Vorgeblättert

Anna Politkowskaja: In Putins Russland. Teil 1

23.02.2005.
TANJA, MISCHA, LENA, RINAT ?
WAS IST AUS UNS GEWORDEN?


Tatsächlich, wo sind wir hingeraten? Wir, die wir in der Sowjetunion lebten. Zumeist eine feste Arbeitsstelle besaßen und an stets dem gleichen Tag unser Gehalt bekamen. Wir mit unserem grenzenlosen, unerschütterlichen Vertrauen in das Morgen, das für uns so gewiss war wie das Heute. Unserem Glauben, dass uns die Ärzte ganz sicher heilen, die Lehrer klüger machen würden. Und wir dafür nicht eine Kopeke ausgeben müssten. Wie leben wir jetzt, wo es das alles nicht mehr gibt? Oder anders gefragt: Welches Los ist uns beschieden? Wohin hat es uns verschlagen im postsowjetischen Raum, als die neue Zeit begann, die dreifach neue?

Dreifach neu, weil wir zuerst neben der gesellschaftlichen unsere persönliche Revolution erlebten mit dem Fall der Sowjetunion, in den Jahren der Jelzin-Herrschaft, als binnen kurzem alles verschwand: die Ideologie, die billige Wurst in den Läden, das Geld, der Glaube, irgendwo dort im Kreml säße ein Übervater, der - mochte er noch so schlecht und despotisch sein - für uns die Verantwortung trug.

Zum zweiten Mal brach eine neue Zeit an, als infolge der Wirtschaftskrise des Jahres 1998 viele von uns das verloren, was sie sich erarbeitet hatten seit 1991, als die Marktwirtschaft Einzug hielt und ein russischer Mittelstand zu entstehen begann (der zwar kaum vergleichbar war mit einem westlichen, aber doch die Basis für die Demokratie und den Markt darstellte). Alles löste sich in Rauch auf, man musste noch einmal ganz von vorn anfangen. Viele aber hatte der Lebenskampf schon so zermürbt, dass sie es nicht mehr schafften, auf die Beine zu kommen, und ins soziale Abseits fielen.

Und schließlich die dritte Umbruch-Zeit unter Putin. Vor dem Hintergrund einer neuen Phase des russischen Kapitalismus mit unübersehbar postsowjetischem Anstrich. Eines ökonomischen Modells, das der Herrschaftszeit des zweiten Präsidenten Russlands ganz und gar entspricht und gekennzeichnet ist durch einen eklektischen Mix aus Markt und Dogma, eine Vermischung von allem mit allem. Wo es beträchtliche Mengen an disponiblem Kapital gibt und ebenso viel typisch sowjetische Ideologie, die diesem Kapital Vorschub leistet, sowie noch mehr Verarmte und Mittellose. Außerdem erlebte die alte Führungskaste der Nomenklatura einen neuen Aufschwung. Diese breite Schicht sowjetischer Staatsfunktionäre, die wieder in ihre Funktion eingesetzt wurde und sich an die neuen ökonomischen Bedingungen sehr schnell und nur allzu gern anpasste. Die Nomenklatura will jetzt genauso üppig leben wie die "neuen Russen", und das bei verschwindend geringen offiziellen Gehältern; sie will um keinen Preis der Welt die neue Ordnung gegen die alte sowjetische eintauschen, doch so ganz geheuer ist ihr diese neue Ordnung mit ihrem - von der Gesellschaft immer nachdrücklicher eingeklagten - Streben nach Recht und Ordnung nun auch wieder nicht, also verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, sich unter Umgehung von Recht und Ordnung persönlich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, dass die Korruption unter Putin ein beispielloses Ausmaß erreichte, von der neuen, alten Putin?schen Nomenklatura zu einer Blüte geführt, wie sie weder zur Zeit der Kommunisten noch unter Jelzin denkbar war. Diese Korruption verschlingt das kleine und mittlere Unternehmertum, also den Mittelstand, lässt nur das große und supergroße Kapital überleben, Monopole und staatsnahe Unternehmen, denn in Russland sind gerade sie es, die nicht nur für ihre Eigentümer und Manager hohe, stabile Gewinne abwerfen, sondern auch für die jeweiligen Protektoren in den staatlichen Verwaltungsstrukturen, ohne die bei uns kein einziges Großunternehmen existieren kann. In diesem Sumpf, der nichts mit Marktwirtschaft zu tun hat, kann die neue russische Parteinomenklatura (wie sie wieder wie in alten Sowjetzeiten genannt wird) ihre Sehnsucht nach der UdSSR, nach ihren Mythen und Phantomen ausleben. Putin versammelt recht gern "Ehemalige" - Leute aus den sowjetischen Führungsstäben - unter seinen Fahnen, da nimmt es nicht Wunder, dass der ideologische Überbau des Putin?schen Kapitalismus immer stärker Züge der späten Breshnew-Zeit annimmt, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre von extremster wirtschaftlicher Stagnation gekennzeichnet war.

Tanja, Mischa, Lena und Rinat sind reale Personen, keine erfundenen Helden. Gesichter in der Menge, normale Menschen, die wie wir alle in der neuen Zeit zu überleben versuchten, es aber nicht unbedingt schafften. Ich nenne keine Familiennamen, weil sie meine Freunde waren oder sind, weil ich sie sehr gut kenne. Würde ich ihre Nachnamen erwähnen, könnte ich nicht ehrlich und rückhaltlos über sie schreiben, mich nicht offen und unumwunden ausdrücken. Doch um zu begreifen, wie sich unser Überleben gestaltete, bedarf es gerade dieser schonungslosen Offenheit.

TANJA

Wir schreiben das Jahr 2002. Es ist Winteranfang. Die Geiselnahme im Musicaltheater "Nord-Ost" liegt gerade hinter uns, die Öffentlichkeit steht noch immer unter Schock, besonders hier in Moskau. Während der dramatischen Ereignisse wurde ich im Fernsehen gezeigt, weil ich ein wenig beteiligt war, und das brachte alte Bekannte dazu, sich wieder bei mir zu melden. So auch Tanja.

"Na, kennst du mich noch?"

"Wie hast du mich gefunden?"

"Wollen wir uns treffen?"

"Natürlich."

Ich hatte Tanja, meine alte Freundin und ehemalige Nachbarin, vielleicht zehn Jahre nicht mehr gesehen. Damals war sie eine abgekämpfte junge Frau, heute stand eine Königin vor mir. Sie sah großartig aus. Nicht einmal so sehr wegen ihrer Aufmachung, obwohl auch die natürlich stimmte, vor allem aber wirkte sie selbstsicher und ruhig, was man weder vor zehn noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren von ihr hätte behaupten können.

Zu sowjetischen Zeiten war Tanjas Leben einfach bedrückend, und sie kam fast jeden Abend zu mir (ich wohnte im Erdgeschoss, sie im obersten Stock eines alten Hauses), um sich auszuweinen über ihr verpfuschtes Dasein, das uns beiden damals unabänderlich schien.

Tanja arbeitete als Ingenieurin in einem Forschungsinstitut, gehörte also zur technischen Intelligenz: in der Sowjetunion eine breite soziale Schicht, die es heute so nicht mehr gibt, weil sie zusammen mit der UdSSR verschwand.

Seinerzeit verstand es sich von selbst, dass ein Mädchen aus "guter Familie" (aus einer solchen kam Tanja, sie war die einzige Tochter achtbarer Eltern) an einer Hochschule studierte, und wenn bei Abschluss der Mittelschule keine bestimmten Neigungen oder Talente zu erkennen waren, bot sich eben eine der unzähligen technischen Hochschulen an. Ein Abschluss als Ingenieur. Weil jeder Absolvent nach dem Studium zunächst drei Jahre lang dort arbeiten musste, wohin ihn die Lenkungskommission der Hochschule schickte, gab es im ganzen Land Heerscharen unzufriedener junger Ingenieure, die ohnehin nicht von diesem Beruf geträumt hatten, nun ihre Arbeitszeit in irgendeinem Forschungsinstitut absaßen und im Grunde nicht das Geringste produzierten. Wie Tanja.

Als Ingenieurin für kommunale Dienste in Atomkraftwerken war sie eine typische Soldatin dieser Armee. Tagelang zeichnete Tanja in ihrem Forschungsinstitut für ein lächerliches Gehalt Wasserleitungs- und Kanalisationsnetze, die niemals gebaut wurden. Sie ärgerte sich grün und blau, weil das Geld nie reichte, versuchte die Familie anständig zu verköstigen und zu kleiden, zerriss sich zwischen zwei ewig kränkelnden kleinen Kindern und ihrem Ehemann, einem etwas seltsamen Typen namens Andrej, der es zwar bereits in jungen Jahren zum Dozenten an einer renommierten Technischen Universität der Hauptstadt gebracht hatte, aber auch nicht viel zum Familienbudget beitrug.

Dieses Leben ließ Tanja zur typischen Neurasthenikerin werden. Ständig malträtierte sie sich, Andrej und die Kinder mit schlechter Laune, hysterischen Anfällen, Depressionen und permanenter Frustration.

Teil 2