleiben, sondern zur richtigen Businessfrau werden. Also kaufte Tanja mehrere Geschäfte in Moskau.

"Nein, das gibt es doch nicht! Diese Läden gehören dir?" Ich traue meinen Ohren nicht. Tanja ist die Besitzerin der beiden guten Supermärkte, in denen ich nach der Arbeit einkaufe. "Gratuliere. Aber Preise sind das vielleicht bei dir!"

"Das Land ist reich", pariert Tanja bestimmt, aber mit einem Lachen.

"Es ist überhaupt nicht reich. Du bist einfach eine imperialistische Hyäne geworden. Gnadenlos ?"

"Na klar. Die Jelzin-Zeiten sind vorbei, und damit auch die des leicht verdienten Geldes und der Romantik. Jetzt herrschen bei uns die unersättlichen Pragmatiker, wie ich sie nenne. Und ich gehöre dazu. Du bist gegen Putin, ich - für ihn. Er könnte mein Verwandter sein, genau so ein unersättlicher Pragmatiker, dem unser vergangenes Leben hart mitgespielt hat und der nun seine Revanche will."

"Was meinst du mit 'unersättlich'?"

"Die Bestechungsgelder. Diese ewigen Bestechungsgelder, die man überall zahlen muss. Damit ich die Läden behalten kann, zahle ich. Was meinst du, wem ich alles etwas geben muss. Den Beamten in der Stadtverwaltung, den Feuerwehrleuten, den Ärzten vom Gesundheitsamt, der Moskauer Regierung ? natürlich auch den Gangstern, auf deren Territorium meine Läden stehen. Und denen ich sie eigentlich abgekauft habe."

"Hast du keine Angst, dich mit denen einzulassen?"

"Nein. Ich habe ein Ziel: Ich will reich sein. Und das heißt unter unseren heutigen Bedingungen, dass ich zahlen muss, tue ich es nicht, knallen sie mich sofort ab und setzen einen anderen an meine Stelle."

"Übertreibst du nicht ein bisschen?"

"Ich untertreibe."

"Und die Beamten?"

"Einen Teil von ihnen bezahle ich direkt, die anderen kriegen ihren Anteil über die Gangster. Denen gebe ich das Geld, und die einen Gangster werden sich dann mit den anderen Gangstern in den staatlichen Diensten einig. Das ist sogar bequemer für mich."

"Und Andrej?"

"Ist gestorben, hat es wohl doch nicht ausgehalten, dass ich mich hochgearbeitet und ihn mit meinem roten Kaviar gefüttert habe. Er wollte zu mir zurückkommen, aber ich habe ihn nicht gelassen. Such dir doch eine neue Studentin, habe ich gesagt. Außerdem mag ich keine hässlichen Männer mehr ? wenn man sich einmal an Schönheit gewöhnt hat. Also gehe ich zu Stripshows, suche mir dort meine Partner aus. Viele sagen nicht nein."

"Mannomann, so kenne ich dich gar nicht. Hast du keine Sehnsucht nach dem Familienleben? Nach einem häuslichen Herd?"

"Nein, das kannst du mir glauben. Ich habe gerade erst angefangen zu leben. Vielleicht ist nicht alles ideal, vielleicht findest du mein Leben schmutzig ? aber habe ich früher sauber gelebt?"

"Was machen deine Kinder?"

"Schade, Igor ist nach seinem Vater geraten, ist ein schwacher Mensch, ganz wie Andrej, nimmt Drogen, und ich musste ihn schon zum fünften Mal zum Entzug bringen. Ich kann nur hoffen ? Stas studiert in London. Mit ihm bin ich sehr zufrieden. Wirklich sehr! Er ist dort überall der Beste. Meine Schwiegermutter schaut nach ihm, ich habe in London eine Wohnung für sie gemietet. Die Woche über lebt Stas im Wohnheim, und am Wochenende ist er bei ihr. Sie hat sich operieren lassen in der Schweiz, alles von meinem Geld. Mit ihrem neuen Hüftgelenk geht es ihr prächtig, sie springt herum wie ein junges Reh ? und vergöttert mich. Weißt du, ich glaube, sie meint das sogar ehrlich. Geld ist etwas Großartiges."

David kommt elegant hereingetänzelt. Mit einem Tablett.

"It?s teatime, ihr Hübschen." Er lässt sich den Teeduft in die Nase steigen. "Darf ich euch Gesellschaft leisten? Sag ja, Tanjalein."

Tanja nickt und erklärt, sie sei gleich zurück, wolle sich nur schnell umziehen zum Tee. David verströmt einen Ruch von Laster und Müßiggang. Ich fühle mich nicht ganz wohl in dieser Umgebung. Doch bald darauf kommt Tanja zurück. Im Glanz ihrer Brillanten. Die Ohren glitzern, das Dekolletee schimmert, sogar im Haar funkelt es. Das ist natürlich für mich. Und ich tue ihr den Gefallen, finde alles wunderschön. Warum nicht einem Menschen etwas Angenehmes sagen? Und Tanja genießt es unübersehbar, sie strahlt mit den Brillanten um die Wette, zufrieden, dass ihr der Auftritt so gut gelungen und die alte Freundin beeindruckt ist.

Dann trinken wir schnell den Tee aus - wir haben es beide eilig - und verabschieden uns.

"Wir sehen uns doch hoffentlich nicht erst in zehn Jahren wieder?", meint Tanja zum Schluss.

"Geben wir uns Mühe", antworte ich und denke, als ich die Treppe hinuntergehe, dass sich heute, in der Putin-Zeit, tatsächlich alle wieder häufiger treffen. Die alten Freunde, meine ich. Es gab eine Phase am Ende von Jelzins Regierungszeit, da hatten alle so furchtbar viel zu tun mit dem Überlebenskampf und Geldverdienen, dass sie einander jahrelang nicht anriefen, sich genierten, die einen wegen ihrer Armut, die anderen wegen ihres Reichtums, viele waren überhaupt weggegangen und lebten im Ausland, mancher hatte sich eine Kugel in den Kopf gejagt vor Verzweiflung darüber, nicht mehr gebraucht zu werden, mancher schnupfte Kokain, um die Erinnerung an die eigenen schlimmen Taten ertragen zu können. Doch jetzt trafen sich die Überlebenden wieder häufiger als früher. Die Gesellschaft hatte Struktur gewonnen, es gab Freizeit.


Eine Woche später nahm ich an einer Pressekonferenz teil. Wenn ich mich recht erinnere, ging es um Nachwahlen für das Stadtparlament, wo ein Sitz frei geworden war. Zu meiner größten Überraschung traf ich Tanja. Die Inhaberinnen von Supermärkten gehen in unserer durchstrukturierten, wie zu Sowjetzeiten nach Clanzugehörigkeit organisierten Gesellschaft eigentlich nicht zu politischen Pressekonferenzen.

Teil 4